mini|Bronzemünze, Erato zeigend. Möglicherweise aus der späten Regierungszeit des Tigranes IV.Frank L. Kovacs: Armenian Coinage, 2016, Taf. 14, Nr. 179. Von Torsten Bendschus: Tigranes V. und seine Münzen, Armenische Herrscherlegitimation des frühen 1. Jhdts. n. Chr. im Spiegel der numismatischen Zeugnisse. In: Numismatische Zeitschrift 124 (2018), S. 9–54, hier: Nr. 19, S. 40; wird der Typ hingegen in die Regierungszeit Tigranes’ V. datiert. Erato (griech. Ἐρατὼ, gest. nach 15/16 n. Chr.) war eine Königin Armeniens aus der artaxiadischen Dynastie und zählt zu deren letzten nachweisbaren Angehörigen. Sie lebte an der Wende vom 1. Jahrhundert v. Chr. zum 1. Jahrhundert n. Chr. und übte zumindest zeitweise eine eigenständige Herrschaft über Armenien aus. Die Überlieferung zu ihrer Person ist lediglich in fragmentarischer Form durch literarische und numismatische Zeugnisse fassbar. In der Forschung wird sie traditionell als Schwestergemahlin des Tigranes IV.Zählung nicht einheitlich; vgl. dazu Torsten Bendschus: Tigranes V. und seine Münzen, Armenische Herrscherlegitimation des frühen 1. Jhdts. n. Chr. im Spiegel der numismatischen Zeugnisse. In: Numismatische Zeitschrift 124 (2018), S. 9–54, hier: S. 14, Anm. 20. (gest. um 1 n. Chr.) gedeutet. Diese Auffassung stützt auf die Verbindung antiker Textstellen mit numismatischen Befunden, erweist sich jedoch als nicht zwingend und bleibt letztlich spekulativ.

Quellenbasis und Herrschaftsrekonstruktion Antike Schriftquellen Die antiken Schriftquellen zu Erato beschränken sich auf Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.)Tacitus, annales 2,3,2; 2,4,2. und Cassius Dio (ca. 163–235 n. Chr.).Cassius Dio 55,10a,5. Tacitus berichtet im Zusammenhang mit den Thronstreitigkeiten nach dem Tod Tigranes III.’ (ca. 20–8/6 v. Chr.) flüchtig, dass nach einem kurzlebigen Versuch weiblicher Herrschaft eine gewisse Erato rasch wieder verdrängt worden sei.Tacitus, annales 2,4,2: Ariobarzane morte fortuita absumpto stirpem eius haud toleravere; temptatoque feminae imperio, cui nomen Erato, eaque brevi pulsa incerti solutique et magis sine domino quam in libertate profugum Vononen in regnum accipiunt. – Übersetzung nach Erich Heller: P. Cornelius Tacitus, Annalen, Samml. Tusculum, 6. Aufl., München 2010, S. 115: „Als Ariobarzanes durch einen Unfall dahingerafft wurde, duldeten sie seine Nachkommen nicht; man versuchte es mit der Herrschaft einer Frau, die Erato hieß, und vertrieb sie bald wieder: unschlüssig, ohne Bindung und mehr herrenlos als in Freiheit lebend, nahmen sie den flüchtigen Vonones als König auf.“ Bemerkenswert ist dabei, dass Tacitus – anders als an anderen Stellen in seinem Werk – hier keinerlei genealogische Einordnung vornimmt; insbesondere bezeichnet er Erato nicht ausdrücklich als Tochter eines früheren Königs.Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, 2021, S. 71. Wenige Verse vor dieser Stelle legt Tacitus dar, dass die Herrschaft Tigranes’ III. ebenso wenig Bestand gehabt habe wie die seiner Kinder, obgleich diese sich nach fremdländischem Brauch zu einer Geschwisterehe und gemeinsamen Herrschaft zusammengeschlossen hätten.Tacitus, annales 2,3,2: Nec Tigrani diuturnum imperium fuit neque liberis eius, quamquam sociatis more externo in matrimonium regnumque. – Übersetzung nach Erich Heller: P. Cornelius Tacitus, Annalen, Samml. Tusculum, 6. Aufl., München 2010, S. 115: „Aber des Tigranes Regierung war nicht von Dauer noch die seiner Kinder, obwohl sie sich nach ausländischer Sitte zu Geschwisterehe und gemeinschaftlicher Regierung verbunden hatten.“ Victor Langlois hat in seinem Werk Numismatique de l’Arménie von 1859 schließlich erstmals die These formuliert, die bei Tacitus erwähnten „Kinder des Tigranes III.“ seien mit Erato und Tigranes IV. zu identifizieren.Victor Langlois: Numismatique De L’Arménie Dans L’Antiquité, Paris 1959, S. 38–40; vgl. dazu Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, 2021, S. 67f. Diese Deutung hat sich in der Forschung in der Folge als dominierende Lesart etabliert,Vgl. etwa Arthur Stein: Erato 9, RE, 1907, Sp. 355f.; Martin Schottky: Erato 2, DNP, 1998, Sp. 44; Frank L. Kovacs: Armenian Coinage, 2016, S. 29f.; und Margaret Stephana Drower/Barbara Levick: Tigranes 3 . In: Oxford Classical Dictionary Online [Zugriff am 13. April 2026]. ist jedoch letztlich als unsicher zu bewerten.Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, 2021, S. 67–137; Maxime K. Yevadian: Note on Erato, 2023, S. 28–48, 280–82.

Numismatische Überlieferung Angesichts der spärlichen literarischen Überlieferung kommt den Münzen in der Forschung zum armenischen Königtum des ausgehenden 1. vorchristlichen und beginnenden 1. nachchristlichen Jahrhunderts besonderes Gewicht zu. Vier Emissionen nennen Erato. Ein erster Typ ist nur in einem einzigen, offenbar unter parthischem Einfluss entstandenen Exemplar überliefert, das sich im Cabinet des Médailles der Bibliothèque nationale de France befindet; seine Echtheit ist umstritten, wird in jüngerer Forschung jedoch tendenziell positiv bewertet. Der Avers trägt die Umschrift βασιλεὺς βασιλέων Τιγράνης, der Revers Ἐρατὼ βασιλέως Τιγράνου ἀδελφή. Erato erscheint hier ohne Diadem oder Krone, nicht als Königin, sondern als Schwester eines Königs Tigranes. Vergleichbare Exemplare sind zwar bekannt, doch so schlecht erhalten, dass sich die Legende nicht zweifelsfrei lesen lässt. Ein zweiter, derselben Serie zugehöriger Typ variiert den Avers zu βασιλεὺς μέγας νέος Τιγράνης – eine Formel, die die ältere Titulatur voraussetzt.Ein weiterer Typus mit identischem Avers und Augustus auf dem Revers wurde zur selben Zeit ausgegeben; Maxime K. Yevadian: Note on Erato, 2023, S. 40, Anm. 3.

Als einzige artaxidische Münzen benennen diese frühen Typen explizit eine Verwandtschaft – Erato ist Schwester eines Königs Tigranes (Ἐρατὼ βασιλέως Τιγράνου ἀδελφή). Diese Angabe diente offenbar der Legitimation weiblicher Herrschaft und steht damit sowohl in der Geschichte der Dynastie als auch in der armenischen Antike insgesamt ohne Beispiel da. Auf den Typen 1 und 2 – die Erato bezeichnenderweise noch nicht den Titel βασίλισσα zuerkennen –, gründet sich wesentlich die an Tacitus anschließende These, Tigranes IV. und Erato seien Geschwister gewesen, durch Vermählung verbunden, und hätten gemeinsam geherrscht. Erst die jüngeren Typen 3 und 4 weisen Erato als Königin aus.

Diese jüngeren Typen weisen zudem die retrograde Zeichenfolge „EΓ“ auf, die möglicherweise als ἔτος γʹ („Jahr 3“) zu deuten ist. Ihre Interpretation bleibt jedoch unsicher: Sie könnte für drei kumulierte Regierungsjahre stehen, die Gesamtdauer einer Mitherrschaft mit anschließender Alleinherrschaft bezeichnen oder auf eine letzte eigenständige Regierungsphase Eratos verweisen. Typ 4 zeigt darüber hinaus die armenische Tiara auf eine Weise, die sonst nur aus römischen Prägungen zur Symbolisierung Armeniens bekannt ist. Insgesamt reflektiert die mit Erato verbundene Münzprägung eine Phase dynastischer und politischer Instabilität, in der sich Legitimität wesentlich durch titulaturale Setzungen und ikonographische Programm konstituierte.Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, 2021, S. 67–137; Maxime K. Yevadian: Note on Erato, 2023, S. 28–48, 280–82.

Chronologische Rekonstruktion In Teilen der jüngeren Forschung wird die Auffassung, Erato sei Tochter Tigranes’ III. (ca. 20–8/6 v. Chr.), vor allem aufgrund der taciteischen Überlieferung abgelehnt, da Tacitus die „Kinder“ Tigranes’ III. und eine „Frau namens Erato“ (feminae, cui nomen Erato) offenkundig trennt, woraus eine fehlende genealogische Verbindung geschlossen wird. Ergänzend wird auch die Münzlegende „Erato, Schwester des Königs Tigranes“ (idR als Tigranes’ IV. [ca. 6 v. Chr.–1 n. Chr.] gedeutet) gegen eine Abstammung von Tigranes III. angeführt. In Verbindung mit der Annahme eines Geschwisterpaars unter den Kindern Tigranes’ III. das mit Münzen mit der Aufschrift Tigranes in Verbindung gesetzt wird, ergibt sich ein genealogischer Widerspruch, da zwei gleichnamige Nachkommen innerhalb derselben Generation als unwahrscheinlich gelten müssen. Vor diesem Hintergrund deuten Roy Arakelian und Maxime K. Yevadian Erato als Tochter Artaxias’ II. (ca. 34; 31–20 v. Chr.) und Schwester Tigranes’ IV. (ca. 6 v. Chr.–1 n. Chr.), die gemeinsam ohne eheliche Bindung regiert hätten.Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, 2021, S. 67–137, insbes. S. 103–8; Maxime K. Yevadian: Note on Erato, 2023, S. 28–48, 280–82. Abweichende Deutung bei Torsten Bendschus: Tigranes V. und seine Münzen, Armenische Herrscherlegitimation des frühen 1. Jhdts. n. Chr. im Spiegel der numismatischen Zeugnisse. In: Numismatische Zeitschrift 124 (2018), S. 9–54. Stattdessen interpretieren sie eine Münze in Pariser Privatbesitz mit Darstellung des Ararat auf dem Revers als Darstellung eines Tigranes, Sohn Tigranes’ III., mit seiner namenlosen Schwestergemahlin.Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, 2021, S. 103f. Diese Münze findet sich im Privatbesitz von Roy Arakelian; vgl. den Eintrag der Münze auf Campus Numérique Arménien [Zugriff am 14. April 2026].