mini|400px|Bezirk Appenzell: Situationskarte 2022 Die Besiedlung Appenzells setzte spätestens im 11. Jahrhundert ein. Nachdem Appenzell unter der Herrschaft des Klosters St. Gallen gestanden war, wurde es 1513 ein Stand der Eidgenossenschaft. Bei der Reformation hielt die Bevölkerung am alten Glauben fest. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Appenzell zu einem regionalen Zentrum.

Von der Ur- und Frühgeschichte zum Frühmittelalter Ein in den Forren bei Appenzell als Einzelfund entdecktes spätbronzezeitliches Schaftlappen­beil erlaubt keine eindeutigen Rückschlüsse auf eine urzeitliche Besiedlung oder Begehung. Bis tief in das Frühmittelalter hinein war das Gebiet um Appenzell überwiegend bewaldet und kaum besiedelt.

Vom Hochmittelalter bis zur Helvetik Siedlung, Bevölkerung und Wirtschaft mini| Landsgemeinde Ende des 18. Jahrhunderts Der Ort wurde im Jahr 1071 als Abbacella erstmals erwähnt. Die Zusammensetzung aus den althochdeutschen Lehnwörtern abbat und cella ist als Benennung eines Wirtschaftshofs des Abts von St. Gallen zu deuten. Dank von den Äbten des Klosters St. Gallen gerufenen Siedlern setzte die Kolonisation des Talkessels der Sitter spätestens im 11. Jahrhundert ein. Erstmals wird der Ort Appenzell 1071 in der Stiftungsurkunde der auf Rodungsland errichteten Mauritiuspfarrei erwähnt. Neben dem äbtischen Hof – er dürfte das Quartier südlich des heutigen Landsgemeindeplatzes von der Platte bis zur Hofwiese umfasst haben – nennt ein um 1200 angelegter Abgabenrodel (Urbare) auch die im Bezirk Appenzell liegenden Streusiedlungen Brenden , Lank , Lehn und Meistersrüte. Die dürftige Quellenlage vor 1500 erlaubt keine genaue Rekonstruktion der frühen Siedlungsentwicklung. Die ersten Dorfhäuser wurden wohl entlang den Verbindungswegen zwischen Kirche und äbtischem Hof gebaut, an der Reichsstrasse und am Unterlauf des Gansbachs, was dem Dorf eine Ost-West-Richtung gab. Die östlich der Kirche über die Sitter führende Metzibrücke liess als Verlängerung dieser Achse einen kleinen Brückenkopf zu. Den östlichen Abschluss bildete ein Konglomerat von Wirtschafts- und obrigkeitlichen Bauten. Appenzell wurde 1291 durch Truppen der Grafen von Werdenberg-Sargans verwüstet. Im Zusammenhang mit der Erteilung des Marktrechts im Jahr 1353 stehen wohl der Schmäuslemarkt (südlich der Hauptgasse, gegenüber dem Rathaus) und die nach Art städtischer Hofstätten gebildeten, geschlossenen Häuserzeilen der Haupt- und Hirschengasse. Letztere war als Querachse in Nord-Süd-Richtung hinzugekommen, ebenso Verbindungswege, Plätze und platzartige Erweiterungen. Das südlich des Dorfkerns gelegene Riedquartier geht auf eine wohltätige Stiftung von 1483 zugunsten armer Dorfbewohner zurück.

mini|x220px|Rathaus Die Loslösung des Landes Appenzell von der äbtischen Herrschaft und der Aufstieg des Dorfs Appenzell zum Hauptort des Landes bedingten die Freihaltung eines Platzes für die Landsgemeinde und den Bau eines Rathauses. Erstmals am 10. Oktober 1367 und häufig im 15. Jahrhundert werden Dorf und Gerichtsort Appenzell zur Unterscheidung vom Land ze Appacelle zu dem Hof genannt. Davon leitet sich die noch geläufige Bezeichnung der Dorfbewohner als «Hofer» her, in Abgrenzung zu den Bauern der Einzelhofsiedlungen.

Informationen über Umfang und Anlage des Dorfkerns geben ab Mitte des 16. Jahrhunderts die Nachtwächter-Verordnungen. Am 18. März 1560 wurde Appenzell ein Raub der Flammen. Beim Wiederaufbau hielt man sich grösstenteils an die alten Hofstätten und Fundamente. Durch die Landteilung im Jahr 1597 wurde die Bedeutung von Appenzell als Hauptort empfindlich geschmälert. Feuersbrünste zerstörten 1679 und 1701 das Dorf nur teilweise. Als Bauten, welche die Dorfsilhouette prägten, entstanden 1560 bis 1584 die Pfarrkirche, 1560 bis 1565 das Beinhaus, 1560 bis 1583 das Rathaus, am Südostrand 1563 bis 1570 das sogenannte Schloss, 1611 bis 1622 das Kapuzinerinnenkloster und vor 1568 das Zeughaus sowie als westlicher Abschluss 1587–1588 das Kapuziner­kloster. Ein Vergleich von historischen Ansichten aus den Jahren 1586, 1642 und 1839 zeigt, dass sich Grösse und Struktur der Dorfsiedlung vom 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kaum verändert haben.

mini|Darstellung des Dorfes Appenzell in der Stumpfschen Chronik. Auf dem Bild ist die spätgotische Kirche mit dem Beinhaus gut zu erkennen, 1547/48 (Ausschnitt). mini|Viehmarkt in Appenzell, um 1910 Um den äbtischen Hof siedelten wohl schon früh Handwerker. Vom 14. Jahrhundert an ist eine Vielzahl von Handwerken und Gewerben nachgewiesen, und das sogenannte Antworten- und Mandatenbuch enthält ab 1547 Regelungen und Kontrollen für Wirte (Gasthäuser), Müller und Metzger. Mit dem am 23. September 1353 erteilten Recht auf Abhaltung zweier Jahrmärkte und Erhebung von Zöllen begannen sich im landwirtschaftlich geprägten Dorf ein bäuerliches Bedarfsgewerbe und ein lokaler Handel zu entwickeln. Um 1400 zeugen eine Taverne und Massnahmen betreffend Masse und Gewichte von Handelsaktivitäten. Vom letzten Viertel des 15. Jahrhunderts an wurde auch ein wöchentlicher Garn- und Werg­markt abgehalten. Spätestens ab Ende der 1440er Jahre gehörte Appenzell zum Leinwand webenden Hinterland der Stadt St. Gallen. Später begannen Appenzeller selbstständig Fernhandelsbeziehungen zu knüpfen: 1494 mit Venedig, 1497 mit Konstanz, um 1499 mit Lyon und 1529 mit Frankfurt am Main. Bestrebungen, den Flecken Appenzell zu einem unabhängigen Leinwandplatz zu erheben – dazu gehören der Bau einer eigenen Bleiche, eines Beuchhauses und einer Walke (1535–1537) sowie die Gründung einer Leinwandgesellschaft (1537) –, schlugen aber angesichts harter Konkurrenzmassnahmen der Stadt St. Gallen wiederholt fehl, letztmals 1683. Bestand hatten nur die Bleicherei (bis 1842) sowie die Leinenspinnerei und Leinenweberei (Textilindustrie). Besonders die Spinnerei von feinem Leinengarn war stark verbreitet. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam die Baumwollspinnerei hinzu. Daneben spielten fremde Kriegsdienste vom 16. bis 18. Jahrhundert für zahlreiche Familien (v. a. Sutter, Bischofberger, Büchler, Knusert, Ulmann) eine bedeutende Rolle. Wie im übrigen Kantonsgebiet war auch in Appenzell die Landwirtschaft auf Vieh- und Milchwirtschaft ausgerichtet, unter Nutzung der Alpen im Alpsteingebiet und in einem besonderen System der Besitzverhältnisse und Zusammenarbeit zwischen Sennen (Viehbesitzer, Alpsömmerung) und Heubauern (Talgutbesitzer, Überwinterung). An Gemeingütern des Inneren Landesteils (Allmenden, Alpen, Waldungen, Weiden) hatten Bewohner von Appenzell verschiedene Sondernutzungsrechte.

Die kommunale Gesellschaft, kirchliches und kulturelles Leben Im Lauf des Hoch- und Spätmittelalters bildete sich aus den zahlreichen grund-, leib-, Kirch- und gerichtsherrlichen Rechten des Klosters St. Gallen ein fürstäbtischer Herrschaftskomplex, zu dessen Sicherung mit den Rhoden eine neue rechtliche und wirtschaftliche Organisation geschaffen sowie um 1210 nördlich von Appenzell die Burg Clanx gebaut wurde. Die Einwohner von Appenzell waren St. Galler Gotteshausleute, unter denen die Meier und Ammänner eine hervorragende soziale und wirtschaftliche Stellung innehatten. Nicht zuletzt Pensionen aus Solddiensten ermöglichten 1517, 1518, 1537 und letztlich 1566 die rechtliche und abgabenmässige Ablösung von der Abtei. Dies und die Ausbildung einer eigenständigen kommunalen Organisation dürften den ständischen Ausgleich in der noch wenig erforschten Gesellschaftsstruktur Appenzells im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit gefördert haben, führten aber zu neuen politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. Als Hauptort des Landes Appenzell bzw. Innerrhodens wurde der Flecken Appenzell zum Sitz führender Familien (Sutter, Fässler, Streule, Bischofberger, Dähler, Geiger, Schiess). Im 16. und 17. Jahrhundert schloss sich die Führungsgruppe, die neben hohen Landesämtern auch Offiziersstellen in fremden Diensten innehatte, zusehends ab.

1071 legte Abt Norbert von St. Gallen die Grenzen des Pfarrsprengels der äbtischen Eigenkirche St. Mauritius – das Patrozinium ist erstmals in der Marktrechtsurkunde aus dem Jahr 1353 erwähnt – in Appenzell fest. Bischof Thietmar von Chur hatte sie zuvor auf Bitten und im Auftrag von Bischof Rumold von Konstanz geweiht und reichlich ausgestattet. In den Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Friedrich II. und dem Papsttum wurde die Kirche 1248 der Abtei St. Gallen inkorporiert, was 1253 bestätigt wurde. St. Mauritius war die Mutterpfarrei der inneren Rhoden. Nebst dem Leutpriester – die Namen sind seit 1370 bekannt – sind vom 15. Jahrhundert an Helfer nachgewiesen. Nachdem die Kirchhöre Appenzell zur Zeit der Reformation mehrheitlich beim alten Glauben geblieben war, wurde die reformierte Minderheit im Zuge der Gegenreformation 1588 durch einen Glaubensvertrag zur Konversion oder Auswanderung gezwungen. 1645 gingen die Kollaturrechte an Landammann und Rat zu Appenzell über. Die Bildung von vier Tochterpfarreien (Gonten 1647, Haslen 1666, Brülisau 1845, Schwende 1914) und zwei Kuratien (Eggerstanden 1727, Schlatt 1769–1970) hing im 17. Jahrhundert mit der Intensivierung der Seelsorge nach dem Konzil von Trient, im 19. und 20. Jahrhundert mit der Zunahme der Bevölkerung zusammen.

Die grosse Ausdehnung der ursprünglichen Pfarrei sowie die spätmittelalterliche und die barocke Frömmigkeit führten ab 1409 zur Errichtung von Kaplaneipfründen. Die katholische Reform brachte 1586 bis 1587 die Gründung des Kapuzinerklosters Mariä Lichtmess. 1613 folgte die Wiederherstellung einer schon 1420/1421 belegten Schwesterngemeinschaft des Dritten Ordens des heiligen Franziskus als Kapuzinerinnenkloster Maria der Engel. Kirchliche Bruderschaften sind quellenmässig erst vom 17. Jahrhundert an fassbar. Geistliches und Weltliches waren in Appenzell besonders stark verzahnt, da sich die Grenzen der Pfarrei und des Inneren Landesteils lange Zeit deckten.

mini|Pfarrkirche St. Mauritius mini|Kapelle St. Anton Rinkenbach Der um 1068/1069 erbauten ersten Pfarrkirche St. Mauritius folgte um 1300 ein spätromanischer Saalbau. Ihre heutigen Ausmasse erhielt die Kirche spätestens 1488 bis 1513 durch den Neubau einer spätgotischen dreischiffigen Anlage, welche auch das Selbstbewusstsein des neuen eidgenössischen Standes Appenzell repräsentierte. Nach dem Dorfbrand von 1560 erfolgte die Wiederherstellung der Standeskirche von 1513, deren Schiff aber 1824 bis 1843 einem klassizistischen Neubau weichen musste. Der Innenraum wurde 1890 bis 1892 im Neurokoko-Stil gestaltet. Die Sakrallandschaft von Appenzell bereicherten ein 1565 erbautes Beinhaus (1857 abgebrochen), die 1561 errichtete Heiligkreuzkapelle, die 1594 erstellte St. Martinskapelle (ursprünglich Siechen­kapelle, heute Lourdes­kapelle), die 1661 erbaute St. Antonskapelle im Rinkenbach , die erstmals 1696 erwähnte Kapelle St. Anna bei der Haggenbrugg sowie die Andachtskapellen St. Michael am Blumenrain (1612), St. Anna und St. Jakob auf dem Rütirain (1630) sowie Maria Hilf im Hundgalgen (1874).

Schulunterricht auf freiwilliger Basis wurde schon im 15. Jahrhundert gegeben. Später hielt ein Geistlicher die Lateinschule, ein weltlicher Schulmeister die deutsche Schule. Im 16. Jahrhundert erhielt der Flecken Appenzell in der Nähe der Kirche und Pfrundhäuser ein eigentliches Schulhaus. Ein Schulmeister ist erstmals 1555 erwähnt, der spätere Landammann Bartholomäus Dähler. Die älteste Schulordnung datiert aus der Zeit um 1620. 1679 wurden dem Hilfslehrer der Deutschen Schule auch Mädchen zugewiesen, nachdem 1639 Bestrebungen zur Gründung einer Schule bei den Klosterfrauen gescheitert waren. Ab 1738 erteilte ausser dem Hauptlehrer auch ein Provisor oder Hilfslehrer elementaren Unterricht.