mini|Alfred Neumann und seine Frau Anny Neumann (eingefärbt). Alfred Neumann (* 23. Mai 1882 in Graz; † 19. August 1938 in Wies) war ein österreichischer Unternehmer jüdischer Herkunft. Er war Besitzer einer Glasfabrik sowie des Schlosses Burgstall in Wies. Schikanen und Misshandlungen durch Nationalsozialisten trieben ihn in den Selbstmord.
Leben mini|Schloss Burgstall Alfred Neumann kam am 23. Mai 1882 in Graz zur Welt. Er war das siebente Kind von Netti und Moritz Neumann.Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 219. Im Jahr 1910, mit 28 Jahren, zog er nach Wies und übernahm die Pacht der Glasfabrik des verstorbenen Josef Mayer von Heldenfeld. Paul W. Roth: Die Glaserzeugung in der Steiermark von den Anfängen bis 1913. Modell der Geschichte eines Industriezweiges. Graz 1976, S. 162–164, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 220. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Subalternoffizier.Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 220.
Nach seiner Rückkehr nach Wies im Jahr 1918 kaufte Alfred Neumann die Glashütte, die er den Namen „Alfredhütte“ gab.Werner Tscherne: Auf der Wies. Eine Geschichte von Wies von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wies 2012, S. 116, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 220. Im folgenden Jahr erwarb er auch das Schloss Burgstall in Wies und ließ es umfassend restaurieren. Teile des Schlosses wurden an verschiedene Mieter, darunter Arbeiter, vermietet.Schulchronik Wies, Band 2, September 1927, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 220. Am 28. März 1919 heiratete er Anny Kaiser, eine gebürtige Wieserin, welche am selben Tag vom katholischen zum jüdischen Glauben konvertierte.StLA LGZRS Graz, RK 875/1948, II. Teil (Kt. 51), BlZl. 1: Anny Felsner an die Rückstellungskommission in Graz, Graz 30.12.1948; ebd., Beilagenheft, BlZl. 23, Trauungs-Zeugnis der Israelischen Kultusgemeinde Wien, Wien 23.12.1938, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 220–221. Nach ihr benannte er seine Glasfabrik in Frauental, die von 1919 bis 1921 in Betrieb war, „Annyhütte“.Werner Tscherne: Die Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg 1868–2001, in: Helmut-Theobald Müller (Hrsg.): Geschichte der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg. Verwaltung–Gendarmerie–Schulwesen. Festschrift aus Anlass des Jubiläums „100 Jahre Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg im Amtsgebäude Kirchengasse 12“, Deutschlandsberg 2001, S. 11–93, hier S. 52, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 221. Der Ingenieur bewohnte mit seiner Frau Anny seit August 1928 das Schloss selbst.Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 220.
1922 erfolgte durch ihn die Gründung der „Oesterreichischen Glashüttenwerke AG vormals Ing. Alfred Neumann“.Neue Freie Presse, 14.4.1923, S. 13 (Morgenblatt), zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 222. In den Jahren 1923 bis 1925 wurde eine weitere Glashütte namens „Erichhütte“ errichtet, jedoch nie in Betrieb genommen.Archiv der BH Deutschlandsberg, Gewerbeakten Gemeinde Wies, 4 F 3/1955, besonders H. 1, OZl. 1b, Bauplan für eine Glashütte, Wies 25.8.1922, und H. 1, OZl. 35, Verhandlungsschrift der BH Deutschlandsberg (Kommission in Altenmarkt), 29.4.1925, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 222. Die „Alfredhütte“ wurde 1928 von Alfred Neumann für zehn Jahre an Gustav Suchy und seinen Neffen Franz Naprstek verpachtet.Tagblatt (Linz), 24.8.1928, S. 5; Drogisten-Zeitung, 18 (1937), S. 367; Weststeirische Rundschau, 30.6.1928, 5; Alpenländische Rundschau, 1.9.1928, S. 15, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 222. Er behielt jedoch seine Tätigkeit in der Fabrik bei und wurde weiterhin als deren Leiter betrachtet.Weststeirische Rundschau, 4.6.1932, S. 6, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 222.
Die Glasherstellung wurde am 11. November 1932 durch Suchy und Naprstek eingestellt, wodurch 120 Arbeiter ihre Anstellung verloren. Der offizielle Grund für die Betriebsschließung war „Absatzmangel“.Grazer Tagblatt, 15.11.1932, S. 5 (Mittagsausgabe); WR, 19.11.1932, S. 8, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 222. Laut Alfred Neumann wurden Suchy und Naprstek vom neu gegründeten Hohlglaskartell abgefertigt und stellten daraufhin den Betrieb ein.StLA FLD-Arisierungsakten, VA 45153 (Neumann Alfred), BlZl. 102, Beilage-Bogen zu III. Betriebsvermögen, Wies o. D. [April 1938], zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 222. Die lokalen Nationalsozialisten machten Neumann für die Schließung der Glasfabrik verantwortlich.„Aus der Weststeirischen Elendschronik“, in: Der Kampf, 25.2.1933, S. 3, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 223. Nach der Schließung zog er sich größtenteils auf Schloss Burgstall zurück, war aber weiterhin Teil des Wieser Gesellschaftslebens.Weststeirische Rundschau, 24.2.1934, S. 10; Weststeirische Rundschau, 16.6.1934, S. 10; Weststeirische Rundschau, 26.1.1934, S. 3; Weststeirische Rundschau, 2.3.1935, S. 8; Weststeirische Rundschau, 12.9.1936, S. 1, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 223.
Am Tag des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich, dem 12. März 1938, suchten zwei SA-Männer des Sturmes Wies und ein Gendarmeriebeamter Alfred Neumann bei seinem Schloss auf und beschlagnahmten sein Cabriolet.StLA BH Deutschlandsberg, 8 Ne 10-1/1939 (Kt. 199), handschriftlicher Brief Anny Neumanns, Wies 3.1.1939, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 224. Zwei oder drei Tage später wurde das Auto an den Deutschlandsberger Kreisführer des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) Alfred Stirling übergeben, welcher die Beschlagnahme im Nachhinein genehmigte.StLA BH Deutschlandsberg, 14 Ka 5–6/1938 (Kt. 166), BGK Deutschlandsberg, E.Nr. 1077, 26.4.1938, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 224. Mitte Mai 1938 wurde es der Gestapo in Graz ausgefolgt.Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 224. Josef Pleunik, der Bezirkshauptmann von Deutschlandsberg, rechtfertigte die Beschlagnahmung damit, dass der „Jude Ing. Alfred Neumann“ als „Volksschädling“ anzusehen sei.StLA BH Deutschlandsberg, 14 Ka 5–16/1938 (Kt. 166), BH Deutschlandsberg an die Gestapo Graz, 1.6.1938, zitiert nach Markus Roschitz: Ing. Alfred Neumann und die Glasfabrik in Wies. Aspekte eines „Arisierungsfalls“. In: Mitteleuropazentrum an der Andrássy Universität Budapest (Hrsg.): Jahrbuch für Mitteleuropäische Studien 2019/2020. New Academic Press, Wien/Hamburg 2020, ISBN 978-3-7003-2201-6, S. 224.
Am 18. April 1938 drangen Rudolf Jauk, der Mitgründer der NSDAP-Ortsgruppe Wies, mit sieben oder acht Männern in das Schlafgemach von Neumann im Schloss ein, verlangten von ihm die Übergabe seines Revolvers und zerrten ihn nach draußen. Das weitere Geschehen beschreibt seine damalige Gattin Anny Neumann wie folgt: