Wandlungen einer Ehe ist der Titel eines 1949 publizierten dreiteiligenDie beiden ersten Teile erschienen 1941 unter dem Titel Az igazi bei Révai in Budapest und der dritte bzw. vierte Teil („Nachklang“) 1980 unter dem Titel Judit … és az utóhang im Griff Verlag, München in ungarischer Sprache. Romans des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai. Erzählt wird, vor dem gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Beziehungsgeschichte des Budapester Fabrikanten Péter und seiner beiden Frauen Ilonka und Judit. Dabei thematisiert der Autor unter anderem verschiedene Lebensvorstellungen in Verbindung mit der Sozialisation, mit den begrenzten Einblicken in die Persönlichkeit eines Partners und der Enthüllung des Illusionsbildes von einem geliebten Menschen. Überlagert wird dies durch den Kulturpessimismus des Schriftstellers Lázár und seinen Rückzug aus der Gesellschaft. Die deutschsprachige dreiteilige Roman-Version wurde in den Übersetzungen von Tibor von Podmaniczkyim J.P. Toth Verlag in Hamburg und Christina Viraghim Piper Verlag, München, Zürich 1949 bzw. 1980 publiziert.
Inhalt
Überblick Die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem in Budapest spielende Romanhandlung ist in drei TeileDer 4. Teil, als Nachklang (utóhang) bezeichnet, fehlt in der Wandlungen einer Ehe-Version, die sich auf die drei Hauptfiguren konzentriert. gegliedert. Darin schildern die Protagonisten, jeweils nach dem Scheitern einer Ehe, in langen Monologen aus ihrer Perspektive die Entwicklung der Beziehungen: Teil 1: Ilonka erzählt einer Schulfreundin von ihrer Liebe zu ihrem Mann Péter und dem Scheitern ihrer Ehe. Teil 2: Péter beschreibt einem Freund seine großbürgerliche Sozialisation, seine Einsamkeit in der Ehe mit Ilonka und die vergebliche Suche nach einem sinnvollen Leben durch die Ehe mit Judit, dem ehemaligen Dienstmädchen seiner Eltern. Teil 3: Judit schildert in Rom ihrem jungen Geliebten ihr Leben: Kindheit in der Region Nyírség, Dienstmädchen der Budapester Fabrikantenfamilie, Ehe mit Péter, Kriegszeit, Freundschaft mit dem Schriftsteller Lázár.
Beziehungsgeschichte
Péters großbürgerliche Familiengeschichte beginnt am Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinem in den Adelsstand erhobenen Urgroßvater Johannes II., einem Mühlenbesitzer in der Tiefebene. Dieser legt den Grundstein für den gesellschaftlichen Aufstieg: Aus der Werkstatt des Großvaters entwickelt sein Vater eine der wichtigsten Industrieanlagen des Landes und zählt zu dem Kreis der 200 Millionäre. Péter soll als Diplomingenieur diese Tradition fortsetzen.
Péters Persönlichkeitskrise entwickelt sich, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ca. fünfzehnjährige Kleinbauern- und Wanderarbeitertochter Judit ÁldozóName bedeutet: der im Sinne der katholischen Kommunion „Kommunizierende“, Opfernde: Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe. Piper Verlag, München, 2004, S. 197. nach Budapest kommt und im Haus seiner Familie als Dienstmädchen arbeitet. Der damals 32-Jährige und sie verlieben sich ineinander, doch es kommt zu keiner Beziehung. Nach drei Jahren redet er zum ersten Mal mit ihr über ihr Leben und macht ihr den Vorschlag, trotz der gesellschaftlichen Schranken zusammenzuleben und für einige Jahre nach Italien zu gehen. Da sie dazu schweigt, bietet er ihr die Ehe an. Sie lehnt wütend ab und wirft ihm Feigheit vor. Er bereut seine emotionale und familienstrategisch unüberlegte Aktion, schenkt ihr ein Medaillon mit seinem Bild, spricht aber nicht mehr mit ihr über seinen Plan. Um die Liebesgeschichte zu vergessen, reist er für vier Jahre, in der Zeit zwischen den Weltkriegen, ins Ausland. Nach ihrer Absage erkrankt Judit ca. ein Jahr lang und erholt sich bei ihrer Familie auf dem Land. Sie kehrt nach ihrer Genesung in den Fabrikantenhaushalt zurück und steigt zur Haushälterin auf.
Nach seiner Rückkehr nach Budapest bezieht Péter eine eigene Wohnung, übernimmt zwei Jahre später, nach dem Tod des Vaters, die Fabrik und heiratet, er ist inzwischen 40 Jahre alt, Ilonka, eine schöne junge gebildete Frau aus einer bürgerlichen Familie mit wenig Besitz. Sie wohnen im exklusiven Budapester Wohngebiet Rózsadomb, führen einen standesgemäßen Haushalt und nehmen an den Festen der großbürgerlichen Gesellschaft teil. Judit sieht er nur noch gelegentlich beim Besuch seiner Mutter. Sie trägt sein Medaillon an einem violetten Band, hofft im Stillen auf seine Entscheidung für sie und steckt ihm als magischen Gegenstand eine violette Schleife in seine Brieftasche.
Nach drei Jahren, Anfang der 1930er Jahre, wird Ilonka die Diskrepanz ihrer Gefühlswelt und der ihre Mannes offensichtlich. Durch die Geburt ihres Sohnes Matthias hofft sie auf eine glückliche Wendung, doch nach dem Scharlach-Tod des zweijährigen Kindes befürchtet sie das Ende ihrer Ehe. Als sie zufällig die violette Schleife entdeckt, interpretiert sie dies als ein von ihrem Mann aufbewahrtes Erinnerungsstück an eine Geliebte. Im Haus der Schwiegermutter kommt sie dem Geheimnis auf die Spur, spricht Judit Áldozó auf ihren Verdacht an und erfährt ihre Geschichte.
Nach dem Gespräch kündigt Judit ihre Stellung und reist nach England, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Dort nimmt sie eine Dienstmädchenstelle bei einer emigrierten jüdischen Fabrikanten-Familie an und lebt dann bei einem griechischen Sänger, der durch illegale Geschäfte und Kartenspiele zu viel Geld gekommen ist. Péter versucht vergeblich, ihren Aufenthaltsort herauszufinden, wird krank und zieht sich aus der Gesellschaft zurück.
Als Judit nach zwei Jahren mit dem gesellschaftskonformen Auftreten einer großbürgerlichen Dame und mit teurer Garderobe, die ihr der griechische Liebhaber vor ihrer Rückreise gekauft hat, wieder in Budapest erscheint, verlässt Péter nach 7-jähriger Ehe sofort seine Frau und zieht in ein Hotel. Nach einem halben Jahr ist er geschieden und heiratet Judit. Ilonka lebt gut versorgt in Budapest oder ist auf Reisen. In Rom besucht sie Péters alten Freund, den Schriftsteller Lázár. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges stirbt sie plötzlich ohne Anzeichen einer Krankheit.
Ungefähr ein Jahr nach der Heirat merkt Péter, dass Judit das Geld, mit dem sie Kleider kauft oder das für den Haushalt bestimmt ist, teilweise auf ein eigenes Konto anlegt, offenbar als Vorsorge im Falle einer Scheidung. Dann merkt er, dass sie seine sexuelle Leidenschaft nicht teilt, sondern sie ihm nur vorspielt, und dass sie eine Affäre hat. Nach dem Duell mit ihrem Liebhaber trennt er sich von ihr.
Jahre später, während der Herrschaft der Pfeilkreuzler und der Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg, trifft Judit Lázár und findet bei ihm einen Unterschlupf, bis 1943 seine Wohnung durch Bombardierung zerstört wird. Auch Péters Haus brennt ab.
Die drei Protagonisten verlassen Budapest nach der Besetzung der Stadt durch russische Truppen und der Herrschaft der Kommunisten. Péter verliert sein Vermögen und wandert in die USA aus. Lázár geht nach Rom, das er als Zentrum der antiken Kultur betrachtet. Judit zieht 1948 nach Wien und erhält durch eine Scheinehe einen Pass für Italien. In Rom wohnt sie in demselben Hotel, in dem Lázár gestorben ist, mit einem jungen Schlagzeuger zusammen, der zur Finanzierung ihres Lebens nach und nach ihren Schmuck verkauft.
Ilonka Die Rahmenhandlung des ersten Teils spielt drei Jahre nach Ilonkas Scheidung von Péter. Sie liebt ihn immer noch und ist keine neue Bindung eingegangen. In einer Konditorei in Budapest erzählt sie in einem langen Monolog einer aus Boston zurückgekehrten Freundin aus ihrer Internatszeit die Geschichte ihrer Ehe und ihre Erwartungen an eine Liebesbeziehung: Gefühlsdistanz Ihre Ehe verläuft ruhig, geordnet und höflich. Sie leben im Wohlstand. Péter hat nach dem Tod des Vaters die Firma übernommen und arbeitet im Büro, sie organisiert den Haushalt und wird auf den Festen als schöne, im Auftreten und in der Konversation formvollendete Gattin des Fabrikanten bewundert. Doch die anfängliche Distanz der Partner verringert sich nicht in den ersten drei Jahren und sie bemerkt zunehmend die Diskrepanz ihrer Vorstellungen. Péter wirkt oft wortkarg, stolz und traurig, aber er will sich ihr nicht „ergeben“, d. h. nicht bis zum inneren Kern öffnen, und sie kann ihm nicht aus seiner Einsamkeit heraushelfen. So bleibt ein Abstand zwischen ihnen, den sie bei aller Höflichkeit und Zärtlichkeit als „wohlwollende Überheblichkeit, mit Ernst und Skepsis“Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe. Piper Verlag, München, 2004, S. 29. interpretiert. Ein erstes Anzeichen für die Unvereinbarkeit ihrer Gefühle ist das Spiel ihres Mannes und seines Freundes Lázár, mit dem er eines Tages ihr gegenüber spaßeshalber die Rollen Ehemann-Freund tauscht. Als Péter bei einer Aussprache über seine Geheimnisse ihre Erwartung als Verzicht auf seine Menschenwürde bezeichnet und ihr sagt, lieber würde er sterben, als diese aufzugeben, weiß sie, dass er dies ernst meint. Durch die Geburt ihres Sohnes wird die Trennung aufgeschoben. Es ist ihre glücklichste Zeit, in der er „mit seinem Charakter kämpft[-]“ und sich bemüht, „vertrauensvoll, bescheiden und demütig zu sein“.Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe. Piper Verlag, München, 2004, S. 31. Doch am Ende eines Meran-Urlaubs enthüllt er ihr, dass er sie nur des Kindes wegen liebe und dass er „kein wirkliches Bedürfnis, geliebt zu werden“, habe.Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe. Piper Verlag, München, 2004, S. 43. Schatten-Kampf Nach dem Scharlach-Tod des zweijährigen KindesBiographischer Bezug: im Alter von sechs Wochen starb Ilona und Sándor Márais einziges, am 28. Februar 1939 geborenes Kind Kristóf, das an Hämophilie litt. befürchtet Ilonka das Ende ihrer Ehe und sucht nach Lösungen. Ein Beichtvater warnt sie, ihren hohen Liebesanspruch nicht mit Egoismus zu verwechseln. Andeutungen ihrer Schwiegermutter und der Fund einer violetten Schleife in der Brieftasche ihres Mannes, die sie als Erinnerung an eine Geliebte interpretiert, scheinen sie auf die Spur des Geheimnisses ihres Mannes zu führen und die Distanz ihres Mannes ihr gegenüber zu erklären. Sie entschließt sich, um seine Liebe zu kämpfen, und trotz der Warnung Lázárs, durch ihre Nachforschungen eine nur langsam verheilende Wunde in der Erinnerung Péters wieder aufzureißen, will sie nicht länger mit einem Schatten leben und die Frau mit der Schleife kennenlernen. Nach Lázárs Hinweis sucht sie Spuren im Haus der Schwiegermutter und findet sie bei der Haushälterin Judit Áldozó.
Sie liebt Péter noch immer. Zwar stimmt sie jetzt, nach ihrer Desillusionierung, dem Menschenbild des Schriftstellers zu, dass es keinen einmalig Richtigen, „keinen vollkommenen Menschen“ gibt und dass „jener einzige, Wunderbare, Beglückende“ nicht existiert: „[I]n jedem Menschen ist eine Prise vom Richtigen, aber in keinem gibt es das, was wir vom anderen erwarten und erhoffen“.Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe. Piper Verlag, München, 2004, S. 149. Sie kann jedoch nicht mit einem Schatten in ihrer Ehe leben und muss sich aus dieser Situation befreien. Deshalb bereitet sie sich auf die Trennung vor und lässt dies durch Lázar ihren Mann wissen.
Péter Nach der Trennung von Judit erzählt Péter in der Rahmenhandlung einem Freund seine Familiengeschichte, seine Gesellschaftskritik, die Beziehungskonflikte und seine derzeitige Lebenseinstellung: Großbürgerliche Familientradition