mini|Erste Elektrolokomotive von Siemens auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 stellte Werner von Siemens die weltweit erste elektrische Lokomotive vor, die Ausstellungsbesucher auf einem Gleisoval beförderte.
Geschichte Technische Voraussetzungen Werner von Siemens, 1888 geadelt, entwickelte einen elektrischen Generator, basierend auf dem dynamoelektrischen Prinzip, den er sich 1866 patentieren ließ. Am 17. Januar 1867 hielt er einen Vortrag vor der Berliner Akademie der Wissenschaften, in dem er die erste wissenschaftliche Beschreibung des dynamoelektrischen Prinzips gab. Auf diesen Grundlagen wurden Elektromotoren gebaut, die zunächst stationär eingesetzt wurden.
Siemens versuchte nun, den Elektromotor auch in Fahrzeugen einzusetzen und ließ von seinem Konstrukteur Hemming Wesslau eine elektrische Lokomotive für die Senftenberger Stadtgrube Marie III entwerfen. Der vorgelegte Entwurf vom Juli 1878, nach dem die Lokomotive mit zwei Gummischeiben an einem Eisenband in Mittellage angetrieben werden sollte, und folgende Anpassungen konnten den Grubenbesitzer Carl Westphal aber nicht überzeugen. Er zweifelte an der Zuverlässigkeit, sorgte sich um die Investitionskosten und konnte sich mit Siemens nicht einigen. Es wurde zunächst keine Lokomotive nach diesen ersten Entwürfen gebaut.Benzenberg/Joachimsthaler: 100 Jahre Elektrische Eisenbahn, S. 15Werkbahnen im Lausitzer Braunkohlenbergbau LMBV Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH, Senftenberg 2019, S. 10, abgerufen am 16. Dezember 2023 (PDF).
Ausstellungsbahn auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 Siemens ließ den Entwurf seiner elektrischen Lokomotive weiter überarbeiten. Nun wurden die Achsen über ein Zahnradgetriebe angetrieben, das Eisenband wurde zur Stromübertragung herangezogen. Nach einem Entwurf vom Oktober 1878 wurde nun eine Lokomotive gebaut, um sie auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 der Öffentlichkeit vorzustellen.Benzenberg/Joachimsthaler: 100 Jahre Elektrische Eisenbahn, S. 16 Diese Ausstellung fand auf dem ULAP-Gelände am Lehrter Bahnhof statt. Dort wurde eine rd. 300 Meter lange Rundstrecke im Maschinenhof, in der Nähe des Eingangs gebaut. Die kleine Lokomotive bekam drei offene Personenwagen für je sechs Personen. Zur Ausstellungseröffnung präsentierte Werner Siemens persönlich am 31. Mai 1879 seine Entwicklung.
Die elektrische Bahn stellte einen Höhepunkt und Publikumsmagnet während der vier Monate andauernden Berliner Gewerbeausstellung dar.Aufs Gleis gesetzt – Siemens präsentiert die erste elektrische Eisenbahn der Welt. Auf Siemens.com, abgerufen am 6. Dezember 2023. Bis zum 30. September 1879 wurden insgesamt 86.398 Personen mit einer Geschwindigkeit von 7 km/h befördert.
Die Lokomotive wurde mit einer Gleichspannung von 150 V betrieben, die elektrische Energie wurde über die beiden Schienen und ein dazwischen isoliert angeordnetes Eisenband geführt. Sie besaß einen in Längsachse gelagerten Rotor und seitlich herausragende Erregerspulen. Das Gleis hatte eine Spurweite von 490 mm.
Präsentation der elektrischen Bahn in anderen Städten In den nächsten Jahren wurde diese elektrische Ausstellungsbahn auch in anderen Städten vorgeführt. Das Interesse war so groß, dass Siemens mehrere gleichartige Bahnen bauen musste.Benzenberg/Joachimsthaler: 100 Jahre Elektrische Eisenbahn, S. 17–19 Im Folgejahr 1880 wurde die elektrische Bahn zunächst in Brüssel zum 50. Jahrestag der Belgischen Unabhängigkeit im Jubelpark gezeigt. Dazu wurde an der Seite der Lokomotive die Siemens-Tafel durch eine Tafel mit der Aufschrift ROGIER ersetzt, um den belgischen Politiker Charles Rogier zu ehren. Die Bahn wurde im Anschluss in London Sydenham auf dem Gelände am Crystal Palace aufgebaut, behielt dabei aber kurioserweise die ROGIER-Tafel. Im gleichen Jahr 1880 war eine elektrische Bahn von Siemens vom Mai bis Oktober 1880 auch in Düsseldorf bei der Gewerbe-Ausstellung für Rheinland, Westfalen und benachbarte Bezirke sowie ab dem 20. Juni 1880 für acht Wochen auf der niederschlesischen Gewerbe-Ausstellung in LiegnitzDie niederschlesische Gewerbe-Ausstellung zu Liegnitz. In: Deutsche Bauzeitung, Berlin, Ausg. 54 vom 7. Juli 1880, S. 290. zu sehen. Die Nachfrage war so groß, dass Nachbauten in der vorgeführten Ausführung erfolgen mussten. Werner Siemens schrieb dazu am 8. Juli 1880 an seinen Bruder Karl in London: „Unsere drei kleinen Ausstellungsbahnen in Brüssel, Düsseldorf und Liegnitz gehen gut.“Dirk Winkler, Baiersdorf: Die elektrische Ausstellungsbahn der Berliner Gewerbeausstellung von 1879. In: Verkehrsgeschichtliche Blätter, Berlin, Heft 3/2004, Seiten 68–74. Im Jahr 1881 fuhr die elektrische Bahn in Frankfurt am Main in der Allgemeinen Patent- und Musterschutz-Ausstellung am PalmengartenAuskunft der Stadt Frankfurt vom 11. Dezember 2023: Das Bild wurde während der Allgemeinen Patent- und Musterschutz-Ausstellung 1881 aufgenommen. Die Ausstellungsbahn selber befand sich auf einem Grundstück, das erst später dem Palmengarten zugeschlagen wurde. Schließlich wurde die Bahn 1882 in Kopenhagen im Tivolipark sowie in Moskau auf der Allrussischen Industrie- und Handwerksausstellung vorgeführt.Siemens in Russland, Bild des Ausstellungszuges von 1882. Auf: siemens.com, abgerufen am 12. Dezember 2023 (inzwischen hat Siemens leider die Links auf die relevanten Fachseiten umgebogen auf nichtssagende Image-Seiten, hier müssen neue ENs nachgereicht werden)
Die elektrische Siemens-Lokomotive besitzt zunächst gewölbte Scheibenräder, später Gussräder mit vier Versteifungsrippen. Die Holzhaube über dem Motor ist zunächst gewölbt, später besitzt sie einen flachen Deckel. Die Wagen sind z. T. mit Planen gedeckt.
Verbleib der Exemplare Von der Lokomotive sind ein technisch weiter entwickeltes Original und mehrere Nachbauten erhalten. Eine erhaltene Original-Lokomotive befindet sich im Bestand des Deutschen Museums in München; es wurde zwischenzeitlich in das Verkehrszentrum München ausgelagert.Elektrische Lokomotive, Siemens & Halske, 1879. Auf: digital.deutsches-museum.de, abgerufen am 6. Dezember 2023. Im Deutschen Technikmuseum Berlin ist eine Nachbildung der Lok aus dem Jahr 1980 ausgestellt.Bild der Siemens-Lokomotive von 1879 (Nachbau) Auf: berlin.museum-digital.de, abgerufen am 6. Dezember 2023. Ein betriebsfähiger Nachbau aus dem Jahr 1979 gehört zum Bestand des Verkehrsmuseums Nürnberg.
Rezeption An die erste Vorstellung einer betriebstüchtigen Elektrolokomotive am 31. Mai 1879 wurde 100 Jahre später von beiden Staatsbahnen im geteilten Deutschland erinnert. Die Deutsche Bundesbahn veranstaltete vom 24. Mai bis 27. Mai 1979 eine Ausstellung 100 Jahre elektrische Eisenbahn im Ausbesserungswerk München-Freimann. Dort fuhr ein Nachbau dieser ersten Siemens-Lokomotive aus dem Jahr 1979 auf einer Rundstrecke. Die Deutsche Reichsbahn folgte vom 15. September bis 23. September 1979 mit einer Fahrzeugschau 30 Jahre DDR, 50 Jahre Raw Dessau, 100 Jahre elektrische Lokomotive am Bahnhof Dessau-Süd (neben dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk Dessau). In der DDR gab es keinen Nachbau der ersten Siemens-Lokomotive. Dafür wurde die kleine Siemens-Lokomotive, die 1900 und 1901 auf der Drehstrom-Versuchsstrecke Groß-Lichterfelde–Zehlendorf erprobt wurde, im Vorfeld museal aufgearbeitet und in der Fahrzeugschau präsentiert.
Weitere Entwicklung
Die Siemens-Lokomotive von 1879 kann als erste betriebstaugliche elektrische Lokomotive angesehen werden. Nach den erfolgreich betriebenen Ausstellungsbahnen konnten elektrische Lokomotiven allmählich auch bei anderen Bahnen eingeführt werden. In den Folgejahren ging man dazu über, den Strom über Oberleitungen oder seitliche Stromschienen zu leiten.
Erste Straßenbahn Lichterfelde Frühjahr 1881 mini|Erste elektrische Straßenbahn von Siemens & Halske, 1881
Bereits im Mai 1881 gelang es Siemens, die weltweit erste elektrische Straßenbahn zwischen dem Bahnhof Lichterfelde (Anhalter Bahn) und der Preußischen Hauptkadettenanstalt einzurichten. Bei dieser Bahn wurde der Strom noch über die elektrisch gegeneinander isolierten Schienen geleitet.
Straßenbahn auf der Elektrizitätsausstellung in Paris 1881 mini|Erste Straßenbahn mit Oberleitung in Paris, 1881
Im Herbst 1881 fand in Paris vom 15. August 1881 bis 15. November 1881 die Internationale Elektrizitätsausstellung statt. Siemens konnte dort in diesen drei Monaten die erste Straßenbahn mit Stromversorgung über eine Oberleitung vorstellen, die als zweipolige Schlitzrohrfahrleitung ausgebildet war.
Grubenlok Dorothea mini|Elektrische Lokomotive Dorothea von Siemens der Grubenbahn in Zauckerode von 1882
Siemens konnte 1882 die elektrische Lokomotive Dorothea für die Grubenbahn des sächsischen Königlichen Steinkohlenwerks Zauckerode bauen. Im Gegensatz zur Siemens-Lok von 1879, die den Strom über die Fahrschienen bezog, erhielt die Dorothea Stromabnehmer für eine Oberleitung. Sie war die erste Elektrolok der Welt, die in den Dauerbetrieb ging. Diese Lokomotive wurde mehrfach konstruktiv verändert, 1892 umgebaut und stand bis 1927 im Dienst. Sie ist heute im örtlichen Museum Haus der Heimat in Burgk (Freital) ausgestellt.
Literatur Manfred Benzenberg, Anton Joachimsthaler: 1879–1979 – 100 Jahre Elektrische Eisenbahn. 3. Auflage. Josef Keller Verlags KG, Starnberg 1980, ISBN 3-7808-0125-6. E. Hoffmann: Die Telegraphie und Elektro-Technik auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung im Jahre 1879. Sonderdruck aus: Archiv für Post und Telegraphie 1879, Nr. 14. Berlin 1879. (Zitat S. 17–19 bei technik-in-bayern.de) Die elektrische Eisenbahn in Berlin. In: Das Neue Universum 1880, S. 36ff. (Online bei epilog.de)
Weblinks
Einzelnachweise
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