mini|rechts|Esbjörn Svensson, 2007 Esbjörn Svensson (* 16. April 1964 in Västerås, Schweden; † 14. Juni 2008 in Stockholm) war der Pianist und Komponist der schwedischen Jazzband Esbjörn Svensson Trio (auch E.S.T. oder e.s.t.). Er galt als einer der herausragenden Jazzpianisten der Zeit um die Jahrtausendwende und schuf mit seiner Band einen neuartigen Jazztrio-Klang, der mit seinen Anleihen beim Sound der Pop- und Rockmusik dem Jazz neue Hörer erschloss.
Biografie Anfangsjahre Esbjörn Svensson war der Sohn einer klassischen Pianistin und eines jazzbegeisterten Vaters; sein Großonkel war der Pianist und Sänger Gunnar Svensson. Klavier lernte er zunächst nur autodidaktisch. In einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen, kam er früh mit Jazz in Berührung, fühlte sich jedoch zunächst nur von der Klassik angesprochen. Als Jugendlicher entwickelte er zusätzlich ein reges Interesse für Popmusik und Rock ’n’ Roll, über die er wieder zur Klassik kam und schließlich zum Jazz fand. Bereits zu Schulzeiten gründete er seine ersten Bands. Nachdem er unter Anleitung seiner Mutter anfängliche Erfahrungen am Instrument sammeln konnte, begann er mit seinem Freund und späteren Bandkollegen Magnus Öström gemeinsam zu musizieren.
Im Alter von 16 Jahren wechselte er schließlich auf ein Musikgymnasium, wo er seinem ersten Jazzlehrer Jerzy Lisewski zugeteilt wurde.Jazzwise # 122, 2008, S. 18. Später studierte er vier Jahre an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm und erhielt Unterricht von einem klassischen Konzertpianisten, da er mit dem ihm zugewiesenen Jazzpianisten als Lehrer nicht zufriedenstellend zusammenarbeiten konnte. So verfolgte er zunächst eine Ausbildung für das klassische Spiel und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang zudem intensiv mit der Musik Johann Sebastian Bachs, die ihn später auch kompositorisch prägte. Außerdem erhielt er im Rahmen seines Studiums Unterricht von Bengt-Arne Wallin.
Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst kurze Zeit als Sideman in der schwedischen und dänischen Jazzszene – unter anderem seit 1985 für mehrere Jahre in der Hardbop-Band von Fredrik Norén. Ab 1990 gehörte er zum Quintett von Lina Nyberg. Auch trat er als Komponist für Popmusik in Erscheinung. Da er sich in dieser Formation nicht richtig wohl fühlte, verfolgte er alsbald die Idee eines eigenen Jazztrios.The e.s.t. tuesday wonderland magazine, 2006, S. 29.
Esbjörn Svensson Trio 1990 gründete er sein erstes eigenes Trio, das ein Vorläufer des Esbjörn Svensson Trios war, und dem bereits sein Jugendfreund und Schlagzeuger Magnus Öström angehörte. 1993 stieß der Bassist Dan Berglund (* 1963) zu den beiden Musikern, und das Esbjörn Svensson Trio wurde gegründet. Kurz darauf erschien ihr erstes Album When Everyone Has Gone. Ein Jahr später kamen die drei Musiker überein, sich nur noch auf die Arbeit mit ihrem eigenen Trio zu konzentrieren und keine größeren musikalischen Nebentätigkeiten mehr auszuführen. 1995 erschien in Schweden ihr Album Mr. & Mrs. Handkerchief, das sechs Jahre später vom Label ACT Music unter dem Titel E.S.T. Live '95 im restlichen Europa veröffentlicht wurde.
Mitte der neunziger Jahre hatte sich das Trio in der nordischen Jazzszene etabliert, Svensson wurde 1995 und 1996 in Schweden zum Jazzmusiker des Jahres gewählt. Das nächste Album E.S.T. Plays Monk verkaufte sich in Schweden über 10.000 mal; die frischen Arrangements der Kompositionen von Thelonious Monk fanden nun bereits großen Anklang bei Kritikern.Richard Cook, Brian Morton: The Penguin Guide to Jazz on CD. 5. Auflage. Penguin, London 2000, ISBN 0-14-051452-X, S. 1422. 1997 erschien das Album Winter in Venice, das fast ausschließlich Eigenkompositionen beinhaltet und zwei Schwedische Grammys gewann, einen für Svensson als „Best Composer“, den anderen für das beste Album.Jazzwise # 52, S. 25.
Da sein Stockholmer Label keine Auslandskontakte zur Jazzwelt hatte, nahm Svensson 1994 die Gelegenheit einer Aufnahme mit dem Posaunisten Nils Landgren wahr, um mit dessen Manager Siegfried Loch vom deutschen Jazz-Label ACT über eine Zusammenarbeit zu reden.Jazz für morgen, Die Zeit, 16. Juni 2008. Abgerufen am 16. November 2015. Svensson bestand auf einer beiderseitigen Kooperation der Labels, und es dauerte fünf Jahre, bis der Vertrag zustande kam. Mit der CD From Gagarin's Point of View (1999), die international von ACT vertrieben wurde, gelang e.s.t. auch der internationale Durchbruch. Der Song Dodge the Dodo vom genannten Album entwickelte sich zu einem oft gespielten Hit der Band. Er machte zusammen mit Svenssons weiteren Kompositionen seine kompositorischen Fähigkeiten sowie den typischen e.s.t.-Sound einem internationalen Publikum bekannt und war zukunftsweisend für die Entwicklung des Jazztrios.
Mit ihren Alben Good Morning Susie Soho und Strange Place for Snow machten sie insbesondere auch das amerikanische Publikum auf ihr Trio aufmerksam, und es folgte 2002 eine neunmonatige Tour durch Europa, die Vereinigten Staaten und Japan. Beide Alben zeichneten sich durch große Originalität aus, integrierten sicher und kreativ andere Musikstile und festigten den bestimmten Sound der Gruppe.Tom Barlow, Jazzwise # 52, S. 60. Die in der Folge veröffentlichten Alben Seven Days of Falling (2003), Viaticum (2005) und Tuesday Wonderland (2006) wurden sowohl von Kritikern als auch Fans sehr positiv aufgenommen und brachten diverse Auszeichnungen sowie sehr gute Platzierungen in den Jazz- und Popcharts. Die ausgedehnten Konzerttouren zu den Alben führten viele Zuhörer zu ihren Live-Auftritten. Allein auf der Tuesday Wonderland-Tour gab die Band innerhalb eines Jahres vor mehr als 200.000 Zuhörern über 100 Konzerte in 24 Ländern.ACT Music: . Als erste europäische Jazz-Band überhaupt erschien e.s.t. auf dem Titelbild des angesehenen US-amerikanischen Jazz-Magazins Down Beat (Mai 2006).
Nach diesem Erfolg arbeitete das Trio kontinuierlich am Konzept der Integration von elektronischen und mechanischen Klangerweiterungen in einem Jazztrio-Kontext. Das Album e.s.t. Live in Hamburg erschien im November 2007 und stellt einen Konzertmitschnitt eines Auftritts im Herbst 2006 in Hamburg im Rahmen der Tuesday Wonderland-Tour dar. Die kreative und energiereiche Improvisation der Band wird auf dieser Doppel-CD sehr authentisch festgehalten und führte zum Vergleich mit dem Köln Konzert von Keith Jarrett, was die Bedeutung in ihrer Diskographie betrifft. Die Aufnahme verdeutlicht den über die Jahre entwickelten Sound des Trios, weist dabei teilweise als neue Interpretation der bekannten e.s.t.-Kompositionen über das zuvor Gehörte hinaus und ist einer der bedeutendsten Live-Mitschnitte, die das Genre in dieser Zeit hervorgebracht hat.Jazzwise ESBJÖRN SVENSSON TRIO - EST – THREE FALLING THREE.Guy Hayden, BBC – Jazz Review: Esbjörn Svensson Trio Live in Hamburg Review. Abgerufen am 16. November 2015.
Die posthum erschienenen Alben Leucocyte und 301 sind aus frei improvisierten Jamsessions der Band in den Studios 301 während der Australien-Tour im Januar 2007 kompiliert. Die Musik ist deutlich experimenteller als auf vorhergehenden Alben und stellt einen für Jazztrios ungewohnten Sound dar, der viele elektronische Klangerweiterungen (Hall, Verzerrungen usw.) enthält, als Fundament jedoch den akustischen Klang bewahrt. Dies deutet auf die ursprünglich geplante musikalische Weiterentwicklung des Trios hin, wofür auch die Tatsache spricht, dass spontane Jamsessions, ohne feste Kompositionen, der Band als Quelle der musikalischen Erneuerung galten.ACT Music: . Die Rezeption von Svenssons visionärer Klangsprache auf diesem MeilensteinWolf Kampmann, Jazzthetik # 218, S. 64; ähnlich Reiner H. Nitschke, Fonoforum, 08/2008: . durch Musikerkollegen, Fachwelt und Publikum ist noch nicht abgeschlossen und bietet Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Klangdimensionen im Jazztrio-Kontext.Stuart Nicholson, Jazzwise # 122, S. 22.
Nach Svenssons Tod wurde das e.s.t. aufgelöst. Am 12. September 2008 fand auf Schloss Elmau in Bayern ein Gedenkkonzert für Esbjörn Svensson statt. Es spielten Dan Berglund, Magnus Öström und Nils Landgren.
Weitere musikalische Tätigkeiten Seit 1994 spielte Svensson auch Alben mit dem Posaunisten Nils Landgren ein. Die Zusammenarbeit endete 1999, da Svensson sich nur noch auf sein Trio, das stetig bekannter und erfolgreicher wurde, konzentrieren wollte. Trotz der nun sporadischen musikalischen Zusammenarbeit blieben die beiden gut befreundet und es kam zu Gastauftritten von Nils Landgren beim Esbjörn Svensson Trio.
1997 tourte das Esbjörn Svensson Trio mit der Sängerin Viktoria Tolstoy, die ihr Blue-Note-Debütalbum Russian White fertiggestellt hatte, das von Svensson produziert worden war. Im Oktober 2003 nahm sie außerdem das Album Shining on You auf, welches Svensson gewidmet war. Er komponierte und arrangierte sämtliche Songs des Albums und übernahm auch den Klavierpart, trat dabei jedoch unter dem Pseudonym Bror Falk auf.
2018 entdeckte Svenssons Frau Soloaufnahmen auf der Festplatte eines Computers. 2022 erschienen diese nie gehörten Stücke unter dem Titel Home.S. Der Albumtitel ist ein Wortspiel („Zu Hause“), trägt auch die Intitialien E und S von Svensson. mini|Esbjörn Svensson (Gedenkstein in der Street of Fame in Burghausen)
Unfalltod mini|Esbjörn Svenssons Grab, Friedhof Sandsborg, Stockholm
Ende 2007 ging Svensson mit seiner Familie drei Monate lang auf Weltreise; es ging nach Japan, Australien und Los Angeles. Mit seinem Sohn Ruben besuchte er einen Tauchkurs in Perth.
Am 14. Juni 2008 verunglückte Svensson tödlich beim Tauchen im Stockholmer Schärengarten. Er war während des Tauchgangs aus der Gruppe verschwunden und wurde anschließend leblos am Grund des Wassers gefunden. Da die Todesursache zunächst ungeklärt war, stellte die schwedische Polizei Ermittlungen an und kam zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Unfall handelte: Demnach habe sich die Luftleitung zu seinem Trockenanzug gelöst. Svensson, der erst kurz zuvor mit dem Tauchen begonnen hatte, sei vermutlich mit der Situation überfordert gewesen.
Sein plötzlicher Tod auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere und vor der Veröffentlichung des kurz zuvor fertiggestellten Albums Leucocyte löste in der Jazzszene tiefe Bestürzung und Betroffenheit aus. Am 8. Juli 2008 fand in Stockholm eine Gedenkfeier mit kurzen musikalischen Beiträgen von Viktoria Tolstoy, Nils Landgren und Svenssons beiden Bandkollegen Dan Berglund und Magnus Öström statt. Die Beisetzung erfolgte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sein Grab liegt auf dem Friedhof Sandsborg in Stockholm.
Esbjörn Svensson hinterließ seine Ehefrau und zwei Söhne.
Werk und Würdigung Esbjörn Svensson Klavierstil ist stark von Keith Jarrett – insbesondere dessen frühen Aufnahmen – beeinflusst, zeigt aber auch die Rezeption des Stils von Bill Evans und Einflüsse der Musik Pat Methenys. Des Weiteren schätzte er die Musik von Johann Sebastian Bach als äußerst wertvoll für seine musikalische Entwicklung ein und komponierte ein Wohltemperiertes Klavier für sein Jazztrio. Teile dieser Kompositionen sind in abgeänderter Fassung, die durch Anregungen seiner Bandkollegen entstand, auf dem Album Tuesday Wonderland zu hören. In der Jazztradition ist er kompositorisch der Musik von Thelonious Monk eng verbunden. In seinen Kompositionen und Improvisationen verarbeitete er außerdem Hörerfahrungen aus anderen Musikgenres, wie der Pop- und Rockmusik (z. B. Radiohead). Zur Übung und Entspannung spielte er auch gerne klassische Werke von Beethoven, Chopin, Rachmaninow und Bartók, hielt sich jedoch nicht für gut genug, um diese auf CD einzuspielen.