Reinhard P. W. Smidt (* 20. April 1874 in St. Georgiwold in Ostfriesland als Reinhard Petrus Wolbertus Smidt; † 26. Dezember 1954 in Hameln) war ein deutscher evangelisch-reformierter Pastor, Mitglied der Bekennenden Kirche und lange Jahre Verwalter der Superintendentur von Hannover bzw. Synodalvorsitzender.
Leben Smidt wuchs in St. Georgiwold und Weener im Rheiderland auf und besuchte die Schule in Emden sowie das Ubbo-Emmius-Gymnasium Leer. Er studierte anschließend Theologie in Göttingen, Berlin und TübingenElke Herrenbrück: Smidt, Reinhard, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL) 31 (Ergänzungen XVIII), Nordhausen 2010, und Wolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P. W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf. Seine erste Predigt als Pastor hielt er in seinem Geburtsort St. Georgiwold, wo sein Vater zur Zeit seiner Geburt als Prediger eingesetzt gewesen war. Nach ersten praktischen Erfahrungen in Ostfriesland, dem er zeitlebens verbunden blieb, wurde er 1900 nach Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim nahe der niederländischen Grenze berufen, wo er niederländisch und deutsch predigte.Bericht in der Neuenhauser Zeitung v. 18. August 1900; Karl Sauvagerd: Die evangelisch-reformierte Kirche von Neuenhaus und ihre Pastoren, in: Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1966, S. 103–111, Porträt S. 107; zur Sprache siehe: Wolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P. W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf
1905 wurde er an die (früher französisch-reformierte, nun generell evangelisch-reformierte) Hugenottenkirche in Hameln berufen; sein Bruder Harbert Smidt wurde sein Nachfolger in Neuenhaus. Reinhard Smidt versah seinen Dienst in Hameln bis 1950, als er im Alter von 76 Jahren emeritiert wurdePastor Smidt im Ruhestand, in: Deister- und Weserzeitung v. 28. August 1950; siehe auch Heinrich Spanuth et al. (Hrsg.): Geschichte der Stadt Hameln. Hameln 1963, S. 394, 460. Zu seinem Amt gehörte über viele Jahre der Unterricht. Am Gymnasium Hameln unterrichtete er Religion und mehrfach auch LateinWolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P. W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf und war Mitglied der theologischen Prüfungskommission im Konsistorium in Aurich, die Theologie-Studenten zu prüfen hatte. Er lehnte zahlreiche Berufungen ab, darunter 1924 die zum Missionsdirektor der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen, um in Hameln bleiben zu können. Er unterhielt ausgiebige theologische Korrespondenzen mit Amtskollegen.
Nachdem Ende 1918 die Republik ausgerufen wurde und die Kirche vom Staat getrennt wurde, wurde er 1920 vom Konsistorium Aurich beauftragt, die vakante Superintendentur der Inspektion Hannover, mit Amtssitz Hameln, zu verwalten. Er zeichnete in dieser Zeit als „Superintendentursverweser“Wolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P. W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf. Nach Inkrafttreten der neuen Verfassung der Landeskirche wurde daraus 1922 der Synodalvorsitz, was weiterhin dem Amt des Superintendenten entsprach, weiterhin mit Amtssitz Hameln. Er wurde 1933 schließlich aus politischen Gründen von seinem Amt als Synodalvorsitzender 10. Bezirkskirchenverband der Provinz Hannover (später Präses des Synodalverbandes) entbunden.
Politisch beschäftigte ihn in seinen jungen Jahren die soziale Frage, er wandte sich dann aber konservativen Positionen zu. Die „soziale Not“ beschäftigte ihn aber weiter in seinen Predigten. Am Feiertag des 1. Mai 1933, als das nationalsozialistische Regime bereits erfolgreich seine Kontrolle der staatlichen Institutionen durchgesetzt hatte, wurden alle Kirchen Hamelns beflaggt, außer – auf Anordnung Smidts – die Hugenottenkirche, da er sich Vereinnahmung der Kirche verweigerte. Kirchliche Aktivitäten anlässlich der Jahrestage der Nationalsozialisten lehnte er ab. Seine großteils erhalten gebliebenen Predigten zeigen, dass er sich während der nationalsozialistischen Herrschaft massiv gegen diese wandte, jeweils mit theologischer Begründung. „Die Kirche könne nicht den Zwecken der Regierung dienen. Sie habe ihren eigenen Auftrag.“Elke und Edgar Herrenbrück: Ein Pastor mit Bekennermut und Zivilcourage. Reinhard Smidt wehrte sich gegen Vereinnahmung durch den NS-Staat / Für "Bekennende Kirche", Deister- und Weser-Zeitung (DeWeZet) vom 13. Januar 2007 Als sich einmal zum Beginn des Gottesdienstes eine Abordnung der SS mit Hakenkreuzflagge an der Kanzel aufstellte, verwies er diese der Kirche, da in der Kirche nur Gottes Wort gelte. Eine Anordnung der inzwischen „gleichgeschalteten“ Kirchenleitung an die Pastoren, hebräische Zeichen aus Kirchensiegeln und Kirchenräumen zu entfernen, beantwortete er mit dem offiziellen Vorschlag, aufgrund der Verfolgung von Menschen die zehn Gebote auf Hebräisch und Deutsch auf den Marktplätzen aufstellen zu lassen. Gleichzeitig sprach er in seinen Predigten verstärkt vom „Juden Jesus“Mit weiteren Details siehe: Elke und Edgar Herrenbrück: Ein Pastor mit Bekennermut und Zivilcourage. Reinhard Smidt wehrte sich gegen Vereinnahmung durch den NS-Staat / Für "Bekennende Kirche", Deister- und Weser-Zeitung (DeWeZet) vom 13. Januar 2007; Elke Herrenbrück: Smidt, Reinhard, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL) 31 (Ergänzungen XVIII), Nordhausen 2010, und Wolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P.W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf. Als benachbarte Gemeinden das Reichserntedankfest unter Beteiligung Adolf Hitlers auf dem Bückeberg bei Hameln mit Feldgottesdiensten feierten, blieb seine Gemeinde demonstrativ fern. Dies unterstützte sein Kirchenrat, der trotz innerer Kontroversen zu ihm hielt. Smidt sprach in einem Gedicht der Zeit ironisch von den „Bergen, die sich bücken“. Da Reinhard Smidt, inzwischen Mitglied der Bekennenden Kirche, in Hameln ein hohes Ansehen in der national-konservativen Bürgerschaft genoss, wurde er trotz Warnungen nicht verhaftet. Eine Rolle spielte dabei wahrscheinlich auch der Fronteinsatz seiner Söhne, die, in der Presse mehrfach erwähnt, bekannte Offiziere geworden waren.Elke und Edgar Herrenbrück: Ein Pastor mit Bekennermut und Zivilcourage. Reinhard Smidt wehrte sich gegen Vereinnahmung durch den NS-Staat / Für "Bekennende Kirche", Deister- und Weser-Zeitung (DeWeZet) vom 13. Januar 2007 Sein Sohn Karl, der besonders ausgezeichnet wurde, spielte dabei eine Doppelrolle. Während dieser in Kriegseinsätzen und -planung Verantwortung übernahm, wurde auch er Mitglied der Bekennenden Kirche, schützte als Leiter einer Personalstelle Gegner der Nazis, und äußerte sich in detaillierten Briefen, die er an der Zensur vorbeileiten konnte, in deutlichen Worten über die „Barbarei der Judenverfolgung“ und die „Gottlosigkeit“ der Regierung.
Pastor Smidt war 1934 einer der Mitbegründer der Bekennenden Kirche in seinem Zuständigkeitsbereich (der „Bekenntnisgemeinschaft innerhalb der evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover“) und wurde deren Mitglied in Holthusen, Kreis Weener, Ostfriesland, wo die Mitgliederliste dieser kirchlichen Bewegung geführt wurde. Als das prominente Mitglied des kirchlichen Widerstandes, Martin Niemöller, ein Verwandter seiner Frau, 1938 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen eingeliefert wurde, verlangte Smidt erfolglos einen offiziellen Protest der Landeskirchenleitung.Elke und Edgar Herrenbrück: Ein Pastor mit Bekennermut und Zivilcourage. Reinhard Smidt wehrte sich gegen Vereinnahmung durch den NS-Staat / Für "Bekennende Kirche", Deister- und Weser-Zeitung (DeWeZet) vom 13. Januar 2007 Er sammelte auch Geld für verfolgte Pastoren und stellte ausländischen Zwangsarbeitern seine Sakristei für Gottesdienste zur Verfügung.Wolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P. W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf
Smidt lehnte 1945 die Ernennung zum kommissarischen Bürgermeister von Hameln durch die britischen Besatzungstruppen ebenso wie den Eintritt ins Stadtparlament ab,Elke und Edgar Herrenbrück: Ein Pastor mit Bekennermut und Zivilcourage. Reinhard Smidt wehrte sich gegen Vereinnahmung durch den NS-Staat / Für "Bekennende Kirche", Deister- und Weser-Zeitung (DeWeZet) vom 13. Januar 2007; Wolbert G. C. Smidt: Smidt, Reinhard P. W., in: Paul Weßels (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Aurich (Bd. 5, Online-Ausgabe) https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Smidt_Reinhard.pdf da er aufgrund seines geistlichen Amtes als auch wegen seines Alters keine Verantwortung für das politische Gemeinwesen übernehmen wollte.
Erst seit wenigen Jahren wird seine Rolle im kirchlichen Widerstand aufgrund der Auswertung bisher nicht ausgewerteter Archivalien bekannter, insbesondere aufgrund des Engagements der Hamelner Historikerin Elke HerrenbrückElke und Edgar Herrenbrück: Ein Pastor mit Bekennermut und Zivilcourage. Reinhard Smidt wehrte sich gegen Vereinnahmung durch den NS-Staat / Für "Bekennende Kirche", Deister- und Weser-Zeitung (DeWeZet) vom 13. Januar 2007; Elke Herrenbrück: Pastor Reinhard Smidt (1905–1950), in: Evangelisch-reformierte Gemeinde Hameln - Bad Pyrmont (Hrsg.), 100 Jahre Evangelisch-reformierte Kirche Hameln in der Hugenottenstraße, Festschrift, Hameln 2006, S. 41–51; Elke Herrenbrück: Smidt, Reinhard, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL) 31 (Ergänzungen XVIII), Nordhausen 2010. „Die studierte Historikerin ... hat ... insbesondere das langjährige Wirken des ersten Pastors der Gemeinde, Reinhard Smidt, ins Auge gefasst. 'Eine große historische Entdeckung' sei damit gelungen, sagt sie. Smidt ... stand während der Zeit des Nationalsozialismus in ständiger Gegnerschaft zum Regime, obwohl seine Söhne als Offiziere dienten und hohe Auszeichnungen erhielten. Smidt indes kämpfte – unterstützt von seiner Gemeinde – zwölf Jahre lang gegen die Nazis.“
Publikationen und dichterische Versuche