Somatoforme Störungen sind körperliche Beschwerden, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen (im klassischen medizinischen Sinne des ICD-10). Kennzeichnend ist eine intensive Fixierung auf bestimmte körperliche (somatische) Symptome, die zu erheblichem Leid führen und die alltägliche Lebensführung beeinträchtigen (DSM-5).N. C. van Dessel, J. C. van der Wouden, J. Dekker, H. E. van der Horst: Clinical value of DSM IV and DSM 5 criteria for diagnosing the most prevalent somatoform disorders in patients with medically unexplained physical symptoms (MUPS). In: Journal of psychosomatic research. 82, 2016, S. 4–10.T. Rosic, S. Kalra, Z. Samaan: Somatic symptom disorder, a new DSM-5 diagnosis of an old clinical challenge. In: BMJ Case Reports, 2016.R. Mayou: Is the DSM-5 chapter on somatic symptom disorder any better than DSM-IV somatoform disorder? In: The British journal of psychiatry: the journal of mental science, 2014, 204(6), S. 418–419. Typische Verhaltensweisen sind körperliches Schonverhalten, die Einnahme von Medikamenten und häufige Arztwechsel („doctor hopping“). Dadurch entstehen sehr hohe Kosten für das Gesundheitswesen, wobei jedoch oft keine Besserung der Beschwerden herbeigeführt werden kann.
Im Diagnosemanual DSM-5 wird die somatoforme Störung in die Kategorie "somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen" als "somatische Belastungsstörung" eingeordnet. Zu den Allgemeinsymptomen der somatischen Belastungsstörung gehören Müdigkeit, Erschöpfung, Schmerzen, Schwindel, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Beschwerden, sexuelle und neurologische Symptome. Somatoforme Symptome treten bei circa 80 Prozent der Bevölkerung zumindest zeitweise auf, gehen in der Regel von selbst vorüber und werden kaum beachtet.
Somatoforme Störungen gehören zu den häufigsten Beschwerden bei Patienten von Allgemeinärzten und Allgemeinkrankenhäusern. Die Prävalenzschätzungen der somatischen Belastungsstörung sind jedoch wegen der neuen Diagnosekriterien noch ungenau. Neuere Schätzungen zeigen eine Prävalenz von bis zu 13 %. Patienten mit somatoformen Störungen werden vom Hausarzt oft als schwierig wahrgenommen; die Betroffenen selbst wiederum sind oft von ihren Behandlern enttäuscht. Häufig wird die Erkrankung erst spät erkannt und es vergehen oft Jahre, bis der Patient zum Psychotherapeuten überwiesen wird oder bereit ist, sich mit einer anderen als einer rein körperlichen Verursachung auseinanderzusetzen.C. Hausteiner-Wiehle, H. Sattel, P. Henningsen: Ill or not ill? Towards a better management of patients with "medically unexplained symptoms". In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. 140(17), 2015, S. 1320–1323.H. Sattel, R. Schaefert, W. Hauser, M. Herrmann, J. Ronel, P. Henningsen u. a.: Treatment of non-specific, functional and somatoform bodily complaints. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 2014, 139(12), S. 602–607.
Die Kosten für die Behandlung dieser Personengruppe liegen deutlich höher als die durchschnittlichen Pro-Kopf-Behandlungsausgaben.C. Lahmann, P. Henningsen, M. Noll-Hussong, A. Dinkel: Somatoforme Störungen. In: Psychother Psychosom Med Psychol. 60, 2010, S. 227–236. doi:10.1055/s-0030-1248479
Entstehung der Diagnose Der Begriff „Somatoforme Störungen“ wurde 1980 in die offiziellen Klassifikationssysteme eingeführt. In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) werden sie in der Kategorie F45 erfasst. Theoretische Grundlage des Krankheitskonzepts sind die Vorgänge der Somatisierung. Traditionelle Bezeichnungen für ähnliche Krankheitsbilder und Syndrome sind: psychogene Störungen, funktionelle Störungen, vegetative Dystonie, allgemeines psychosomatisches Syndrom, Konversionshysterie, Briquet-Hysterie und psychische Überlagerung. Mit dem DSM-5 wandelt sich die Klassifikation von „Somatoforme Störungen“ zu „Somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen“.
Ursachen Die Entstehung somatoformer Störungen beruht auf multiplen Faktoren, ohne dass diese vollständig bekannt sind und ohne dass ein einheitliches Erklärungsmodell existiert. Vielmehr wird ein Wechselspiel verschiedener biologischer, psychischer, iatrogener und sozialer Faktoren als Auslöser angenommen. Auch genetische Faktoren (zum Beispiel eine verstärkte Reaktionsbereitschaft des vegetativen Nervensystems) werden diskutiert. Wahrscheinlich sind aber insbesondere psychosoziale Faktoren für die Entstehung und den Verlauf somatoformer Störungen von Bedeutung:
zu lange anhaltender Stress führt zu Anspannungen oder Fehlsteuerungen innerer Organe Trauma ein Teufelskreis von körperlichen Reaktionen, Angst und verstärkter Wahrnehmung körperlicher Symptome (sogenannte somatosensorische AmplifikationV. Duddu, M. K. Isaac, S. K. Chaturvedi: Somatization, somatosensory amplification, attribution styles and illness behaviour: a review. In: Int Rev Psychiatry., 2006, 18, S. 25–33; doi:10.1080/09540260500466790) körperliche Beschwerden werden psychodynamisch als Folge seelischer Konflikte verstanden: unbewusste seelische Prozesse (zum Beispiel Angst, Wut, Ärger, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen) können sich in Körpersymptomen ausdrücken (vergleiche Psychosomatik). Eine besondere Rolle in der Genese somatoformer Störungen können (frühkindliche) sexuelle Traumatisierungen, körperlicher Missbrauch,M. L. Paras, M. H. Murad, L. P. Chen, E. N. Goranson, A. L. Sattler, K. M. Colbenson, M. B. Elamin, R. J. Seime, L. J. Prokop, A. Zirakzadeh: Sexual abuse and lifetime diagnosis of somatic disorders: a systematic review and meta-analysis. In: JAMA. 302, 2009, S. 550–561. doi:10.1001/jama.2009.1091 aber zum Beispiel auch KriegserfahrungenM. Noll-Hussong, H. Glaesmer, S. Herberger, K. Bernardy, C. Schonfeldt-Lecuona, A. Lukas u. a.: The grapes of war. Somatoform pain disorder and history of early war traumatization in older people. In: Z Gerontol Geriatr., Juli 2012, 45(5), S. 404–410. spielen. Lernprozesse wie operantes Lernen, respondentes Lernen und Modelllernen Prädisponierende Persönlichkeitszüge wie die Alexithymie Dysfunktionale Gedanken wie Katastrophisierungen
Epidemiologie und Verlauf Somatoforme Störungen sind einer der häufigsten psychischen Störungen in Europa und Deutschland. Von der Störung sind häufiger Frauen als Männer betroffen, außer bei der Hypochondrie. Die Lebenszeitprävalenz wird auf 13 % geschätzt. Weiterhin ist das Auftreten der Störung mit einem niedrigen Bildungs - bzw. sozioökonomischen Status assoziiert. Somatoforme Störungen beginnen meistens zwischen dem 16. und dem 30. Lebensjahr. Über den Verlauf gibt es aktuell noch wenige Studien, jedoch ist der Krankheitsverlauf meist chronisch und gekennzeichnet durch wenige Remissionsraten. Zudem vergehen meisten drei bis fünf Jahre bis die Diagnose vergeben wird.
Symptombild Somatoforme Störungen können sich in einer Vielzahl von Krankheitszeichen (Symptomen) äußern: im Bereich der Atmung (zum Beispiel als Gefühl der Atemhemmung, Kloß im Hals, Halsenge, Luftnot) im Bereich des Herzkreislaufsystems (zum Beispiel Druckgefühl, Stiche, Beklemmungsgefühl in der Brust, Herzstolpern) im Magen-Darm-Trakt (Reizmagen und Reizdarm): Übelkeit, Völlegefühl, Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten in der Gynäkologie: (chronische) Unterbauchschmerzen mit Ausstrahlung in Leisten und Kreuzbein, Pelvipathiesyndrom (Schmerzen, die über sechs Monate anhaltend oder wiederkehrend auftreten, unabhängig von Geschlechtsverkehr und Zyklus) in der Urologie (Reizblase, Urethralsyndrom, Prostatodynie): Häufiges oder schmerzhaftes Wasserlassen (Gefühl erschwerter Miktion), Schmerzen im Unterbauch oder Darm. als Somatoforme Schmerzstörung: Anhaltende Schmerzen ohne hinreichend erklärenden körperlichen Befund.
Oft handelt es sich um Symptome, die mit einer starken Erregung des autonomen Nervensystems einhergehen können. Aber auch Fehlfunktionen, die über das nicht-autonome Nervensystem vermittelt sind, wie Zittern und muskulärer Hartspann oder hormonelle Auffälligkeiten sind zu beobachten.
Daneben findet man bei Patienten mit somatoformen Störungen häufig andere psychische Störungen, insbesondere Depressionen und Angststörungen.
Komorbiditäten treten vor allem mit Angststörungen und Depressionen (30–40 %) auf, aber auch Persönlichkeitsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung und Suchterkrankungen auf.
Diagnose Die Diagnose einer somatoformen Störung beruht bisher zunächst auf dem hinreichend sicheren, zeitlich gerafften und nicht ständig wiederholten Ausschluss einer alleinigen organischen Verursachung der beklagten Körperbeschwerden.N. Sauer, W. Eich: Somatoforme Störungen und Funktionsstörungen. In: Dtsch Arztebl International. 1(1), 2009, S. 18. Dazu muss aber eine psychologische Diagnostik kommen, die gegenwärtiges Gefühls- und Gemütsleben, psychische Konflikte, Aspekte der psychischen Struktur, biographische Belastungen und soziale und kulturelle Faktoren berücksichtigt.
Zur Diagnosehilfestellung existieren verschiedene strukturierte klinische Interviews und Fragebögen, da eine professionelle Diagnose niemals das alleinige Resultat des Scores eines Selbstauskunftsfragebogens ist.A. M. Murray, A. Toussaint, A. Althaus, B. Lowe: The challenge of diagnosing non-specific, functional, and somatoform disorders: A systematic review of barriers to diagnosis in primary care. In: Journal of psychosomatic research. 80, 2016, S. 1–10. In Deutschland ist (neben der allgemeinen Symptom-Checkliste SCL-90) das Screening für Somatoforme Störungen (SOMS) der verbreitetste Fragebogen, der unterstützend zur Diagnosefindung benutzt wird. Ein weiteres Hilfsmittel ist der frei verfügbare Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D).
Nach ICD-10
Im ICD-10 werden unterschieden: die Somatisierungsstörung (F45.0) und die undifferenzierte Somatisierungsstörung (F45.1) die Hypochondrische Störung (F45.2) die Somatoforme autonome Funktionsstörung (F45.3x) die Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.40) die sonstigen somatoformen Störungen (F45.8) die somatoforme Störung, nicht näher bezeichnet (F45.9) Nach DSM
Mit dem DSM-5 wandelt sich die Klassifikation von „Somatoforme Störungen“ zu „Somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen“. Im DSM-5 wird das Konzept der „Negativdiagnostik“ gemeinsam mit dem Begriff der „somatoformen Störung“ aufgegeben. Vielmehr genügt es, wenn ein oder mehrere belastende oder beeinträchtigende körperliche Symptome vorhanden sind. So wird der empfundenen Not der Patienten mehr Beachtung geschenkt.
Damit wird prinzipiell jede Erkrankung adressiert, welche mit einer klinisch auffälligen und leidvollen psychosoziale Dysfunktionalität inneren Beteiligung des Betroffenen einhergeht (z. B. Arbeitsplatzverlust nach häufigen Auszeiten, Paartrennungen oder Familienkonflikte nach prolongierter und einseitiger Fokussierung der Kommunikation auf Krankheiten, Beschwerden, (endlich) Ernst-Genommen-Werden und wechselseitige Enttäuschungsspiralen).W. Rief, A. Martin: How to use the new DSM-5 somatic symptom disorder diagnosis in research and practice: a critical evaluation and a proposal for modifications. In: Annual review of clinical psychology. 10, 2014, S. 339–367.
Subtypen nach ICD-10
Somatisierungsstörung Bei einer Somatisierungsstörung (F45.0) müssen nach ICD-10 über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren anhaltende Klagen über verschiedene und wechselnde körperliche Symptome (mindestens sechs) vorliegen. Wichtig ist, dass diese nicht vorwiegend vegetativ sind (ansonsten handelt es sich um eine somatoforme autonome Funktionsstörung). Die Symptome dürfen nicht ausreichend durch eine körperliche Ursache erklärt werden können, was vom Betroffenen jedoch nicht (oder höchstens kurzzeitig) akzeptiert wird. Charakteristisch sind häufige Arztbesuche (mindestens drei), Selbstmedikation oder das Aufsuchen von Laienhelfern bzw. Verfahren der Komplementärmedizin. Typische Symptome sind: