alt=Lonzi an einem Essenstisch mit karierter Tischdecke, nachdenklich lächelnd, Ellbogen aufgestützt|mini|Carla LonziCarla Lonzi (6. März 1931 in Florenz – 2. August 1982 in Mailand) war eine italienische Kunstkritikerin und feministische Aktivistin und Theoretikerin. Ihr Leben lang kämpfte sie dagegen, „das Leben auf eine Summe von Rollen und Identitäten zu reduzieren“.Giovanna Zapperi: Selbstbewusstwerdung in: Carla Lonzi: Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b-books, 2021, S. 7–25, Zitat S. 8

Überblick Carla Lonzi war eine italienische Kunstkritikerin und feministische Aktivistin, die vor allem als Mitbegründerin des 1970 entstandenen radikalfeministischen Kollektivs Rivolta Femminile (Feminine Revolte) und durch ihre theoretischen Texte bekannt wurde.

Zu Lonzis bedeutendsten Werken gehören Autoritratto („Selbstporträt“, 1969); und das Manifesto di Rivolta femminile,dt. „Das Manifest von Rivolta Femminile“ in Carla Lonzi: Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books 2021, S. 99–109 Sputiamo su Hegel, La donna clitoridea e la donna vaginale e altri scritti („Spucken wir auf Hegel Die klitoridische Frau und die vaginale Frau und andere Schriften“dt. Teilübersetzung in: „Die Lust Frau zu sein“, Berlin: Merve 1975) und Taci, anzi parla. Diario di una femminista („Schweig, oder sag’s besser. Tagebuch einer Feministin“ (nicht übersetzt)).

Carla Lonzi wurde als Tochter einer bürgerlichen Familie geboren. Ihr Vater besaß ein kleines Industrieunternehmen, und ihre Mutter widmete ihr Leben der Erziehung und Bildung von Lonzi und ihren vier Geschwistern. Ihre Schwester Marta Lonzi (1938–2008), eine Architektin, war ebenfalls eine feministische Aktivistin. In ihren frühen Zwanzigern interessierte sich Lonzi sehr für Film und Theater, sowohl als Zuschauerin als auch als Gestalterin. Dies führte sie zur Performance-Kunst, die sie wegen ihrer Fähigkeit schätzte, reale Lebenserfahrungen zu inszenieren und Wahrheiten zu enthüllen. Lonzi studierte Kunstgeschichte an der Universität von Florenz bei Roberto Longhi und schrieb ihre Abschlussarbeit über die Beziehung von Theater und figurativen Künstenposthum veröffentlicht: Rapporti tra la scena e le arti figurative dalla fine dell'800, Firenze:Olschki, 1995. Sie strebte keine universitäre Karriere an, sondern wandte sich der zeitgenössischen Kunst zu und begann mit der Mitarbeit an Zeitschriften und kuratierte Ausstellungen. Auf Vermittlung von Longhi arbeitete sie auch an der Kultursendung Approdo der RAI (Radio) mit.

Im Jahr 1955 heiratete Lonzi Mario Lena. Im Jahr 1960 brachte sie den gemeinsamen Sohn Battista Lena zur Welt. Das Paar trennte sich 1963. Danach begann sie eine Beziehung mit dem Bildhauer Pietro Consagra. Diese Beziehung dauerte bis 1980vgl. über die Beziehung und ihr Ende das Buch Carla Lonzi: Vai pure. Dialogo con Pietro Consagra, Milano, Scritti di Rivolta Femminile, 1980 Das Buch beruht auf Tonbandaufzeichnungen eines mündlichen Dialogs mit Consagra.. 1967/1968 hielt sich Lonzi für 8 Monate in den USA auf. In dieser Zeit arbeitete sie an Autoritatto und wurde in Boston wegen Krebs operiert. 1970 gründeten Lonzi, die Künstlerin Carla Accardi und die Journalistin Elvira Banotti Rivolta Femminile. Ihre erste Aktion im Juli 1970 bestand darin, in den Straßen Roms Kopien des „Manifesto di Rivolta Femminile“ anzuschlagen. Die Politik von Rivolta Femminile basierte weitgehend auf der Theorie und Praxis der „Autocoscienza“. (Selbstbewusstwerdung) „Autocoscienza“, d. h. ein gesteigertes Selbstbewusstsein, war eine kollektive Übung feministischer „Bewusstseinsbildung“, deren Kern die Überzeugung war, dass Frauen sich selbst besser verstehen können, wenn sie in einen offenen Dialog mit anderen Frauen treten, sich gegenseitig anerkennen und so unabhängig von der Anerkennung der Männer werden.

„Die Frau gehört einer besiegten Spezies an. Sie ist besiegt durch den Mythos des Mannes. Die Frau leidet unter dem Privileg des Mannes, aber sie erträgt es in Ergebenheit zu dem, der sich als Subjekt durchgesetzt. Der Vertreter der siegreichen Spezies sagt zu der Frau: ‚Erweise dich meiner würdig! Mach dir durch die Kenntnis des Subjekts die Denkweise dessen zu eigen, der ganz Mensch, ganz universell ist. Unter meiner Führung wirst du selbst zum Subjekt!‘“Zur Bedeutung der Selbstwerdung in feministischen Gruppen in: Carla Lonzi: Selbstbewusstwerdung. Schriften zur Kunst und Feminismus, hg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books, 2021, S. 111–117, Zitat S. 111

Rivolta Femminile gründete ihren eigenen Verlag, Scritti di Rivolta Femminile, der es der Gruppe ermöglichte, ihre eigenen Arbeiten zu drucken und zu vertreiben. Dies war wichtig für Lonzi, die ein besonderes Interesse am Schreiben und Veröffentlichen hatte. Lonzi wird im italienischen Feminismus der zweiten Welle eine zentrale Rolle zugeschrieben. Dabei verhielt sich Lonzi gegenüber der Bewegung durchaus kritisch. Ihre Hauptsorge war dabei, dass sich der Feminismus durch eine an Gleichheit und Rechten orientierte Politik von der patriarchalen Kultur vereinnahmen lassen könnte.

Lonzis Tagebuch einer Feministin besteht aus einer Reihe von Tagebucheinträgen aus den Jahren 1972 bis 1977. Das Tagebuch ist eine Chronik von Lonzis sozialen Experimenten mit Beziehungen, der Erforschung der weiblichen Sexualität und der Suche nach der Wahrheit.Claire Fontaine: We are all Clitoridian Women Notes on Carla Lonzi's Legacy - Journal #47 September 2013 - e-flux https://www.e-flux.com/journal/47/60057/we-are-all-clitoridian-women-notes-on-carla-lonzi-s-legacy/ Es nimmt Bezug auf viele wichtige Personen in Lonzis Leben, auch wenn sie mit fiktiven Namen erwähnt werden. Zu diesen Personen gehören Accardi, Consagra und ihre Schwester Marta Lonzi, die ebenfalls Mitglied der Rivolta Femminile war. Darüber hinaus gibt es viele Widersprüche zwischen den frühen und den späten Jahren des Tagebuchs. So scheint sich Lonzi in den ersten Abschnitten des Werks vor allem mit dem Kollektiv der Frauen zu beschäftigen, was dem Konzept der „autocoscienza“ entspricht, während sie sich in den späteren Abschnitten vor allem auf ihre Beziehung zu Consagra konzentriert. Zuletzt arbeitete Lonzi an einem Buch über die französischen Précieuses. Sie starb am 2. August 1982 in Mailand, im Alter von 51 Jahren.

Carla Lonzis Nachlass liegt in der Fondazione Basso in Rom.

Kunstkritik und Kritik der Kunstkritik Lonzi begann ihre Karriere als Kunstkritikerin in den späten 1950er Jahren. 1966 verfasste sie eine Monografie über das Werk des Malers Henri Rousseau. Bereits 1963 kritisierte sie in ihrem Text „Die Einsamkeit des Kritikers“Carla Lonzi: „Die Einsamkeit des Kritikers“ in: diess. Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books 2021, S. 47–52 die übliche Kunstkritik scharf. Sie konstatiert, dass „die Künstler mit den Kritikern mehr oder weniger nichts anzufangen“Carla Lonzi: „Die Einsamkeit des Kritikers“ in: diess. Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books 2021, S. 51 wüssten. Die Künstler nähmen gegenüber den Kritikern nunmehr nur noch ein instrumentelles Verhältnis ein und selbst in dieser Hinsicht seien die Galeristen für die Künstler ungleich wichtiger.Carla Lonzi: „Die Einsamkeit des Kritikers“ in: diess. Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books 2021, S. 48 Den Kritikern wirft Lonzi vor, diese Situation nicht zum Anlass der Selbstreflexion zu machen und sich nicht „[…] der Grenzen innerhalb derer sie ihre Funktion erfüllen, und der Notwendigkeit, dies um neue lebendige Zugänge zu erweitern, bewusst zu werden.“ Sie sieht die Situation als „eine Folge falscher Verhaltensweisen seitens der Kritiker […] insofern sie versucht haben ihr Prestige durch eine Stärkung ihrer Machtmittel zu erneuern.“ Als Beispiel dieses Machtmissbrauchs greift sie besonders den bekannten Kritiker Giulio Carlo Argan an. Sie sieht die Versuche einer ideologischen Gängelung der Kunst als hilflose Reaktion auf einen Kontrollverlust, da auch die Kritiker nicht der Kondition der modernen Menschen entgingen, „[…] im Zusammenhang mit jeder Art unvorhersehbarer und vorhersehbarer Ereignisse kontinuierlich in Frage gestellt [zu] werden.“Carla Lonzi: „Die Einsamkeit des Kritikers“ in: diess. Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books 2021, S. 49 Als eigentliche Aufgabe der Kritik setzt sie der autoritären Bevormundung die Erläuterung des „Ursprungs des künstlerischen Werkes“ entgegen „um den Menschen zu geben, was sie am meisten brauchen, nämlich eine im Werk selbst verifizierbaren emotionalen Zugang zur Art und Weise, in der man akzeptieren kann in einem vom Werteverfall geprägten Universum zu leben […].“Carla Lonzi: „Die Einsamkeit des Kritikers“ in: diess. Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus, hrsg. von Giovanna Zapperi, Berlin: b_books 2021, S. 50

Obwohl Lonzi 1963 die Situation der Kunstgeschichte und Kunstkritik bereits als eine „einigermaßen verheerende“ bezeichnete, hatte sie damals die Hoffnung auf eine der geschichtlichen Situation angemessene Erneuerung ihrer Disziplin noch nicht völlig aufgegeben. Der Bruch mit der Tradition, die Erschütterung des traditionellen Generationenverhältnisses sei nicht nur negativ, da er „[…] auch viele Gesten [provoziere], die eine neue Art und Weise auf der Welt zu sein eröffnen, die darauf abzielt, spielerisch mit dem fortlaufenden Austausch von Energien umzugehen, die eine Menschen wie nie zuvor umtreiben und erschüttern.“

1969 veröffentlichte sie Autorittrato, ein Buch, das auf der Aufzeichnung einer Reihe von Gesprächen zwischen Lonzi und 14 Künstlern verschiedener Generationen (13 Männer und eine Frau) zwischen 1965 und 1969 beruhte. Autorittrato versucht, die Konsequenz aus der Kritik der Kunstkritik zu ziehen. Autorittrato beruht auf mit Tonband aufgezeichneten Gesprächen mit den Künstlern, die Lonzi aber nicht einfach abdruckte, sondern neu montierte und durch Fotografien ergänzte.Zur Strategie des Gebrauchs des Tonbands bei Lonzi, Debord und anderen vgl. Franceso Ventrella: „Magnetic Encounters.. Listening to Carla Lonzi’s taperecordings“ in: Feminism and Art In Postwar Italy. The Legacy of Carla Lonzi, hrsg. von Franceso Ventrella und Giovanna Zapperi, London etc.: Bloomsbury Visual Arts, 2022, S. 45–73 Dabei weicht Lonzi von der traditionellen Verwendung von Fotografien ab, indem sie persönliche Schwarzweißfotos der Künstler ohne Untertitel anstelle von Abbildungen ihrer Werke verwendet. Lonzis Verhältnis zu den Künstlern ist in dieser Zeit noch von einer starken Identifikation geprägt. Die Künstler, die in Autorittrato vorgestellt wurden, waren: Lucio Fontana, Jannis Kounellis, Luciano Fabro, Pino Pascali, Giulio Paolini, Mimmo Rotella, Carla Accardi, Getulio Alviani, Enrico Castellani, Mario Nigro, Salvatore Scarpitta, Giulio Turcato, Cy Twombly und Pietro Consagra. Dem Dialog mit Accardi, die auch Gründungsmitglied von Rivolta Femminile werden sollte, kam dabei besondere Bedeutung zu. Sie thematisiert als einzige die Unterdrückung von Frauen.

Sputiamo su Hegel – Wir spucken auf Hegel „Wir spucken auf Hegel“ (1970), (dt. in „Die Lust Frau zu sein“ als „Wir pfeifen auf Hegel“ übersetzt) ist der bekannteste Text Lonzis. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Hegel steht hier letztlich paradigmatisch für die gesamte patriarchale Kultur. Gleichzeitig ist Sputiamo eine Auseinandersetzung mit dem Marxismus, besonders (aber nicht nur) mit dem damals in der italienischen Linken dominanten Marxismus-Leninismus.

Sputiamo ist eine Kritik der Gleichheit und des Mythos der Revolution.