mini|Kuh in der Nähe von Bhopal in Indien Die Klage der Kuh ist ein Dialog zwischen der Kuh und einer Hörerschaft. Sie ist vom ältesten Teil des Avestas überliefert und gehört zu dessen bekanntesten Geschichten. Die Erzählung basiert auf alten indoeuropäischen Mythen mit dem Motiv des Viehdiebstahls. In der Erzählung wird das Motiv mittels weltlichen und spirituellen Elementen zur Abgrenzung der Lehren Zarathustras gegenüber alten Traditionen verwendet.

Einleitung Die Klage der Kuh ist ein Dialog aus den ältesten Texten des Avestas. Der Dialog ist aus dem Yasna und trägt die Bezeichnung Yasna 29. Er ist in 11 Abschnitte unterteilt, die mit Yasna 29.1 bis Yasna 29.11 angegeben werden. Die Klage der Kuh ist Bestandteil des ersten Gesangs der Gathas.

Die Gathas, in die die Klage der Kuh eingereiht wird, sind ein historischer Text, der eine Gemeinschaft in einem kritischen Moment ihrer Geschichte beschreibt. Sie stellen Situationen und Ideen dar, die die Gemeinschaft beschäftigten, als diese Literatur geschaffen wurde. Die Gathas sprechen von denen, die sie beim Namen nennen, in der Gegenwart. Es geht um reale Menschen, die einen wichtigen Platz innerhalb der Familie, dem Clan oder im Stamm einnahmen. Der deutlichste Hinweis auf historische Personen ist deren Einbezug durch den Rezitator, wenn er um göttliche Gunst für „Zarathustra und uns“ und „Vistaspa und mich“ bittet.Jean Kellens, Eric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 3 Bände. Reichert Verlag, Wiesbaden 1988, Band 1, S. 4.

Inhalt Der dramatische Dialog der Klage der Kuh wird von der Kuh eröffnet, die sich an eine Hörerschaft wendet. Sie klagt ihr ihr Leid und fordert ein Ende ihrer misslichen Lage.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Readings from the Avesta and the achaemenid inscriptions. Minneapolis 1983, S. 35.

Daraufhin wendet sich der Gestalter der Kuh an die Harmonie mit der Frage, ob es so vorgesehen sei, dass sich die Kuh auf der Weide ernähre, verbunden mit der Arbeit des Hirten. Welcher Hirte denn ihrer Meinung nach den Zorn und die Anhänger der Täuschung vertreiben könne.Yasna 29.2. Nach ein paar Diskussionen wird die Frage Mazda übergeben. Mazda ist nach Ansicht der Teilnehmer derjenige, der am besten im Gedächtnis behält, welche Gebote früher von (schlechten) Göttern und (schlechten) Menschen angewandt wurden und welche später kommen werden.Yasna 29.4. Er erklärt, dass die Kuh im Rahmen der Schöpfung, für die er die Verantwortung trage, für den Viehzüchter und Hirten vom Gestalter geformt worden sei.Yasna 29.6. Der Gestalter der Kuh schlägt darauf Zarathustra als Hirten für die Kuh vor.Yasna 29.8. Die Kuh ist damit nicht zufrieden und beklagt sich.

Es bleibt der Kuh aber keine andere Wahl. Sie muss sich mit Zarathustra begnügen. Der Gesang endet mit einem nicht eindeutigen Gebet, um Zarathustra mehr Macht zu geben.

Beschreibung Der Dialog Die Klage der Kuh ist in den Details aus verschiedenen Gründen schwierig zu verstehen. Eines der größten Probleme stellt die Identifikation des Erzählers und der Zuhörer dar. Namentlich erwähnt sind die Kuh und der Gestalter der Kuh, Zarathustra und Mazda. Alle anderen Teilnehmer ebenso wie die Sprechenden in den einzelnen Abschnitten können nur vermutet werden.

Im Abschnitt 29.2 wird die in den Gathas einmalig aufgeführte Entität Gǝuš Tašan erwähnt, die mit Zimmermann der Kuh, beziehungsweise Gestalter der Kuh übersetzt wird. Gemäß einer wissenschaftlichen Meinung ist es dieser, der in den Absätzen 29.2 bis 29.8 einen Dialog mit Mazda führt. Der Dialog ist eingerahmt von den Klagen der Kuh in Absatz 29.1 und 29.9. Die zwei restlichen Abschnitte 29.10 und 29.11 nehmen in der Anrufung Mazdas den Faden aus dem vorherigen Gesang (Yasna 28) wieder auf.Jeans Kellens: Le pantheon de l’Avesta ancien. Reichert Verlag, Wiesbaden 1994, S. 102; Jean Kellens, Eric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 3 Bände. Reichert Verlag, Wiesbaden 1988, Band 2, S. 248.

Dem gegenüber steht die Annahme, dass in den meisten Abschnitten Zarathustra die sprechende Person ist (29.1, 29.2, 29.5–29.7, 29.9–29.11).

Für den Sprecher des Abschnitts 29.8, worin Zarathustra als Hirte der Kuh vorgeschlagen wird, werden der Gestalter der Kuh,Jean Kellens, Eric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 3 Bände. Reichert Verlag, Wiesbaden 1988, Band 1, S. 109. Mazda und Vohu Manah vorgeschlagen.Jacques Duchesne-Guillemin: On the Complaint of the Ox-Soul. In: Journal of Indo-European Studies. Heft 1, Washington 1973, S. 101–102.

Die Adressaten Bei den Anfang des Gesangs in der zweiten Person Plural angesprochenen anonymen Adressaten handelt es sich um eine Gruppe von guten Gottheiten, die nicht ausdrücklich Ahura Mazda zugeordnet werden können. Es sind Gottheiten, von denen die Kuh Hilfe und Schutz erwarten kann. Sie stellt ihnen die zwei Fragen, für wen sie lebe und wer sie konstruiert habe. Ahura Mazda wird ihr in 29.6 antworten, dass sie nicht das Ergebnis einer kollektiven Tat von Göttern gewesen, sondern sie im Rahmen der Schöpfung des Kosmos für den Viehzüchter und den Hirten gestaltet worden sei.Jeans Kellens: Le pantheon de l’Avesta ancien. Reichert Verlag, Wiesbaden 1994, S. 66, 102 und 116.

Der Gestalter Die Identität des Gestalters der Kuh ist nicht vollständig gesichert und wird gegenüber dem verantwortlichen Schöpfer des Kosmos, Ahura Mazda, abgegrenzt. Wahrscheinlich stammt die Figur, die im Abschnitt 29.6 erwähnt ist, von der indoiranischen Figur des Tvashtri ab, der vom ältesten Teil des Rigveda überliefert ist. In der Klage der Kuh wird er Thvoreschtar (französisch le tailleur/der Schneider/le façonneur/der Formgeber; englisch: the Artisan/der Kunsthandwerker) genannt.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Readings from the Avesta and the achaemenid inscriptions. Minneapolis 1983, S. 36; Jeans Kellens: Le pantheon de l’Avesta ancien. Reichert Verlag, Wiesbaden 1994, S. 116.

Ahura Mazda Die Vormachtstellung von Ahura Mazda gegenüber allen anderen Gottheiten und dem Gestalter zeigt sich, indem er es selber ist, der der Klage der Kuh antwortet. Er ist der Autor und Verantwortliche für den Kosmos, wie er erschaffen wurde. Wenn es die Götter als Ganzes sind, die für die ständige Sicherheit und Pflege der Weide sorgen, so ist es Ahura Mazda als Schöpfer, dem die archetypische Erschaffung der Kuh zu verdanken ist.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Readings from the Avesta and the achaemenid inscriptions. Minneapolis 1983, S. 36; Jeans Kellens: Le pantheon de l’Avesta ancien. Reichert Verlag, Wiesbaden 1994, S. 116.

Sprachliche Schwierigkeiten Die Schwierigkeit und die Unklarheiten des Textes haben zu vielen Interpretationen vor allem der nicht namentlich erwähnten Teilnehmer des Dialogs geführt. Es haben sich zwei wissenschaftliche methodische Ansätze herauskristallisiert.Georges Dumézil: À propos de la plainte de l’âme du bœuf (Yasna 29). In: Bulletin de l’Academie royale de Belgique, Classe des Lettres, Band 51. Brüssel 1965, S. 23–24. Im streng philologischen Ansatz von Jean Kellens und Eric Pirart werden die abstrakten Bezeichnungen für die Teilnehmer beibehalten. So übersetzen sie zum Beispiel den avestischen Begriff aus den Texten mit Harmonie (l’Harmonie). Den gleichen avestischen Begriff interpretiert William W. Malandra als Aša Vahišta. Analoges geschieht mit dem göttlichen Gedanken (la divine Pensée) zu Vohu Manah und dem Einfluss (l’emprise) zu Xšathra Vairya. Alle drei sind Wesenheiten der Amescha Spenta, die aber erst später in der Orthodoxie des Avestas kanonisiert wurden.Jean Kellens, Eric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 3 Bände. Reichert Verlag, Wiesbaden 1988, Band 1, S. 110; William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Readings from the Avesta and the achaemenid inscriptions. Minneapolis 1983, S. 39; .

Eine weitere Schwierigkeit bereitet das Verständnis einzelner Passagen, so dass diese verschiedene und zum Teil unverständliche Aussagen erfahren. Im Folgenden eine Übersetzung des Abschnitts 29.7 mit dem streng philologischen Ansatz und eine zweite, die denselben Abschnitt interpretiert übersetzt.

Wirtschaft, Mythos und Reform Die Klage der Kuh ist eine Geschichte, die ausschließlich in der indoiranischen Tradition zu finden ist. Sie hat sich aus den weiterverbreitenden Mythen der Viehdiebstähle heraus entwickelt.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Readings from the Avesta and the achaemenid inscriptions. Minneapolis 1983, S. 36.

Sprachwissenschaftliche Daten belegen, dass die indoiranische Wirtschaft auf Ackerbau und einer dominierenden Viehzucht basierte. Die Bedeutung der Viehzucht zeigt sich daran, dass das Wort für ‚Rind‘ synonym zu ‚beweglichem Eigentum‘ verwendet wurde und Begriffe für ‚Krieg‘ und ‚Beute‘ wörtlich ‚Rinderraub‘ bedeuteten. In den vedischen Texten existieren etwa 20 Bezeichnungen für das Pferd, zehn für den Stier und 15 für die Kuh. Diese Tiere tragen zahlreiche Beinamen (Epitheta) und werden beständig mit Gottheiten verglichen. Die linguistischen Befunde spiegeln sich auch in der Literatur wider: So erhält Yima als göttliches Geschenk einen Pflug, und sowohl im Rigveda als auch im Avesta wird beschrieben, wie zwei Stiere vor den Pflug gespannt werden.Jelena Jefimowna Kusmina: The Origin of the Indo-Iranians (=Leiden Indo-European Etymological Dictionary Series. Band 3). Leiden/Boston 2007, ISBN 978-90-04-16054-5, S. 158–159.Bruce Lincoln: The Myth of the Bovine’s Lament. In: Journal of Indo-European Studies. Heft 3. Washington 1975, S. 337–338.

Mit der wirtschaftlichen Basis der Viehwirtschaft ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Kuh oder der Ochse in wichtigen indoeuropäischen Mythen vorkommen, so zum Beispiel bei der Schöpfung des Kosmos oder beim ersten Viehüberfall. Bei der Entstehung der Welt wird mit der Opferung eines Ochsen und dessen Tod die Schöpfung in Gang gesetzt. Die Mythen hielten Einzug in die ganze indoeuropäische Literatur wie zum Beispiel bei den Opferritualen der Hethiter, den Viehüberfällen bei Homer oder Hesiod und einem vorgetäuschten Viehüberfall bei der indischen Krönungszeremonie.Bruce Lincoln: The Myth of the Bovine’s Lament. In: Journal of Indo-European Studies. Heft 3. Washington 1975, S. 337–338.

Die Geschichte der Klage der Kuh ist keine Erfindung von Zarathustra. In der indischen Erzählung Ramayana wird zum Beispiel die Geschichte des Priesters Vasishta und des Königs Vishvamitra erzählt. In der Geschichte will der König die Kuh, die dem Priester so viel Reichtum beschert, in seinen Besitz bringen. Nachdem alle Angebote auf taube Ohren gestoßen sind, entführt der König die Kuh. Die Kuh ist darüber nicht erfreut und flieht zurück zum Priester. Dort klagt sie dem Priester ihr Leid.Ramayana 1.51–55. pushpak.de; Bruce Lincoln: The Myth of the Bovine’s Lament. In: Journal of Indo-European Studies. Heft 3. Washington 1975, S. 350–354.

Während es in der indischen Geschichte um Reichtum und Macht zwischen Priesterschaft und weltlicher Herrschaft geht, steht im Mittelpunkt der Reform Zarathustras die Verurteilung von Viehdiebstählen. Viehdiebstähle werden als kriegerische Handlung und als Angriff auf den wirtschaftlichen Lebensunterhalt verurteilt. Gleich zu Beginn in der Klage der Kuh wird mit den Attributen eines Kriegers und dessen Zorn, mit den feindlichen Übernahmen von Herden, deren Grausamkeit, Dreistigkeit und Brutalität der Rahmen festgelegt. Denn aus dem Blickwinkel eines damaligen Kriegers bedeutenden all diese Attribute Tugenden. Aus der Sicht Zarathustras hingegen entstand daraus nur Leid für die Hirtenbevölkerung. Deshalb mussten sich die Anhänger Zarathustras verpflichten, auf Viehüberfälle zu verzichten.Bruce Lincoln: The Myth of the Bovine’s Lament. In: Journal of Indo-European Studies. Heft 3. Washington 1975, S. 337–338 und 344–350.

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