Gegen die Ohnmacht. Meine Großmutter, die Politik und ich ist ein von der deutschen Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer und ihrer Großmutter Dagmar Reemtsma verfasstes Sachbuch aus dem Jahr 2022. Darin erzählen die beiden von ihnen miteinander geführte Gespräche über verschiedene Themen nach.

Die Idee zum Buch kam den Autorinnen während ihren Unterhaltungen. Weil sie nach eigener Aussage bei sich selbst eine Art von Ohnmacht aufgrund der Todesumstände ihrer jeweiligen Väter feststellten, beschlossen sie, ihre Gefühle darüber in einem Buch zu verarbeiten. Neubauer und Reemtsma wollten daneben mit ihrem Werk die Klimakrise aus einem persönlichen Blickwinkel analysieren, gesellschaftliche Ohnmachtsgefühle ergründen sowie den Generationenkonflikt in Bezug auf die Bekämpfung des Klimawandels widerlegen.

Gegen die Ohnmacht erschien erstmals am 19. Oktober 2022 beim Tropen Verlag. Es erreichte Platz 11 in der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher und erhielt von der Literaturkritik gemischte Bewertungen. Rezensenten äußerten sich größtenteils positiv über den Schreibstil der Verfasserinnen, kritisierten jedoch die Strukturierung des Buches, vor allem die hohe Menge an behandelten Themen, die Verknüpfungen sowie ihrer Ansicht nach zu simplen Argumentationsschlüsse.

Gliederung und Inhalt In Gegen die Ohnmacht erzählt die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer Gespräche nach, die sie mit ihrer Großmutter, der Friedens-, Gerechtigkeits- sowie Umweltaktivistin Dagmar Reemtsma, führte. In diesen geht es einerseits um private Aspekte der Autorinnen, beispielsweise Reemtsmas Kindheit während des Zweiten Weltkriegs und Aktivismus in späteren Jahren sowie den Tod von Neubauers Vater und ihr Engagement bei Fridays for Future (FFF). In Einschnitten erörtert Neubauer andererseits verschiedene, mit dem Inhalt der jeweiligen Kapitel zusammenhängende Themen, unter anderem die Bedeutung fossiler Energien in der internationalen Politik. Daneben analysiert sie gesellschaftliche Ohnmachtsgefühle, verursacht beispielsweise durch die Klimakrise, die COVID-19-Pandemie oder den Russischen Überfall auf die Ukraine 2022, und erklärt, wie diese ihrer Ansicht nach überwunden werden können.

Jeden Freitag Neubauer baute in ihrer Kindheit mit ihrer Großmutter zusammen Gegenstände aus Holz, unter anderem Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke, Spielsachen und Vogelhäuschen. Ab ihrer Jugend wichen die Werkarbeiten stattdessen Diskussionen über verschiedene Thematiken, oft mit Bezug zu Klimaschutz oder sozialen Strukturen. Anschließend beschreibt sie den Aktivismus ihrer Großmutter. Sie nennt als Beispiel deren Versuche, eine Nachbarin davon zu überzeugen, ihren Gärtner bei der Arbeit keinen Laubbläser mehr benutzen zu lassen. Weil ein klärendes Gespräch nicht erfolgreich ist, schreibt Reemtsma der Nachbarin einen kritischen Brief. Neubauer nimmt dies als Anlass, über Politik zu reflektieren. Eigentlich sei es die Aufgabe von Mandatsträgern, sich mit Umweltthemen zu beschäftigen, beispielsweise einer Einschränkung der Nutzung umweltschädigender Geräte. Weil sie diese Verantwortung nicht übernehmen wollten und viele Personen, die dies tun würden, nicht die notwendige Macht besäßen, führe das oft zu einer Ohnmacht, die wiederum Gleichgültigkeit und somit Passivität auslöse. Um dieses Gefühl der Hilflosigkeit zu überwinden, habe sich Neubauer mit anderen zusammengeschlossen und den deutschen Ableger von FFF aufgebaut. Auch Reemtsma lasse Inaktivität nicht gelten, sondern setze sich unermüdlich aktivistisch ein.

Aufwachsen Reemtsma wurde 1933 in Ragnit geboren und verbrachte nach eigenen Angaben in Tilsit mit ihren vier Geschwistern eine glückliche Kindheit. Neubauer wurde 1996 in Hamburg in eine Patchwork-Familie mit drei älteren Geschwistern geboren. Ihre Eltern betrieben ein Alten- und Pflegeheim, in dem sie gelegentlich aushalf. Damals habe eine Aufbruchstimmung geherrscht, unter anderem aufgrund der Annäherung zwischen Ost und West, der weltweiten Verringerung von extremer Armut und extremem Hunger sowie verbessertem Klimaschutz in Deutschland. In ihrer rückblickend betrachteten privilegierten Kindheit seien die Versprechen einer „besseren Welt“, in der Kinder keine Angst vor der Zukunft haben müssen, scheinbar Wirklichkeit geworden. Die Politik spielte in ihrem frühen Leben unterschiedliche Rollen. In Reemtsmas Kindheit sei sie derart „gewaltig und gewaltsam“ gewesen, dass sie verschwiegen wurde. Sie habe die Politik erstmals bewusst wahrgenommen, als ihr Vater entsetzt auf die Novemberpogrome 1938 reagierte. In Neubauers Familie sei die Politik durch Bundestagswahlpartys zwar präsent gewesen, jedoch habe sich niemand wirklich dafür interessiert. Auch von der Klimakrise erfuhr sie erst als Jugendliche. Ihr und ihrer Großmutter seien in ihrer jeweiligen Jugend die Wirklichkeit vorenthalten worden, was eine schmerzhafte, aber notwendige Erkenntnis sei.

Erinnern Reemtsmas Vater stand dem NS-Regime, vor allem dem ostpreußischen Gauleiter Erich Koch, kritisch gegenüber und schickte seine Familie 1944 nach Lüneburg, obwohl eine Flucht nach Westen verboten war. Kurz darauf wurde er denunziert, im Oktober von der Gestapo verhaftet und im KZ Stutthof interniert, wo er im Dezember starb. Nach Kriegsende zog die Familie nach Wedel zu einem relativ wohlhabenden Patenonkel, der zum Stiefvater der Kinder wurde. Reemtsma konnte dadurch das Mädchengymnasium in Blankenese besuchen und lernte in Wedel ihren späteren Ehemann kennen. Viele Jahre darauf sei sie „ohnmächtig“ geworden, da sie sich gefragt habe, was sie ihrem toten Vater schulde. Daraus sei die Lebensaufgabe entstanden, ihn aus der Vergessenheit holen zu müssen, unter anderem mit der Aufklärung ihrer Enkel über das Dritte Reich sowie einem Besuch der gesamten Familie im ehemaligen KZ Stutthof an Reemtsmas 80. Geburtstag. Neubauer habe sich zunächst von der Geschichte ihres Urgroßvaters nicht angesprochen gefühlt, da sie das Dritte Reich als „Problem von Menschen des 20. Jahrhunderts“ betrachtet habe. Sie sei davon ausgegangen, dass ihre Generation sich lediglich informieren müsse. Die Erinnerungskultur sei für sie eine „verschlossene Schublade“ gewesen, was sich erst mit dem Besuch im KZ geändert habe.

Ostfronten Krieg sei Neubauer persönlich immer „weit weg“ erschienen, weswegen sie zunächst keine Worte als Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine gefunden habe. Obwohl die Ukraine von Deutschland geografisch weit entfernt sei, wirke der Krieg aufgrund der „globalisierten Dauerkommunikation“ näher als vergangene Konflikte. Als Neubauer ihre Großmutter über ihre Meinung zu Waffenlieferungen befragte, antwortete diese, dass Deutschland seit Jahrzehnten zu viele Waffen ins Ausland liefere, unter anderem auch an Aggressoren. Aus diesem Grund sei es allerdings nicht vertretbar, einem Land wie der Ukraine, das sich verteidigen müsse, diese nun auf einmal zu verweigern. Neubauer betrachtet anschließend den Einfluss fossiler Energien auf das Weltgeschehen. Wegen ihrer Förderung und Verarbeitung per zentralisierter, aufwendiger Infrastruktur entstünde durch sie eine „unvergleichliche Macht“, die in Autokratien oder Diktaturen beim Staat liege. Weil Autokraten deshalb Ressourcen kontrollierten, schufen sie so Abhängigkeiten. Fossile Energien seien daher eine „antidemokratische Gewalt“, die erpressbar mache, erneuerbare Energien hingegen demokratisch. Letztere stünden für eine kollektive Macht von Gemeinschaften, die zusammen Strom produzieren wollen. Energiewenden seien also nicht nur Klima-, sondern auch „Demokratieschutzmaßnahmen“.

Rauchen Im Alter von 19 Jahren lernte Dagmar Feiko kennen, den Sohn von Alwin Reemtsma, einer der Besitzer der Reemtsma Cigarettenfabriken. Das Unternehmen kooperierte im Dritten Reich mit der Staatsführung, unter anderem durch den Verkauf von Propaganda-Sammelalben sowie der Zahlung hoher Geldsummen an Hermann Göring. Alwin, ein hochrangiges SS-Mitglied, wurde nach dem Krieg zu drei Jahren Haft und Reparationszahlungen verurteilt. Laut Dagmar behandelte er sie gut und beschenkte sie reich. Obwohl sie ihren Schwiegereltern vom Tod ihres Vaters erzählte, erfuhr sie selbst nichts von den vergangenen Geschäften, weil das Dritte Reich damals kein Gesprächsthema gewesen sei. Erst 1995 hörte Reemtsma während eines Vortrags von Karl Heinz Roth davon. Als sie von der Zusammenarbeit ihrer Familie mit Erich Koch erfuhr, wandte sie sich von ihr ab. Neubauer sieht nicht nur bei ihrer Großmutter, sondern auch bei sich selbst eine Form von vergangener Verdrängung, da sie früher keine Fragen über ihre Familiengeschichte gestellt und Reemtsmas Kriegserzählungen nicht wirklich zugehört habe. Weder sie noch ihre Großmutter könnten sich aussuchen, ob sie sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen wollten. Die Auseinandersetzung der jungen deutschen Generation mit der Vergangenheit sei keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Empören Laut Neubauer besitzt Verschwendung, vor allem von Lebensmitteln, mittlerweile eine unter anderem von Supermärkten und der Politik „einkalkulierte Selbstverständlichkeit“, die zur Normalität geworden sei. Sie rege sich daher nicht jedes Mal darüber auf, ihre Großmutter hingegen empöre sich diesbezüglich oft energisch. Die Wut über die Wegwerfgesellschaft und generell unnötige Verschwendung sei in ihrer Generation aufgrund der Erfahrungen mit Nachkriegs-Mängeln weit verbreitet. Anschließend reflektiert Neubauer über die Ursprünge der Klimakrise. In der Nachkriegszeit sei das Auto ein Symbol des Aufbruchs gewesen, weswegen die Fahrtkosten von der Politik bis in die Gegenwart günstig gehalten und die Kohlekraft als für die Fahrzeugproduktion benötigte, billige Energiequelle zum „Gemeinwohl“ erklärt würden. Dies hatte Folgen für die Umwelt, unter anderem aufgrund des Baus von Schneisen und Autobahnen sowie der Zerstörung von knapp 300 Ortschaften für die Kohleförderung. Auch Menschen seien belastet worden, neben auf Kohlevorkommen wohnenden Personen, die deswegen enteignet wurden, die Todesopfer der Sturmflut 1962, die durch Umweltgefahren begünstigt worden sei. Die vermehrte Umweltbelastung sei ignoriert worden, bis zunächst Reemtsmas, dann Neubauers und schließlich auch die Boomer-Generation vermehrt dagegen protestierten.

Fossilität Neubauer erklärt, dass die Klimakrise bereits Ende der 1980er hinreichend erforscht und in der Politik präsent gewesen, aber nicht wirklich angegangen worden sei. Eine Hauptursache dafür sei das Marketing der fossilen Industrie, dessentwegen es statt einer Emissionsreduzierung zu einer „neuen Phase der Fossilität“ gekommen sei. Während vor allem Personen mit hohem Einkommen viele Emissionen ausstießen, bekämen Arme die Schäden der Klimakrise zuerst ab. Dagegen brauche es Aufklärungsarbeit, die Reemtsma betreibe, unter anderem durch das Verfassen kritischer Briefe, etwa an Redakteure, die Autos mit hohen Emissionen bewerben. Die Wohlstandsvorstellungen der Reichsten in den reichsten Ländern könnten nicht nachhaltig befriedigt werden, da diese Lebensweise soziale Missstände schaffe und Klima sowie Umwelt belaste. Es sei schwer, dagegen anzukämpfen, weil die Medien und Hollywood fossile Industrien immer stärker bewarben, die Politik das duldete oder unterstützte und die Bevölkerung kaum auf die vielfachen Warnungen von Klimaforschern reagierte. Die Fossilität sei daneben die „Übermacht“ fossiler Energien, die im Gegensatz zu erneuerbaren Energien bereitwillig subventioniert und finanziert würden sowie viel weniger Kritik ausgesetzt seien. Die Fossilität sei nicht natürlich, sondern eine „selbst geschaffene Kultur“, die dringend geändert werden müsse.

Verlieren