mini|Titel der ersten Druckausgabe Genf 1752

Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste (Discours sur les sciences et les arts) (Paris 1750), in der wissenschaftlichen Diskussion auch als Erster Diskurs bezeichnet, ist eine Schrift des französisch-schweizerischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), die er als Antwort auf eine Preisfrage der Akademie von Dijon von 1749 verfasste und mit der er den Preis gewann. Sie lautete: „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Veredelung der Sitten beigetragen?“

Man nennt den Diskurs auch „Ersten Diskurs“, weil Rousseau fünf Jahre später am Wettbewerb um eine weitere Preisfrage der Akademie von Dijon teilnahm. Er legte 1755 die „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes)“, den „Zweiten Diskurs“, vor und gewann erneut.

Entstehungsgeschichte Die Preisfragen der französischen Akademien Die Académie française führte seit 1670 einen concours académique (akademischen Wettbewerb) in Form einer in Zeitungen veröffentlichten Ausschreibung durch. An diesem Wettbewerb konnte sich jedermann beteiligen, auch nichtakademisch ausgebildete Menschen, auch Frauen. Die Teilnahme erfolgte anonym, die Beiträge mussten mit einem weiteren verschlossenen Umschlag eingereicht werden, der von außen den Verfasser nicht erkennen ließ.

„Die Preisverleihungen (waren) im Rahmen der feierlichen öffentlichen Sitzung (séance publique) der Akademien im engeren Sinne rituelle Veranstaltungen.“

Die Akademie von Dijon veröffentlichte 1749 im Mercure de France die oben genannte philosophische Preisfrage, die in einem Aufsatz zu behandeln war, der bis zum 1. April 1750 abgegeben werden musste. Mit dem Begriff „Wiederherstellung (Rétablissement)“ war die Entwicklung von Wissenschaft und Kunst seit der Renaissance gemeint.

Das Erweckungserlebnis auf dem Weg nach Vincennes mini|Jean-Jacques Rousseau

In seiner Autobiografie Die Bekenntnisse berichtet Rousseau, wie er auf die Annonce reagierte, die er zufällig auf dem Weg zu Denis Diderot las, der zu dieser Zeit im Hausarrest im Schloss Vincennes festgehalten wurde.

Im Zweiten Brief an Malesherbes vom 12. Januar 1762 schildert er diese Szene noch erheblich emotionaler.

In vielen Gesprächen und Briefen ist Rousseau immer wieder auf diese Szene zurückgekommen, sodass sie auch in zeitgenössischen Bildern dargestellt wurde. Existenzielle Herausforderung Diderot, der ihm Ratschläge darüber gab, wie er das Thema auffassen solle, betrachtete das Ganze spielerisch, „er rechnete offenbar nicht damit, dass Rousseau die Frage und die Antwort ernst nehmen könnte.“ Rousseau hingegen sah sich – wie seine oben zitierte Schilderung zeigt – existenziell herausgefordert. Im Rückblick erkannte er, dass dies die erste von „Drei Hauptschriften“ war, als die er den Zweiten Diskurs und seine Abhandlung über die Erziehung (Émile) ansah „welche drei Arbeiten zusammen ein untrennbares Ganzes bilden.“

Die Arbeit an der Abhandlung veranlasste Rousseau, neue Methoden zu entwickeln, um seine Gedanken zu konzentrieren und zu Papier zu bringen.

Die Entscheidung der Akademie von Dijon Rousseaus Abhandlung trug die Nr. 7 von insgesamt 14 Beiträgen. Auf dem Umschlag stand ein Zitat aus der Ars poetica von Horaz „Decipimur specie recti (Wir werden durch den Anschein des Wahren getäuscht“) Ein Beitrag wurde verworfen, die anderen innerhalb einer Kommission verlesen, diskutiert und die Ergebnisse dokumentiert. Am 10. Juli 1750 wurde ihm der Preis zuerkannt. Er bestand aus „einem handfesten Preisgeld von 300 livres (etwa dem Jahresgehalt eines zeitgenössischen Handwerkers)“.

Rousseau bedankte bei der Akademie sich mit einem Brief vom 18. Juli 1750, der zeigt, dass er sich bewusst war, wie provozierend seine Thesen auf andere gewirkt haben mussten: „Sie beehren mich mit einem Preis, um den ich konkurriert habe, ohne darauf Anspruch zu machen, und welcher für mich umso mehr Wert hat, je weniger ich ihn erwartet. Indem ich Ihre Achtung Ihren Belohnungen vorzog, habe ich es gewagt, vor Ihnen und gegen Ihre eigenen Interessen eine Sache zu verfechten, welche ich für die der Wahrheit hielt, und Sie haben meinen Mut gekrönt.“

Jetzt begann er zu überlegen, nicht mehr als Hauslehrer, sondern als freier Schriftsteller tätig zu sein und setzte es wenige Monate später in die Tat um.

Gliederung, Motti und erste Druckausgabe alternativtext=„Satyr – Du kennst das nicht“|mini|Charles Bordon / Jean Charles Baquoy 1752

Der Text des Diskurses gliedert sich in ein Vorwort, eine kurze Wiedergabe der gestellten Aufgabe „(das ‚exordium‘ der klassischen Rhetorik)“ sowie einen ersten und einen zweiten Teil. Die erste Genfer Auflage von 1752 zeigt auf dem Deckblatt nicht den Namen Rousseaus, sondern den Vermerk „von einem Genfer Bürger“ sowie ein Zitat von Ovid: „Barbarus hic ego sum quia non intelligor illis“ („Hier bin ich ein Barbar, denn ich werde von den Einwohnern nicht verstanden“). Das Frontispiz zeigt einen Kupferstich von Charles Bordon, der die Begegnung zwischen Prometheus, der gerade das Feuer zu den Menschen bringt, und einem törichten Satyr zeigt, der es küssen will, weil er noch nie dem Feuer begegnet ist. Prometheus spricht: „Satyr – Du kennst das nicht“, wie Rousseau in einer Anmerkung erläutert.

Das Zitat und die Illustration vermittelt dem Leser die Botschaft, dass der Autor nicht damit rechnet, von seinen Lesern verstanden zu werden. Das Vorwort bereitet den Leser darauf vor, dass er es mit umstrittenen Thesen zu tun bekommen wird:

Inhalt Erster Teil Der erste Teil beginnt mit einem historischen Rückblick auf die Entwicklung der Künste, die sich in der Antike entwickelten, deren Quellen nach dem „Sturz des konstantinischen Thrones“ (1453) durch muslimische Wissenschaftler gerettet und dann in der Neuzeit zur Grundlage unseres europäischen Wissens geworden seien. Wenn in dem Diskurs von „Künsten“ die Rede ist, müssen wir uns vor Augen halten, dass der Begriff „arts“ damals anders als heute zwei Bedeutungen hatte: „Im Französischen bedeuten die „Künste“ (arts) sowohl die „schönen Künste“ (beaux arts) wie Literatur, Musik und Malerei, als auch die „mechanischen Künste“ (arts mécaniques), worunter heute die Technik verstanden wird.“

Rousseau setzt die von den Menschen schon in der Antike entwickelten Schönen Künste ebenso wie ihre Techniken gegen die Natur ab, die nicht von Menschen verändert worden ist. Schon ganz zu Beginn deutet er auch auf das noch viel frühere Beispiel der „Wilden Amerikas, die nackt umherlaufen.“, das er später im zweiten Diskurs noch ausführlich darlegen wird. In den nachfolgenden Passagen spricht Rousseau dann aber auch von sozialen Umgangsformen, die er ebenfalls als „Kunst“ bezeichnet, so der Höflichkeit, den Manieren, dem raffinierten Geschmack zu gefallen und wie sie durch Verfeinerung zahllose Laster nach sich gezogen hätten wir den Argwohn, Gefühlskälte, den Hass und den Verrat, die sich „hinter diesem gleichförmigen betrügerischen Deckmantel der Höflichkeit verstecken.“ So gleitet das Thema von den Künsten weg zu moralischen Erwägungen und unserem Verhalten in der Gesellschaft. Er zitiert zustimmend Montaignes Kritik (Montaigne Essais III. 8) daran, „vor den Großen eine Schau abzugeben und um die Wette mit seinem Witz und seinem Geschwätz zu paradieren.“ Würden „Bewohner eines entlegenen Landstrichs versuchen, sich von den europäischen Sitten ein Bild zu machen“ erhielten sie wegen der ständigen, aber stets nur formal bleibenden gegenseitigen Gefälligkeiten einen völlig falschen Eindruck von der tatsächlichen Situation.

Durch einen weiteren historischen Rückblick, der nach Ägypten, zu den Persern, nach Konstantinopel und erneut nach Rom und Griechenland führt, wird gezeigt, dass der Zuwachs an Wissen immer mit einer Verfeinerung der Sitten und der Entwicklung aller damit verbundenen Laster einhergegangen ist. Als wesentliches Beispiel dient ihm der Unterschied zwischen Athen und Sparta: „Athen wurde die Heimstatt der Höflichkeit des guten Geschmacks, das Land der Redner und Philosophen. Die Eleganz seiner Bauwerke entsprach der seiner Sprache … Unser Bild von Lakedämonien hingegen ist weniger glanzvoll … Von seinen Bewohnern ist uns nichts als das Andenken an ihre Heldentaten geblieben. Sollten wir solche Denkmäler etwa geringer schätzen als die eigentümlichen Marmorbilder, die uns Athen hinterlassen hat?“

Der erste Teil schließt mit einer rhetorisch beeindruckenden Formel:

Zweiter Teil Der zweite Teil beginnt mit polemischen Äußerungen, die die zuvor entwickelten Thesen unterstützen sollen:

Diesem Auftakt folgen dann detaillierte Überlegungen zu praktischen und moralischen Problemen jeder Wissenschaft, die sich um Wahrheit bemüht. Besonders verderblich sei es, wenn Wissenschaft zur Erweiterung des Reichtums des Luxus eingesetzt werde. Ärmere Nationen (Mazedonier, Skythen, Franken) seien immer wehrhafter gewesen als die großen Reiche, die im Luxus geschwelgt hätten.

Künstler seien gierig nach Beifall und wagten es daher nicht, von der Mode abzuweichen. In dieser Passage spricht er Voltaire unmittelbar an: „Sag uns doch, berühmter Arouet, wie viele mannhafte und kraftvolle Schönheiten Du unserer falschen Empfindsamkeit geopfert hast? Und wie viel die Neigung zur Galanterie, die in kleinen Dingen so fruchtbar ist, Dich an großen gekostet hat.“ Ausdrücklich erwähnt er noch die Maler Carle van Loo, Jean-Baptiste Pierre und den Bildhauer Jean Baptiste Pigalle, berühmte Künstler, die nicht genügend „seelische Standfestigkeit“ hätten, um sich mit Praxiteles und Phidias vergleichen zu können: „Pigalle, Du Unnachahmlicher, Deine Hand wird sich damit abfinden müssen, den Bauch einer Affenfigur zu polieren oder aber müßig zu bleiben.“

Überall, wo die Künste und der damit verbundene Luxus sich verbreiteten, sänken der Mut, die körperliche Kraft und die militärische Leistung. Rousseau belegt das an einigen historischen Beispielen. Die folgende Passage betrachtet das Problem aus der Sicht der Wissenschaftler und Künstler. Sie jagten nicht dem Geld hinterher, wohl aber dem Ruhm und so gebe es zahllose Wissenschaftler die in großer Armut und ruhmlos vor sich hin leben müssten. Die Akademien könnten daran etwas ändern, nicht zuletzt durch die Preisfragen. Auch andere „Institutionen zum Vorteil der Gelehrten“ sollten geschaffen werden, wobei es nicht in erster Linie um die Philosophen und deren Bücher gehe. In einer ausführlichen Anmerkung (Nr. 10) äußert er sich kritisch über „dieses entsetzliche Durcheinander, das der Buchdruck in Europa bereits angerichtet hat“ weil so auch „die gefährlichen Phantasmen eines Hobbes oder eines Spinoza immerdar erhalten bleiben.“ Zustimmend zitiert er den Kalifen Omar, der über den Brand der Bibliothek von Alexandria gesagt haben soll: „Wenn die Bücher etwas enthalten, das im Widerspruch zum Koran steht, sind sie schlecht und man muss sie verbrennen. Wenn darin nichts anderes als die Lehre des Korans steht, sollt ihr sie ebenso verbrennen, denn sie sind überflüssig.“ Das Ende der Abhandlung steigert sich zu einem rhetorischen Gebet:

Rezeption Jean-Jacques Rousseau gehörte selbst zu den Enzyklopädisten, aber er spürte instinktiv, dass der Mensch nicht nur ein vernunftgesteuertes Wesen ist, ein Hinweis, den die anderen Autoren der Enzyklopädie, so vor allem Diderot, der sich schnell für den Druck des Diskurses einsetzte, nicht als grundsätzlichen Angriff, sondern als interessanten Diskussionsbeitrag ansahen. Der Grund: „Der Diskurs beinhaltet keine pauschale Fortschrittskritik: Was Rousseau tadelt, ist weniger das Phänomen des Fortschritts selbst, als vielmehr ein bestimmtes Konzept von Fortschritt, und zwar dasjenige, das die „philosophes“ vertreten.“