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Die Kernenergie in der Ukraine spielt eine zentrale Rolle in der Stromerzeugung des Landes, wobei sie über die Hälfte des Bedarfs deckt. Die kommerzielle Nutzung der Kernenergie in der Ukraine begann im Jahr 1978 mit dem Betrieb des Kernkraftwerks Tschernobyl. Die Nuklearkatastrophe von 1986 in diesem Kraftwerk stellte einen Wendepunkt dar, dessen Auswirkungen nicht nur das Land, sondern auch die weltweite Atompolitik prägten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bemühte sich die Ukraine um technologische Unabhängigkeit von Russland und begann zunehmend mit westlichen Ländern und Organisationen zu kooperieren. Im Jahr 2022 rückte durch die Besetzung des Kernkraftwerks Saporischschja im Zuge des russischen Angriffskrieges die Sicherheit und Zukunft der ukrainischen Kernenergie erneut in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit.

Allgemeines Überblick

mini|hochkant=1.4|Ukrainischer Strommix von 1985–2024

Stand 2023 sind in der Ukraine insgesamt 15 Reaktorblöcke an vier Standorten in Betrieb, die zur Stromerzeugung dienen. Alle diese Reaktoren sind Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart (WWER). Neben den Leistungsreaktoren gibt es in Kiew einen nuklearen Forschungsreaktor und in Charkiw eine unterkritische Neutronenquelle. An dem Standort Tschernobyl werden Stilllegungs- und Rückbauarbeiten an drei Reaktorblöcken vom Typ RBMK durchgeführt. Der zerstörte Reaktorblock 4 befindet sich zusammen mit dem im Jahr 1986 errichteten Sarkophag im New Safe Confinement (NSC).

Das leistungsstärkste Kernkraftwerk steht in Saporischschja. Dort laufen sechs Reaktoren des Typs WWER-1000, die zwischen 1985 und 1996 in den kommerziellen Betrieb genommen wurden. Jeder dieser Blöcke erzeugt im Volllastbetrieb eine Nettoleistung von 950 Megawatt (MW). Etwa 250 Kilometer westlich befindet sich das Kernkraftwerk Südukraine mit drei Reaktorblöcken aus der WWER-1000-Baureihe. Diese haben ebenfalls eine Nettoleistung von 950 MW und wurden in den Jahren 1983, 1985 und 1989 in Betrieb genommen. Etwa 65 Kilometer südlich der belarussischen Grenze liegt das Kernkraftwerk Riwne, mit zwei WWER-1000-Reaktoren. Riwne-4 ist dabei der jüngste ukrainische Reaktorblock und startete seinen kommerziellen Betrieb im Jahr 2006. Riwne-3 ist seit 1987 in Betrieb. Zusätzlich produzieren seit 1981 bzw. 1982 zwei Reaktoren vom Typ WWER-440 eine Nettoleistung von jeweils etwa 380 MW. In rund 150 Kilometern Entfernung zur belarussischen Grenze steht das Kernkraftwerk Chmelnyzkyj, an dem seit 1988 bzw. 2004 zwei Reaktoren der WWER-1000-Baureihe in Betrieb sind.

Im Jahr 2015 waren etwa 38.000 Menschen im Bereich der ukrainischen Kernenergie beschäftigt.

Die ukrainischen Kernkraftwerke decken laut Angaben der Internationalen Energie Agentur (IEA) mit einer jährlichen Stromproduktion von etwa 75 Terawattstunden (TWh) mehr als die Hälfte des nationalen Strombedarfs (ungefähr 135 TWh im Jahr 2019).

Zum Zeitpunkt des russischen Überfalls befand sich die Ukraine in einem Inselbetrieb für ihre Stromversorgung, sie war also nicht mit den Stromnetzen ihrer Nachbarländer verbunden. Dadurch entfielen beispielsweise Stromimporte aus Belarus im Umfang von etwa 800 bis 900 Megawattstunden. Am 16. März 2022 wurde das ukrainische Netz mit dem europäischen Verbundnetz zusammengeschlossen, was länderübergreifende Stromimporte und -exporte ermöglicht und Netzschwankungen oder -ausfälle leichter ausgleichen kann.

Wichtige Organisationen Folgende staatlichen Institutionen spielen eine wichtige Rolle beim Betrieb der ukrainischen Kernenergiereaktoren:

die Enerhoatom (ukrainisch ), Betreibergesellschaft für alle ukrainischen Kernkraftwerke, die Atomaufsichtsbehörde State Nuclear Regulatory Inspectorate (SNRI, ), die zentrale Exekutivbehörde, die für die Gestaltung und Umsetzung der staatlichen Politik im Bereich der nuklearen Sicherheit zuständig ist, das State scientific and technical center for nuclear and radiation safety (SSTC NRS, ), eine Expertenorganisation der SNRIU, die technische Lösungen, rechtliche Bestimmungen und Standards der nuklearen Sicherheit überprüft, die Sicherheit der Kernenergie bewertet und Analysen durchführt, das State Specialized Enterprise “Chernobyl NPP” (SSE ChNPP, ) für die Dekommissionierung und Überwindung der Folgen des Unfalls von Tschernobyl sowie für die Verwaltung radioaktiver Abfälle und temporärer Lagerstätten, das Institute for Nuclear Research (INR NASU, ), zuständig für die Erforschung der Auswirkungen von Unternehmen des Kernbrennstoffkreislaufs auf ökologische Systeme und das National Science Centre “Kharkov institute of physics and technology” (NSC KIPT NASU, ), ein Forschungsinstitut für Atomindustrie, Kernenergie, Materialwissenschaft, Beschleunigerausrüstung und neue Energiequellen.

Planungen und Projekte (Auswahl) Der Bau der Blöcke Chmelnyzkyj-3 und -4 wurde kurz nach ihrem Baustart in den 1980er Jahren ausgesetzt. Es gibt Überlegungen, Komponenten des eingestellten Projekts des Kernkraftwerks Belene für die Fertigstellung dieser Blöcke zu verwenden. Mit der Westinghouse Electric Corporation besteht eine Vereinbarung für weitere neun AP1000-Blöcke an verschiedenen Standorten in der Ukraine. Auch der Bau von Block 5 und Block 6 in Chmelnyzkyj wurde genehmigt. Ihre Inbetriebnahme ist für 2030–2032 geplant, wobei Komponenten des eingestellten VC-Summer-Projekts verwendet werden könnten.

Im Bereich der Small Modular Reactors (SMR) plant ein Konsortium mit Holtec International und Enerhoatom den Bau von sechs SMR-160 am Standort des Kernkraftwerks Riwne ab 2030. Mit NuScale Power, Holtec, Leadcold und Rolls-Royce Holdings bestehen Absichtserklärungen für die Prüfung von Einsatzmöglichkeiten ihrer Anlagen in der Ukraine.

Während der UN-Klimakonferenz in Dubai im Jahr 2023 unterzeichnete die Ukraine zusammen mit 21 weiteren Staaten eine Erklärung mit dem Ziel, auf eine Verdreifachung der weltweiten Kernenergiekapazität bis zum Jahr 2050 hinzuwirken. Auf diese Weise soll die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduziert werden, um Klimaneutralität und das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Geschichte Anfänge in der Sowjetunion Ukrainische Wissenschaftler leisteten bedeutende Beiträge zur kerntechnischen Forschung der Sowjetunion. Dies betraf sowohl die Entwicklung von Kernwaffen als auch die friedliche Nutzung der Kernkraft. Im Jahr 1970 wurde das Institute for Nuclear Research (INR) in Kiew ins Leben gerufen. Die Aktivitäten des INR umfassten vor allem Grundlagen und angewandte Forschung in den Bereichen Kernphysik, Reaktorphysik, die Untersuchung der Perspektiven der Kernenergieindustrie sowie Forschung im Zusammenhang mit der Verwendung von Isotopen und Strahlung für wirtschaftliche und medizinische Zwecke.

Auf dem XXVI. Kongress der KPdSU im Jahr 1981 betonte Leonid Breschnew die Notwendigkeit, die Brennstoff- und Energiebilanz der Sowjetunion zu verbessern. Die Schwerpunkte lagen auf der Reduzierung des Ölanteils zugunsten von Erdgas und Kohle sowie auf der beschleunigten Entwicklung der Kernenergie. Die Pläne der KPdSU für 1981–1985 sahen vor, dass Kernenergie ein Zehntel der nationalen Stromproduktion ausmachen sollte. Die Entscheidung basierte auf der Tatsache, dass 55 % der weltweiten fossilen Brennstoffvorkommen in schwer zugänglichen Regionen Westsibiriens lagen, was zu erhöhten Transportkosten und steigenden Stromerzeugungskosten führte. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, konzentrierte sich die UdSSR zunächst auf den Bau von Kernkraftwerken vom Typ RBMK, da die Produktionskapazitäten für wassermoderierte Reaktoren (WWER) in den späten 1970er bis frühen 1980er Jahren begrenzt waren.

Die RBMK-Reaktoren wurden in der Ukraine nur im Kernkraftwerk Tschernobyl errichtet, das 1977 ans Netz ging und ein Jahr später den kommerziellen Betrieb aufnahm. Alle danach gebauten ukrainischen Kraftwerke (Saporischschja, Riwne, Chmelnyzkyj und Südukraine) verwenden wassergekühlte, wassermoderierte Reaktoren (WWER-Design). Der Bau des ersten WWER-Kernkraftwerks in der Ukraine begann 1973 in der Region Riwne. Der erste Riwne-Reaktor wurde im Dezember 1980 in Betrieb genommen, der zweite ein Jahr später. Die Entscheidung zum Bau des Kernkraftwerks in Saporischschja fiel 1977.

Tschernobyl mini|hochkant|Luftaufnahme des zerstörten Tschernobyl-Reaktors

Der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 während einer geplanten Revision des 4. Blocks. Der Unfall hatte weltweit dramatische Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung von Kernenergie und das Verständnis von Reaktorsicherheit. Bei einem Inbetriebsetzungsversuch zur Überprüfung bestimmter Sicherheitseigenschaften des Not- und Nachkühlsystems kam es aufgrund unvorhergesehener Anlagenzustände zu einem unkontrollierten Anstieg der Leistung. Die Handabschaltung konnte aufgrund der Besonderheiten des RBMK-Kerns die rapide Freisetzung von Energie in den Brennelementen nicht kompensieren. Dies führte zur vollständigen Zerstörung des Reaktorkerns und des umgebenden Gebäudes durch einen extremen Druckanstieg im Reaktorkern. Infolge des Unfalls starben 31 Personen sofort durch akutes Strahlensyndrom und weitere bekamen langfristige Gesundheitsprobleme, einschließlich Schilddrüsenkrebs. Tausende Liquidatoren, die in den hochbelasteten Gebieten eingesetzt wurden, erlitten lebensgefährliche Strahlenexpositionen. Psychogene Erkrankungen waren bei den Betroffenen weit verbreitet. Evakuierungen und Umsiedlungen betrafen Hunderttausende Menschen. Große Landflächen wurden radioaktiv kontaminiert, und die Sperrzone um Tschernobyl bleibt unbewohnbar. Nach dem Tschernobyl-Unfall waren Informationen über die Folgen unvollständig, geschönt und verspätet. Die sowjetische Bevölkerung wurde unzureichend informiert, und die genauen Auswirkungen wurden erst im Laufe der Jahre sichtbar.

Der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow erkannte, dass die Geheimhaltung mit der von ihm eingeleiteten Politik einer größeren Transparenz und Offenheit der Staatsführung gegenüber der Bevölkerung unvereinbar war und erklärte bei einer Politbüro-Sitzung am 3. Juli, dass die Wahrheit offengelegt werden müsse. Dieser Vorfall diente als ein Anstoß für Gorbatschows Glasnost-Programm, das er ein Jahr nach dem Unfall im Januar 1987 offiziell einleitete. Die Tragödie führte auch zu verstärkten Abrüstungsbemühungen, da Gorbatschow die potenzielle Zerstörungskraft von Nuklearwaffen betonte. Er argumentierte, dass 100 Tschernobyls in einer einzigen SS-18-Rakete enthalten waren, und betonte die Dringlichkeit der Abrüstung. Die Ereignisse nach Tschernobyl beeinflussten die Prioritäten der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen und verstärkten die Argumente für nukleare Abrüstung.

Zwischen 1986 und 1989 beliefen sich die direkten finanziellen Verluste und Ausgaben aller an der Bewältigung der Katastrophe in der UdSSR beteiligten Einrichtungen auf insgesamt 9,2 Milliarden Rubel (ungefähr 15,18 Milliarden USD1989). Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurden die neu unabhängigen Staaten – Ukraine, Belarus und die Russische Föderation – selbst für die Liquidationsaktivitäten verantwortlich und mussten die restliche Finanzierung aus ihren eigenen Staatshaushalten decken.

Unabhängige Ukraine mini|Rückseite einer der Kernenergie gewidmeten 2-Hrywnja-Gedenkmünze aus dem Jahr 2004