Die Apostel-Petrus-Kirche (, , ) ist eine russische orthodoxe Kirche in Tel Aviv-Jaffa, Israel. Im Diözesangebiet des griechischen orthodoxen Patriarchats Jerusalem unterhält die Russische Orthodoxe Kirche keine Territorialpfarreien, aber für Pilger ein Netz von Kirchen, Andachtstätten und Herbergen, die zusammen die Russische Geistliche Mission in Jerusalem beim Patriarchat Jerusalem bilden.
Mit der ʿAlijjah von etwa 770.000 jüdischen, meist russischsprachigen ehemaligen Sowjetbürgern (1989–1995) gefolgt von noch einmal 130.000 Personen gleichen Hintergrunds bis 2007 kamen als deren Angehörige etwa 300.000 ebenfalls meist russischsprachige Nichtjuden ins Land, von denen viele, vielleicht 30.000 bis 40.000 (2016) christliche Orthodoxe sind,David Neuhaus, “Division and Hope in the Holy City: The Role of Christians in the Israel/Palestine Conflict”, Vortrag gehalten am 24. Oktober 2016 im Rahmen der jährlichen Peace Lecture am St. George’s College, Jerusalem; abgerufen am 22. November 2023. die den einheimischen griechischen orthodoxen Pfarreien zuzurechnen sind, aber tatsächlich der Sprache wegen den Einrichtungen der Russischen Geistlichen Mission zuneigen, die so inzwischen doch durch einheimische Gläubige genutzt werden.
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Lage Die Apostel-Petrus-Kirche befindet sich in Abu Kabir (), seit 1951 eine Ortslage in Tel Avivs Stadtteil Givʿat Herzl (), am südlichen Ende der zentralen Nord-Süd-Achse Rechov Herzl, die an der 149 Hausnummern oder zwei Kilometer weiter nördlich gelegenen Kreuzung mit den Sderot Rothschild 1909 das Gründungsviertel Tel Avivs bildete.Hans Kühner, Israel: ein Reiseführer durch dreitausend Jahre. David Harris (Photos), Olten und Freiburg im Breisgau: Walter, 1975, S. 429. ISBN 3-530-49171-3. Zur Kirche gleichen Patroziniums in Jaffa sind es 2,1 Kilometer. Die Kirche mit Nebengebäuden inmitten eines weitläufigen Obstgartens bildet eine ummauerte Anlage, durch ihren besonders hohen Kirchturm gut zu sehen von Tel Aviv und von Jaffa, was so beabsichtigt war.
Die Anlage ist wie folgt umrissen: Im Westen begrenzt der Rechov Herzl das Grundstück mit der Nr. 157, wobei den Streifen direkt an der Straße Sportanlagen prägen, wo sich bis in die 1990er Jahre noch der Gan haHagannah ausbreitete.Ori Dvir (), נְקֻדַּת חֵן תֵּל־אָבִיב–יָפוֹ, Tel Aviv-Jaffo: , neue, aktualisierte Auflage, 1991/25752Greg./Jüd. Kal. (9.9.1991–27.9.1992) (15744), S. 54. Im Norden, nah zur Straße stehen ehemalige Institutsgebäude der Universität Tel Aviv, in denen sich seit 1986 der Bejt Sefer ləṬeva, Svīvah wəChevrah () befindet (Rechov Herzl Nr. 155).
mini|Blick südwestwärts aus dem wildwüchsigen Botanischen Garten zur Kirche, 2012 Östlich der Gebäude erstreckt sich entlang der nördlichen Grundstücksgrenze der Weinberg Schaych al-Bakris (), den seit 1952 ein Botanischer Garten einnimmt, der sich auch an der Ostseite des Kirchengrundstücks entlangzieht. Im Süden begrenzt eine Verzweigung der Landstraße Jaffa–(Salamah)–Bir Zait (hier namens , früher benannt als Rechov 3377, dann Rechov ʿOfer Cohen) das Grundstück, an der das südliche, für die Öffentlichkeit bestimmte Tor liegt. 600 Meter Wegs südwestwärts entlang dieser Landstraße findet sich die einst wichtige osmanische Brunnenstube Sabil Abu Nabbut (, auch Mehmet Tütüncü, Turkish Jerusalem (1516-1917): Ottoman inscriptions from Jerusalem and other Palestinian cities, Haarlem: SOTA, 2006, S. 215. ISBN 90-807403-4-9.), eine der Landmarken Tel Aviv-Jaffas.
Name von Kirche und umgebender Anlage Der lokale Volksmund nennt die Anlage wahlweise Arḍ al-Ṭābīṯā (, ), Biyyārat al-Muskūb (, ), Darbatayn Ṭābīṯā (), Garten des russischen Archimandriten, HaMōsqōvijjah () oder Migrasch haRussim (),Danny Recht (), „“, auf: ; abgerufen am 21. November 2023. die eher konkrete Zusammenhänge widerspiegeln, wo offizielle fremdsprachige Bezeichnungen ausländischer Institutionen für Einheimische nicht nachvollziehbare Bezüge aufgreifen bzw. konstruieren.
Das Gotteshaus im Zentrum des Migrasch haRussim heißt mit vollem Namen Kirche Peters des Apostels und Tabithas der Gerechten (, , ).
mini|Erweckung Tabithas durch Simon Petrus in Jaffa im Hause Schimʿons des Gerbers, Stich von 1629 bis vor 1646
Geschichte Zwischen Erstem (1831–1833) und Zweitem Ägyptisch-Osmanischen Krieg (1839–1841) des ägyptischen Khediven Muhammad Ali Pascha, eigentlich osmanischer Untertan, gegen das Osmanische Reich verleibte dieser das Heilige Land dem Khedivat Ägypten ein. Binnen kurzem gründeten Kolonisten in weiten Teilen des Landes ägyptische Siedlungskolonien,Fawzi Ḥanna (), “” (27. April 2021), auf: ; abgerufen am 22. November 2023. darunter einige Siedler aus Tall al-Kabir die Kolonie Abu Kabir ().
Im Jahre 1835, kurz vor Gründung Abu Kabirs besuchte von Ägypten kommend der russische Staatsmann Avraám NoroffDer 1854 durch Zar Nikolaus I. zum Bildungsminister ernannte Noroff (Авраам Сергеевич Норов; 1795–1869) veröffentlichte 1838 über seine Palästinareise von 1835 Путешествие по Святой Земле в 1835 году, das auf Deutsch erschien unter dem Titel Meine Reise nach Palästina: mit dem Portrait des Verfassers und einem Plan von Jerusalem: 2 Tle., Leipzig: J. J. Weber, 1862. das Heilige Land und identifizierte eine alte Grabhöhle südöstlich Jaffas als letzte Ruhestätte der von Christen verehrten Jüngerin Jesu, einer wohltätigen Witwe Tabita, die nach Darstellung der Apostelgeschichte von Simon Petrus auferweckt worden war . Dies geschah der Tradition nach im Haus des Gerbers Simon in der Altstadt Jaffas, wo der Apostel später laut . Beweise, die die vermutete Identität mit Tabitas Grab bestätigen, fehlen.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte keiner, dass der kleine kahle und felsige Hügel aus Kurkar (, DMG Kurkār; eine in Israels Küstenebene verbreitete Art kalkhaltigen Tuffs) in Wahrheit die Nekropole eines jüdischen Friedhofs der spätantiken Mischna- und Talmudzeit barg. Anhänger der Vermutung des Tabita-Grabs begannen die Fundstelle zu besuchen. Bei orthodoxen Christen ist die Verehrung Tabitas ausgeprägter als bei Angehörigen anderer Kirchen. Und russischen Pilgern waren Tabita und durch Noroffs Reiseberichte auch dieser Ort bekannt, den sie aufsuchten, um am vermuteten Grab Tabitas zu beten.
Das Gelände um das vermutete Grab Tabitas, auf genannt,Россия в Святой Земле. Документы и материалы: 2 Bände, Außenministerium der Russischen Föderation / Архив внешней политики Российской империи, Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft und институт российской истории РАН (Hrsgg.), Moskau: Международные отношения, 2000, Bd. II ‹61. Акт об учреждении вакуфа архимандритом Антонином. 12 сентября 1889 г. Яффа›, S. 218. gehörte zwei Eigentümern, und Jaʿaqov HaLewi (), langjähriger Assistent Antonin Andrej Iwanowitsch Kapustins (1817–1894) half letzterem beim Erwerb. Da es Ausländern nicht ohne weiteres möglich war, Grund und Boden im Osmanischen Reich zu erwerben, wurde am 18. August 1868 besagtes Gelände auf Namen des osmanischen Untertans Jaʿaqov HaLewi als dessen Eigentum eingetragen,Olga Tserpitskaya (Ольга Львовна Церпицкая), «Архимандрит Антонин (Капустин) и русские святыни на Святой Земле», in: Санкт-Петербургские епархиальные ведомости, Nr. 21/22 (2000), S. 47–62. der es für die Russische Geistliche Mission in Jerusalem hielt.
mini|Porträt Antonin Kapustins, 1891 von Nikolai Koschelew Archimandrit Antonin (Kapustin), ab 1865 bis zu seinem Tode Leiter der Russischen Geistlichen Mission, Byzantinist auch aus Leidenschaft für seine vorige Pfarre, die spätbyzantinischen Dreifaltigkeitskirche, seit 1851 russische orthodoxe Kirche in Athen, und begeisterter ArchäologeArchimandrit Kapustin war Mitglied verschiedener archäologischer Gesellschaften, u. a. einer Deutschen Gesellschaft für Orientarchäologie. zahlte 2.800 Franken der Lateinischen Münzunion für das Gelände,Archimandrit Nikodim Rotow (Никодим Ротов), История Русской Духовной Миссии в Иерусалиме, Kap. III. ‹Архимандрит Антонин (Капустин) и Русская Духовная Миссия по его управлением›, Serpuchow: Издание Серпуховского Высоцкого мужского монастыря, 1997, S. 255. das 33.750 m² maß. Archimandrit Antonin ließ Obstbäume (Apfelsinen, Feigen, Granatäpfel, Oliven und Zitronen) sowie Eukalypten, Pinien und Zypressen pflanzen.Россия в Святой Земле. Документы и материалы: 2 Bde., Außenministerium der Russischen Föderation / Архив внешней политики Российской империи, Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft und институт российской истории РАН (Hrsgg.), Moskau: Международные отношения, 2000, Bd. I ‹17. Опись всех русских недвижимостей в Палестине и Сирии, за исключением частного владения, приложение к донесению А.Г.Яковлева послу в Константинополе А.И.Нелидову›, S. 98. An der Südseite kaufte die Mission für 180 Franken ein weiteres kleines Grundstück hinzu.
Zugang bestand daher einmal nach Westen zur Landstraße, von der die Adresse Rechov Herzl Nr. 157 herrührt. Zwei Tore erschließen das Gelände nach Süden zur dort verlaufenden Landstraße, wo auch Wohnhäuser von Nubiern standen, die sich dort mit der ägyptischen Immigration niedergelassen hatten. Der Weinberg im Norden gehörte ʿAssāǧ Manṣūr (), der östlich anliegende Garten Ǧirǧis Dabbās ().
Doch das Petersburger Außenministerium, wie auch der Heiligste regierende Synod, lehnten den Landkauf ab, denn er widersprach der damaligen Außenpolitik des Russländischen Reichs, den Status quo levantinischer heiliger Stätten zu wahren, während europäische Katholiken und Protestanten landesweit ihre Institutionen errichteten, oft an oder angelehnt an Stätten mit biblischer Erwähnung und von religiöser Bedeutung.Pawel Platonow, «Храм св. апостола Петра и праведной Тавифы на русском участке в Яффе» (1. Juli 2007), auf: Россия в красках; abgerufen am 21. November 2023. Diese Haltung Sankt Petersburgs löste in Kreisen der Russischen Orthodoxen Kirche große Empörung und Überraschung aus. Insbesondere wo das Russländische Reich sich doch als selbst ernannte Schutzmacht aller christlichen Orthodoxen im Osmanischen Reich verstand und teils gerierte.Archimandrit Kiprian Kern, О.[тец] Антонин Капустин Архимандрит и начальник Русской Духовной Миссии в Иерусалиме, Moskau: Издательство Крутицкого подворья. Общество любителей церковной истории, 2005, Kap. VIII ‹Иерусалимские годы›, S. 179
mini|Mosaik vor der vermuteten Grabhöhle Tabithas, 2013 mini|Kapellenbau über dem Zugang zur Grabhöhle, 1903 Archimandrit Antonin gab das Gelände nicht auf und beauftragte Conrad Schick das vermutete Grab Tabithas (, DMG Ṭābīṯā; auch Tabea oder auf genannt) zu erforschen. Er legte bei Ausgrabungen gut erhaltene Mosaiken aus der byzantinischen Zeit des 5.–6. Jahrhunderts frei. Archimandrit Antonin ließ über dem Höhleneingang einen Kapellenbau errichten.
Einige Jahre später, 1873/1874, ließ die Russische Mission den französischen Archäologen Charles Clermont-Ganneau das weitere Gelände ergraben. Es kamen 34 in den Kurkar geschlagene Gräber mit Mazzevahtafeln zum Vorschein, auf denen aramäische, hebräische und griechische Inschriften, unter anderem Schalom, sowie damals übliche jüdische Symbole wie Lulavim und Menorot,Davidsschilde zählten damals noch eher nicht dazu. das jüdische Bekenntnis der Bestatteten indizieren. Clermont-Ganneau setzte für die Mazzevahtafeln eine Datierung auf die Zeit des Zweiten Tempels (1.–3. Jahrhundert d.Z.) an, inzwischen gilt eher die Vermutung der Friedhof stamme aus der Zeit von Mischna und Talmud (2.–4. Jahrhundert). Da Tote und Friedhöfe Juden als rituell unrein gelten, ließ Jaffas jüdische Gemeinde ihren Begräbnisplatz außerhalb des damaligen Weichbilds der Stadt anlegen.