Ahasver ist der Titel eines Epischen Gedichts des sächsischen Dichters und Schriftstellers Julius Mosen aus dem Jahre 1838. Zentrale Figur des Gedichts ist die mythische Gestalt des Ewigen Juden Ahasver, wie er in der Kurzen Beschreibung und Erzählung von einem Juden das erste Mal auftritt.mini|Titelblatt der Originalausgabe des Epischen Gedichts von 1838
Aufbau Das in Terzetten verfasste Gedicht umfasst im Original 182 Seiten, wobei die Terzette in Reimpaaren mit Waisenzeile organisiert sind. Das Gedicht gliedert sich in insgesamt vier Abschnitte, die mit den Überschriften Der Bannspruch, Erste Frist, Zweite Frist und Dritte Frist überschrieben sind.
Inhalt
Der Bannspruch Der Schuster Ahasverus lebt mit seiner Familie gemeinsam zur Zeit Jesu in Jerusalem. Seine Frau ist bereits kurz nach der Geburt von Zwillingen – die er Ruben und Lea genannt hat – verstorben. Der jüdische Schuster kümmert sich liebevoll um seine Kinder und sieht sie zu einem starken jungen Mann und einer schönen jungen Frau heranwachsen. Beide sind von solcher Schönheit, dass auch ein römischer Feldherr auf sie aufmerksam wird, der sich zur Zeit am Hofe von Pontius Pilatus befindet. Als Ahasver davon erfährt, dass der Feldherr sich mit dem Gedanken trägt, seine beiden Kinder mit nach Rom zu nehmen, verfällt er in ein Gefühl tiefer Angst. Wissend, dass er seine Kinder bald an die Römer verlieren wird, nimmt er sie eines Abends ein letztes Mal in den Arm.
„So weißt du, wie geweint und wie gerungen / Hat Ahasver, als er zu solcher Zeit / In solchem Schmerz die Kinder hielt umschlungen.“Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 8.
Der Schuster sieht nur noch eine Chance, seine Kinder vor der Verschleppung zu bewahren – die Errettung der Kinder durch die Hilfe des Heilands. Jesus von Nazareth ist vor kurzem in Jerusalem eingetroffen und prophezeit den dort lebenden Juden den Untergang der Stadt. Den Bitten Ahasvers um Hilfe bei der Rettung seiner Kinder, begegnet er mit Gleichgültigkeit. Stattdessen sieht er das Schicksal von Ahasvers Kindern gleichzeitig als Schicksal des gesamten jüdischen Volkes an
„Es soll kein Stein auf einem Steine bleiben, / Wie eine Heerde Lämmer wird dein Volk / Der Engel Gottes in die Knechtschaft treiben“.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 11.
Verzweifelt über Jesu Weigerung, Ahasver zu helfen, verflucht dieser den christlichen Gott und dessen Sohn. Nach einer letzten gemeinsamen Nacht mit seinen Kindern erscheint am nächsten Morgen der Römerfürst und versucht die Kinder an sich zu nehmen. In seiner Verzweiflung hat Ahasver seinen Sohn und seine Tochter jedoch bereits getötet, um sie vor der Verschleppung durch die Römer zu bewahren.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 18. Am Palmsonntag zieht Jesus feierlich in Jerusalem ein und wird später im Garten Gethsemane verraten. Als es schließlich zur Verhandlung gegen Jesu vor Pontius Pilatus kommt, wird Ahasver zu einem der wesentlichen Fürsprecher, die Jesu Tod fordern.
„Tod diesem Nazarener, Gott und Allen! / Schrie Ahasver; da war es todtenstill / Und vor ihm Christus unterm Kreuz gefallen“.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 25.
Schließlich erreicht Jesus auf seinem Weg zum Kreuz das Haus des alten Juden. Auf die Frage nach einer kurzen Rast wird Jesus jedoch von Ahasver von der Schwelle seiner Tür gestoßen, worauf der Heiland über ihn den Fluch der Ewigen Wanderschaft und der Unsterblichkeit spricht. Nach Jesu Kreuzigung von Angst über die Auswirkungen des Fluchs erfasst, beginnt Ahasver zunächst wie in Trance seine ewige Wanderschaft und begibt sich zu Jehovas Tempel. Hier begegnet er dem Erzengel Michael, der zunächst den Fluch präzisiert und ihm anschließend drei Fristen gewährt, sich zu Jesus zu bekennen, um den Fluch von ihm nehmen zu lassen.
Die erste Frist – der jüdische Krieg Zu Beginn der ersten Frist wird die Entstehung der Welt geschildert: Zunächst schafft Gott die Natur, mit deren Hilfe er in einem Akt der Gewalt Pflanzen, Tiere und zuletzt den Menschen entstehen lässt, der als Heide an unterschiedliche Götter und Dämonen glaubt. Vom Himmel verstoßene Engel werden zu neuen (Ab-)Göttern der Menschen: Brahma formt die Hinduisten, Jehova die Juden, Zeus die Griechen. Griechen und Ägypter zeigen sich als naturverbundene Völker und werden von Gott ihrer Kulte beraubt. Die Natur selbst entschließt sich Gott zu beschwichtigen, indem sie ein Volk erschafft, dass alle Menschen unter Gott vereinen soll – die Römer.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 40.
Während Jesus am Kreuz stirbt, erwählt sich die Natur Ahasver, um gegen die Allmacht Gottes zu kämpfen. Der nun zum Ewigen Juden gewordene Schuster sieht Generationen leben und sterben und verfällt zunehmend in einen tiefer werdenden Hass auf Gott. Trotz seiner Unsterblichkeit hat er sich erneut vermählt und zwei neue Kinder bekommen, die er trotzig erneut Ruben und Lea nennt.
Inzwischen sind mehr als 60 Jahre seit dem Tod Jesu am Kreuz vergangen und der Jüdische Krieg hat Jerusalem erreicht. Die Römer stehen vor den Toren der Stadt und beginnen mit deren Belagerung. Ahasver selbst zieht, gemeinsam mit seinem Sohn Ruben in den Kampf: „Zum letzten Mal auf ihrem Marmorthrone / Erhob Jerusalem das freie Haupt / Im Siegesjubel mit der Tempelkrone / (…) Und Siegesbotschaft kam vom Neuen wieder / Von Ahasver und seiner Rächerschaar: / Wir schlagen alle Römer vor uns nieder!“Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 49–50.
Während des Kampfes werden die Juden von einem jungen Christen namens Matthias unterstützt. Nachdem die ersten Übergriffe der Römer abgewehrt werden können, fangen die Stadtbewohner jedoch an, sich gegenseitig für die Kriegswirren verantwortlich zu machen. Hierbei geraten auch die Anhänger Jesu ins Visier der übrigen Bewohner. Lea und Ruben, die inzwischen Freundschaft mit Matthias geschlossen haben und die christliche Lehre tolerieren, werden von dem wütenden Mob bis in ihr Haus verfolgt. In weiteren Feldzügen gewinnt die römische Armee unter Titus schließlich die Oberhand im Krieg und Jerusalem droht, endgültig an die Römer zu fallen.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 54. Eine Flucht der überlebenden Juden über das Mittelmeer wird von Gott verhindert, sodass von den Fliehenden nur Ahasver überlebt. Schließlich ist der Krieg verloren und nur Ahasver, Lea, Matthias und einige übriggebliebene Juden haben überlebt.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 59. Ahasver findet schließlich heraus, dass Lea Sympathien für das Christentum entwickelt hat und beschwört sie, dem ‚falschen‘ Glauben abzuschwören. Sie willigt schließlich ein.
In einem weiteren Feldzug wollen die Römer die Stadtmauer durchbrechen. Nachdem die ersten zwei Stadtmauern gefallen sind, stockt der Einfall jedoch und Titus beschließt, die Stadt auszuhungern. Es wird ein Belagerungsring gezogen.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 64. Schließlich kapitulieren die Bürger in der vollkommen zerstörten Stadt. Außer dem Ewigen Juden haben alle den Lebensmut verloren und nur Ahasver erkennt den Kernkonflikt des Krieges – den Glauben. Lea ist dem Hungertod nah, Ruben schwer verletzt – doch beide leben. Zwar überlebt Lea letztlich nur durch die Güte von Christen, was Ahasver erzürnt – aber insgesamt scheint die Situation sich für die kleine Familie doch noch zum Guten zu wenden.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 72–73.
Vollkommen überraschend greifen die Römer nun jedoch ein letztes Mal an und dringen tief in die Stadt vor, wo sie den Herodianischen Tempel erreichen, in dem jüdische Priester zwecks der Vernichtung der Römer Jehova anbeten. Ahasver, Ruben und Lea fliehen schließlich auf die Dächer des Tempels, der nun von Römern umzingelt ist.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 81. In einem letzten Trotz gegen die heranstürmenden Römer und Gott, beschließt Ahasver eine unvorstellbare Grausamkeit zu begehen – die Opferung seiner eigenen Kinder:
„Und in Verzweiflung war hineingesprungen / Matthias in die Gluth, hindurch, empor / Und bis zu ihnen glücklich vorgedrungen/ Willkommen seist du zärtlichster der Freier! / Rief Ahasver und warf ihn jäh von sich / Zurück, hinunter in das wüste Feuer; / Aufschrieen seine Kinder vor Entsetzen, / Und Beide schleudert‘ Ahasver ihm nach / Und rief: hier, schnöder Gott, kannst du dich letzen!“Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 82.
Die zweite Frist – Das Paradies und Julian Apostata Nach dem Sieg der Römer in Jerusalem beherrscht das Imperium einige Jahrhunderte später den Großteil der gesamten zivilisierten Welt. 395 n. Chr. wird das Reich geteilt, Konstantin übernimmt schon vorher die Herrschaft in Byzanz und verbreitet das Christentum als Staatsreligion. Flavius Claudius Julianus – seiner Ablehnung des Christentums wegen als Julian Apostata bekannt – vertritt hingegen Vernunft und Tugendlehren.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 87. Doch während alle Welt den christlichen Lehren offen gegenübersteht, bleibt Ahasver stur:
„Und Volk um Volk stürzt zu dem neuen Glauben, / Nur einer nicht, nur Ahasver noch nicht; / Er läßt sich nicht das Herz im Busen rauben.“Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 89.
Sich machtlos fühlend, versucht Ahasver mehrfach Selbstmord zu begehen, doch seine Versuche scheitern aufgrund seiner Unsterblichkeit. Dem Meer seine Qualen klagend, erscheint aus den Wolken der Tod, der Ahasver milde stimmen möchte, sich dem Menschen in seiner Gesamtheit und durch Ahasver personifiziert jedoch unterlegen sieht.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 92. Als „ew’ger Mensch in Menschenlust und Leide“Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 94. ist Ahasver weiter bis zu seiner Bekehrung dazu verpflichtet, auf der Erde zu wandern. Obwohl er die Natur als seinen Verbündeten sieht, quält ihn trotzdem die ihm auferlegte Unsterblichkeit. Nach der abermaligen Geburt zweier Kinder beschließt Ahasver, der Gesellschaft den Rücken zu kehren und zieht mit ihnen in die Wälder des Libanon. Im dortigen Naturparadies wachsen die Kinder diesmal behütet heran. Zum ersten Mal vermag es der Ewige Jude, den auf ihm lastenden Fluch für eine Zeit lang zu vergessen.Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 101. Bald jedoch ergreift Ahasver die Sehnsucht nach seinen Glaubensbrüdern und der alten Welt. Neben seinem eigenen Leid fühlt er auch das Leid der in die Diaspora vertriebenen Juden:
„Deine Kinder sind hinausgetrieben/ In schnöde Knechtschaft, ach, in alle Welt,/ Gezählet zu den Mördern und den Dieben!“Julius Mosen: Ahasver. Episches Gedicht, Fleischer Verlag, Dresden und Leipzig 1838, S. 104.