Die Front homosexuel d’action révolutionnaire (wörtlich: homosexuelle Front für revolutionäre Aktionen) (FHAR) war eine im Jahr 1971 gegründete lose Protestbewegung in Paris. Sie entstand aus einem Bündnis zwischen homosexuellen männlichen und lesbischen Aktivisten. Sie hatte keine offiziellen Vorsitzenden, doch als wichtige Repräsentanten galten Guy Hocquenghem und Françoise d’Eaubonne. Weitere prominente Mitglieder waren Christine Delphy, Daniel Guérin und Laurent Dispot. Die Bewegung löste sich 1974 auf.

Bekanntheit erlangte die FHAR durch einige radikale Aktionen, die Homosexuellen Gehör verschaffen sollten, nachdem die Studentenproteste von 1968 diese gesellschaftliche Gruppe weitgehend ignoriert hatten. Anders als ältere Bewegungen, die zurückhaltend-integrativ und teilweise konservativ waren, stellte sich die FHAR offen gegen den hetero-patriarchialen Staat und die Bourgeoisie sowie die als homophob und chauvinistisch empfundenen Werte von Teilen der politischen Linken.

Die Überzahl der männlichen Mitglieder und ihr provokativer Umgang mit ihrer Sexualität sowie die Vernachlässigung der feministischen und lesbischen Positionen führte schließlich zur Spaltung. Aus der FHAR entstanden die Groupe de libération homosexuelle (GLH) sowie die Gouines rouges innerhalb des Mouvement de libération des femmes (MLF).

Gründung und Anfänge Ursprünglich war die FHAR ein Bündnis zwischen Feministinnen der MLF und Lesben der Organisation Arcadie , dem im Februar 1971 homosexuelle Männer beitraten. Die Grundlage der Kooperation bildete im Mai 1968 eine Plakataktion, die für ein „Comité d’action pédérastique révolutionnaire“, wörtlich ein revolutionäres „pederastisches“ (aber nicht im eigentlichen Wortsinn, sondern in Anlehnung an das französische Schimpfwort für Homosexuelle) Aktionskomitee, warb. Die FHAR hielt ihre Treffen in der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris ab.

Am 5. März 1971 unterbrach die FHAR eine Zusammenkunft gegen das Recht auf Abtreibung.Le Mouvement homosexuel français face aux stratégies identitaires von Yves Roussel. Am 10. März sprengte sie eine von der Psychotherapeutin und Autorin Menie Grégoire geleitete öffentliche Podiumsdiskussion über das Thema Homosexualität, die im Hörfunkprogramm von RTL (Frankreich) übertragen wurde. und und Françoise d’Eaubonne und Marie-Jo Bonnet.

Der Name „Front homosexuel d’action révolutionnaire“ mit dem sich die Gruppierung identifizierte unterscheidet sich von dem offiziellen behördlichen Namen, der „Fédération humaniste anti-raciste“ lautete.Frédéric Martel, Le Rose et le Noir, Édition du Seuil, 1996. Die Bewegung setzte sich für allgemeine sexuelle Freiheit ein. FHAR kommunizierte auch durch die linksgerichtete Zeitschrift Tout!. Eine Stellungnahme der Gruppe in der zwölften Ausgabe war an das Manifest der 343 angelehnt, eine Petition von 343 Frauen, die öffentlich bekannt hatten, dass sie (damals illegal) abgetrieben haben:

10.000 Kopien von Tout! wurden aufgrund der Beiträge der FHAR polizeilich beschlagnahmt und der Herausgeber, Jean-Paul Sartre, strafrechtlich verfolgt. Nach einer erfolgreichen Beschwerde vor dem Verfassungsrat auf Basis der Meinungsfreiheit wurde das Verfahren im Juli 1971 eingestellt.

Die FHAR denunzierte Heterosexismus und die Medikalisierung von Homosexualität in dessen Folge wurde in 1971 der Internationale Kongress der Sexologie in Sanremo durch Proteste gestört. Außerdem unterbrach die Gruppierung kommunistische Zusammenkünfte, besonders im Konferenzzentrum Mutualité wo Jacques Duclos der gruppe entgegenwarf: „Allez vous faire soigner, bande de pédérastes, le PCF est sain!“ ()Pierre Albertini, « Communisme », Dictionnaire de l'homophobie, PUF, 2003.

Interne Differenzen, Abstieg und Vermächtnis Der Zuwachs an männlichen Mitgliedern und deren wachsender Einfluss führte zur Abspaltung mehrerer Splittergruppen. Die Gruppe Gouines rouges („Rote Lesben“) formierte sich im Juni 1971 und stellte sich gegen Sexismus, Chauvinismus und das Patriarchat.

Andere prominente Splittergruppen waren die Gazolines, die Zeitschrift Fléau social sowie Antinorm. Diese veröffentlichten 1971 den Rapport contre la normalité.

Die Splittergruppen blieben trotz aller Differenzen nominell unter dem Schirm der FHAR vereint, auch im Kampf gegen die Willkür der „Hetero–Polizei“. Gemeinsame Slogans lauteten: „Prolétaires de tous les pays, caressez-vous!“ / Proletarier aller Länder, streichelt euch! („Se caresser“ ist im Französischen ein Synonym von Selbstbefriedigung) und „Lesbiennes et pédés, arrêtons de raser les murs!“ / Lesben und Schwuchteln, hört auf mit dem Versteckspiel!.

Dennoch verlor die Gruppe Mitglieder. Daniel Guérin verließ sie nach Exzessen der Gazolines auf der Beerdigung eines Maoisten, der von einem Vigilanten umgebracht worden war. Françoise d’Eaubonne trat aus, da sie der Auffassung war, dass die FAHR zu einem Ort für Flirts und Kontaktanbahnung verkümmerte.

Im Februar 1974 verbot die Polizei Zusammenkünfte der FHAR in der École des Beaux-Arts, und die Gruppe löste sich im selben Monat auf.

Trotz ihrer Kurzlebigkeit in organisierter Form hinterließ die FHAR ein umfassendes Vermächtnis. Im Gegensatz zum eher konservativen Verhalten früherer Gruppen wie der Organisation Acardie praktizierte diese neue Generation von Aktivisten in den 1980er und 90er Jahren eine offene Vorgehensweise, die bis heute viele LGBTQ-Bewegungen prägt.

Einzelnachweise

Weblinks

Filmographie FHAR (1971), Eine 26 minütige Schwarz-Weis-Dokumentation über die ersten treffen und Demonstrationen der FHAR, von Carole Roussopoulos Race d'Ep, Un siècle d'image de l'homosexualité (1979), Docudrama von Lionel Soukaz und Guy Hocquenghem Bleu, blanc, rose (2000), Docudrama von Yves Jeuland über die französische LGBT Bewegungen Ma saison super 8 (My Super 8 Season) (2005), Regie von Alessandro Avellis (2005), ein Drama inspiriert von der Geschichte der FHAR La révolution du désir (The revolution of Desire) (2006), Dokumentation, Regie von Alessandro Avellis

Bibliographie

Von der FHAR « Libre disposition de notre corps », Tout, n° 12, 23 April 1971. FHAR, Rapport contre la normalité, Paris, Champ libre, 1971. Reed. QuestionDeGenre/GKC, 2013. Dossier « Trois milliards de pervers. Grande encyclopédie des homosexualités », Recherches, March 1973.

Über die FHAR Jacques Girard, Le Mouvement homosexuel en France, 1945-1981, Paris, Syros, 1981.

Masques, revue des Homosexualités, n°9/10, Paris, 1981. Françoise d'Eaubonne, « Le FHAR, origines et illustration », la Revue h, n° 2, 1996. Didier Eribon, « FHAR », Dictionnaire des cultures gays et lesbiennes, Larousse, 2003. Michael Sibalis, « Gay Liberation Comes to France: The Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire (FHAR) », French History and Civilization, 2005.

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