mini|Militärische und zivile Besiedlung im Raum Offenburg des 1. Jahrhunderts Kastell und Vicus von Offenburg waren eine römische militärisch-zivile Siedlungsagglomeration aus einem Militärlager und einer Zivilsiedlung (vicus) auf dem Gebiet der heutigen Altstadt von Offenburg im baden-württembergischen Ortenaukreis.

Lage, Etymologie und Forschungsgeschichte Die Siedlung befand sich an einer Kreuzung zwischen der 73/74 u. Z. von dem Legaten Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens im Auftrag Vespasians (69–79) erbauten Römerstraße von Argentorate (Straßburg) an die Donau, = HD036910 der so genannten Kinzigtalstraße, sowie der schon auf augusteische Zeit zurückgehende Nord-Süd-Fernstraße von Augusta Raurica (Augst) nach Mogontiacum (Mainz) im römischen Herresbezirk respektive der späteren Provinz Germania superior, der so genannten Rheintalstraße. Der genaue Verlauf der Kinzigtalstraße im Offenburger Raum ist bisher nicht hinreichend geklärt. Ein Abschnitt der Rheintalstraße konnte bei einer Notgrabung auf einem Grundstück der Wasserstr. 10 festgestellt werden, ein weiterer auf dem Zwingerplatz. Die Kinzig war vermutlich von Offenburg an zum Rhein hin schiffbar, wodurch eine zusätzliche Verkehrsanbindung an das Wasserwegenetz bestanden haben könnte. Für eine Brücke oder eine Uferbefestigung sprechen möglicherweise zahlreiche römischer Holzpfähle, die 1997 im Bereich Badstraße/Hauptstraße gefunden wurden. Im heutigen Siedlungsbild liegen die Bodendenkmale im westlichen Bereich der Offenburger Altstadt, auf einem durch Lössanwehungen entstandenen Bergsporn. Die westlichen Teile der Befunde sind durch Erosion – bedingt durch Unterspülungen am Prallhang der Kinzig – im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen.Johann Schrempp: Der vicus von Offenburg – Topographie und Genese einer ländlichen Siedlung am Ausgang des Kinzigtals. In: Alexander Heising (Hrsg.): Neue Forschungen zu zivilen Kleinsiedlungen (vici) in den römischen Nordwest-Provinzen. Akten der Tagung Lahr 21.–23.10.2010. Habelt, Bonn 201, S. 197–204.

Der Name der Siedlung ist unbekannt. Dennoch gibt es Sprachwissenschaftler, die es für möglich halten, dass sich der Name im Toponym Ortenau erhalten hat.Albrecht Greule: Straßburg. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Band 30. De Gruyter, 2005, ISBN 978-3-11-018385-6, S. 71. Dieser wird als Gauname im Frühmittelalter urkundlich als Mordunowa (763), Mortunowa (888) oder auch Mortunaugensis pagus genannt. Als Ausgangsform könnte hier *Moridunum rekonstruiert werden, was mit „Sumpfburg“ übersetzt werden kann. Möglicherweise leitet sich das Bestimmungswort auch von einem Personennamen ab.Eintrag Ortenau auf koeblergerhard.de, abgerufen am 5. Mai 2026. Das initiale M- wäre demnach ab 1466 in Anlehnung an die Ortenburg, dem Sitz des Landvogts der Ortenau, ausgefallen.Johann Schrempp: Die römische Besiedlung in Offenburg. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Band 84, 2012, S. 15–21 (Digitalisat).Manuel Yupanqui: Die Römer in Offenburg. Eine archäologische Spurensuche. BAG Verlag, Grundbach 2000, ISBN 978-3-935383-04-2.

Einzelne archäologische Beobachtungen wurden in den 1930er Jahren von Ernst Batzer gemacht.Ernst Batzer: Wo lag das Offenburger Kastell?. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, N. F. 50, 1937, S. 233ff. Diese sowie spätere kleinere Grabungen und Fundbeobachtungen wurden erst 1998 in einem archäologischen Stadtkataster zusammengefasst. Anschließend kam es aufgrund einer gewachsenen Sensibilität für archäologische und bodendenkmalpflegerische Belange zu einer konsequenteren archäologischen Begleitung von Baumaßnahmen, so dass die Anzahl der bekannten Fundstellen bis zur Neubearbeitung des Katasters im Jahr 2007 auf 82 gewachsen war.

Kastell Der zivilen Siedlung ging ein Militärlager zur Absicherung der Römerstraße voraus, das erst 2005 nachgewiesen werden konnte. In der Kornstraße entdeckten die Archäologen auf einer Länge von rund 10 Metern einen charakteristischen Spitzgraben.Kastell weitläufig um Auch Reste eines älteren Grabens zeichneten sich im Profil ab, so dass von einer Zweiphasigkeit ausgegangen werden kann. Zur Innenbebauung des Lagers dürften auch die Baustrukturen gehören, die im Südwesten der Lössanhöhe am sogenannten Burgerhof entdeckt wurden. Dort wurden zwei NNO-SSW-ausgerichtete Holzgebäude erfasst, die von einer kleinen Gasse mit Entwässerungsgraben getrennt waren. Der Vorgängerbau des östlichen Gebäudes wies bereits eine kleine Raumaufteilung auf, was jedoch noch keine zwingende Ansprache als Lagerbarracke erlaubt. Ein Teil der ehemaligen Lagerfläche dürfte durch Erosion zerstört worden sein. Als Besatzung kann möglicherweise die Cohors I Thracum Germanica angenommen werden. = HD036909 Mangels entsprechenden Fundmaterials lässt sich die Gründung des Militärlagers archäologisch nur schwer fassen. Aufgrund seiner Lage und der Errichtung von gleich drei flavischen Lagern am Ausgang des Kinzigtals (neben Offenburg auch das Kastell Rammersweier und das Kastell Zunsweier) dürfte der Ort aber bereits während der Okkupation dieses Gebietes durch Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens in den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts u. Z. eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben. Im Entwässerungsgraben des Burgerhofareals fanden sich mehrere Keramikscherben aus domitianisch-trajanischer Zeit sowie ein um 102/103 u. Z. geprägtes As des Trajan. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass mit der trajanischen Vorverlegung des Limes (siehe Neckar-Odenwald-Limes) auch das Kastell militärisch aufgegeben wurde.Bertram Jenisch: Die Siedlungsentwicklung Offenburgs im Lichte neuer Ausgrabungen. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Band 84, 2012, S. 39–47. (Digitalisat).

Zivile Siedlung Ob die zivile Siedlung aus dem Kastellvicus des Militärlagers hervorging, oder ob es sich dabei um eine eigenständige Gründung handelt, muss nach dem aktuellen Forschungsstand derzeit noch unklar bleiben. Die Zivilsiedlung von Offenburg orientierte sich in Nord-Süd-Ausrichtung von der heutigen Poststraße im Norden bis zum südlich gelegenen Burgerhofareal auf einer Länge von rund 500 Metern.Vicus weitläufig um Die Befunde verdichten sich zur Prädikaturstraße hin. Es fanden sich an der heutigen Wasserstraße und an der Kreuzkirchstraße Reste der in den nordwestlichen römischen Provinzen typischen dörflichen Streifenhäuser. Die Häuser wurden aus Holz errichtet, zu einem systematischen Steinausbau ist es nie gekommen. Öffentliche Gebäude wie Thermen oder Tempel sowie Gräberfelder konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Wahrscheinlich wurde die Siedlung in den Jahren 259/260 im Zusammenhang mit dem Limesfall aufgegeben.

Fundobjekte mini|Römische Keramikfunde im Museum im Ritterhaus mini|Grabstein des L. Valerius Albinus gefunden in der Kinzig Im Jahr 1840 wurde im Bereich der mittelalterlichen Stadtbefestigung ein Meilenstein (CIL 13, 9082) entdeckt. Die Inschrift erwähnt den Statthalter Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens unter Kaiser Vespasian und kann damit in die 70er Jahren des 1. Jahrhunderts u. Z. datiert werden. Der Meilenstein bezeugt den Bau einer Straße von Argentorate (Straßburg) durch das Kinzigtal an die Donau:

Einen Grabstein entdeckte man 1778 im Bett der Kinzig. Er war L. Valerius Albinus gewidmet, einem Centurio der Cohors I Thracum Germanica:

Ein weiterer Grabstein, der 1994 in Offenburg-Bühl gefunden wurde, bezieht sich auf einen Suebenfürsten: = HD078489

Ein großer Teil des Fundmaterials ist heute im Museum im Ritterhaus in Offenburg ausgestellt.Museum im Ritterhaus bei Offizielle Webpräsenz des Museums im Ritterhaus, abgerufen am 5. Mai 2026.

Fragliche Siedlungskontinuität

Einer aus dem 16. Jahrhundert überlieferten Sage nach soll der Missionar Offo aus England Offenburg im Jahr 605 als Mönchsniederlassung gegründet haben. Die Stadt Offenburg wurde jedoch erst im 12. Jahrhundert gegründet. Ihr voraus ging eine Siedlung namens Kinzigdorf, die spätestens ab dem 8./9. Jahrhundert bestand. Diese Siedlung entwickelte sich an der römischen Nord-Süd-Straße nördlich der heutigen Altstadt. Allerdings fanden sich auch beim südlich der Altstadt gelegenen Burgerhofareal nahe dem Kinzigübergang Hinterlassenschaften aus der Karolingerzeit. 1504 ging Kinzigdorf, welches damals nur noch aus wenigen Gebäuden bestand, offiziell an Offenburg über. Ebenso ist ein Merowingergräberfeld im Südosten Offenburgs im Bereich „Im Krummer“ bekannt, welches in das 6./7. Jahrhundert datiert wird. Weitere Anhaltspunkte für eine Siedlung in diesem Bereich konnten jedoch noch nicht gefunden werden.

Eine direkte Siedlungskontinuität zwischen den römischen und den späteren Siedlungen erscheint aufgrund des aktuellen Kenntnisstandes eher als unwahrscheinlich, zumal das römische Straßenraster und die späteren Siedlungsstrukturen nicht übereinstimmen.

Literatur

Bertram Jenisch: Die Siedlungsentwicklung Offenburgs im Lichte neuer Ausgrabungen. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Band 84, 2012, S. 39–47 (Digitalisat). Johann Schrempp: Der vicus von Offenburg – Topographie und Genese einer ländlichen Siedlung am Ausgang des Kinzigtals. In: Alexander Heising (Hrsg.): Neue Forschungen zu zivilen Kleinsiedlungen (vici) in den römischen Nordwest-Provinzen. Akten der Tagung Lahr 21.–23.10.2010. Habelt, Bonn 201, S. 197–204. Johann Schrempp: Die römische Besiedlung in Offenburg. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Band 84, 2012, S. 15–21 (Digitalisat). Manuel Yupanqui: Die Römer in Offenburg. Eine archäologische Spurensuche. BAG Verlag, Grundbach 2000, ISBN 978-3-935383-04-2.

Weblinks

Geschichte I. Die Anfänge der Stadt Offenburg auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Offenburg

Einzelnachweise

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