Die Blutspurenmusteranalyse ist eine forensische Wissenschaft aus dem Untergebiet der forensischen Physik, die bei der Aufklärung von Straftaten, insbesondere von Gewaltdelikten, eine wichtige Rolle spielt. Im Mittelpunkt der Blutspurenmusteranalyse stehen die Mechanismen, die zur Entstehung von Blutspuren geführt haben. Sie ist nicht mit Hämotaphonomie zu verwechseln.

Bezeichnung Die Blutspurenmusteranalyse wird im Deutschen als BPA abgekürzt. Die Abkürzung BPA steht für Bloodstain Pattern Analysis. Die Abkürzung BSPA (Blood Spatter Analysis) bezeichnet einen Vorläufer der Methode aus den 1970er Jahren, die sich ausschließlich mit der Auswertung von Blutspritzern beschäftigte. Im Deutschen gibt es auch andere Abkürzungen für die Blutspurenmusteranalyse, wie z. B. BSMA (Blutspurenmuster-Analyse) oder BPU (Blutspuren-Untersuchung). Die Abkürzung BPA ist jedoch die am weitesten verbreitete.

Geschichte Das erste größere Werk mit dem Titel Über Entstehung, Form und Ausbreitung der Blutspuren nach Hiebwunden des Kopfes zur Blutspurenmusteranalyse schrieb Eduard Piotrowski an der Universität Krakau, das 1895 an der k.k. Universität in Wien erschien. Es enthält Beschreibungen zu Versuchsreihen, in der Kaninchen in einen dreidimensionalen definierten Raum mit unterschiedlichen Werkzeugen getötet wurden, um die entstandenen Blutspuren untersuchen zu können. Es zeigte sich, dass sich Blutspuren elliptisch abhängig von der Entstehung im Raum abbildeten. Der Berliner Gerichtschemiker Rudolf Jeserich stellte 1930 die Einflüsse der Flugparabeln auf die Form der Spritzer fest und beschrieb unterschiedliche Typen von Blutspurenmustern. Der Beginn der systematischen Blutspurenanalyse stellt ein Gutachten von Paul Leland Kirk zu einem Tötungsdelikt Sheppard im Jahre 1954 dar. Obwohl sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschiedene Wissenschaftler in Deutschland und Frankreich mit Blutspuren befassten, geriet die Methode wieder in Vergessenheit.

Ab den frühen 1970er-Jahren begann auf dem amerikanischen Kontinent die systematische Ausbildung von Blutspurenanalysten und führte am 18. November 1983 zur Gründung der International Association of Bloodstain Pattern Analysts (IABPA) unter der Leitung von Herbert MacDonell. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklung und Standardisierung der Ausbildung und Terminologie sowie der Weiterbildung der BPA. Die 800 Mitglieder sind interdisziplinär und rekrutieren sich in den Herkunftsstaaten aus unterschiedlichen Berufsgruppen (Ärzte, Biologen, Chemiker, Juristen, Polizisten u. a.).

Grundlage Die Blutspurenmusteranalyse basiert auf den physikalischen Gesetzen der Flüssigkeitsbewegung. Blut ist eine zähflüssige Flüssigkeit, die sich unter dem Einfluss der Schwerkraft, der Trägheit und der Oberflächenspannung bewegt. Die Form, Größe und Verteilung von Blutspuren sind daher abhängig von den Faktoren, die diese Kräfte beeinflussen. Die Wundmorphologie spielt nur eine untergeordnete Rolle, relevant sind die räumlichen und physikalischen Gegebenheiten. Die Blutspurenmusteranalyse ist eine eigenständige Methode, die sich mit anderen Fachdisziplinen, wie Blutsuch- und verstärkungstechniken kreuzt.

Entstehungsprozesse Die Kreislauffunktion ist für die Entstehung von Blutspuren essentiell. Blut wird durch das Herz und die Blutgefäße im Körper transportiert. Wenn die Kreislauffunktion ausfällt, zum Beispiel durch den Tod, kommt es zu einem Stillstand des Blutflusses. Das Blut sammelt sich dann in den Gefäßen und kann nicht mehr austreten. Aus toten Körpern spritzt kein Blut, da das Blut nicht mehr durch den Körper gepumpt wird. Wenn ein toter Körper bewegt wird, kann es jedoch zu Blutungen kommen. Das Blut fließt dann aber nicht mehr aus den Gefäßen, sondern tropft oder läuft aus. Die Blutspurenmusteranalyse beschreibt den Weg des Blutes vom lebenden und funktionstüchtigen Körper auf Oberflächen. Es handelt sich stets um Kontaktspuren, wenn sie durch Berührung zweier Objekte, oft auch durch Berührung von Mensch und Objekt, entstehen. Die Spuren sind flächig und zeigen regelmäßig kein geregeltes Muster, können jedoch auch ein Muster bilden. Die häufigsten Muster sind: Tropfen Tropfen entstehen, wenn Blut aus einer stehenden oder fallenden Quelle austritt. Die Form und Größe von Tropfen hängt von der Höhe des Austrittsortes, der Größe der Quelle und der Viskosität des Blutes ab. Spritzer Spritzer entstehen, wenn Blut aus einer bewegten Quelle austritt. Die Form und Größe von Spritzern hängt von der Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung der Quelle ab. Streifen Streifen entstehen, wenn Blut über eine Oberfläche fließt. Die Form und Größe von Streifen hängt von der Geschwindigkeit des Blutflusses und der Oberflächenbeschaffenheit ab. Blut fliegt in der Luft durch die zwischen den Molekülen bestehenden Kohäsionskräfte kugelförmig, diese Kugelform bezeichnet man auch als Sphäre. Trifft die Blutkugel im 90 Grad Winkel auf eine Oberfläche, bildet sich ein (nahezu) kreisrunder Fleck, da außer der Schwerkraft keine andere Kraft auf sie wirkt. Dies erlaubt z. B. Aussagen, ob sich jemand direkt über dem Opfer befand. Anders verhält es sich bei einer schiefen Ebene, hier trifft der Tropfen auf und das Restvolumen wird weiter geschleudert. Es entsteht ein länglicher Blutstropfen, dessen rundes Ende auf die Richtung weist, aus der der Tropfen gekommen ist. Die Zieloberfläche ist wesentlich für die Entstehung von Blutspuren, Gutachten nehmen daher immer Bezug auf die Oberflächen. Ebenso ist der Winkel relevant, aus dem die Kugel auf die Oberfläche auftrifft.

Klassifikation von Blutspuren mini|Blutstropfen mit Wischspur Die Klassifikation von Blutspuren entwickelte sich nach Publikationen von Paul Kish und Paulette Sutton im Jahre 2005, Tom Bevel und Ross Gardner im Jahre 2008, zur SWGstain-Terminologie in drei Kategorien. Passive Entstehung Geformte und ungeformete Kontaktspuren entstehen, wenn mindestens eine beblutete Oberfläche Kontakt zu einer anderen Oberfläche hat. Die meist rundlichen Abtropfspuren sind Spuren, die ohne weitere Einwirkung nur durch die Schwerkraft entstehen. Anhängig vom Blutvolumen geben Flussspuren oder Flussartefakte, früher als Abrinnspuren bezeichnet, Aufschluss auf die Wirkungsrichtung der Schwerkraft am flüssigen Blut. Die Lachenbildung oder Durchtränkung hat meist einen destruktiven Charakter, da relevante Blutspuren überdeckt werden können. Spritzfelder Sekundäre Spritzfelder, auch Satellitenspritzer genannt, entstehen, wenn z. B. Blut in Blut fällt. Sekundäre Entstehungsmechanismen werden durch direkte Einwirkmechanismen, wie stumpfe Gewalt oder Schuss, verursacht. Projizierte Muster sind Spritzfelder, die als Abwurfspuren von bewegten Objekten, ausgeatmetem Blut oder Schwallmuster nach Verletzungen von größeren Gefäßen entstehen. Veränderte Blutspuren Geronnenes Blut Verdünntes Blut Insektenartefakte Sequenzierungen oder Aussparungen.

Terminologie Seit 2008 gilt als internationaler Standard in der Blutspurenbegutachtung die SWGstain-Terminologie. Abstreifmuster: Entsteht durch das Abstreifen von Blut von einem bewegten Objekt auf eine nicht bebluteten Oberfläche und gibt Hinweis auf Bewegung. Abwurfspur: Wird durch das physikalische Abwerfen von flüssigem Blut von einem bewegten Objekt verursacht. Auftreffwinkel: Der spitze Winkel (alpha), in Relation zur Zieloberfläche, auf welcher ein Bluttropfen auftrifft. Ausatmungsmuster: Wird verursacht durch Blut welches, entweder durch Nase, Mund oder eine Wunde ausgeatmet wird. Aussparung: Eine Aussparung innerhalb einer ansonsten durchgängigen Blutspur oder einem anderen Blutspurenmuster. Begleittropfen: Ein kleiner Bluttropfen, welcher als Nebenprodukt einer Tropfenbildung entsteht. Blutkoagel: Eine gelatinöse Masse, welche durch Gerinnungsmechanismen entsteht. Blutspur Entsteht durch die Antragung von Blut. Blutspurenmuster: Ein Muster oder Verteilung von Blutspuren, welches Hinweise auf die Entstehung anhand von Form, Anordnung oder Verteilung gibt. Bluttropfen: Ein Blutstropfen der alleine unter der Wirkung der Schwerkraft abtropft. Einwirkungsmuster: Blutspurenmuster, welches durch das den Aufprall eines Objektes in flüssiges Blut entsteht. Elternspur: Eine Blutspur, die Bildung von Satellitenspritzern verursacht hat. Endabwurf: Abwurfspur, welche durch das Abbremsen eines bewegten Objektes verursacht wird. Flussspur / Abrinnspur: Eine Blutspur, die durch das Abrinnen oder Abfließen eines größeren Volumens in Richtung der Gravitation erfolgt. Gaseinschluss: Eine Umrissbildung innerhalb einer Blutspur verursacht durch Gasbeimischung. Gußspur: Eine Blutspur, welche durch Volumen beim Fallen oder Stürzen des Blutes entsteht. Insektenartefakt: Blutspurenähnliches Muster, welches durch Insekten verursacht wird. Kontaktspur / Transferspur: Entsteht durch Kontakt zwischen einer bebluteten Oberfläche und einer anderen Oberfläche. Lache: Ein Blutspurenmuster, welches durch großvolumige Ansammlung von Blut auf einer Oberfläche entsteht. Projizierte Blutspur: Eine Blutspur verursacht durch einen Austritt von Flüssigkeitsvolumen unter Druck. Randbildung: Physikalisches Kennzeichen in der Peripherie eines Tropfens. Rückwärtsspritzer: Ein Blutspurenmuster, welches sich in die Gegenrichtung eines sich bewegenden Gegenstandes ausbreitet, häufig in Verbindung mit einer schussbedingten Eintrittsverletzung und einem Projektil. Satellitenspritzer: Ein kleinerer Spritzer, welcher durch das vorherige Auftreffen eines so genannten Elterntropfens auf einer Oberfläche entsteht. Schnittfläche / Konvergenzfläche: Diese Fläche schließt die Schnittpunkte der Geraden ein, welche durch di e Längsachsen von Blutspritzern in einem Blutspritzfeld gezogen werden. Diese Fläche kennzeichnet das Ursprungsgebiet eines Blutspritzfeldes im Zwei-dimensionalen. Serumspur: Eine Spur, welches durch die Abtrennung von Serum entsteht. Spritzspur: Eine Blutspur, welches durch eine äußere Einwirkung von Kraft auf ein Blutvolumen zu einer Bewegung des Blutes in der Luft führt. Tropfmuster: Blutspurenmuster, welches durch das Abtropfen einer Flüssigkeit in eine andere Flüssigkeit entsteht, mindestens eine der Flüssigkeiten muss Blut sein. Tropfspur: Ein Blutspurenmuster, welches durch schwerkraftsbedingtes Abtropfen von einem bewegten Objekt entsteht. Umrandungsspur: Ein verändertes Blutspurenmuster, in welchem die Umrandung der Originalspur sichtbar bleibt. Ursprungsrichtung: Charakteristische Form von Blutspritzern, die Hinweis auf den Ursprung eines Blutspritzfeldes gibt. Ursprungswinkel: Der Winkel (Gamma) zwischen der Längsachse eines Blutspritzers und definierten Linie auf der Zieloberfläche. Veränderte Blutspur: Ein Blutspur, welche Anzeichen physikalischer Veränderungen zeigt. Verneblungsmuster: Sprayartiges Blutspurenmuster mit Mikrotropfen als Resultat der einwirkenden Kraft. Vorwärtsspritzer: Blutspurenmuster, welches in Bewegungsrichtung eines bewegten Objektes entsteht, z. B. durch Projektil. Zieloberfläche: Oberfläche auf der eine Blutspur entstanden ist.

Forensische Bedeutung Die Blutspurenmusteranalyse ist ein wichtiges Hilfsmittel in der Kriminalistik und kann bei jedem Tatort eingesetzt werden, an dem Blut geflossen ist. Sie kann zur Rekonstruktion eines Tathergangs verwendet werden. Die Analyse der Blutspuren kann Aufschluss darüber geben, wie ein Opfer verletzt wurde, in welcher Position es sich befand und in welche Richtung sich die Täter bewegten. Die Blutspurenmusteranalyse kann zur Rekonstruktion des Tatablaufs, zur Überprüfung von Aussagen und zur Identifizierung von Tätern und Opfern eingesetzt werden. Hier sind einige Beispiele für die Anwendung der Blutspurenmusteranalyse:

Rekonstruktion des Tatablaufs