mini|Ein Schwert von ʿAlī Dīnār im British Museum ʿAlī Dīnār ibn Zakarīyā (, gest. 6. November 1916) war von 1898 bis 1916 der letzte Sultan von Darfur. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern erkannte er die Oberherrschaft der Regierung des Anglo-Ägyptischen Sudans über sein Territorium an. ʿAlī Dīnār unterhielt enge politische und wirtschaftliche Beziehungen mit der Führung des Sanūsīya-Ordens in Kufra, die ihn auch mit Waffen versorgte, und kämpfte gegen die französische Kolonialisierung des Wadai. Während des Ersten Weltkriegs gelangten die Briten zu der Überzeugung, dass ʿAlī Dīnār aufgrund seiner Verbindungen zu den Mittelmächten eine Gefahr für die britische Herrschaft im Sudan darstellte, und marschierten in Darfur ein. Zum einen wollten sie damit eine mögliche neue Kriegsfront ausschließen, zum anderen aber auch ihre mit Frankreich vereinbarten Ansprüche auf das Gebiet durchsetzen. ʿAlī Dīnār wurde im Mai 1916 gestürzt und nach seiner Flucht im Gebiet des Jabal Marra von einem kleinen britischen Militärtrupp aufgespürt und erschossen. Wegen seines Kampfes gegen die britische Kolonialmacht gilt ʿAlī Dīnār heute in Sudan als Nationalheld. Er hat auch eine große symbolische Bedeutung für die kollektive Identität des Volks der Fur.Tesch: “The Sultan Ali Dinar Museum, El-Fasher. A window on Darfur’s history”. 2017, S. 121.
Erste Machtergreifung und Hausarrest bei den Mahdisten ʿAlī Dīnār gehörte dem Keira-Clan an, der seit dem späten 16. Jahrhundert über die Fur herrschte,Tesch: “The Sultan Ali Dinar Museum, El-Fasher. A window on Darfur’s history”. 2017, S. 120. und war ein Enkelsohn von Sultan Muhammad al-Fadl.Daly: Empire on the Nile. 1986, S. 10. Während des Sultanats seines Cousins Abū l-Chairāt, das drei Jahre andauerte, diente ʿAlī Dīnār diesem als Anführer im Kampf gegen den Stamm der Taʿāyischa, der zu dieser Zeit regelmäßig die Dörfer der Fur überfiel und sie verwüstete. ʿAlī Dīnār war zu dieser Zeit in seinen frühen Zwanzigern.Boustead: “The Youth & Last Days of Sultan Ali Dinar, ‘a Fur View’”. 1939, S. 149. Im Jahre 1890 kam es in Kulme, 20 Meilen südlich von Zalingei, zu einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Sultan, als dieser ihm vorwarf, mit seinen Leuten ein Fur-Dorf überfallen zu haben. Nach britischen Berichten bekam ʿAlī Dīnār einen Wutanfall und verließ den Sultan nach einem heftigen Wortwechsel. In der Nacht versammelte ʿAlī Dīnār seine Fertit-Sklaven um sich, und der Sultan wurde in den Stunden der Dunkelheit getötet. ʿAlī Dīnār rief sich daraufhin selbst zum Sultan aus.Boustead: “The Youth & Last Days of Sultan Ali Dinar, ‘a Fur View’”. 1939, S. 150.
Zu dieser Zeit stand das Gebiet bereits unter der Kontrolle der Mahdisten (1885–98). Am 13. Oktober 1891 wurde er nach al-Faschir, der Hauptstadt Darfurs, gerufen, um dem mahdistischen Gouverneur zu huldigen.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 284. Danach ging er nach Omdurman, traf ʿAbdullāhī (gest. 1899), den Kalifen (Nachfolger) des Mahdi Muhammad Ahmad, und leistete ihm im Jahr 1892 den Treueid. Die restlichen sechs Jahre der Mahdisten-Herrschaft verbrachte er in Omdurman.
Als Sultan von Darfur unter britischer Souveränität Als sich Kitchener im August 1898 Omdurman näherte, plante ʿAlī Dīnār offensichtlich seine Rückkehr nach Darfur.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 286. Am 2. September, zur Zeit der Schlacht von Omdurman, versammelte er einige Fur-Häuptlinge um sich und zog nach Darfur, wo er sich daran machte, das Sultanat wieder aufzubauen, und sich selbst als Sultan einsetzte. Mit seinen Leuten konnte er einen lokalen Thronprätendenten namens Abū Kauda und die mahdistische Garnison leicht beiseiteschieben; Ende Oktober saß er bereits in al-Fashir fest im Sattel. In den nächsten drei Jahren bekräftigte ʿAlī Dīnār seine Autorität gegenüber vielen der Kerngruppen der einfachen Bevölkerung, die traditionell dem Sultanat Darfur unterstanden hatten, und startete eine Reihe diplomatischer Initiativen unter den abgelegenen Gemeinden, deren historische Verbindungen zu Darfur weniger eindeutig waren. Der selbst definierte Einflussbereich des neuen Monarchen erstreckte sich somit bald von den Nuba-Bergen und dem Weißen Nil bis in den Tschad und das Gebiet der modernen Zentralafrikanischen Republik.Spaulding/Kapteijns: An Islamic alliance. ʿAlī Dīnār and the Sānūsīyya, 1906–1916. 1994, S. 4.
Allerdings konnte sich in Kabkābīya im nördlichen Darfur unter der Führung des mahdistischen Offiziers Sinīn Husain noch längere Zeit Widerstandsbasis gegen die Wiederherstellung des Darfur-Sultanats halten. Diese mahdistiche Enklave fiel erst im Januar 1909, nachdem die Hauptarmee des Sultanats Kabkābīya für 17 Monate belagert hatte.Spaulding/Kapteijns: An Islamic alliance. ʿAlī Dīnār and the Sānūsīyya, 1906–1916. 1994, S. 27.
Im Jahr 1900 erkannte die anglo-ägyptische Regierung in Khartum, die an keiner Direktherrschaft über Darfur interessiert war, ʿAlī Dīnār als Sultan von Darfur an, verbunden mit der Verpflichtung, einen jährlichen Tribut zu entrichten.Daly: Empire on the Nile. 1986, S. 172. Alī Dīnār stimmte diesen Bedingungen zu, aber betrachtete sich nicht als britischen Untertan. Darüber hinaus scheint die Beziehung zwischen ʿAlī Dīnār und den Briten distanziert und unpersönlich gewesen zu sein: Kein britischer Beamter reiste jemals nach Darfur, und Geschäfte wurden ausschließlich per Brief abgewickelt.Slight: “British Perceptions and Responses to Sultan Ali Dinar”. 2010, S. 238. Eine engere Beziehung unterhielt ʿAlī Dīnār nur zu Slatin Pascha, dem Generalinspekteur des Sudan. So bat er ihn im Jahre 1909, ein Treffen zwischen ihm und dem Khediven zu arrangieren, und fragte ihn, nachdem Slatin zugestimmt hatte, um Rat, was er ihm als Geschenk für den Khedivn empfehle.al-ʿAqīd: as-Sulṭān aš-Šahīd ʿAlī Dīnār baina 'l-Ḥiǧāz wa-Lībiyā wa-Turkiyā. 2008, S. 238.
Herrschaftspraxis ʿAlī Dīnārs Herrschaft war autokratisch: „Mit einer Mischung aus Notwendigkeit und Persönlichkeit“ regierte er seinen Staat direkt.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 287. Er versuchte aber auch, für rechtliche Kontinuität zu sorgen, indem er ein allgemeines Dekret erließ, nach dem alle, die noch Klagen aus der Zeit der Mahdisten oder der kurzen „Herrschaft“ Abū Kaudas vorzubringen hatten, dies bei ihren örtlichen Oberhäuptern tun sollten.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 289. Nach britischen Berichten war ʿAlī Dīnār Analphabet und besaß an politischem Wissen allein das, was er während seiner Internierung in Omdurman bei dem Kalifen Abdullāhī erhalten hatte.
Obwohl er seinen Hass auf die Mahdisten zum Ausdruck brachte und sie für die Verwüstung Darfurs verantwortlich machte, hielt er sich an die politische Praxis der Mahdisten und empfing ehemalige Mahdisten an seinem Hof. Auch stützte er sich auf mahdistische Beamte. So hielt er zum Beispiel den mahdistischen General ʿArabī Dafʿallāh an seinem Hof und ernannte zum Hilfsrichter Hamad ʿAbd al-Qādir, der diesen Posten schon unter der Mahdīya-Herrschaft innehatte.O’Fahey: State and Society in Dār Fūr. 1980. S. 126.
ʿAlī Dīnār baute die Hauptstadt al-Faschir wieder auf, restaurierte Familiengräber und umzäunte Stätten in Tora im Fur-Kernland des Dschebel Marra und bestattete einen seiner Vorgänger, Sultan Zakarīyā ʿAlī, neu in einer Qubba in al-Faschir.
Die Selbstinszenierung als islamischer Herrscher Was ʿAlī Dīnārs Dekrete von denjenigen seiner Vorfahren unterschied, war die starke Betonung seiner eigenen religiösen Rolle. So beschrieb er sich darin als „standhaft in der Religion des Islams“O’Fahey: State and Society in Dār Fūr. 1980. S. 127. und präsentierte sich als al-Hāšimī al-ʿAbbāsī, also als abbasidischen Abkömmling der Banū Hāschim.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 89. In einem Brief, den er im März 1916 an den osmanischen Kriegsminister Enver Pascha sandte, präsentierte er sich nicht nur als Abbasiden, sondern auch Darfur als ein Land mit einer langen islamischen Vergangenheit: Zahlreiche Dekrete künden von ʿAlī Dīnārs Sorge um die Instandsetzung von Moscheen.O’Fahey: State and Society in Dār Fūr. 1980. S. 121. Anders als seine Vorgänger eröffnete er seine Briefe auch immer mit der Basmala.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 291. ʿAlī Dīnār lehnte den laxen „vermischten“ Islam seiner Vorfahren genauso ab wie den Mahdismus und favorisierte eine Kombination aus einem „Establishment“-Islam vom Azhar-Typ mit Unterordnung der Religion unter den Staat und aus Sufismus.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 290.
Eine seiner bemerkenswertesten Neuerungen war die formale Organisation der Fuqarā', heiliger Männer, die eine adlige Abkunft beanspruchten und für ihre Wundertätigkeit bekannt waren. ʿAlī Dīnār organisierte diese Männer nach Distrikten und unterstellte sie jeweils einem lokalen Obmann (muqaddam). Außerdem verpflichtete er sie, den Ramadan zusammen mit ihm in al-Faschir zu verbringen und in dieser Zeit religiösen Übungen nachzugehen.O’Fahey: State and Society in Dār Fūr. 1980. S. 127f. Häretiker, die mit dem Anspruch auftraten, der wiedergekehrte Jesus Christus, der Prophet Mohammed oder der Mahdī zu sein, ließ ʿAlī Dīnār hinrichten.O’Fahey: State and Society in Dār Fūr. 1980. S. 129. Von sich selbst behauptete ʿAlī Dīnār jedoch, Huldwunder (karāmāt) vollbringen zu können, und er ließ diese Wunder auch aufzeichnen und in der Zeitung The Sudan Times veröffentlichen.O’Fahey: The Darfur Sultanate: A History. 2008, S. 293.
ʿAlī Dīnār war auch sehr daran interessiert, einen eigenen Mahmal nach Mekka zu entsenden. Schon 1901 bat er in einem Brief an Slatin Pascha, ihm die Entsendung einer solchen zeremoniellen Sänfte zu erlauben, „wie es seine Vorgänger jedes Jahr getan hatten.“ Der Generalgouverneur des Sudan, Reginald Wingate, antwortete ihm mit einem Brief vom 1. Mai 1901, in dem er ihn in seinem Amt bestätigte und erklärte, dass der Weg zwischen dem Sudan und dem Hedschas grundsätzlich offen bleiben würde, so dass der Sultan diese Angelegenheiten so regeln könne, wie es ihm beliebe. Daraufhin sandte ʿAlī Dīnār 1902 erstmal eine Delegation in den Hedschas, die 2.000 Mecidiye-Riyals mitführte, von denen jeweils 1.000 in Mekka und in Medina an die Armen und Diener verteilt wurden.Abd ar-Raḥmān Ḥāmid: “Maḥmal wa-ṣurrat as-sulṭān ʿAlī Dīnār ilā l-ḥaramain aš-šarīfain 1900–1916m”. 2022, S. 298. Ab 1903 begann ʿAlī Dīnār auch damit, den Pilgerdelegationen seines Sultanats einen Mahmal mitzugeben.Abd ar-Raḥmān Ḥāmid: “Maḥmal wa-ṣurrat as-sulṭān ʿAlī Dīnār ilā l-ḥaramain aš-šarīfain 1900–1916m”. 2022, S. 299.
Im Jahre 1906 wurde der darfurische Mahmal von mehr als 250 Personen begleitet. Die Gruppe reiste mit der Eisenbahn von Khartum nach Sawakin und von dort aus mit Dampfschiffen internationaler Unternehmen nach Dschidda.al-ʿAqīd: as-Sulṭān aš-Šahīd ʿAlī Dīnār bain al-Ḥiǧāz wa-Lībiyā wa-Turkiyā. 2008, S. 210. Die Entsendung des Mahmals in ein- bis zweijährigem Rhythmus setzte ʿAlī Dīnār bis zum Jahr 1915 fort.al-ʿAqīd: as-Sulṭān aš-Šahīd ʿAlī Dīnār baina 'l-Ḥiǧāz wa-Lībiyā wa-Turkiyā. 2008, S. 226. Hinter dem Interesse des Sultans an dem Mahmal stand die Absicht der Werbung für das neu belebte Sultanat: Er wollte es bekannt machen, von verschiedenen islamischen Mächten dafür Legitimität erlangen und der islamischen Welt zeigen, dass seine Herrschaft eine natürliche Fortsetzung des alten Sultanats von Darfur ist.al-ʿAqīd: as-Sulṭān aš-Šahīd ʿAlī Dīnār bain al-Ḥiǧāz wa-Lībiyā wa-Turkiyā. 2008, S. 201. Auch schickte ʿAlī Dīnār regelmäßig Eunuchen in den Hedschas, die dort in den beiden Heiligen Bezirken von Mekka und Medina Dienste verrichteten.al-ʿAqīd: as-Sulṭān aš-Šahīd ʿAlī Dīnār bain al-Ḥiǧāz wa-Lībiyā wa-Turkiyā. 2008, S. 223.
Die Beziehung zum Reich Wadai und zur Sanūsīya