Die Unión Demócrata Independiente (Unabhängige Demokratische Union, UDI) ist eine rechtskonservative Partei in Chile. Sie wurde am 24. September 1983 während der Militärdiktatur Augusto Pinochets gegründet. Ihr Gründer Jaime Guzmán war seit 1965 aktiv in antikommunistischen Organisationen tätig und beteiligte sich während der Militärdiktatur als Berater Pinochets an der politischen Gestaltung des Landes. Aus anfänglich schwacher Position nach dem Ende der Diktatur gewann die UDI seit der Ermordung Guzmáns im Jahre 1991 kontinuierlich an Unterstützung und konnte die mit ihr um die Stimmen des rechten Wählersegments konkurrierende Renovación Nacional (RN) bei den Präsidentschaftswahlen von 1999 erstmals überholen. Seitdem war sie trotz zeitweiliger Verluste bis 2017 ununterbrochen stärkste Einzelpartei Chiles, die für sich allein genommen bei fast allen Wahlen mehr Stimmen als jede andere einzelne Partei auf sich vereinigen konnte.Marcelo Pollack: The New Right in Chile, 1973–1997. Palgrave Macmillan, London 1999, ISBN 978-1-349-40550-3, S. 161–163.Ricardo Pérez: La UDI sigue siendo el partido más votado. In: La Nación (Chile), 24. Oktober 2016 (spanisch).Juan Andrés Guzmán: Interview mit Juan Pablo Luna (Institut für politische Wissenschaften der PUC). Onlineveröffentlichung, Ciper Chile, 16. Februar 2016, gesehen am 26. März 2019.
Die Partei beteiligte sich 2009 gemeinsam mit der liberal-konservativen Partei Renovación Nacional (RN) am konservativen Wahlbündnis Alianza por Chile. Heute gehört die UDI zusammen mit den Parteien Renovación Nacional (RN), Evolución Política (Evópoli) und Partido Regionalista Independiente Demócrata (PRI) dem Regierungsbündnis Chile Vamos an, auf das sich der chilenische Staatspräsident Sebastián Piñera (RN) bis zu seiner Abwahl 2022 stützte. Erstmals in diesem Jahrtausend wurde die UDI bei der Parlamentswahl in Chile 2017 wieder von ihrem konkurrierenden Bündnispartner RN überflügelt.
Inhaltliches Profil Die UDI setzt sich für Freihandel und freie Marktwirtschaft ein, aber auch für eine restriktive Innenpolitik und konservative Werte. Das Grundsatzprogramm von 1991 steht unter dem Leitgedanken einer christlich-abendländischen Kultur, welche die Grundlage für die Gesellschaft bilde. Die Familie, die nationale Identität, die persönliche Freiheit und der schlanke Staat bilden die Grundwerte des Parteiprogramms. Die UDI setzt sich für das Verbot von Abtreibungen, das Eigentumsrecht, die Unternehmensfreiheit, den Wettbewerb innerhalb der Sozialversicherung und die Gleichberechtigung der Frau auch in ihrer Rolle als Mutter ein. Die Partei fordert eine westliche Demokratie und den Wettbewerb der gewaltfreien, patriotischen und verfassungstreuen demokratischen Parteien. Die UDI lehnt sowohl totalitaristische Ideologien, zu denen entsprechend der Parteilinie vor allem der Marxismus gezählt wird, als auch dessen Auswirkungen wie Abtreibung, Drogen und Pornographie als Angriff auf die christlich-abendländische Kultur ab.
Die UDI unterstützt private Unternehmer und lehnt Gemeinschaftsunternehmen ab, sie propagiert Arbeit als Grundlage der Gesellschaft und fordert die einvernehmliche Lösung von Tarifkonflikten. Die Gemeinden und Regionen sollen ebenso wie die Selbstverwaltungsorgane mehr Kompetenzen erhalten.
Ideologischer Hintergrund und innere Struktur mini|hochkant|links|Hauptsitz der UDI Die innere Organisation der Partei wird als hermetisch beschrieben und orientiert sich an den Führungsstrukturen des Opus Dei, einer katholischen Laienorganisation, der zahlreiche ihrer Mitglieder und Repräsentanten angehören sollen.Fiona Macaulay: Gender Politics in Brazil and Chile. The Role of Parties in National and Local Policymaking. Palgrave Macmillan, London 2006, ISBN 978-1-349-40853-5, S. 108–111.Franck Gaudichaud: Chilenische Lösungen. In: Le Monde diplomatique, Deutsche Ausgabe, 13. Mai 2011. Neben dem Opus Dei, das sich in den vergangenen Jahrzehnten aber auch in moderateren politischen Zirkeln Chiles außerhalb der UDI profiliert hat,Matías Rivas A.: María Olivia Mönckeberg: “Para el Opus Dei es muy complejo vivir en una sociedad cada día más abierta”. In: El Mostrador, 11. Dezember 2018, abgerufen im März 2019. und später auch der umstrittenen mexikanischen Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi war die Gründergeneration der Partei ideologisch mit der integralistischen Kampforganisation Tradition Familie Privateigentum des reaktionären brasilianischen Aktivisten Plinio Corrêa de Oliveira verbunden.María Olivia Mönckeberg, Francisca Palma (Bearb.): "No tenemos por qué estar con la Constitución de Jaime Guzmán". Interview auf der Internetseite der Universidad de Chile zu ihrem 2017 erschienenen Buch El poder de la UDI, 1. Dezember 2017, abgerufen im März 2019. Der Gründerkreis war an der Juristischen Fakultät der Katholischen Universität Chiles (PUC) beheimatet. Er hatte gute Beziehungen zu der von dem deutschen Sektenführer Paul Schäfer gegründeten und während der Diktatur als Folterlager genutzten Colonia Dignidad, wo zahlreiche interne Veranstaltungen stattfanden und die von den Exponenten der UDI über das Ende des Militärregimes hinaus vor juristischer und polizeilicher Behelligung in Schutz genommen wurde.Wir dokumentieren: Piñera beruft ehemaligen Unterstützer der Colonia Dignidad zum Justizminister. In: Nachrichtenpool Lateinamerika, 27. Januar 2018, abgerufen im März 2019.Christian Kliver: Piñera in Berlin: Zweifel an Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dinidad in Chile. In: amerika21, 11. November 2018, abgerufen im März 2019.
Die Partei wird von einem Vorsitzenden (Presidente Nacional) und einem fünfzehnköpfigen Vorstand (Directiva Nacional) geleitet. Ihr Jugendverband Nuevas Generaciones UDI veranstaltet politische Aktionen mit Schülern, Studenten und Berufstätigen und ist auch im Sozialbereich tätig. Die UDI besitzt 17 Regionalverbände (die Regionen V, VII und X und die Hauptstadtregion sind in jeweils zwei Verbände aufgeteilt), 22 Ortsvereine in der Hauptstadtregion und 52 Provinzverbände im ganzen Land. Sie stellte vor 2016 insgesamt 58 von 345 Bürgermeistern, unter anderem in Concepcion, Curicó und Viña del Mar.
Ihre Anhänger fühlen sich jenen Segmenten der Katholischen Kirche verbunden, die der Militärdiktatur tendenziell freundlich gegenüberstanden. Auch Mitglieder der 1975 als regimefreundliche Gegenorganisation zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile gegründeten und sehr stark von Deutschchilenen geprägten Lutherischen Kirche in Chile (ILCH) sind in den Führungsrängen der Partei vertreten.El nuevo Golpe de la UDI. In: El Siglo, Nr. 1568 (22. Juli 2011), S. 8 f. (S. 9 zu Ena von Baer). Anhänger der UDI sind vor allem in der Ober- und Mittelschicht zu finden, während sie in den unteren Schichten einen geringeren Stimmenanteil erzielt. Allerdings kann die UDI wegen ihres geschlosseneren und stärker populistisch gefärbten Rechtskurses sehr viel effizienter als die marktliberale RN auch Wähler aus den Unterschichten mobilisieren. Während Anhängerschaft und Mitglieder der UDI mehrheitlich weiblich sind, war die Führungsebene der Partei bis vor wenigen Jahren vollständig in Männerhand. Als erste Frau wurde 2017 Jacqueline van Rysselberghe in den Parteivorsitz gewählt. Die Wahl der Senatorin war das Ergebnis einer erstmals in der Parteigeschichte durchgeführten Direktwahl der Parteiführung durch die Mitglieder.Jacqueline Van Rysselberghe se corona como la primera mujer presidenta de la UDI. In: Chicureo hoy, 12. Dezember 2016, abgerufen am 26. März 2019.
Geschichte Die Gremialisten-Bewegung des Jaime Guzmán mini|hochkant|UDI-Gründer Jaime Guzmán gilt als Vater der gegenwärtigen chilenischen Verfassung von 1980
Guzmán studierte 1967 an der Katholischen Universität von Chile. Er war ein großer Verehrer des chilenischen Präsidenten Jorge Alessandri und bewunderte das Herrschaftssystem des Franquismus in Spanien. Als im Zuge der sozialen Bewegungen der späten 1960er Jahre von Studierenden und Lehrenden an der Katholischen Universität tiefgreifende Reformen vorangetrieben wurden, um den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit gerecht zu werden, gehörten Guzmán und seine Anhänger, die sogenannten Gremialisten, die besonders unter Studenten und Professoren der Rechtsfakultät Rückhalt besaßen, zu den entschiedensten Gegnern der Reformen. Guzmán wurde zu einem scharfen politischen Agitator der Gremialisten. Er verwarf die liberale Demokratie und warb für ein korporatistisches Staatsmodell. Seine Ideen verbreiteten sich in der Hauptstadt und seine Gremialisten-Bewegung gewann auch außerhalb der Universität zahlreiche Anhänger.
Die marxistische Sozialpolitik des 1970 gewählten Präsidenten Salvador Allende und der massive Widerstand von Konservativen, Unternehmern und den USA stürzten Chile in eine schwere politische und wirtschaftliche Krise. Da ein Teil der Wirtschaft verstaatlicht worden war, gingen die Privatinvestitionen aus Angst vor der Verstaatlichung zurück. Aus Angst vor Enteignung setzte eine Kapitalflucht ein. Die Regierung druckte daraufhin neues Geld, und die Inflation erreichte über 300 %. Die Regierung der USA verhängte ein Handelsembargo, das die Wirtschaft zusätzlich schädigen sollte. Dadurch kam es zu massiven Protesten im Lande und bei ausländischen Investoren, aber auch unter Lastwagenfahrern und antikommunistischen Studenten.
Der Widerstand der Eliten gegen die Unidad Popular gipfelte am 11. September 1973 in einem Staatsstreich, der von der UDI noch heute als „Befreiung von einer marxistisch-leninistischen Diktatur“ bezeichnet wird. Nach dem Putsch beteiligte sich Guzmán an der vom Militär eingesetzten Übergangsregierung und löste sich von seinen korporatistischen Forderungen. Vor allem durch seine Kontakte mit Sergio de Castro, einem der sogenannten Chicago Boys, verwandelte er sich in einen Anhänger neoliberaler Politik. Im Gegensatz zu seinem Idol Jorge Alessandri stand Guzmán den Freihandelsideen der von der Militärregierung beauftragten Wirtschaftsberater nun aufgeschlossen gegenüber. Dadurch rückte er politisch näher an Staatschef Augusto Pinochet heran, der 1976 Sergio Fernández zum Arbeits- und Sozialminister ernannte, mit dem Guzmán fortan ein enges Gespann bildete. Obwohl Pinochet Guzmáns Intelligenz schätzte und ihn bei unzähligen Gelegenheiten um Rat fragte, misstraute er seinen politischen Ambitionen. Deshalb konnte Guzmán anders als der loyalere Sergio Fernández keine wirkliche Machtposition erringen. Guzmán war jedoch eine Schlüsselgestalt bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung von 1980, die nach dem Konzept einer „beschützten Demokratie“ (democracia protegida) funktionieren sollte und sowohl ernannte Senatoren als auch ein binomiales Wahlsystem vorsah. Nach der Wirtschaftskrise von 1982, die mit dem vorübergehenden Rauswurf der Chicago Boys endete, verließ Guzmán die Regierung und gründete am 24. September 1983 eine politische Kampforganisation nach seinen Vorstellungen, die Bewegung „Unabhängige Demokratische Union“ (Movimiento Unión Demócrata Independiente, UDI).
Gründung und Spaltung der Renovación Nacional Guzmáns Ziel bei der Gründung der UDI bestand darin, eine große rechtsgerichtete Massenpartei zu schaffen, die ein mögliches Ende der Diktatur überdauern und die Basis für ein halbdemokratisch-autoritäres Nachfolgeregime werden sollte. Eine Rückkehr zu dem vor 1973 in Chile herrschenden Zweiparteiensystem, in dem ein rechter und ein linker Block miteinander konkurrieren, wollte Guzmán, der die Parteiendemokratie grundsätzlich ablehnte, nach dem Ende der Militärherrschaft trotz gewisser Zugeständnisse an freiheitlich-demokratische Vorstellungen unter allen Umständen verhindern.