Felix Noeggerath (* 4. Februar 1885 in New York; † 29. April 1960 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Verleger, Philosoph, Revolutionär während der Münchner Räterepublik und Geheimdienstmitarbeiter unter Wilhelm Canaris. Seine erstaunlichen enzyklopädischen Kenntnisse und faszinierenden philosophisch-mythologischen Spekulationen machten ihn seinen intellektuellen Zeitgenossen unvergesslich. Fast sein gesamtes literarisches Werk hat er selbst verbrannt oder es ist bis heute unveröffentlicht.

Leben

Familie und Jugend Felix NoeggerathDie Fakten in diesem Artikel stützen sich – mit wenigen Ausnahmen – auf Gerschom Scholem: Walter Benjamin und Felix Noeggerath. In: Merkur, Jahrgang 35, Heft 393, Februar 1981, Seite 134–169. Auch die Briefe Benjamins, Noeggeraths und anderer werden hier wie in Scholems Artikel zitiert wiedergegeben. entstammt der rheinischen Gelehrtenfamilie Noeggerath. Sein Vater Emil Noeggerath (1827–1895) stammte aus Bonn, lebte aber zur Zeit der Geburt seines Sohnes schon seit fast dreißig Jahren als angesehener Gynäkologe in New York. Er hatte seine eigene Nichte geheiratet, Rolanda Noeggerath (1847–1939), die Tochter von Emils Bruder Charles Noeggerath und der belgischen Spiritistin Rufina Noeggerath, geborene Temmerman. Emil und seine Frau hatten die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben – die auch ihren in New York geborenen Kindern zustand – und sich den Unitariern, einer sehr liberalen freireligiösen Konfession angeschlossen.

1886, kurz nach der Geburt von Felix, kehrte Emil Noeggerath aus Gesundheitsgründen mit seiner Familie nach Deutschland zurück und lebte und praktizierte nun in Wiesbaden. Sein ältester Sohn Carl Noeggerath (1876–1952) studierte in Bonn und wurde später Pädiater in Freiburg im Breisgau. Nach dem Tod des Vaters schlossen sich die jüngeren Kinder Jacob Emil (1877–1939), später ein in den USA tätiger Ingenieur, Marie (1880–1950) und Felix stark an ihre Mutter an. Marie heiratete den Archäologen Kurt Bertels und lebte nach dem frühen Tod ihres Mannes ab 1910 bei ihrer Mutter. Die jungen Noeggeraths wuchsen doppelsprachig (deutsch und französisch) auf und waren – wie ihre Eltern – weltmännisch liberal und politisch linksgerichtet.

Felix Noeggerath begann seine Schulbildung in Wiesbaden am Humanistischen Gymnasium. Als die vom Vater geerbte Anlage zur Tuberkulose akut wurde, wechselte er nach Davos in das Fridericianum, ein Gymnasium für lungenkranke Schüler. Das Abitur legte er Juni 1904 als Externer in Wertheim ab, mit durchschnittlichem Erfolg.

Studienzeit 1904 begann Felix Noeggerath das Studium der Philosophie, Indologie und Indogermanischen Sprachwissenschaft an der Universität München. Aus diesem Anlass siedelte auch die Mutter mit den beiden Geschwistern nach München um, in die Leopoldstraße 77, wo sie bald einen gutbesuchten Jour fixe begründete. München war für Felix ein fester Wohnsitz bis 1919, wenn auch unterbrochen durch Auslandsreisen und Studiensemester an anderen Universitäten. In Berlin war er Hörer bei Georg Simmel, Ernst Cassirer und Benno Erdmann, in Bonn bei Albert Leitzmann, in Jena bei Rudolf Eucken. Vor allem war er wiederholt für ein Semester in Marburg, wo ihm durch Hermann Cohen, Paul Natorp und Nicolai Hartmann der Neukantianismus der Marburger Schule vermittelt wurde. In München waren seine Lehrer die Phänomenologen Max Scheler, Alexander Pfänder und Moritz Geiger, der Psychologe Theodor Lipps, die Indologen Ernst Kuhn und Lucian Scherman, der Altamerikanist Walter Lehmann und der Philosophiehistoriker Clemens Baeumker. Er beschäftigte sich aber auch ernsthaft mit nichteuklidischer Geometrie.

1909 wurde Felix Noeggerath bayrischer (und damit deutscher) Bürger. Im zweiten Studienjahr, 1906, heiratete er die Münchnerin Lola (Helene) Kühner. 1908 wurde sein einziger Sohn, Hans Jakob Noeggerath (1908–1934), später Romanist und Ethnologe, geboren. Bereits 1910 zerbrach die Ehe und der Sohn wurde der Mutter zugesprochen. Die Geschiedenen blieben aber einander freundschaftlich verbunden.

Freundschaftliche Beziehungen entstanden auch zwischen der Familie Noeggerath und Karl Wolfskehl und dessen Familie. Über Wolfskehl erhielt Felix Noeggerath Zutritt zu Ludwig Derleth und vor allem zu Alfred Schuler, dessen ersten Vortragszyklus die Noeggeraths 1915 besuchten. Damit war Felix zeitweise auch mit dem George-Kreis in Verbindung geraten, für dessen vierten Band des Jahrbuch für die geistige Bewegung er im März 1914 den Beitrag Das romantische Erlebnis und die Sphäre des Tragischen verfasste und an Stefan George schickte. Nur zeitweise war die Verbindung, da er aus seiner Ablehnung der Philosophie Henri Bergsons kein Geheimnis machte und damit die George-Anhänger vor den Kopf stieß.

Bei Kriegsanbruch 1914 meldete Felix Noeggerath sich freiwillig und diente kurze Zeit in der Fliegertruppe. Er wurde schon Anfang 1915 – wegen seiner Tuberkulosekarriere – entlassen. In diesem Jahr besuchte er Schulers Vorlesungen Vom Wesen der ewigen Stadt über Rom und half dem befreundeten Gustav Meyrink bei der Fertigstellung des Romans Der Golem (durch Streichen von abschweifenden Textpassagen). Im Wintersemester 1915 lernten sich Felix Noeggerath und Walter Benjamin in den Vorlesungen von Walter Lehmann über das alte Mexiko kennen, die in einer eleganten Privatwohnung stattfanden, unter Anwesenheit von Rainer Maria Rilke und Erwein von Aretin. Benjamin war von Noeggerath als Philosoph und Mythologe tief beeindruckt, bezeichnete ihn als „Universalgenie“ und brieflich: „Er hat die phänomenalsten mathematischen, sprachwissenschaftlichen, religionsphilosophischen und überhaupt sonst nur denkbaren Kenntnisse. Von vollendet weltmännischer Erscheinung und Erziehung - er ist mehr als zwei Kopf länger als ich.“ (Brief vom 21. November 1915 an Fritz Radt). Und er war „geradezu fassungslos vor seiner absolut universalen Bildung, da er sich zugleich mit der Fundierung eines philosophischen Systems …, zugleich mit der Mythologie des Orients bis nach Amerika, zugleich … mit dem Beweis des Fermatschen Satzes dazu beschäftigt.“ (Brief vom 4. Dezember 1915 an Fritz Radt). Der lebhafte Gedankenaustausch ging Ende März 1916 zu Ende, als Benjamin nach Berlin und Noeggerath nach Erlangen abreisten.

Die Studien beschloss Felix Noeggerath an der Universität Erlangen bei Paul Hensel und reichte im Oktober 1916 seine Dissertation ein: Synthesis und Systembegriff in der Philosophie. Ein Beitrag zur Kritik des Antirationalismus. Am 19. Oktober 1916 erhielt er dafür den Doktor der Philosophie summa com laude. Bei dieser Gelegenheit lernte er Helmuth Plessner kennen, der auch bei Hensel und am selben Tag promovierte. Die Dissertation wurde bis 2023 nicht gedruckt, ist aber die einzige noch erhaltene Arbeit Noeggeraths vor 1945. Vorangestellt ist ihr ein Motto von Goethe: „Die Hauptsache, woran man bei ausschlieBlicher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, daB jede Analyse eine Synthese voraussetzt.“ Die scharfsinnigen Ausführungen über den Begriff der Synthesis und dessen Wandlungen in den Werken Kants führen die Ideen der Marburger Schule weiter, verteidigen den Rationalismus vor allem gegen Henri Bergson, und enden mit Exkursen über die philosophische Bedeutung der nichteuklidischen Geometrie. „Die Untersuchung fasst einen zentralen Begriff Immanuel Kants neu und ist streckenweise eine kritische Rekonstruktion der Philosophie Cohens. Und noch mehr: Sie ist der Versuch, eine eigenständige Philosophie zu entwickeln und demonstriert eine eindrucksvolle Produktivität.“ (Geert Edel)Geert Edel: Zu Synthesis und Systembegriff in der Philosophie Online

Zwischenkriegszeit Nach der Promotion arbeitete Felix Noeggerath als Übersetzer und Schriftsteller in München. Wie viele andere Deutsche hoffte er nach dem Kriegsende auf eine politische und gesellschaftliche Erneuerung und nahm an den Ereignissen vom November 1918 bis Mai 1919 engagiert teil. Seine Sympathien (auch die der Mutter und Schwester) galten Kurt Eisner und der USPD. Ab November nahm er am Rat der geistigen Arbeiter teil. Nach der Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 war er (ohne Stimmrecht) an Sitzungen des damals geschaffenen Revolutionären Zentralrats beteiligt, so auch am 4. April, als die Ausrufung der Räterepublik für den 7. April (dem Geburtstag Gustav Landauers) beschlossen wurde. Nach der Aussage seiner Witwe war Felix Noeggerath einen Tag lang der letzte Kultusminister der von Franz Lipp geführten ersten Räterepublik, die nach einer Woche von den Kommunisten gestürzt wurde. Dies wäre am 13. April 1919 gewesen. Nach einer anderen Quelle wäre Felix Noeggerath am 16. April 1919 zum Volkskommissar beim Zentralkommissariat für politisch Verfolgte und auswärtige Revolutionäre (Flüchtlingskommission) ernannt worden.Joachim Lilla: Noeggerath, Felix, in: ders.: Staatsminister, leitende Verwaltungsbeamte und (NS-)Funktionsträger in Bayern 1918 bis 1945 Online Abgerufen am 19. November 2023 Jedenfalls wurde die gesamte Familie Noeggerath nach der Niederschlagung der Revolution am 3. Mai für einige Wochen verhaftet, bis sie durch Intervention des Prinzen Max von Baden, an den sich der Bruder Carl Noeggerath in Freiburg gewandt hatte, ohne weitere Untersuchung freigelassen wurden.

In den Folgejahren hielt sich Felix Noeggerath in Heidelberg und Marburg auf, aber spätestens Herbst 1921 lebte er in Berlin. Hier heiratete er im Januar 1922 Cally (Caroline) Monrad (1879–1950), eine in ihrem norwegischen Heimatland bekannte Opernsängerin. Diese Ehe dauerte nur einige Monate. Von Herbst 1922 bis Mai 1923 war Noeggerath erkrankt im Lübecker Krankenhaus und zur Rehabilitation in Travemünde. Anschließend erblindete er wegen seiner Tuberkulose auf beiden Augen, wurde nach langer Behandlung in Zürich geheilt, und hielt sich zur Erholung in Ascona auf. Von 1925 bis 1932 scheint er immer wieder im Berliner Adressbuch unter der Adresse Lutherstraße 46 auf. Irgendwann nach 1925 heiratete er zum dritten Mal, nämlich Marietta Gräfin von Westarp († 1958), von der er sich erst 1937 scheiden ließ. Seinen Lebensunterhalt bestritt er in diesen Jahren durch Übersetzungen, z. B. von Benedetto Croces Logik, und wohl auch durch Unterstützungen seiner Brüder Carl und Jakob.

1926 wurde Felix Noeggerath Mitinhaber des Berliner Kinderbuchverlags Herbert Stuffer,Leo Baden-Württemberg, Eintrag: Stuffer, Herbert Abgerufen am 19. November 2023 in dem u. a. vier von Tom Seidmann-Freud illustrierte Bände Spielfibeln (1930–1931) erschienen. Ein Band davon hat Noeggerath als (anonymen) Autor, dessen mathematische Neigung hier in einem innovativen Rechenbuch für Kinder ihren Ausdruck fand. Arbeiten über philosophische Themen entstanden in den 1920er Jahren ebenfalls, wurden aber vom perfektionistischen Verfasser verworfen und später auch physisch vernichtet.

Um 1930 erneuerten Noeggerath und Benjamin ihre Freundschaft, und als Noeggerath seine Auswanderung nach Ibiza plante, schlug er auch Benjamin diesen Schritt vor. Beide vermieteten ihre Wohnungen in Berlin und saßen dabei einem später verhafteten Betrüger auf. Anfang 1932 fuhren Felix und Marietta nach Ibiza und mietete an der Westküste in San Antonio Abad eine verfallene Mühle, die sie in Folge zu restaurieren begannen. Benjamin folgte im April nach und wohnte, einen minimalen Pensionspreis zahlend, im gleichen Haus. Öfters kamen auch Noeggeraths Sohn Hans Jakob oder Benjamins Freundin Olga Parem einige Wochen zu Besuch. Ende 1932 ging Benjamin mit guten Eindrücken aus Ibiza nach Paris.