Claudia Maria Schneider-Esleben (* 1949 in Düsseldorf) ist eine deutsche Architektin, Designerin, Autorin und Kuratorin. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und Ramatuelle, Frankreich. mini|Claudia Schneider-Esleben (2023), Foto: Yassine Ben Fadhel
Leben und Werk Schneider-Esleben ist eine Pionierin des Neuen Deutschen DesignsThomas Hauffe: Geschichte des Designs in Überblick, DuMont, Köln, 4. Aufl., 2021, S. 157 listet Gruppen im Neuen Deutschen Design auf, beginnend mit Möbel perdu und namentlich an erster Stelle Claudia Schneider-Esleben der 1980er-Jahre. Sie entwarf Schmuck, Möbel und Objekte, die den damals vorherrschenden Spätfunktionalismus in Frage stellen und ironisch brechen. Sie thematisierte Defizite in der Architektur- und Designszene, etwa was die Rolle der Frau oder des Handwerks anbelangt. Um sie zu füllen, begründete sie Vereinigungen und Institutionen.
Sie kuratierte in der Möbel perdu Galerie in Hamburg von 1983 bis 1995 im Halbjahresturnus 20 programmatische Designausstellungen mit Konzerten und Performances. Ebenso kuratierte sie Ausstellungen für Museen wie das Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Für das Kunstmuseum Düsseldorf initiierte sie die Ausstellung Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen, deren Kuratorenteam sie 1986 angehörte. Die Schau mit 120 europäischen Designern war die erste Überblicksausstellung zum experimentellen Design in Europa und wirkte weit über Deutschland hinaus. Schneider-Esleben stellte wiederholt Hamburger Designer im Kontext von Möbelmessen in Köln und Mailand aus.
Sie initiierte, konzipierte und veranstaltete das Designfestival HamburgerDesignKreuzzüge, das der Hamburger Designszene zwischen 1993 und 1997 erstmals eine eigene Plattform zur Selbstdarstellung bot.die tageszeitung, Kultur, „Unterirdisches Design“, 22. November 1997, S. 25 2005 gründete sie ihr Label „Energetisches Design“.
Studium und Anfänge
Schneider-Esleben beendete 1978 ihr Architekturstudium an der Hochschule für Bildende Künste (HfbK) Hamburg als Diplomingenieurin. Ihre Abschlussarbeit galt dem Umgang mit der Tradition im ländlichen Wohnungsbau der VR China.Vgl. Koch, Gerd/Scheerer, Ann Kathrin: Peking baut um. Tendenzen der chinesischen Stadtplanung und Denkmalpflege, in: Die alte Stadt, Vierteljahreszeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie und Denkmalpflege, 12. Jg. (2/1985), S. 165–185, hier S. 180 Nach kurzer Mitarbeit in einem Hamburger Architekturbüro, wandte sie sich von der Architektur ab, da ihr die damalige Szene für Neuerungen und kreative Impulse wenig aufgeschlossen erschien.
Auf der Suche nach selbstbestimmten Betätigungsfeldern gründeten Schneider-Esleben und ihr früherer Kommilitone Michel Feith im September 1979 in Hamburg Lux Neonlicht - Atelier + Galerie für Architektur + AmbienteHolger Schnitgerhans: Wiederkehr der leuchtenden Linien, in: manager magazin, 2/1986, S. 120 f.Claudia Schneider-Esleben: Ist Neon gefährlich?, in: Elaste, 4/5, 1982, Hannover, S. 68–69. Sie schufen architekturbezogene Elemente aus Neonröhren (kurz Neons) sowie Möbelobjekte und Schmuck. Ihre raumgreifenden Neon-Installationen fertigten sie auch als Auftragsarbeiten. Hier wie auch später bei Möbel perdu zielten die Gründer auf eigene Produktion ab, ebenso aber auch auf den Austausch und die Vernetzung mit anderen über gestalterische Spartengrenzen hinweg. Die eigene Werkstätte kombinierten sie mit einem Treffpunkt der aufbrechenden Szene.
Schneider-Esleben leitete die Galerie, während Feith sich Atelier und Werkstatt widmete. Im September 1982 präsentierten sie ihr Werk in Mailand.Vgl. Simon Stanislawski: Humor und Design. Über das neue deutsche Design und seine Folgen, Master-Arbeit an der HfbK Hamburg, Material Verlag, Hamburg, 2023, S. 22 ff. „Neues deutsches Magazin No. 1“ Humor und Design – Über das neue Deutsche Design und seine Folgen: Dort trafen sie auf Designer aus ganz Europa – darunter Jasper Morrison, Ron Arad und Andreas Brandolini. Die meisten versammelten sich kurz darauf beim Projekt RastlosWolfgang Kos: Rastplatz der Rasenden Blicke – Eine Rückschau auf das Projekt Rastlos, in: For Sale? – A Presentation of New Design on The Border – Exhibition – Meeting – Music, 24.–27. September 1982, ‚Rastlos‘, Müllendorf, Burgenland, Austria, Reprint Galerie prodomo, Wien 1989 wieder, einer Ausstellung mit intensiver Diskussion in einer ehemaligen Raststätte südlich von Wien. Die jungen Architekten und Designer, die bis dahin vereinzelt arbeiteten, erkannten das Potenzial für einen gemeinsamen Aufbruch.
Schneider-Esleben kuratierte aus dieser Gruppe Teilnehmer der Ausstellung Möbel perdu – Schöneres WohnenClaudia Schneider-Esleben: Möbel perdu – Schöneres Wohnen, Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, 21.10.1982–16.01.1983, Hamburg 1982, S. 1 in Hamburg. Sie initiierte die No-Budget-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (MK&G) mit dem Museumspädagogen Nils Jockel sowie mit den Designern Michel Feith und Thomas Wendtland.
Neben Objekten von Lux Neonlicht, von Arad, Brandolini und Morrison, wurden Exponate aus Mailand von Studio Alchimia, Massimo Iosa Ghini und Marco Zanuso Jr. sowie von Volker Albus, Katharina Fritsch und Florian Borkenhagen gezeigt. Insgesamt 39 Architekten und Designer aus fünf europäischen Ländern stellten in Hamburg aus.Jürgen Petermann, „Designausstellung von Avantgarde-Möbeln in Hamburg - Möbel perdu“, in: Der Spiegel, 51/1982, S. 154–156Paula Almquist: Möbel außer Rand und Band, Der Stern, Heft 49, Dezember 1982, S. 39
Produzentengalerie und Plattform
In Hamburg gründete Schneider-Esleben 1983 zusammen mit Michel Feith und Rouli Lecatsa Möbel perdu, die erste Designproduzentengalerie in Deutschland.Stichwort „Möbel perdu“, in: Ambiente, Euro-Design-Guide – ein Führer durch die Designszene von A-Z / Georg C. Bertsch; Matthias Dietz; Barbara Friedrich, Heyne, München, 1993, 2. Aufl., S. 152, mit Abbildung „Stumme Dienerin“ von Claudia Schneider-EslebenStichwort „Möbel perdu“, in: Marion Godau/Bernd Polster: Design Lexikon Deutschland, DuMont Buchverlag, Köln 2000, S. 377, mit Erwähnung von „Schminktisch“ (1989) von Claudia Schneider-EslebenHeinz Fuchs, François Burkhardt / Institut für Auslandsbeziehungen: Produkt Form Geschichte – 150 Jahre deutsches Design, mit Abbildung Paravent von Claudia Schneider-Esleben, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1985, S. 92 f. Den Ausstellungstitel "Möbel perdu" übernahmen Feith, Schneider-Esleben und Lecatsa für ihr Anschlussprojekt, indem sie in Hamburg eine Gruppe und Plattform gleichen Namens etablierten, die u. a. eigene Objekte und Möbel, die Möbel perdu Kollektion präsentierte.
Die Programmatik ging über eine Galerie hinaus, was im Namen "Möbel perdu – Atelier, Werkstatt + Galerie für Architektur, Design + Kunst" zum Ausdruck kam. Dem Zeitgeist der 80er-Jahre entsprechend galt es, Grenzen bestehender Kategorien, Disziplinen und Stile zu überwinden und spielerisch zu vermischen.
Die Gruppierung präsentierte Gegenpositionen zum Bewährten und Etablierten in Design, Kunsthandwerk, Musik und Kunst. Zum Teil diente sie als Forum, was Kunsthandwerk, Design und Schmuck anging, betätigte sie sich auch mit dem Entwurf und Vertrieb eigener Objekte.Nicht zu verwechseln mit der heute in Wiesbaden bestehenden Möbelhandlung gleichen Namens, die ausschließlich gut abgesicherte, so genannte Klassiker der Designgeschichte zum Verkauf anbietet.
Für die bundesdeutsche Designentwicklung der 80er-Jahre war die Hinwendung zu bis dato ungebräuchlichen Materialkombinationen prägend: Neon und Marmor, Gummi, Metall, Spiegelglas, Plexi, Lackfolie und Beton, kombiniert mit geometrischen, oft asymmetrischen Formen. Auch Zelluloid kam zum Einsatz, beispielsweise bei Schneider-Eslebens Objekten und Schmuck, sowie ihrem Paravent Spanische Wand mit Lanzen (1983/1985).
Schneider-Esleben wirkte als Protagonistin, Kuratorin und Autorin, die Gruppen von Künstlern, Designern und Kreativen unterschiedlichster Arbeitsfelder präsentierte. In einem programmatischen Text feierte sie 1985 das „Cross-Over“, das Mixen der Sphären und Medien kreativer Tätigkeit: „So mutiert mit behender Leichtigkeit der Maler zum Musiker, der Musiker zum Filmemacher, der Filmemacher zum Poet, der Poet zum Designer, der Designer zum Künstler, der Künstler zum Kaufmann, der Kaufmann zum Handwerker, der Handwerker zum Universalist. Der Gesamtkünstler ist angesagt, mittlerweile hat er sich zum Gesamtkunstgewerbler entwickelt.“Claudia Schneider-Esleben: Baroccoco – Der Hang zum Gesamtkunstgewerbe, in: Kunstforum International, Bd. 82, Dez. 85/Jan. 86, S. 95
Historische Darstellungen des Neuen deutschen Designs von Thomas Hauffe und Petra Eisele würdigen Schneider-Eslebens Rolle. Ebenso die Ausstellung Schrill, Bizarr, Brachial – Das Neue Deutsche Design der 80er-Jahre des Bröhan-Museums Berlin (2014/15). Der Designer Simon Stanislawski interviewte sie für seine Master-Arbeit am Studienschwerpunkt Design der HfbK Hamburg 2024. Im Rahmen der umfassenden Ausstellung Hello Image. Die Inszenierung der Dinge im Museum für Kunst & Gewerbe (4. April 2025–12.04.2026), werden u. a. Positionen von Schneider-Esleben gezeigt.
Familie
Schneider-Esleben entstammt einer musischen Familie. Ihr Vater war der Architekt Paul Schneider-Esleben, ihre Mutter die Schriftstellerin Evamaria Meyerhof van Diemen, die Großmutter mütterlicherseits war die Konzertsängerin und Schauspielerin Ursula van Diemen, ihr Großvater der Textilkaufmann, Leichtathlet und Münzsammler Justus Meyerhof. Ihre Geschwister waren der Musiker und Komponist (Mitbegründer Kraftwerk) Florian Schneider (1947–2020) und die Grafikerin Katharina Schneider-Esleben (1955–2002).https://web.archive.org/web/20200509064513/https://www.uni-weimar.de/de/kunst-und-gestaltung/aktuell/aktuelles/titel/285-bauhaus-master-lecture-mit-claudia-schneider-esleben/ Die Theaterwissenschaftlerin Ursula Neuerburg (* 1962) ist ihre Halbschwester. Ihre Tochter Sophia Schneider-Esleben (* 1988) ist Modedesignerin. 2014 heiratete sie Yassine Ben Fadhel (* 1982).Tabellarischer Lebenslauf, Website schneider-esleben, abgerufen am 7. April 2024
Werke als Designerin (in Auswahl) Bekannte, wiederholt ausgestellte und publizierte Objekte von Claudia Schneider-Esleben mini|"Tänzerin", dreidimensionales Neonobjekt, 1979 diverse Neons (ab 1979) Celluloid-Schmuck, 1981 „Spanische Wand mit Lanzen“, Paravant, Stahlrohr brüniert, 1983/85 mini|"Spanische Wand mit Lanzen", Paravent und Barhocker "Spirale", 1983/1986 „Spirale“, Barhocker Stahlrohr, brüniert, 1986 „Elektronische Gottesanbeterin“, Roboterin, schallgesteuert, Celluloidflügel, 1986 „Kaktus“, Tischleuchte, Celluloid, Holz, Stahlgeflecht, 1986 „Stumme Dienerin“, Kleiderständer, Stahlrohr brüniert, 1987 mini|"Stumme Dienerin", Kleiderständer, 1987 „Manschetten“, Armreifen, Celluloid, Kupfer, Stahl, Messing, 1989 „Barockoko“, Hänge- und Tischleuchter für Kerzen, 1989 „Wandspiegel“ und „Schminkspiegel“, Stahl, lasergeschnitten, brüniert, 1991 (im MK&G Hamburg) „Schminktisch“, Aluminium, Stahl, Holz, Spiegel, 1991
Eigene Präsentationen (Auswahl) 1982/1983 Möbel perdu – Schöneres Wohnen, Museum für Kunst & Gewerbe, Nils Jockel, Hamburg (Katalog) 1993 Möbel perdu – Das Jubiläum, Museum für Kunst & Gewerbe, Hamburg, Rüdiger Joppien 1986 Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen, Kunstmuseum Düsseldorf, (Katalogbuch) 1986 Gipfeltreffen, Möbel perdu und Pentagon, Galerie Pentagon, Sabine Voggenreiter, Köln 1991 Möbel perdu in Milano – Barock, barbar, bohème - Kunsthandwerk der 90er, Salone Internazionale del Mobile, Mailand
Beteiligung an Themenausstellungen (Auswahl) 1982 Camera Design, Mailand, Bepi Maggiori & Marco Zanuso Jr., (Katalog) 1982 Rastlos – For sale? A Presentation of new Design on the Border, Raststätte bei Müllendorf / Wien, Burgenland, Österreich (Katalog)