Merycoidodon ist eine ausgestorbene Gattung der Paarhufer innerhalb der ebenfalls erloschenen Familie der Merycoidodontidae. Die Gruppe wird häufig den Schwielensohlern zugerechnet. Die Gattung lebte vom ausgehenden Mittleren Eozän bis zum Oberen Oligozän vor etwa 38 bis 30 Millionen Jahren. Das Verbreitungsgebiet lag im heutigen Nordamerika. Es sind zahlreiche vollständige Skelette der Tiere bekannt. Eine der bedeutendsten Fundregionen ist die White-River-Gruppe in den Badlands der US-amerikanischen Bundesstaaten South Dakota, Nebraska und Wyoming. Fossilreste liegen aber vom südlichen Kanada bis in das südliche Mexiko vor.

Es handelt sich um schafsgroße Tiere, im äußeren Erscheinungsbild zeigten sie Ähnlichkeiten zu heutigen Schweinen. Besondere Charakteristika finden sich in dem kräftigen Körperbau mit langem Schwanz. Die Beine waren ebenfalls robust und endeten vorn in fünf, hinten in vier Zehen. Das Gebiss war vollständig bezahnt, auffälligerweise bestand ein großer oberer Eckzahn, dessen Gegenstück sich im unteren ersten Prämolar fand. Aufgrund der hohen Anzahl an Funden wird vermutet, dass Merycoidodon in Herden lebte. Den Gesteinsschichten zufolge, in denen die Fossilreste eingelagert sind, bevorzugten die Tiere Waldlandschaften. Die Nahrung bestand höchstwahrscheinlich aus weicher Pflanzenkost, was nicht nur die Abnutzungsspuren auf den Zähnen, sondern auch Isotopenanalysen unterstreichen. Möglicherweise lag auch ein geschlechtsspezifischer Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Individuen vor, der in der Ausprägung des Gebisses ersichtlich wird.

Die Gattung Merycoidodon wurde im Jahr 1848 von Joseph Leidy wissenschaftlich eingeführt. Es handelt sich somit um eine der ältesten benannten Tiergruppe der Badlands-Region. Leidy selbst änderte den Gattungsnamen im Jahr 1852 in Oreodon, unter dem die Fossilreste lange Zeit geführt und bekannt wurden. Die nomenklatorisch korrekte Bezeichnung Merycoidodon setzte sich aber Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend wieder durch. Die Tiergruppe bildet Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen und unterlag mehreren Revisionen. Die letzte, im Jahr 1996 durchgeführt, etablierte die heute anerkannte Aufteilung in mehrere Arten.

Merkmale Habitus Merycoidodon war ein mittelgroßer Vertreter der Huftiere. Allgemein erreichten die Tiere die Größe eines heutigen Schafes, ähnelten äußerlich aber eher Schweinen. Ein rekonstruiertes Skelett wies eine Gesamtlänge von 69 cm und eine Schulterhöhe von 32 cm auf. Das Körpergewicht lag Berechnungen zufolge bei rund 50 kg. Gegenüber der Schwestergattung Mesoreodon wurde Merycoidodon etwas kleiner. Typisch war ihr recht kräftiger Körperbau mit vergleichsweise kurzem Hals und ebensolchen Gliedmaßen. Bei diesen besaßen die oberen und unteren Abschnitte der Beine in etwa die gleiche Länge. Ebenso war der Schwanz relativ lang. Im Verhältnis zum Körper hatte der Schwanz die größte Länge von allen Mitgliedern der Familie.

Schädel- und Gebissmerkmale mini|Schädel von Merycoidodon Der Schädel wurde 19 bis 24 cm lang und an den Jochbögen 11 bis 12 cm breit. In Aufsicht besaß der Schädel einen schlanken Bau mit engem, aber gestrecktem Hirnschädelabschnitt. Die Hirnkapsel fasste 46 bis 54 ml. Hinter den Orbita schnürte der Schädel markant auf 3,0 bis 3,4 cm ein. Insgesamt war er langgestreckt, das Rostrum aber eher kurz. Letzteres erstreckte sich vom Mittelkieferknochen bis zu den Augenfenstern über 8,6 bis 10,2 cm und war im Bereich des ersten Molaren 5,9 bis 6,2 cm breit, an den Eckzähnen 4,3 bis 4,6 cm. Allgemein verjüngte es sich in Aufsicht nach vorn, verbreiterte sich aber an den Eckzähnen wieder. Der Mittelkieferknochen überragte den Eckzahn nur wenig. Dadurch endete das Rostrum eher stumpf. Die Stirnlinie verlief in Seitenansicht flach abfallend zur Schnauzenspitze hin, bei Mesoreodon wölbte sie stärker auf. Der Oberkiefer ragte hoch auf und bildete nahezu die gesamte seitliche Wand des Rostrums. Die Orbita hatten eine runde Form, der vordere Rand lag oberhalb des zweiten Mahlzahns, nahm aber insgesamt eine niedrige Position ein. Die Jochbögen waren kräftig und schwangen weit auseinander, hier zeigte sich der Ansatz am Schläfenbein besonders kräftig. Auf dem Scheitelbein verlief ein markanter Scheitelkamm, der seine größte Höhe am Kamm des Hinterhauptsbeins erreichte. An der Schädelunterseite war der Gaumen breit und parallelseitig. Die Paukenblasen hatten bei frühen Vertretern der Gattung nur eine geringe Größe, blähten sich jedoch bei späteren zunehmend auf. Bei anderen Formen wie Eporeodon waren sie prinzipiell größer.

Der Unterkiefer maß 16,1 bis 18,3 cm in der Länge. Die Symphyse am vorderen Ende nahm davon 3,7 bis 4,7 cm ein und formte einen etwas gerundeten Abschluss. Der horizontale Knochenkörper war kurz und gewann nach hinten zunehmend an Höhe, am letzten Molaren maß diese rund 4 cm. Seine Unterkante verlief nahezu gerade. Dagegen dellte der Alveolafläche leicht ein. Unterhalb des zweiten Prämolaren öffnete sich das Foramen mentale. Der aufsteigende Ast zeigte einen breiten Ansatz. Der Kronenfortsatz war hingegen klein und gerundet mit einer konvexen Vorder- und konkaven Hinterkante. Der Winkelfortsatz am hinteren Ende erreichte kräftige Ausmaße.

mini|Gebiss von Merycoidodon; der obere Eckzahn (C) und der untere erste Prämolar (dp1, hier noch als Milchzahn ausgeprägt), wirken abweichend zu anderen Säugetieren als Gegenspieler bei Gebissschluss Das Gebiss war vollständig ausgebildet und bestand damit aus der für die Höheren Säugetiere typischen Anzahl von 44 Zähnen. Die Zahnformel lautete entsprechend . Die Kaufläche der oberen Zahnreihe verlief etwas nach unten ausgedellt, die der unteren war entsprechend etwas konkav gestaltet. Die oberen Schneidezähne bildeten gemeinsam mit dem Eckzahn einen geschlossenen Bogen, lediglich zwischen den ersten beiden Incisiven der linken und rechten Seite bestand eine kleine Lücke. Insgesamt waren die oberen und unteren Schneidezähne klein, der obere Eckzahn hatte hingegen eine massive, spitze Gestalt mit der Form einer dreikantigen Pyramide. Im Unterkiefer glich der Eckzahn den Schneidezähnen und war somit incisiviform ähnlich wie bei den Pekaris und Hirschferkeln. Die Prämolaren zeigten sowohl oben wie unten einen weitgehend uniformen und einspitzigen Bau. In der oberen Reihe waren sie allgemein klein, in der unteren nahm ihre Größe vom zweiten zum vierten hin zu. Eine Ausnahme stellte hier der erste Prämolar des Unterkiefers dar, der einem Eckzahn (caniniform) ähnelte. Er bildete das Gegenstück zum oberen Eckzahn, war aber nicht ganz so groß. Allerdings wies er deutliche individuelle Variationen auf, was eventuell mit einem Geschlechtsdimorphismus einhergeht, bei dem weibliche Tiere über einen kleineren unteren ersten Prämolaren als männliche verfügten. Allgemein waren die Molaren auffallend niederkronig (brachyodont). Sie zeichneten sich durch ein typisch mondsichelförmiges (selenodontes) Kauflächenmuster aus. In ihrer gesamten Morphologie ähnelten sie den Zähnen der heutigen Hirsche, waren aber breiter und niedriger. Im Vergleich zu Mesoreodon wirkten die Molaren bezogen auf die Höhe noch breiter. Gegenüber Miniochoerus waren die Zahnschmelzleisten nicht verdünnt. Die obere Zahnleiste wurde 10,9 bis 22,1 cm lang, die untere 11,2 bis 11,9 cm. Die Prämolaren und Molaren beanspruchten nahezu die gleiche Länge. Bei Miniochoerus war die Prämolarenreihe kürzer als die Molarenreihe.

Skelettmerkmale mini|Skelettrekonstruktion von Merycoidodon Die Wirbelsäule setzte sich aus 7 Hals-, 14 Brust-, 6 Lenden-, 4 bis 5 Kreuzbein- und 23 Schwanzwirbeln zusammen. Die Anzahl der gesamten Rückenwirbel und der Schwanzwirbel war somit höher als bei den rezenten Vertretern der Paarhufer. Im Bewegungsapparat bestand am Schultergürtel noch ein Schlüsselbein, das bei heutigen Paarhufern zurückgebildet ist. Die vorderen und hinteren Gliedmaßen waren kurz und etwa gleich lang, wodurch eine eher horizontal orientierte Rückenlinie entstand. Der Oberarmknochen wies einen kurzen, massigen Bau auf, am Schaft setzten kräftige Knochenrippeln an. Die beiden Knochen des Unterarms waren nicht verwachsen und ebenfalls robust gebaut. An den Vorderfüßen zeigte lediglich der Innenstrahl (Daumen) leichte Reduktionen, wodurch sich der ursprünglich fünfstrahlige (pentadactyle) Aufbau durchpauste. Wie bei Paarhufern üblich bildeten die Strahlen III und IV die Hauptachse, sie waren aber noch nicht zu dem typischen Kanonenbein der Wiederkäuer und Kamele verwachsen. Am Becken bestand lediglich über das Darmbein und dem ersten Kreuzbeinwirbel eine Verbindung zur Wirbelsäule. Darm- und Sitzbein verliefen in gerader Linie und waren etwa gleich lang. Der Oberschenkelknochen verfügte über einen nur kurzen Schaft, ebenso wie das Schienbein. Letzteres zeigte keine Verwachsungen mit dem Wadenbein. Der Hinterfuß war abweichend zum Vorderfuß tetradactyl, also vierstrahlig gestaltet. Auch hier verlief der Schwerpunkt durch die Strahlen III und IV, ohne dass diese miteinander verschmolzen waren. Die Endglieder der Zehen waren sowohl am Vorder- wie am Hinterfuß symmetrisch im Querschnitt, was deutlich von den heutigen Paarhufern abweicht.

Fossilfunde mini|Badlands-Nationalpark in South Dakota, aufgeschlossen ist hier die Brule-Formation mit dem Scenic Member mini|Schädel von Merycoidodon aus der White-River-Gruppe Funde von Merycoidodon sind aus weiten Bereichen von Nordamerika bekannt. Das wichtigste Fundgebiet stellt die Region des White River in den US-Bundesstaaten South Dakota, Nebraska und Wyoming dar. Dort liegt auch die bedeutende Fossillagerstätte der White River Badlands, die in Teilen durch den Badlands-Nationalpark geschützt wird. In der Region ist die sogenannte White-River-Gruppe aufgeschlossen. Hierbei handelt es sich um eine überaus fossilreiche geologische Ablagerungsfolge, die aus mehreren Gesteinsformationen besteht. Es werden zumeist drei Serien unterschieden: zuunterst die Chamberlain-Pass-Formation, gefolgt von der Chadron-Formation und der Brule-Formation (regional, so in Wyoming, gilt die White-River-Gruppe als untergeordnete Formation, die in ihr eingeschlossenen Gesteinseinheiten werden dann als Schichtglieder oder Member geführt). Von Bedeutung erwiesen sich die beiden letztgenannten. Diese können wiederum in mehrere Schichtglieder aufgeteilt werden. Die Chadron-Formation entstand weitgehend im Oberen Eozän vor rund 37 bis 33,8 Millionen Jahren, die Brule-Formation hingegen im Unteren Oligozän vor rund 33,8 bis 32 Millionen Jahren. Diese biostratigraphische Alterseinschätzung wird durch absolute Altersmessungen mit Hilfe der Kalium-Argon-Methode bestätigt. Sie ergaben für ein Tuffband zwischen beiden Gesteinseinheiten einen Wert von 33,6 Millionen Jahren vor heute. Sowohl die Chadron- als auch die Brule-Formation lieferten eine reichhaltige Fossilgemeinschaft. Neben Pflanzenresten und Wirbellosen setzt sie sich vor allem aus Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren zusammen. Unter den Säugetieren sind neben verschiedensten Paarhufern auch Unpaarhufer sowie Insektenfresser, Nagetiere, Hasenartige, Raubtiere und Beuteltiere vertreten, ebenso wie einzelne ausgestorbene Linien wie etwa die Leptictida und Pantolesta. Bezogen auf die Paarhufer gehört Merycoidodon gemeinsam mit dem Wiederkäuer Leptomeryx zu den am häufigsten aufgefundenen Formen innerhalb der White-River-Gruppe. Das Fundgebiet erbrachte zahlreiche, teils vollständige Skelette.