mini|Ankunft eines Transports polnischer Kinder im Hafen von London (Februar 1939) mini|Visum für Helga Wertheimer aus Wien 1939

Als Kindertransport (auch „Refugee Children’s Movement“) wird international die Ausreise von über 10.000 jüdischen Kindern nach Erlass der Nürnberger Gesetze aus dem Deutschen Reich und aus von diesem bedrohten Ländern zwischen Ende November 1938 und dem 1. September 1939 nach Großbritannien, Belgien, Frankreich,Zu den weniger bekannten Kindertransporten nach Frankreich siehe: USHMM-Collections: Gisela Edel and another boy stand outside the entrance to Chateau de la Guette & Laura Hobson Faure: Jewish Child Refugees from Central Europe in France and the United States: Transnational Perspectives on their Care, 1938–1945, in: Joanna Beata Michlic, Anna Ullrich, Yuliya Saal (Hrsg.): Childhood during war and genocide. Agency, survival, and representation, Wallstein-Verlag, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5599-6, S. 131–149 (Online in der Wallstein Open Library) Schweden u. a. bezeichnet. In Zügen und mit Schiffen konnten Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen, der Freien Stadt DanzigErwin Lichtenstein: Die Juden der Freien Stadt Danzig unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Mohr, Tübingen 1973, S. 103. und der Tschechoslowakei ins Exil ausreisen; die meisten sahen ihre Eltern nie wieder. Oftmals waren sie die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebten. (PDF; 75 kB)

Überblick Bereits 1933 begannen in den USA jüdische Organisationen Hilfsaktionen für jüdische Kinder aus Deutschland zu planen. Das führte 1934 zur Gründung der German Jewish Children’s Aid (GJCA), der Deutsch-Jüdischen Kinderhilfe. Trotz der sehr restriktiven US-amerikanischen Einreisebestimmungen des Immigration Act of 1924 konnte die Organisation immer wieder Kindertransporte aus Deutschland in die USA ermöglichen, später auch aus Österreich und – in Zusammenarbeit mit dem Œuvre de secours aux enfants – aus Frankreich. Als im Juli 1938 die faktisch gescheiterte Konferenz von Évian keine Hilfe für die in Deutschland lebenden Juden in Aussicht stellen konnte und wollte und vor allem ausreisewilligen Menschen keine Perspektive bot, rückte nur wenige Monate später das NS-Regime von sich aus das Problem in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit.

Die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung vom 9. auf den 10. November 1938 machten deutlich, dass Juden in Deutschland schutzlos waren. Zu einer Lockerung der in den meisten Ländern bestehenden strengen Einwanderungsbestimmungen führte das allerdings nicht, weshalb es den meisten im Deutschen Reich lebenden Juden trotz der aller Welt sichtbaren Verfolgung durch den NS-Staat weiterhin verwehrt blieb, Deutschland zu verlassen. Einziger Lichtblick in dieser Situation blieben die Kindertransporte nach England und die, wenngleich in kleinerem Maße und ohne staatliche Unterstützung, fortgesetzten Transporte in die USA. Eine der wenigen christlichen Gruppen, die sich an der Hilfsaktion beteiligten, war die kleine Gruppe der Deutschen Quäker.Claudia Curio: Kindertransporte nach Großbritannien, Bundeszentrale für politische Bildung, 6. November 2018 Das Berliner Quäkerbüro war Treffpunkt für konspirative Hilfe.Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 1990, gdw-berlin.de Wichtige Persönlichkeiten wie Anna Essinger und Sophie Friedländer pflegten Kontakte zu den Quäkern.

Aufnahmeländer Nach den Novemberpogromen handelten die britische Regierung und die Bevölkerung Großbritanniens schnell. Am 15. November 1938 empfing der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain eine Abordnung einflussreicher britischer Juden und Quäker, darunter die in viele Hilfsaktionen des Germany Emergency Committee involvierte Bertha Bracey,The missing chapter: How the british quakers helped to save the jews of Germany and Austria from nazi persecution um über eine vorübergehende Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in Großbritannien zu verhandeln. Die jüdische Gemeinde verpflichtete sich zur Stellung von Garantiesummen für die Reise- und Umsiedlungskosten der Kinder in Höhe von 50 Englischen Pfund pro Kind (nach heutigem Wert rund 1500 Euro) und versprach, die Kinder im Land zu verteilen und ihnen eine angemessene Ausbildung angedeihen zu lassen. Später sollten die Kinder mit ihren Familien wieder vereinigt werden und eine neue Heimat im britisch verwalteten Palästina finden.

Wenige Tage später lockerte die britische Regierung die Einreisebestimmungen und es ging ein Aufruf an die britischen Familien, solche Pflegekinder aufzunehmen. Es durften nun jüdische Kinder bis zum Alter von 17 Jahren einwandern, sofern ein Förderer oder eine Pflegefamilie für sie gefunden wurde. Die Übersiedlung wurde organisiert vom Inter-Aid Committee for Children, welches auch Pass-Ersatz-Papiere ausstellte.

Die britische Regierung traf diese Entscheidung trotz ihrer bereits erfüllten Einwanderungsquoten auch mit dem Hintergedanken, diese Demonstration guten Willens könne die USA dazu bringen, ihre Einreisebestimmungen ebenfalls zu lockern. Das US-Parlament lehnte einen entsprechenden Gesetzentwurf indes wenig später ab.

In Westeuropa brachten Transporte 1500 jüdische Kinder in die Niederlande, 1000 nach Belgien, 500 nach Frankreich, 300 in die Schweiz, 300 nach Dänemark und 450 nach Schweden.Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939 (hrsg. von Susanne Heim), München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 45.

Geertruida Wijsmuller-Meijer, eine einflussreiche niederländische Bankiersfrau, kam aus Amsterdam nach Wien und verhandelte zeitgleich mit Adolf Eichmann, und es gelang ihr, eine pauschale Duldung solcher Transporte unter strengen Auflagen zu erlangen. So durften die Kinder nur einen Koffer, eine Tasche und zehn Reichsmark mitnehmen; Spielsachen und Bücher waren verboten, nur eine Fotografie erlaubt. Mitgeführte Wertsachen wurden beschlagnahmt. Den Reisegruppen wurden Blockvisa ausgestellt; jedes Kind bekam eine Nummer. Um tränenreiche – und damit öffentlichkeitswirksame – Abschiedsszenen zu unterbinden, wurde Eltern und Angehörigen verboten, bei der Abfahrt der Kinder den Bahnsteig zu betreten. Wijsmuller-Meijer wurde für die Organisation der Kindertransporte als Gerechte unter den Völkern geehrt.

mini|Ankunft erschöpfter Kinder, Harwich 2. Dezember 1938 Schon wenige Tage nach den Novemberpogromen reisten am 15. und 22. November 1938 sowie Anfang Dezember die ersten Kinder aus der Israelitischen Waisenanstalt Frankfurt in die Niederlande.Renate Hebauf: »Du wirst nach Amerika gehen« Diese Transporte bildete den Auftakt zu einer Reihe weiterer Frankfurter Kindertransporte, die von der Israelitischen Waisenanstalt und deren Direktor Isidor Marx organisiert und auch begleitet wurden. Zielländer waren unter anderem die Schweiz, Frankreich und Palästina.

Am 1. Dezember 1938 fuhr der erste Kindertransport von Berlin (Anhalter Bahnhof) mit 196 jüdischen Kindern nach London.Lothar Eberhardt: Abschied für immer. Neues Denkmal zur Erinnerung an Kindertransporte, hagalil.com, 1. Dezember 2008 Der Transport kam am 2. Dezember 1938 am Parkeston Quay in Harwich an. Die Kinder wurden unter großer Anteilnahme der britischen Bevölkerung und der Medien durch Betreuer in Empfang genommen und ihren Pflegefamilien zugewiesen. Aufnahmezentren befanden sich in ParkfieldDieses Aufnahmezentrum befand sich in einem Vorort von Lowestoft in der Grafschaft Suffolk. und in Dovercourt (siehe unten). Ein Jahr lang, bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, wurden die Transporte von den Nationalsozialisten geduldet. Die Kinder fuhren mit dem Zug von ihren Heimatbahnhöfen über die Niederlande, meist nach Hoek van Holland, und von dort, wie schon beim ersten Transport, weiter per Schiff nach Harwich.

Neben deutschen und österreichischen Kindern wurde auch versucht, tschechische jüdische Kinder durch derartige Kindertransporte zu retten. Der Brite Nicholas Winton wurde für die Rettung von 669 jüdischen Kindern aus Prag bekannt.

Die Aufnahmesituation in Großbritannien mini|Brief aus Berlin an das Movement for the Care of Children from Germany (später RCM), 20. April 1939 Schon nach wenigen Wochen aber überstieg die Anzahl der ankommenden Flüchtlingskinder die angebotenen Pflegeplätze. Zahlreiche Kinder wurden in der Folge als kostenloses Dienstpersonal ausgenutzt, viele in Flüchtlingslagern interniert. Hinzu kam das Leid der Kinder, die überwiegend die Umstände ihrer Ausreise nicht kannten oder nicht verstanden und oftmals glaubten, ihre Familie habe sie verstoßen. Andere Kinder und Jugendliche litten darunter, dass ihnen die Gefahr, in der die zurückgebliebenen Eltern, Geschwister und andere Verwandte schwebten, durchaus bewusst war, und sie ihnen nicht helfen konnten. Mit all diesen Problemen mussten sich die Helfer in den Auffanglagern auseinandersetzen, die zu einem großen Teil Flüchtlinge waren.

Dovercourt und das Workhouse-Camp in Claydon Dovercourt () ist vor allem bekannt geworden durch die Arbeit von Anna Essinger, Hanna Bergas und deren Team aus der Bunce Court School. Wie es zu dieser Mitarbeit kam, schildert Anna Essinger: „Mehrere von uns wurden von einem der Flüchtlingskomitees gebeten, beim Empfang der Kindertransporte zu helfen, die seit den Pogromen in Deutschland und Österreich nach England kamen. Zusammen mit einigen ehemaligen Helfern und einigen der älteren Kinder der Schule gingen sechs von uns nach Dovercourt, um die Kinder zu empfangen.“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943), in: Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. Die Verdrängte Pädagogik nach 1933. rororo, Reinbek, 1983, ISBN 3-499-17789-7, S. 71–88. Ihr Einsatz dauerte vom Dezember 1938 bis Ende Januar 1939. mini|Eingang zum Warners Holiday Camp in Dovercourt, das vielen Flüchtlingskindern als Übergangslager diente (1937). mini|Prototyp eines Butlin's-Chalets, wie sie auch in Dovercourt ausgesehen haben.