mini|Helene Aylon (2014) Helène Aylon (* 4. Februar 1931 in Brooklyn; † 6. April 2020 in New York) war eine amerikanische Multimedia- und Konzeptkünstlerin, die in ihrer Kunst die Themen Feminismus, Judentum, Pazifismus und Umweltbewegung verarbeitete.
Leben Helène Aylon wurde als Tochter von Anshel Greenfield, der eine Krawattenfabrik leitete, und seiner Frau Etta, geb. Scheinberg, in Borough Park, Brooklyn geboren. Sie hatte zwei jüngere Schwestern: Sandy (geb. 1936) und Linda (geb. 1942). Helène Aylon wuchs als orthodoxe Jüdin auf und besuchte die Grundschule der Shulamith School for Girls sowie eine religiöse High School in der Midrasha, obwohl sie eigentlich die High School of Music and Art besuchen wollte. Helène Aylons Großmutter lebte mit der Familie und Helène teilte sich mit ihr das Zimmer. Während der High School verlobte sie sich im Alter von 18 Jahren mit dem Rabbinerstudenten Mandel H. Fisch. Sie heirateten 1949 und lebten in Montreal, wo Mandel bereits als Rabbiner tätig war. Ein Jahr später bekam Helène Aylon einen Sohn, Nathaniel, dem bald eine Tochter, Renee Emunah, folgte. Das Paar kehrte nach Brooklyn zurück, während Helène Aylon mit Renee schwanger war. Dort begann Aylon im Jahre 1958 mit Mitte Zwanzig ein Kunststudium am Brooklyn College bei Ad Reinhardt, einem Mentor und Freund, durch den sie auch Mark Rothko kennenlernte. Im Jahre 1961 – als Heléne Aylon 30 war – starb ihr Ehemann nach langer Krankheit. 1963 meldete sie sich freiwillig, um ein Wandgemälde für ein Gemeindezentrum im Stadtteil Bedford-Stuyvesant in Brooklyn zu malen. Als ein amerikanischer Zeitungsreporter des New York Journal-American sie interviewte, sagte sie spontan, dass ihr Name Helène Aylon sei, und übernahm damit die hebräische Version ihres Vornamens als Nachnamen. Der erste bezahlte Auftrag der Künstlerin war das fast 5 Meter großes Wandgemälde Ruach für die jüdische Kapelle am John F. Kennedy International Airport in New York, welches das Judentum aus der Sicht von Frauen zeigt.
Helène Aylon schloss sich der aufkommenden feministischen Bewegung an und zog 1973 von New York in die Region der San Francisco Bay, wo sie an der San Francisco State University und dem California College of Arts and Crafts lehrte. Sie begann, sich mit Prozesskunst zu beschäftigen und wurde von Betty Parsons vertreten. Im selben Jahr begann sie, Leinöl auf Papier für ihre Serie Paintings That Change in Time (1973–76) zu verwenden. Die Bilder veränderten sich, sobald das Öl über die Oberfläche glitt. Dieser Akt übertrug den Prozess der Bildgestaltung auf reinen Zufall und erzeugte den Eindruck abstrakter Himmels- und Meereslandschaften. Helène Aylons Methode wurde bereits 1978 mit der Serie The Breakings erweitert. Dafür legte sie große Platten auf den Boden und goss Leinöl darauf, so dass ein dicker Panzer entstand. Monate später neigte sie die Platten so, dass die Schwerkraft das Öl nach unten zog, wodurch dickere Säcke entstanden, die normalerweise zufällig platzten, und so das schuf, was sie „very wet, orgasmic process art“ nannte. Diese Arbeiten waren ihre explizitesten feministischen Aussagen ihrer Zeit, wobei sich der Prozess auf die Geburt bezog und die daraus resultierenden Bilder den weiblichen Körper suggerierten.
Helène Aylon absolvierte ein Masterstudium in Frauenforschung am Antioch College in San Francisco und wurde von feministischen Philosophinnen und Schriftstellerinnen wie Maya Angelou, Mary Daly, Andrea Dworkin, Grace Paley und Adrienne Rich beeinflusst.
1982 kehrte die Künstlerin nach New York zurück. Sie ließ in den 1980er Jahren die Studioarbeit hinter sich, produzierte Installationen, Performances, Aktionen und Objekte, die sich mit feministischen, ökologischen und religiösen Themen befassten und organisierte symbolische Veranstaltungen mit anderen Frauen, zunächst in den Vereinigten Staaten und später in Israel und Japan. Sie konzentrierte sich auf Kunst der Anti-Atomkraft-Bewegung sowie der Umweltbewegung, welche sie „ökofeministische“ Kunst nannte. Helène Aylon setzte sich dabei auf biologischer, ökologischer und theologischer Ebene mit dem Feminismus auseinander.
Ab den 1990er Jahren setzte sich Helène Aylon mit den kulturellen, spirituellen und familiären Wurzeln auseinander und widmete sich mehr als 35 Jahre lang der mehrteiligen großen Installation The G-d Project, das sich mit Theologie aus feministischer Perspektive, der Auslassung von Frauen in der jüdischen Tradition und der Projektion patriarchaler Werte auf Gott beschäftigte.
Helène Aylon war 2008 ein Gründungsmitglied des Jewish Art Salon. Sie starb im Jahre 2020 mit 89 Jahren an den Folgen einer COVID-19-Infektion.
Aylon hinterließ zwei Schwestern (Linda Silberstein aus Los Angeles und Sandy Ferziger Gottleib aus Jerusalem), einen Sohn, Nathaniel Fisch, Professor für Astrophysik an der Princeton University und eine Tochter, Renee Emunah, eine Theatertherapeutin und Autorin aus Bolinas, Kalifornien.
Werk (Auswahl) 1965–1966: RuachDas Wort Ruach ist ein hebräisches Wort aus dem Alten Testament mit der Bedeutung Wind, Geist und Atem. Das Wandgemälde überlagerte die drei hebräischen Buchstaben dieses Wortes wie ein riesiges Palimpsest, das die Farben Blau, Schwarz und Rot verkörperte.
1970: First Coral, Acryl auf Plexiglas und Aluminium 1970: Elusive Silver: Laden White, Acryl, Plexiglas auf Aluminium, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New YorkIn den von 1969 bis 1973 entstandenen abstrakten und prozessorientierten „Elusive Silver“-Gemälden verschmolz die Künstlerin Industriematerialien wie Blech, Kunststoff aus Acryl und Sprühfarbe. In einem Interview mit der Brooklyn Rail im Jahre 2019 sagte Aylon: “I wanted the paintings to actually change like the earth changes, like we change, like everything does change.” 1970: Drifting Pink, Acryl auf Aluminium und Plexiglas 1970: Homage to Redon, Whitney Museum of American Art, New York 1971: Elusive Silver: Silvery Pane, Acryl, Plexiglas auf Aluminium, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York 1971: Soft Pearl, Acryl, Plexiglas auf Aluminium, San Francisco Museum of Modern Art, San FranciscoDas etwa dreihundert Pfund schwere Kunstwerk aus wolkigen Weißtönen besteht aus mehreren Acrylschichten auf Plexiglas, die alle von einem silbernen Rahmen zusammengehalten werden. 1971: The Third Passage, Acryl auf Plexiglas und Aluminium 1971: Whirling White 1972: Elusive Silver: Brazen White, Acryl, Plexiglas auf Aluminium, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York 1973: Sparkling Firmament, Öl und Klebstoff auf Papier, Masonit und Plexiglas, Morgan Library & Museum, New York City 1973: Torn Drawing, Öl und Klebstoff auf Papier, Masonit und Plexiglas, Morgan Library & Museum, New York City 1973: Slowly Drawing, Leinsamenöl auf Papier, Masonit 1973: Paintings That Change in Time: Cross of Light, Leinsamenöl auf Papier, Masonit und Plexiglas, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New YorkDas Kunstwerk erinnert an chemische Reaktionen.
1973: Other SunsHier handelt es sich um ein Quadrat aus gebranntem Umbra, das verschiedene Prozesse durchlaufen zu haben scheint: Oxidation (vielleicht mit einer Lötlampe), Malerei und Radierung, die zu zellularen, winterlichen Motiven führten und an Frost auf Fensterscheiben erinnern.
1974: Paintings That Change in Time: Receding Beige, Leinsamenöl auf Papier, Masonit und Plexiglas, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York 1974: Paintings That Change in Time: Half Olive, Leinsamenöl auf Papier, Masonit und Plexiglas, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York 1976: Paintings That Change in Time: Emerging Persimmon, Leinsamenöl auf Papier, Masonit und Plexiglas, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York 1977: Pouring Formations: Reflecting Forms, Leinsamenöl auf Papier, Masonit und Plexiglas 1977: Vertical Form Diffused, Leinsaatöl auf Papier, Masonit 1977: Pouring Formations: Oval Form With Elongated Shape, Leinsamenöl auf Papier, Masonit und Plexiglas, Leslie Tonkonow Artworks + Projects, New York 1977–1979: The BreakingsIn dieser Serie dreht sich alles um das Platzen. Die Künstlerin goss mehrere Liter Leinöl auf Papier, das an Masonit-Platten befestigt war und ließ diese wochenlang auf dem Boden liegen, sodass sich auf dem Leinöl eine Haut entwickelte. Wochen später hob sie zusammen mit Mitarbeiterinnen, die sie als „Hebammen“ bezeichnete – darunter Betty Parsons, Nancy Spero und Hannah Wilke –, die Platten an und verursachte einen Bruch, bei dem das Öl austrat und den Geburtsvorgang simulierte. 1978: Breaking With Greater Resistance, Öl auf Papier unter Plexiglas, Geschenk von Sally Gottesman, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco 1978: Darkening Thrust, Leaking Break, Öl auf Papier unter Plexiglas, Geschenk von Sally Gottesman, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco 1979: Bulging Spread, Central Break, Leinsamenöl auf Papier, Plexiglas, Geschenk von Lisa und David Tillinghast, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco 1981: Stone Carrying Stone sacsArabische und jüdische Frauen tragen zusammen Steine im Gegensatz zur Intifada, die Steine wirft.
1982: Earth Ambulance, Morgan Library & Museum, New York City mini|Earth Ambulance 1982–1992Ein als Krankenwagen umgebauter weißer Lastwagen mit einem roten Kreuz reiste als kinetische Performance zu zwölf Militärstandorten in den Vereinigten Staaten. Dort sammelte Aylon gefährdete Erde von Atomstützpunkten, Uranminen und Kernreaktorstandorten und stopfte sie in Kissenbezüge mit der Aufschrift „Frauenträume“, die sie bei einer Demonstration vor den Vereinten Nationen in New York während der zweiten Sondersitzung zur nuklearen Abrüstung am 12. Juni 1982 verwendete. Die Kissenbezüge wurden feierlich auf Armeetragen die Stufen des Ralph Bunche Parks in der Nähe der Vereinten Nationen hinuntergetragen und dort deponiert. Um das Ende des Kalten Kriegs zu feiern, wurde der Lastwagen 1992 in der Brooklyn Bridge Anchorage, einem alternativen Kunstraum in New York stationiert. Das Kunstwerk sollte den Versuch symbolisieren, die Welt vor einem Atomkrieg zu retten. Das Kunstwerk befindet sich als permanente Installation im Hudson Valley MOCA in Peekskill.
1985: Two sacs en route, Multimedia-Installation1985 reiste Helène Aylon zum 40. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki nach Japan. Zusammen mit japanischen Frauen füllte sie Säcke mit Samen, Getreide, Schoten und Bambus und trieb sie den Kama-Fluss hinunter in Richtung dieser beiden Städte. Das Wort sac im Titel spielt auf das Akronym für Strategic Air Command an. Laut Suzanne Lacy hat sich der Sack zu einem universellen Symbol für Frauen entwickelt, die zusammenarbeiten, um das Nötigste zum Überleben und zur Heilung zu sammeln.
1986: Post-Script, Video-Projekt mit weiblichen Überlebenden der Explosion in Hiroshima 1987: Mirror Covering, Gespiegeltes Plexiglas und Gaze
The G-d Project: Nine Houses without women Am Grab ihres Mannes bemerkte Helène Aylon, dass die Inschrift ihren Sohn als Sohn seines Vaters bezeichnete, sie als Mutter aber nicht erwähnte, obwohl sie ihn zur Welt gebracht und viele Jahre alleine großgezogen hatte. Auch der traditionelle jüdische Hochzeitsvertrag nannte zwar beide Eheleute, bezog sich aber nur auf ihre jeweiligen Väter. Dies führte in den 1990er Jahren zu Helène Aylons neunteiliger Installation The G-D Project, mit dem sie sich mit dem Feminismus und ihrer jüdischen Identität auseinandersetzte. Der Name des Projekts ist eine Anspielung darauf, wie das orthodoxe Judentum versucht, die Ausschreibung des Wortes „Gott“ zu vermeiden. Das Projekt gilt als eines der radikalsten Werke, das jemals im jüdischen Rahmen entstanden ist.
1990 – 1996: The Liberation of G-d, Multi-Media Installation bestehend aus vier Teilen