mini|Novemberrevolution in Braunschweig, 8. November 1918: die Delegation des Arbeiter- und Soldatenrates (v. l. n. r.: Friedrich Schubert, Henry Finke, August Merges, Paul Gmeiner, Hermann Schweiß und Hermann Meyer) August Ernst Reinhold Merges (* 3. März 1870 in Malstatt-Burbach (Saarbrücken); † 6. März 1945 in Braunschweig) war deutscher Politiker und Revolutionär sowie Mitglied verschiedener kommunistischer und syndikalistischer Organisationen. Er war einer der Hauptakteure der Novemberrevolution in Braunschweig, Präsident der Sozialistischen Republik Braunschweig, Abgeordneter der Weimarer Nationalversammlung und des Braunschweigischen Landtags. Nach 1933 war er Mitglied in einer Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime. Er starb an den Folgen von Misshandlungen durch die Gestapo.

Leben August Merges wurde am 3. März 1870 in Malstatt-Burbach, einem heutigen Stadtteil von Saarbrücken, geboren. Im Sommer 1870 zog die Familie nach Idar-Oberstein. Seine Mutter Anna starb kurz nach seiner Geburt. Als sein Vater Nikolaus als Soldat in den Deutsch-Französischen Krieg eingezogen wurde, kam er zu Pflegeeltern. Dort bekam er aufgrund von Mangelernährung die Rachitis. Die Folge war, dass er kleinwüchsig blieb, ein lahmes Bein und einen Buckel hatte, was ihm den Spitznamen „Krummer August“ einbrachte.Bernd Rother: Die Sozialdemokratie im Land Braunschweig 1918 bis 1933. Bonn 1990, S. 274.Reinhard Bein: Braunschweig Stadt und Herzogtum 1890–1918. Materialien zur Landesgeschichte. Braunschweig 1985, S. 239.

Sein Vater, ein Fleischermeister, schickte ihn nach dem Besuch der Volksschulen in Idar-Oberstein und Melle zunächst in eine Schneiderlehre nach Bremen. Danach lernte er 1886/87 in der Zuschneideakademie in Berlin. Seine Gesellenzeit absolvierte er in Bremen.

1899 zog er nach Delligsen im Kreis Gandersheim, wo er als Schneider arbeitete und Minna, geborene Hermes, heiratete. Nach knapp neun Monaten wurde ihr erster Sohn Alfred geboren. Er hatte noch zwei weitere Söhne (Walter, geb. 1901, und Otto, geb. 1905) sowie zwei Töchter (Margarete verh. Krull, geb. 1903, und Lisbeth, geb. 1907).

Merges, der schon seit seiner Jugend Anhänger der Sozialdemokratie war, wurde in Delligsen von 1908 bis 1910 für die SPD in den Gemeinderat gewählt und trat als erfolgreicher Agitationsredner auf. 1906 wurde er Vorsitzender des neu gegründeten SPD-Ortsvereins in Delligsen.

1906 hörte er auf, in seinem Beruf zu arbeiten, und war als bezahlter Funktionär für die SPD in Hildesheim und Alfeld an der Leine tätig. Dort verwaltete er das Gewerkschaftshaus. Er nahm u. a. an den Demonstrationen der Arbeiterbewegung gegen das Dreiklassenwahlrecht und für demokratische und gleiche Wahlen im Land Braunschweig teil.

1911 zog er mit seiner Familie nach Braunschweig, wo er als Expedient zunächst am Marstall, später am Ölschlägern und ab 1917 bis zum Tod im Altewiekring 70 gemeldet war. Er arbeitete als Anzeigenwerber für den Braunschweiger Volksfreund und wurde Herausgeber und Redakteur dieser sozialdemokratischen Zeitung. Später war er als Schneider gemeldet, seine Tochter Margarete betrieb eine Kunststopferei.

1914 bis 1918: Agitation gegen den Ersten Weltkrieg Anfang 1915 gründeten August Merges, Sepp Oerter und August Thalheimer den „Braunschweiger Revolutionsclub“. Er stand der „Gruppe Internationale“ nahe. Über Thalheimer und Merges bestand Kontakt zur Berliner „Zentrale“.

Dem „Revolutionsclub“ gehörten ca. 15 Personen an, die in Opposition zur Kriegsunterstützung des SPD-Vorstandes standen. Die Hälfte der Mitglieder waren Funktionäre der SPD und der Gewerkschaft, die andere Hälfte oppositionelle Jugendliche aus dem „Bildungsverein jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen“. Besonders für die Jugendlichen war Merges Vorbild und Bezugspunkt.

Merges gehörte zu den Erstunterzeichnern eines Protestbriefes, den die Gruppe Internationale am 9. Juni 1915 an den Vorstand der SPD schrieb und darin das Ende der Unterstützung der Kriegspolitik forderte.

Anfang 1916 nannte sich der „Revolutionsclub“ in „Spartakusgruppe Braunschweig“ um. Die Gruppe konnte ihre Leitsätze in den Versammlungen der SPD vortragen und diskutieren und wurde so schnell zum bestimmenden Faktor innerhalb der Partei. In fast allen Betrieben gelang es, Vertrauensleute des Spartakus zu etablieren. Im selben Jahr wurde Merges wegen „antimilitaristischer Aktivitäten gegen den Krieg“ in „Schutzhaft“ genommen.Peter Berger: Brunonia mit rotem Halstuch. Novemberrevolution 1918/19 in Braunschweig. Hannover 1979, S. 110.

1917 spaltete sich die SPD in USPD und MSPD. Merges wurde Mitglied der USPD (die in Braunschweig im Gegensatz zum Reich die Mehrheit stellte). Er war gleichzeitig Mitglied des Spartakusbundes und arbeitete aktiv bei den Internationalen Kommunisten Deutschlands mit.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges leitete Merges eine von den Spartakisten gegründete Deserteurzentrale, die Deserteuren Unterschlupf gewährte und sie mit gefälschten Pässen und Lebensmittelmarken versorgte. Am 3. November sprach er auf einer illegalen Protestkundgebung auf dem Leonhardplatz in Braunschweig, mit ca. 1000 Teilnehmern. Bei der Kundgebung sollte eigentlich Karl Liebknecht sprechen, der aber kurzfristig absagte.

1918 bis 1919: Novemberrevolution und „Sozialistische Republik Braunschweig“ Siehe auch Hauptartikel: Novemberrevolution in Braunschweig

Merges hatte als geschickter Redner und Agitator massiven Einfluss auf die politische Entwicklung im Freistaat Braunschweig in der Zeit zwischen Kriegsende und Mitte 1919. So besetzte er am 8. November 1918 gegen 7 Uhr morgens mit einer Gruppe Bewaffneter das Volksfreund-Haus der SPD, wodurch sich die Linksradikalen ein eigenes Sprachrohr verschafften. Am Nachmittag desselben Tages erzwangen Merges und andere die Abdankung des letzten braunschweigischen Welfen-Herzogs Ernst-August, der die Stadt am folgenden Tage zusammen mit seiner Familie ins Exil verließ.

Der Arbeiter- und Soldatenrat übernahm daraufhin die politische Führung in Braunschweig, sein Vorsitzender war der „Husar Schütz“ (in Wirklichkeit ein Infanterist). Bereits zwei Tage später, am 10. November 1918, wurde eine Alleinregierung der USPD durch den Arbeiter- und Soldatenrat ausgerufen. Die Sozialistische Republik Braunschweig wurde proklamiert, und August Merges wurde auf Vorschlag von Sepp Oerter zu ihrem Präsidenten ausgerufen. Der Sozialistischen Republik Braunschweig gehörten folgende acht „Volkskommissare“ an: Minna Faßhauer (Volksbildung, die einzige Frau), Carl Eckardt (Arbeit), Gustav Gerecke (Ernährung), August Junke (Justiz), Michael Müller (Verkehr und Handel, am 28. Januar 1919 durch Rudolf Löhr abgelöst), Sepp Oerter (Inneres und Finanzen), Gustav Rosenthal (revolutionäre Verteidigung, am 28. Januar 1919 durch Herling abgelöst) und August Wesemeier (Stadt Braunschweig).

Am 23. November 1918 nahm Merges an der Reichskonferenz des Rates der Volksbeauftragten in Berlin teil. Zusammen mit dem Vertreter aus Gotha stimmte Merges als einziger gegen die Einberufung einer Nationalversammlung. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 wurden als Vertreter für Braunschweig August Hampe, Heinrich Jasper und August Merges bestimmt.

Am 25. Januar 1919 wurde Merges zum Bezirksvorsitzenden der USPD gewählt.Volksfreund vom 29. Januar 1919.

Nach der Landtagswahl am 22. Dezember 1918 wurde der Landtag am 10. Februar 1919 eröffnet. Nach der Wahl der Landesregierung im Februar 1919 durch den Landtag, in dem die MSPD, die Deutsche Demokratische Partei (DDP) und die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) die Mehrheit stellten, lehnten diese Parteien den Art. 14 des Verfassungsentwurfs ab. Im Entwurf war vorgesehen, dass der Arbeiter- und Soldatenrat die „oberste Gesetzgebende Gewalt“ ausübe. Daraufhin legte Merges am 22. Februar 1919 sämtliche parlamentarischen Ämter nieder und verzichtete damit auch auf das Präsidentenamt, weil er die Revolution durch den Parlamentarismus verraten sah.

Bis zum Einmarsch der Freikorps-Truppen unter General Maercker in Braunschweig am 17. April 1919 zur Beendigung des Generalstreiks war Merges Anführer lokaler Aufstände. Um seiner Verhaftung zu entgehen, tauchte er beim Einmarsch der Maercker-Truppen zunächst in Braunschweig unter und flüchtete dann nach Berlin.

1920 bis 1933 Arbeit in (links-)kommunistischen und syndikalistischen Organisationen Bis 1920 war Merges Mitglied der KPD. 1920 trat er aus und zählte zu den Gründungsmitgliedern der linkskommunistischen AAU und der KAPD. Er war zeitweise Mitglied des Vorstandes.Olaf Ihlau: Die Roten Kämpfer. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Meisenhain am Glan 1969, S. 174. In der KAPD gehörte er zu den Anhängern der „föderalistischen Minderheit“, die eine Auflösung der kommunistischen Parteien und die Bildung von „Unionen“ forderte und jeder Zentralisierung und damit der Internationale sehr ablehnend gegenüberstand.

Am 15. März 1920 sprach Merges bei einer Kundgebung in Schöningen. Aufgerufen dazu hatte ein Aktionsausschuss aus SPD, KPD und USPD, der sich zu Beginn des Kapp-Putsches gebildet hatte und faktisch die vollziehende Gewalt ausübte. Die Arbeiter aller Betriebe in Schöningen beteiligten sich an einem Generalstreik, auch die Landarbeiter befanden sich im Streik, der allerdings schon vor Ausbruch des Kapp-Putsches, am 12. März, in 18 Orten rund um Schöningen begonnen hatte. Nach Abschluss der Kundgebung zogen viele Teilnehmer zum Rittergut. Die Einwohnerwehr, die sich dorthin zurückgezogen hatte, wurde zur Aushändigung ihrer Waffen aufgefordert. Erst in der Nacht kamen Truppen der Reichswehr nach Schöningen und beendeten die Belagerung des Rittergutes. Am folgenden Tag wurde bei einer Kundgebung der Kommandeur der Einwohnerwehr erschossen. Daraufhin erließ Oberst Stachow einen Haftbefehl gegen Merges, der für die Vorkommnisse verantwortlich gemacht wurde: Er habe die Arbeiter „zur gewaltsamen Entwaffnung der gesetzlichen Einwohnerwehr aufgereizt … Infolge davon ist es zu Unruhen und Kämpfen gekommen, bei denen es mehrere Tote und Verwundete gab.“ Trotz der Fahndung durch mehrere Kommandos der Reichswehr gelang es Merges am 16. März, bei einer Versammlung in Schöppenstedt zu sprechen. Die anwesenden Arbeiter verhinderten dabei seine Festnahme.Geschichtskommission der DKP Niedersachsen (Hrsg.): Blätter zur Geschichte der niedersächsischen Arbeiterbewegung Nr. 1, August 1980. Hannover 1980, S. 5 f.