Reserveoffiziere sind Reservisten, die einen Offizierdienstgrad führen.
Bundeswehr
Definition Reserveoffizier der Bundeswehr ist, wer einen Dienstgrad trägt, der gemäß Anordnung des Bundespräsidenten über die Dienstgradbezeichnungen und die Uniform der Soldaten den Offizieren vorbehalten istvgl. Art. 1, und einer der Laufbahnen der Reserve zugeordnet ist.Im Einzelnen: Laufbahn der Offiziere der Reserve des Truppendienstes, Laufbahn der Offiziere der Reserve des Sanitätsdienstes, Laufbahn der Offiziere der Reserve des Militärmusikdienstes, Laufbahn der Offiziere der Reserve des Geoinformationsdienstes der Bundeswehr, Laufbahn der Offiziere der Reserve des militärfachlichen Dienstes, vgl. insbes. . . Abgerufen am 1. April 2024.ZDv 20/7 auf Grundlage der Soldatenlaufbahnverordnung ( ) Gemäß Zentraler Dienstvorschrift 14/5 sind die Dienstgrade der Dienstgradgruppen Generale, Stabsoffiziere, Hauptleute und Leutnante den Offizieren vorbehalten.
Befehlsbefugnis und Dienststellungen Beorderte Reserveoffiziere sind entsprechend ihrem Dienstgrad für Dienststellungen eingeplant, die denen der anderen Offiziere entsprechen. Reserveoffiziere in einem Wehrdienstverhältnis werden wie alle anderen entsprechenden Offiziere verwendet. Hinsichtlich Befehlsbefugnis auf Grundlage der Vorgesetztenverordnung und hinsichtlich Disziplinarbefugnis aufgrund der Wehrdisziplinarordnung sind Reserveoffiziere in einem Wehrdienstverhältnis den sonstigen Offizieren gleichgestellt.
Ernennung Für die Deckung des Personalbedarfs der Reserveoffiziere ist seit 2012 die Abteilung VI des Bundesamts für Personalmanagement der Bundeswehr (BAPersBw) zuständig; zuvor war die Abteilung V des Personalamtes der Bundeswehr damit betraut. Das BAPersBw verfolgt dazu drei Wege: Weiterbildung ehemaliger aktiver Offiziere als Reserveoffizier; Zulassung, Ausbildung und Prüfung von Reserveoffizier-Anwärtern; Einstellung von gedienten oder ungedienten Seiteneinsteigern mit akademischer Vorbildung.
Die Eignungsfeststellung erfolgt im zentralen Assessmentcenter für Führungskräfte der Bundeswehr (ACFüKrBw), der vormaligen Offizierbewerberprüfzentrale in Köln; bis 2012 prüften Heer und Marine in den Zentren für Nachwuchsgewinnung (heute: Karrierecenter der Bundeswehr). Die Bundeswehr stellte folgendes Anforderungsprofil für die Laufbahn der Reserveoffiziere auf:Laufbahn: Offiziere der Reserve, bundeswehrkarriere.de, abgerufen am 17. Juni 2017. „ausgeprägte Einsatz- und Verantwortungsbereitschaft, die Eignung zur Menschenführung und Fähigkeit zur Teamarbeit,“ „Selbstständigkeit und Vorbildfunktion besonders in schwierigen Lagen,“ „Planungs- und Organisationsvermögen, betriebswirtschaftliches Handeln,“ „ausgeprägt leistungsorientierte Lernbereitschaft und -fähigkeit,“ „hohe physische und psychische Belastbarkeit und sportliche Leistungsfähigkeit.“
Beförderung Die Reserveoffiziere werden nach Bedarf sowie Eignung, Leistung und Befähigung befördert, i. d. R.: Leutnant/Leutnant zur See Oberleutnant/Oberleutnant zur See Hauptmann/Kapitänleutnant Major/Korvettenkapitän Oberstleutnant/Fregattenkapitän Oberst/Kapitän zur See
Die Beförderungsreihenfolge der Reserveoffiziere in den Laufbahnen des militärfachlichen Dienstes, des Geoinformationsdienstes, des Sanitätsdienstes und des Militärmusikdienstes weicht von oben genannter Dienstgradfolge ab. Für die Sanitätsoffiziere (Human- und Veterinärmediziner, Pharmazeuten und Zahnmediziner) gelten darüber hinaus eigene Dienstgrade.
In der Geschichte der Bundesrepublik wurden vereinzelt Personen in einer der Laufbahnen der Reserve in die Dienstgradgruppe der Generale befördert. Zum Brigadegeneral: Hans-Adolf von Blumröder, Hans Wilhelm Busch, Peter Dade, Erich Dethleffsen, Heinz Herre, Friedrich August Freiherr von der Heydte, Horst Kraehe, Horst Niemack, Eberhard Graf von Nostitz, Dieter Seegers-Krückeberg, Adolf Wicht, Hans-Heinrich Worgitzky; zum Generalmajor: Wolfgang Langkau; und zum Generalleutnant: Reinhard Gehlen. Fast alle Reserveoffiziere, die in der Bundeswehr in einen der Generalsdienstgrade befördert wurden, waren im zivilen Beruf hochrangige Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) oder der Deutschen Bundespost. Der zivile BND sollte im Verteidigungsfall in die militärischen Kommandostrukturen der internationalen NATO eingegliedert werden. Die leitenden Beamten des BND benötigten deswegen entsprechend hohe Reservedienstgrade, um im Kriegsfall auf Augenhöhe mit den Generalen der verbündeten Militärnachrichtendienste arbeiten zu können.Vgl. Agilolf Keßelring, Kriegs-BND: Planungen für die Mobilmachung des Bundesnachrichtendienstes von 1953 bis 1968, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 79 (2020), 2, S. 461–489, hier S. 473, 482.
Geschichte 1967 wurden im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) wehrsoziologische Untersuchungen von Rudolf Warnke unter Mitarbeit von Wilhelm Bierfelder durchgeführt.Vgl. Rudolf Warnke: Der übende Reserveoffizier 1967. Aus der Untersuchungsreihe „Der Offizier der Bundeswehr“. Herausgegeben vom Bundesminister der Verteidigung, Führungsstab der Streitkräfte I/7, 1970. (= Schriftenreihe Innere Führung. Reihe: Führungshilfen Wehrsoziologische Studien, Heft 8) Den Ergebnissen nach wurden Reservisten im Durchschnitt mit 25 bis 26 Jahren zum Reserveoffizier befördert. Sehr häufig wurden die jungen Reserveoffiziere als Zugführer oder stellvertretende Kompaniechefs eingesetzt. Mehrheitlich waren die Befragten Studenten der Rechtswissenschaft, Philologie und Pädagogik, gefolgt von Wirtschafts- und Sozialwissenschaft.
Reservisten in Auslandseinsätzen Bei entsprechender Qualifikation können sich Reserveoffiziere für einen Auslandseinsatz im Sinne einer besonderen Auslandsverwendung bewerben. Unter den bisher während der Auslandseinsätze der Bundeswehr ums Leben gekommen deutschen Soldaten sind zwei Reserveoffiziere. Bei Selbstmordanschlägen in Afghanistan fielen 2005 ein OberstleutnantPeter Müller: Deutschlands vergessene Soldaten, Welt Online, 17. Dezember 2006. und 2007 ein Hauptmann.Rede des Bundesministers der Verteidigung, Franz Josef Jung, anlässlich der Trauerfeier für die am 19. Mai 2007 in Kunduz getöteten Soldaten der Bundeswehr am 23. Mai 2007 in Köln-Wahn, Bundesministerium der Verteidigung, 23. Mai 2007.
Interessensvertretung Viele tausende Reserveoffiziere der Bundeswehr sind im Reservistenverband und den dortigen regionalen Arbeitskreisen Reserveoffiziere (AKRO) organisiert, welche ihrerseits auf internationaler Ebene in der Confédération Interalliée des Officiers de Réserve (CIOR) mit alliierten Reserveoffiziersvereinigungen zusammenarbeiten.
Nationale Volksarmee
Die Nationale Volksarmee gewann ihre Reserveoffiziere vorrangig unter den Studenten der Hoch- und Fachschulen. An diesen Schulen wurde, wie auch beim obligatorischen Reserve-Wehrdienst während des Studiums, für die Bewerbung als Reserveoffizieranwärter massiv geworben.
Da die Übungen der Reserveoffiziere wesentlich kürzer waren als der drei Monate lange Reservistenwehrdienst der Mannschaften und Unteroffiziere, hatte die Laufbahn auch eine gewisse Attraktivität.
Wehrmacht Siehe auch: Liste der Kapitäne zur See der Reserve der Kriegsmarine
Preußische Armee Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Zuge der Preußischen Heeresreform (1807–1814) von Scharnhorst, Gneisenau, Boyen und Clausewitz stieg auch die Bedeutung der Reservisten für das Militär an. Im Kaiserreich genoss der „bürgerliche Reserveoffizier“ hohes Ansehen. Die Bedeutung, die dem Militär zu dieser Zeit zukam, findet sich in den Worten des Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff wieder:Militarismus und Wissenschaft. In: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Reden aus der Kriegszeit. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1915, S. 83 f.
Nach der Beförderung übten die ausgebildeten Reserveoffiziere in der Landwehr. Mit den Roonschen Reformen von 1860 dienten sie fortan in allen Waffengattungen. Im Jahr 1914 zählte die Statistik mehr als 120.000 Reserveoffiziere in den Dienstgraden von Leutnant bis Major. Der Historiker Heiger Ostertag urteilte über ihre Leistungen im Ersten Weltkrieg positiv, nämlich dass sieHeiger Ostertag: Bildung, Ausbildung und Erziehung im Kaiserreich 1871–1918. Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit des Offizierkorps. Lang, Frankfurt 1990, S. 296.
Überwiegend stammten die Reserveoffiziere aus bürgerlichen Familien. Ihre Väter waren meist Beamte, Gutsherren, Industrielle und Angehörige der freien Berufe (Rechtsanwälte, Ärzte etc.). Reserveoffiziere nahmen mitunter im zivilen Berufsleben leitende Funktionen in Wirtschaft und Verwaltung wahr. Der Historiker Friedrich Meinecke formulierte 1946 die Stellung des Offiziers in der preußisch-deutschen Gesellschaft in folgendem Satz:Friedrich Meinecke: Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen. Brockhaus, Wiesbaden 1946, S. 25.
Reserveoffiziere übernahmen allerdings ihre Kosten für Ausrüstung, Bekleidung, Unterbringung und Verpflegung selbst. Die gesamten Aufwendungen beliefen sich je nach Truppengattung auf zwischen 2000 und 3000 Mark. Damit wurden die Angehörigen der unteren Mittelschicht wie Handwerker und Volksschullehrer von dieser elitären Laufbahn de facto ferngehalten. Formal schrieb der Dienstherr den Bewerbern das Erreichen der Obersekundareife eines Gymnasiums vor. Diese sogenannten Einjährig-Freiwilligen dienten gemäß den Richtlinien nur ein Jahr anstelle von drei Jahren im Heer oder bei der Marine.
Dem fähigsten Drittel ermöglichte das aktive Offizierskorps seines Truppenteils durch Zuwahl den Aufstieg zum Reserveoffizier. Die Anwärter erhielten nach bestandener Prüfung das Offizierspatent zum Leutnant der Reserve. Damit waren sie hoffähig.