Die Reformierte Kirche Bützow (auch: Hugenottenkirche) war ab 1771 das gemeinsame Gotteshaus der Französisch-reformierten und der Deutsch- (Teutsch-)reformierten Gemeinde im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin. Im Jahr 1778 vereinigten sich beide Gemeinden zur Französisch-Deutschen Gemeinde zu Bützow. Das von Landbaumeister Anton Wilhelm Horst errichtete Bauwerk ist das einzige Kirchengebäude Nordostdeutschlands, das konsequent im reformierten Stil erbaut wurde. In Mecklenburg gilt die Reformierte Kirche in Bützow als zentrales und historisch bedeutendstes reformiertes Gotteshaus des Landes; sie wird bis heute von der Evangelisch-reformierte Gemeinde genutzt. Die Kirche befindet sich im Ellernbruch 10 im historischen Stadtkern von Bützow im Landkreis Rostock.
Architektur Gebäude Nach den Plänen des Landbaumeister Anton Wilhelm Horst (1714–1789) zeigt sich die Kirche als zweistöckige, rechteckige Querhauskirche, die bereits Elemente des beginnenden Klassizismus aufweist. Ihr Mansardwalmdach mit stehendem Dachstuhl verleiht ihr eine markante Silhouette. Die schlicht gestaltete Fassade fügt sich harmonisch in die umliegende Häuserzeile ein und ist ohne Kirchturm gestaltet.
Die Gliederung der Fassade folgt einer Kolossalordnung und wird durch vier Pilaster mit schlichten dorischen Kapitellen strukturiert. Die beiden äußeren Segmente sind jeweils mit vier rechteckigen Fenstern versehen, die den mittig hervorstehenden Risalit umrahmen. Das Portal des Risalits wird von einem Dreiecksgiebel ohne Lichtöffnung flankiert und verfügt über ein Rundbogenfenster, eine Giebeltafel sowie eine zweiflügelige Portaltür mit Oberlicht. Fünf gleich lange Stufen führen hinauf zur Portaltür. Zwischen den Fenstern sind Nischen mit Stuckornamenten angelegt, die in einer symmetrischen Anordnung Rokokoelemente zeigen und so den Gesamteindruck der Fassade zusätzlich bereichern.
Giebeltafel mini|Giebeltafel Die Gemeinde ließ eine Giebeltafel anfertigen, die noch heute existiert. Die Inschrift lautet:.
Kirchenraum Der Kirchenraum ist ein schlichter Saal, in dem in wesentlichen die hölzerne Chorempore sowie der im gleichen Stil errichtete hölzerne Windfang, die wesentlichsten gestalterischen Elemente ausmachen. An der Nordseite des Windfangs befindet sich heute noch eine Presbyterbank (Kirchenältestengestühl) mit fest eingebautem Lektorenpult. Der schlichte Innenraum konzentriert sich im Sinne der calvinistischer Theologie. Der Altarraum war ursprünglich von dem Kirchenraum durch Holzschranken getrennt. Die Holzschranken bestehen aus massiven Mahagoni- und Eichenholz. Die Holzschranken sind heute nur noch in Teilen installiert, jeweils ein Meter von der rechten und linken Wand. Reste der Schranken liegen auf dem Dachboden der Kirche. Ergänzt wurden diese Holzschranken durch das hölzerne Gestühl: Kojenartige Anordnung an der Nord-, West- und Südseite sowie in 2 Blöcken in Blickrichtung zur Kanzel. Die einzelnen Reihen sowie das Wandgestühl waren mit verschließbarem Zugang, sogenannten Klappen ausgestattet. Von dem ursprünglichen Kirchengestühl, sind leider nur noch vier Kirchenbänke auf der Empore vorhanden, die durch Namenschnitzereien der ehemaligen Kalkanten aus dem 18. und 19. Jahrhundert verziert sind. Ein schlichter Altartisch schmückt noch heute den Altarraum. Am Nordende der Ostwand befindet sich eine Sakristei. An der Wand westlich der Kanzel befindet sich eine schlichte Tafel mit den Zehn Geboten, östlich eine gleiche mit dem Apostolikum.
Bau der Kirche mini|Reformierte Kirche um 1929 Die Bützower Gemeinden waren nicht im Stande, den Kirchbau selbst zu finanzieren. Somit erbot der Landesfürst, zur Errichtung nicht bloß Steine aus der noch teilweise stehenden Stadtmauer im Klosterformat, Baumaterialien und Hand- und Spanndienste anzuweisen, sondern auch ein Kollektpatent zu erteilen, wodurch die Reformierten in Mecklenburg ermächtigt wurden, um die Hilfe auswärtiger Glaubensgenossen zur Unterstützung des Unternehmens nachzusuchen. Da beide Gemeinden, an der Erbauung der Kirche das gleiche Interesse hatten, schlossen sie bereits im November 1761 einen Vertrag ab, wonach sie sich verpflichteten, dass jede von ihnen eine Persönlichkeit als Kollektanten bestelle und dass die geplante Kollektenreise von beiden Vertrauensmännern gemeinschaftlich unternommen werde. Zu Kollektanten wurden von französischer Seite der Sprachlehrer Paquin, von deutscher Seite dagegen der Pastor Finmann (auch: Finman) bestimmt. Die erwählten Paquin und Finmann reisten am 17. Februar 1763 nach Lübeck, Hamburg, Bremen und nach Holland und kamen am 1. Juli 1764 zurück. Somit konnten die Gemeinden den Voss’schen Gartenplatz im Ellernbruch für sich erhandeln und begannen nach den Plänen des mecklenburg-schwerinschen Baubeamten Horst, Mitglied der Deutsch-reformierten Gemeinde, und seiner herzoglichen Durchlaucht Friedrich zu Mecklenburg, der die Fenster in den Plänen veränderte, mit der Grundsteinlegung der Kirche am 23. April 1765. Im Juli 1766 war der Bau unter Dach gebracht. Da nun die Kassen gänzlich erschöpft waren, unternahm Finman alleine die nächste Kollektenreise. Er reiste am 26. August 1767 nach Holland und später nach England, wo er sich über zwei Jahre aufhielt und schließlich 1770 wieder das Bützower Ziel erreichte. Nun konnte der Kirchenbau am 1. September 1771 feierlich geweiht werden.
Heutige Nutzung des Kirchengebäudes Die Reformierte Kirche in Bützow wurde 1988 an die Kommune verkauft, da die kleine Gemeinde seinerzeit keine Mittel hatte, den stark baufällig gewordenen Bau zu erhalten. Nach 1990 wurde die Kirche durch die Stadt Bützow umfassend saniert, die Stadt kaufte die Nachbarhäuser dazu, und es entstand die Kreismusikschule des Landkreises Rostock, Außenstelle Bützow. Die Reformierte Gemeinde Mecklenburg-Bützow hat das Nutzungsrecht für den Kirchraum.
Ausstattung Schmidt-Orgel (1771–1862) Mit der abzusehenden Fertigstellung des Kirchenbaus 1770, verpflichteten die Gemeinden unter Empfehlung des Herzogs, den herzoglich-Mecklenburg-Schwerinschen Orgelbauer Paul Arndt Schmidt zu Rostock. Der Instrumentenbauer hatte mit dem Bau der Orgeln in der Schelfkirche zu Schwerin und der Rostocker Marienkirche die beste Reputation. Zum Erscheinungsbild wird als einziges erwähnt, dass die Pfeifen aus englischem Zinn waren. Die Schmidt-Orgel wurde 1863 in der Klosterkirche Rühn verbaut, da 1862 ein Orgelneubau durch Friedrich Wilhelm Winzer entstand.
Winzer-Orgel (1862–Gegenwart) mini|Orgel um 1929 Die von Friedrich Wilhelm Winzer 1862 erbaute Orgel ist die einzige noch erhaltene Orgel dieses Typs mit den Originalprospektpfeifen aus der Werkstatt Winzers. Sie befindet sich auf der Orgelempore. Das elektrische Gebläse wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eingebaut. Die Orgel entging im Jahre 1917 durch einen Zufall dem Schicksal, dass die Zinnpfeifen des Orgelprospekts konfisziert und als kriegswichtiger Rohstoff eingeschmolzen wurden. Damit war sie im Jahr 1955, den Wirren des Zweiten Weltkrieges zum Trotz, noch weitgehend im originalen Zustand. 1985 wurden viele Teile der Mechanik und fast alle Metallpfeifen der Winzer-Orgel durch Vandalismus stark zerstört. Die Orgelpfeifen wurden aus der Orgel entfernt und zum Teil so schwer beschädigt, dass es, als sie aufgefunden wurden, fraglich war, ob sie wieder repariert werden könnten. Diese Pfeifen wurden allerdings geborgen und auf dem Dachboden eingelagert. Die auf dem Dachboden gelagerten Orgelpfeifen wurden nach dem Tornado am 5. Mai 2015, vor der endgültigen Zerstörung in das Pfarrhaus der Gemeinde in der Pfaffenstraße 11 gerettet.
Beschreibung Der Spieltisch ist zentral, bis auf ein Register alle Registerzüge links. Zwei Bassladen (C und Cis) im Umfang von C-d1 als Transmissionsladen mit doppelten Ventilen. Die Diskantwindlade erhöht ist platziert. DieTontraktur als Strahlenmechanik. Originale Prospektpfeifen aus Zinn. Magazinbalg im Unterbau der Orgel. Von besonderer Bauart ist das Register Cantus firmus. Es ist in diesem Fall auf 16-Fuß-Basis gebaut, umfasst jedoch den hohen Tastenraum b1–f 3, der also in 8-Fuß-Lage erklingt. Neben der bei Winzer üblicherweise installierten Gambe (hier in 16-Fuß-Lage) wird der Bordun 16′ transmittiert. Ein obligates Spielen („Hervorheben der Choralmelodie“) ist damit gut möglich.
Register Manual C–f 3, mechanische Schleiflade Bourdun 16′ Principal 8′ Hohlflöte 8′ Viola di Gamba 8′ Cantus firmus 8′ Octave 4′ Pedal C–c1, angehängt Subbass 16′
Restaurierung Die Restauration der Orgel wurde von dem Orgelbaumeister Andreas Arnold aus Plau am See ausgeführt. Hierbei konnten auch die geretteten Pfeifen wiederhergestellt werden. Arnold erweiterte das Instrument um die Mixtur nach Vorbild der Winzer-Orgeln in Lübow und Stralendorf. Durch Drehen der Manubrien kann die Baßschleife ausgeschaltet werden, so dass die Mixtur ab ds1 nutzbar ist. Die für die Restaurierung notwendige Summe in Höhe 45.000,- € wurden durch eine Spende der Stiftung Orgelklang, weitere Spenden, Benefizkonzerte und Sammelaktionen aufgebracht. Am 17. April 2016 konnte die Orgel erstmals in einem Gottesdienst wieder zum Klingen gebracht werden.
Kanzel Die an der Nordwand angebrachte Kanzel aus poliertem Mahagoni-Holz, im Aufbau einfachen Barockstil zeigend, während die sparsam angebrachten Schnitzereien Rokokoformen aufweisen, ist die im Jahre 1770 von dem Amsterdamer Kauf- und Handelsmann Johann Christian Dippel (auch: Tiepel), gebürtig aus Bützow gestiftet, wie die kurze Inschrift an der mit dem Wappen des Stifters gezierte Stirnseite des flachen Schalldeckels berichtet. Die Kanzel kam auf dem Wasserweg von Amsterdam über Rostock nach Bützow und ist die einzige ihrer Art in Deutschland. Es wird vermutet, dass die Kanzel ein Abbild der in Nieuwe Kerk (Amsterdam) und der in Remonstrantse kerk (Alkmaar) darstellt. Der Predigtstuhl wurde auf dem Wasserweg von Amsterdam über Rostock nach Bützow befördert.
Wandtafeln Im Einklang mit der hugenottischen Tradition waren im Jahr 1771 Ledertapeten, die die Texte des Glaubensbekenntnisses und der Zehn Gebote in französischer Sprache trugen, an der Nordwand der Kanzel sowohl links als auch rechts angebracht. Später wurden diese durch hölzerne Tafeln ersetzt. Im 20. Jahrhundert, als die Kirche über viele Jahre hinweg ungenutzt blieb, gingen diese Tafeln verloren. Seit 2009 zieren jedoch neue Glastafeln mit dem vollständigen Text der Zehn Gebote wieder den Kirchenraum. Uhr Ein Klassisches rundes Uhrwerk hinter einer gemalten Inschrift, befindet sich an der Orgelempore.
Gedenktafel An der Ostwand befand sich eine Tafel mit zopfigem Goldrahmen, zum Gedächtnis der Kämpfer der Freiheitskriege. Die Gedenktafel ist nicht mehr vorhanden. Porträt des Johann Heinrich Finmann mini|Ölgemälde Johann Heinrich Finmann Am Nordende der Ostwand ist eine Sakristei angebaut, in der sich ein Gemälde des um den Kirchenbau sehr verdienten Pastors Johann Heinrich Finmann (auch: Finman) befand, gemalt von herzoglichen Hofmaler Georg David Matthieu 1771. An dem Bild befand sich eine Gedenktafel mit lateinischer und deutscher Inschrift:
Latein:
Übersetzung:
Das Bild war 2009 in der Ausstellung „Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa“ im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen. Porträt der Gattin Finmanns Zu dem Gemälde des J. Heinrich Finmann war bis 1824 ein Bildnis seiner Gattin, dasselbe ist von dem Pastor Werner Christian Motz entfernt worden, weil dieser die Anbringung eines derartigen Bildes in einem kirchlichen Raum nicht schicklich empfand. Wo sich das Gemälde heute befindet ist nicht geklärt. Grablege