mini|Pawel Otdelnow (2018) Pawel Alexandrowitsch Otdelnow (, wiss. Transliteration ; * 19. Juni 1979 in Dserschinsk, Sowjetunion) ist ein russischer Künstler, der in London lebt und arbeitet. Er ist in den Bereichen Malerei, Zeichnung, Video und Installation tätig und beschäftigt sich mit Industrielandschaften, urbanem Raum, Umweltfragen sowie mit der sowjetischen und postsowjetischen Geschichte und der historischen Erinnerung.
Leben
Otdelnow wurde in der Stadt Dserschinsk geboren, einem der größten Zentren der sowjetischen Chemieindustrie. Die Vorfahren des Künstlers arbeiteten seit den 1930er Jahren in den Chemiewerken der Stadt. Dserschinsk mit seiner industriellen Geschichte, seinem dramatischen wirtschaftlichen Niedergang und seiner Verödung in den postsowjetischen Jahren wurde zu einer der Quellen von Themen und Bildern für Otdelnows Kunst.
Nach dem Besuch eines Kunstateliers und der Kunstschule in Dserschinsk wechselte Otdelnow an die Kunstfachschule in Nischni Nowgorod, wo er von 1994 bis 1999 bei Pawel Rybakow studierte.
Von 1999 bis 2005 studierte Otdelnow am Moskauer Staatlichen Surikow-Kunstinstitut an der Fakultät für Malerei bei Pawel Nikonow und Juri Schischkow. Sein Studium schloss er 2005 mit einer Reihe von Gemälden zu Themen des Evangeliums ab. In den Werken, die während der Studienzeit entstanden, ist der Einfluss der sowjetischen Malerei der 1920er und 1930er Jahre spürbar. Von 2005 bis 2007 absolvierte er ein Aufbaustudium am selben Institut.
Von 2013 bis 2015 studierte er am Institute for Problems of Contemporary Art in Moskau. Im Rahmen des Studienprogramms schuf er I Shop therefore I Am, eine Arbeit über die gegenseitige Durchdringung von Kunst und Markt, die sich auf das Werk von Barbara Kruger bezieht.
2022 verließ Otdelnow Russland und ließ sich im Vereinigten Königreich nieder; seither lebt und arbeitet er in London.
Stadtränder und Nicht-Orte
Inneres Degunino, 2013–2014
In den Jahren 2013 und 2014 arbeitete Otdelnow an einer Serie, die von einer künstlerischen Erkundung von West-Degunino inspiriert war, einem Viertel in der Nähe der Moskauer Ringstraße, das überwiegend aus Industriegebieten und Plattenbauten der Serie P-44 besteht. Die Interpretation der Architektur von Wohnvierteln mit vereinzelten Industrieanlagen in einem endlosen, schneebedeckten Raum erregte das Interesse von David Elliott, dem Kurator des Hauptprojekts A Time for Dreams der IV. Moskauer Internationalen Biennale für junge Kunst, der die Gemälde aus der noch unvollendeten Serie im Juni 2014 präsentierte; sie fanden in der Kunstkritik und im Feuilleton große Beachtung.
Im Oktober 2014 präsentierte Otdelnow die abgeschlossene Serie in seiner Einzelausstellung Inneres Degunino im Moskauer Museum für Moderne Kunst. Sie wurde 2015 für den Kandinsky-Preis in der Kategorie Projekt des Jahres nominiert. Die Kritikerin Alexandra Schestakowa beschrieb die Serie als kühlen, ins Weltall entrückten Blick auf die postsowjetische Peripherie. Die Kunstkritikerin Irina Kulik ordnete Inneres Degunino später in ihrer Studie zur zeitgenössischen russischen Kunst als Beispiel eines utopischen Projekts ein, das zur Dystopie geworden sei.
Ein Bild aus dem Projekt, Arche, diente 2014 als Cover des gleichnamigen Albums der Nischni Nowgoroder Band KernHerbst, der auch der Bruder des Künstlers, Leonid Otdelnow, angehört.
Einkaufszentrum, 2015–2016
Mit dem Projekt Einkaufszentrum setzte Otdelnow seine Auseinandersetzung mit den postsowjetischen Stadträndern fort. Es widmet sich den Malls, die in den wohlhabenden Nullerjahren in den Wohngebieten russischer Städte entstanden. Der Künstler stellt die hellen Kästen dieser Bauten, die von heruntergekommenen Plattenbauten umgeben sind, so dar, als wären sie Glitches – visuelle Artefakte, die durch einen Softwarefehler verursacht werden. Einkaufszentrum wurde Ende 2015 in der Galerie Triumph ausgestellt; ein Jahr später wurde die Serie unter dem Titel Einkaufszentrum. Die Zeit der bunten Schuppen im Rahmen des Non-Places-Programms des Department of Research Art im Smena Center of Contemporary Culture in Kasan gezeigt.
Russisches Nirgendwo, 2020–2021
Das nächste Projekt von Otdelnow, das sich mit dem Thema der postsowjetischen Einöden und Nicht-Orte befasste, war Russisches Nirgendwo, das 2021 in der Galerie Triumph ausgestellt wurde. Der Künstler suchte nach Bildmaterial, indem er das Land mit Yandex und Google Street View bereiste. Für die Gemälde wählte er die banalsten und typischsten Motive, die überall in Russland hätten entstehen können. Neben den Landschaften platzierte Otdelnow beleuchtete Schilder mit roten Buchstaben, die den allgegenwärtigen Ladenschildern nachempfunden sind. Nach der Ausstellung bei Triumph wurde das Projekt im Jelzin-Zentrum in Jekaterinburg gezeigt.
Umweltfragen
Sand, 2016–2017
Im Rahmen des Non-Places-Programms des Department of Research Art reiste Otdelnow 2016 zu einem Residenzaufenthalt im Smena Center of Contemporary Culture nach Kasan. Er traf dort Umweltexperten und Aktivisten, die sich gegen geplante Bauprojekte im Überschwemmungsgebiet des Flusses Kasanka engagierten. Während seines Aufenthalts drehte er den Film Sand (2017) und malte Landschaften des Flusses Kasanka (2016).
Psychozoisches Zeitalter, 2018–2019
mini|260x260px|Pawel Otdelnow. Psychozoisches Zeitalter. 2018
Im Jahr 2018 setzte sich Otdelnow in einem neuen Film und einer Installation unter dem gemeinsamen Titel Psychozoisches Zeitalter weiter mit Umweltfragen auseinander. Das Projekt zeigte russische Industrieabfalllager und ihre Auswirkungen auf die Umwelt und die Menschen.
Beschissene See, 2019–2020
Im Jahr 2019 griff Otdelnow mit seinem Projekt Beschissene See erneut Umweltthemen auf, diesmal das Problem der Müllentsorgung. Der Künstler warf zusammen mit seinem Hausmüll GPS-Baken weg, mit deren Hilfe er den Weg des Mülls von den Containern zu den Müllsortieranlagen und Hausmülldeponien verfolgte. Ergebnisse dieser Recherche waren der Film The Trash Trip (2019), die Gemälde Deponie Alexandrow und Deponie Timochowo (2019) sowie Siedlungsabfall (2020). Das Projekt wurde erstmals im Herbst 2019 auf der VIII. Moskauer Internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst gezeigt.
Forschungsprojekte
Promzona, 2015–2020
mini|260x260px|Pawel Otdelnow. Promzona. Ausstellungsansicht
Von 2015 bis 2020 arbeitete Otdelnow an einem groß angelegten Projekt mit dem Titel Promzona (Industriegebiet), das die Geschichte seiner Heimatstadt Dserschinsk und seiner Familie erforscht. Das Projekt beruht auf unterschiedlichen Zugängen: Otdelnow wertete Archivfotos, Zeitungsausschnitte, persönliche Aufzeichnungen und Dokumente aus, sprach mit Umweltexperten und ehemaligen Werksarbeitern und erkundete Sperrzonen, Fabrikruinen und die überwucherte Arbeitersiedlung. Durch verschiedene Medien – Malerei, Fotografie, Video, Installation, Texte, gefundene Objekte – verbindet das Projekt eine historische mit einer persönlichen Perspektive auf eine endgültig vergangene Epoche. Ergänzt wurde die Ausstellung durch Auszüge aus veröffentlichten Memoiren von Arbeitern und Ingenieuren der Dserschinsker Werke sowie aus Ohne Gasmaske kein Zutritt!, einem Buch des Vaters des Künstlers, Alexander Otdelnow, das eigens für die Ausstellung entstand.
Dserschinsk entstand Ende der 1930er Jahre als eines der wichtigsten Zentren der sowjetischen Chemieindustrie; im Zweiten Weltkrieg stellten einzelne Betriebe chemische Kampfstoffe her, später Düngemittel, Herbizide, Acrylglas und Caprolactam. Nach der Privatisierung der 1990er Jahre wurden viele Werke geschlossen. Drei Generationen von Otdelnows Familie arbeiteten dort – von den späten 1930er Jahren bis zur Perestroika.
Die Ausstellung gliedert sich in sechs Abteilungen: Spuren, Ruinen, Ehrentafel, Museum, Sand und Kinosaal. Für die Spuren entstanden Gemälde nach Fotografien aus Werkszeitungen, deren Punktraster die Schärfe der Vorlagen bewusst zurücknimmt; das Bild 12.02.1960 geht auf eine nie veröffentlichte Archivaufnahme einer Explosion im Werk Kaprolaktam zurück, bei der 24 Menschen ums Leben kamen. Zur Ehrentafel gehören Porträts von Bestarbeitern nach Zeitungsfotos, vor denen auf dem Boden im Werk gefundene Gasmasken ausgelegt sind. Die Abteilung Museum ist als Gegenentwurf zu einem Heimatmuseum angelegt; ihr Mittelpunkt ist eine leuchtende Satellitenaufnahme des Schlammspeichers Weißes Meer. In der Abteilung Sand gilt das zentrale Bild Gefährliche Zone der Deponie Schwarzes Loch, die in den 1990er Jahren als „am stärksten verschmutztes Kleingewässer der Erde“ ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde.
Im Kinosaal laufen Luftaufnahmen der Industriezone, darunter die Filme Chemiewerk und Vom Weißen Meer zum Schwarzen Loch (beide 2019); Subjekte der Erinnerung (2016) beruht auf Interviews mit Angehörigen des Künstlers. 2020 drehte der walisische Filmemacher Geraint Rhys über das Projekt den Kurzdokumentarfilm In the Footsteps of Ghosts.
Die Wochenbeilage des Kommersant nannte Otdelnow einen „Piranesi der Deindustrialisierung“, der die Ruinen einer sowjetischen militärisch-industriellen Utopie melancholisch festhalte. In Colta hoben Maxim Burow und Nadja Plungjan hervor, dass das Projekt weder in postmoderne Ironie noch in bekenntnishafte Emotionalität verfalle, sondern mit Dokumenten und Familienzeugnissen arbeite. Maria Zennström hob im Aftonbladet anlässlich der Station in Uppsala die Zugänglichkeit des Projekts hervor und warnte davor, russische Kunst pauschal zu boykottieren.
Ringing Trace, 2021
mini|260x260px|Das Wohnheimgebäude des ehemaligen Labors B in Sungul
Im Herbst 2021 schuf Otdelnow auf Einladung der Ural-Biennale ein Projekt über die Geschichte der Atomindustrie im Südural. Das Projekt wurde im ehemaligen Wohnheim des geheimen Labors B im Dorf Sokol in der Oblast Tscheljabinsk ausgestellt, dessen Gebäude nach Auflösung des Labors jahrzehntelang leer stand. Otdelnow legte die Ausstellung als Gegenentwurf zu einem Heimatmuseum an; ihre Exponate waren eigens dafür gemalte Bilder sowie gefundene Dokumente und Zeugnisse. Die 21 Räume der Ausstellung erzählen von verschiedenen Episoden der Geschichte der Atomindustrie: die Erfindung der Atombombe, die Explosion in der kerntechnischen Anlage Majak 1957, der vergiftete Fluss Tetscha, in den von 1949 bis 1956 hochaktive radioaktive Abfälle eingeleitet wurden, sowie das tägliche Leben in geschlossenen Städten. Das Projekt zählte zu den meistbeachteten Beiträgen der Biennale; nach deren Ende wurde beschlossen, die Ausstellung in Sokol zu belassen. Seit 2022 ist sie dauerhaft eingerichtet.
mini|260x260px|links|Pawel Otdelnow. Verlegt. 2021
Hometown, 2024
mini|260x260px|Hometown, The Old Waiting Room. 2024
Hometown wurde im Juni 2024 im stillgelegten alten Wartesaal des Bahnhofs Peckham Rye in London gezeigt. Das Projekt ist Otdelnows Heimatstadt Dserschinsk gewidmet, einem ehemaligen Zentrum der sowjetischen Chemieindustrie, in dem bis heute Betriebe der Rüstungsproduktion arbeiten. In großformatigen Gemälden verbindet Otdelnow Industrielandschaften, die Umweltfolgen der chemischen Produktion, lokale Kriminalität, Familiengeschichte und geisterhafte Figuren von Stadtbewohnern zu einer Verschränkung von persönlicher und kollektiver Erinnerung mit Bildern von Verfall und Wandel. Die Architektur des alten Wartesaals wurde als Teil der Installation in die Ausstellung einbezogen und erzeugte den Eindruck eines „Geisterorts“; inhaltlich knüpft die Ausstellung an Promzona an.
Estates: Fragile Utopia, 2026
mini|260x260px|Estates: Fragile Utopia. Lewisham Arthouse. 2026