Buch der Katastrophen (seltener: Das Buch der Katastrophen) ist eine Sammlung meist satirischer oder grotesker Erzählungen des deutschen Schriftstellers Hermann Harry Schmitz. Es erschien erstmals postum 1916 im Kurt Wolff Verlag. Die unter dem gleichen Titel postum erschienenen nachfolgenden Ausgaben sind in Auswahl und Reihenfolge der Texte mit der Wolff-Ausgabe von 1916 nicht immer identisch. Die Erzählungen im Einzelnen Wegen der in den unterschiedlichen Ausgaben teilweise unterschiedlichen Reihenfolge werden die einzelnen Erzählungen hier alphabetisch geordnet. Aus einem rheinischen Städtchen Turbine Muhlmann Der Ich-Erzähler ist mit seinem Bekannten Toni Bender im rheinischen Städtchen Caub unterwegs. Sie wundern sich, warum feierlich geflaggt ist, erfahren, dass Turbine Muhlmann Geburtstag habe. Weder der Ich-Erzähler noch Toni Bender wissen, wer Turbine Muhlmann ist, doch Toni Bender bietet zur Erklärung irgendeinen „Quatsch“, es kommt zu Tätlichkeiten und einem „Mißton in unserer Freundschaft. Wütend ging jeder einen anderen Weg“, der Ich-Erzähler sich betrinken. In den folgenden Stunden gelingt es dem Ich-Erzähler nicht herauszufinden, wer Turbine Muhlmann ist. Schließlich fasst der Ich-Erzähler sich ein Herz, geht aufs Rathaus und fragt den Bürgermeister nach Turbine Muhlmanns Identität. Die Antwort: die Schwiegermutter eines Wirts. „Die Flaggen sitzen locker“ in Caub. Das Elslein von Caub Abermals in Caub unterwegs, fällt dem Ich-Erzähler auf, dass Toni Bender allerorten durch die Wirtstöchter „mit einer außergewöhnlichen, direkt verblüffenden Liebenswürdigkeit behandelt wurde. Sämtliche Backfische Caubs schienen für ihn zu schwärmen.“ Die Erklärung dafür: Toni Bender „hatte es verstanden, sich ein unerhörtes Ansehen zu geben und so nebenbei verlauten lassen, er werde dafür sorgen, daß Caub wieder eine Attraktion in einer einwandfreien Elslein von Caub erhalte“: der Titelfigur des Elslein-Lieds. Nachdem das Elslein jedoch gekürt ist, erlischt das Interesse an Toni Bender. Die Bahnhofsmission Eine Erbtante des Ich-Erzählers beschließt mit Gleichgesinnten, im Bahnhof der Stadt D. eine Bahnhofsmission zu errichten für junge Mädchen, die spätabends oder nachts von der Unsittlichkeit des männlichen Geschlechts bedroht sind. Da die Betreuungsfälle ausbleiben, werden die älteren christlichen Damen „wütend über die herrschende Sittlichkeit.“Hermann Harry Schmitz: Das Buch der Katastrophen. Dreißig groteske Geschichten. (=Die Brigitte-Edition, Band 13.) Lizenzausgabe. Kein & Aber, Zürich 2005. ISBN 3-570-19521-X. S. 77. Unbeabsichtigt verschafft der Ich-Erzähler der Erbtante ihren ersten Fall, weil er aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände seinen Zug verpasste, mit dem er nach D. reisen wollte – ebenso wie seine Freundin, die allerdings nur Geld für die Hinfahrt nach D. hatte: Die Rückfahrt sollte der Ich-Erzähler ihr spendieren. Die Freundin gerät an die Erbtante und das „Rudel alter Damen“, die ganz begeistert sind, ein junges Mädchen vor der drohenden Unsittlichkeit des männlichen Geschlechts zu bewahren.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 82–85.

Beethoven Das Mitglied eines Gesangvereins wird von seinen Vereinsgenossen dazu auserkoren, in einer größeren Stadt eine Beethoven-Büste zu kaufen. Der Büsten-Besorger ist nervös, weil er nicht weiß, wie Beethoven aussah. Am Reisetag ist die Unruhe derart groß, dass er sie mit sechs Schnäpsen am Abfahrts-, vier Schnäpsen am Ankunftsbahnhof bekämpft. Bereits mit schwerer Zunge fragt der Büsten-Besorger einen schwerhörigen Kellner nach Beethoven. Der Kellner holt einen Jungen herbei, der den Büsten-Besorger den Weg weisen soll; dieser Weg führte „an ein Geschäft, wo er den gewünschten ’Badofen‘ bekäme.“ In dem Sanitärgeschäft versucht man dem Büsten-Besorger „ein Rohr mit Nickelfirlefanz anzuhängen. Da hätte er doch einige Schnäpse mehr trinken müssen, um auf diesen Schwindel hereinzufallen.“ Er wird renitent, wird aus dem Laden geworfen, ein Polizist weist ihm den Weg zu einem Warenhaus. Die dem Büsten-Besorger als Beethoven-Büste angedrehte ladenhüterische Jahn-Büste geht während einer Straßenbahnfahrt kaputt. Der Büsten-Besorger geht in eine „Tirolerkneipe“, wo er eine Hofer-Büste entdeckt, die er viel beethovenerischer findet als die beethovenische Jahn-Büste. Er kauft die Hofer-Büste, betrinkt sich mit einem neuen Bekannten, schläft auf einer Bank ein. Der neue Bekannte nimmt dem Büsten-Besorger Uhr und Brieftasche ab, gibt ihm dafür „einige seiner eigenen Papiere“, die auf den Namen eines auch in die „Mona-Lisa-Affäre“ verwickelten Museumsdiebs lauten. Aufgrund einer Polizeikontrolle wird der noch betrunkene Büsten-Besorger daher „in Sachen Mona Lisa an Frankreich ausgeliefert.“ Der Blinddarm – ein Fluch! Infolge einer Erbschaft verfällt der Ich-Erzähler einem „Dasein fern vom Getriebe der Welt in süßem Nichtstun“, mit Ausschlafen, erlesenen Weinen und kulinarischen Genüssen.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 293. Das Wohlleben endet, als „ein alter Schulfreund“ und nunmehriger Mediziner ihm suggeriert, er könne an einer Blinddarmentzündung leiden. Der Ich-Erzähler entwickelt sich zum Hypochonder, lässt sich erst den Blinddarm entfernen,Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 301. abonniert medizinische Fachblätter, liest darin von den Vorzügen eines künstlichen Blinddarmersatzes und lässt sich einen einsetzen,Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 304. liest später von der Gefährlichkeit eines künstlichen Blinddarmersatzes und den Vorzügen eines Blinddarmersatzes aus Schafsdarm und lässt sich erneut operieren.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 305–306. Infolge einer medizinischen Vortragsreihe ist der Ich-Erzähler dann überzeugt davon, dass ein Blinddarmersatz generell von Übel sein und lässt sich auch den Blinddarmersatz entfernen in genau jenem Krankenhaus, wo ihm der Blinddarm entfernt worden war und wo er die Information erhält, dass er „überhaupt nichts am Blinddarm gehabt habe. Man habe sich in der Diagnose geirrt. […] Ehe es sich jemand versah, sprang ich auf, packte ein großes, blitzendes Operationsmesser und erstach den Professor, die weißen Männer und eine Krankenschwester“, weswegen der Ich-Erzähler ins Irrenhaus eingewiesen wird.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 307–308. Die Bluse Der Ich-Erzähler begleitet seine Tante in ein „Riesen-Warenhaus“, wo sie eine Bluse kaufen möchte; die Tante ängstigt sich vor Aufzügen. Daher müssen der Ich-Erzähler und seine Tante in dem Warenhaus alles zu Fuß erledigen. Es weist absurde Dimensionen auf: „es stellte in seiner bebauten Fläche Elsaß-Lothringen in den Schatten“Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 44. und ist mindestens 150 Meter hoch.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 41. Da das Tantchen die in Frage kommenden Stoffe im Tageslicht prüfen will, müssen die beiden sowie diverse Verkäuferinnen immer wieder aus dem absurd großen Kaufhaus ins Freie, so dass die Verkäuferinnen „haufenweise vor Ermattung zusammenbrachen“.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 43. Als die Tante den richtigen Stoff gefunden hat, gibt es davon zu wenig, so dass sie sich umentscheidet und durch ihre Wünsche eine desolate Personalsituation hinterlässt: „Zwanzig Verkäuferinnen lagen tot am Boden, vier Ressortchefs waren völlig pathologisch geworden. Ein Elektrotechniker fraß Glühbirnen.“Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 45. Jahrelanger Aufenthalt in dem Kaufhaus wirkt sich auf die kaufwillige Tante nicht merklich aus, während ihre Wünsche reihenweise Kaufhausbeschäftigte dahinraffen und dem Ich-Erzähler der Vollbart „in die Stiefel“ wächst.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 46. Ein eigentlich den Kauf abschließender letzter Wunsch der Tante sorgt dafür, dass alle Menschen fliehen, die wild herumwirbelnde Drehtür außer Kontrolle gerät, das Warenhaus in Trümmer fällt und nur die Aufzüge „wie Türme aus dem Schutt emporragen“.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 47. Das Denkmal Noahs In einem Gebäude, um das herum Skelette in den verknöcherten Händen „Pfändungsprotokolle wegen unbezahlter Gipsrechnungen“ halten, tagt „das Komitee“: Uralte Männer sitzen schon dermaßen lange zusammen, dass ihre Vollbärte „durch den Fußboden in den Keller gewachsen“ sind und niemand mehr den Tagungszweck kennt.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 63. Die Komitee-Mitglieder tagen im Nebenraum eines „etwa fünfhundert Meter im Geviert“ großen Saals, in dem sich eine „Ausstellung von Denkmalsentwürfen“ befindet. Aufgrund des entsetzten Schreis eines Komitee-Mitglieds, austreten zu müssen, befreit eine Passantin die durch Vollbärte angewachsenen Komitee-Mitglieder, von denen eines in alten Unterlagen zufällig den Zweck des Komitees wiederentdeckt: ein Denkmal für Noah auszuwählen.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 69. Da man sich auf kein Denkmal einigt, lässt man einfach alle Entwürfe verwirklichen. „Und da für die Menschen kein Platz mehr blieb auf der Erde, zogen sie alle zum Mars.“Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 71. Die Diva und die Notbremse Die in einer mittleren Provinzstadt tätige Opernsängerin Julie Briendöpke bekommt ein Engagement in der Oper der benachbarten Residenzstadt angeboten, was sie mit Lampenfieber erfüllt. Julies Nervosität steigt, als auf dem Weg zum Hauptbahnhof ihre Straßenbahn in eine Revolte gerät, aufgrund derer die Straßenbahn nicht weiterfahren kann: ein totes Pferd liegt auf dem Gleis. Äußerlich und innerlich aufgelöst hetzt Julie aus der Straßenbahn zu Fuß gen Bahnhof, fühlt sich verfolgt: „aus dem Pferde war ein unheimlicher, tiefschwarz gekleideter Mann geworden“,Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 172. der sich in ein Nebenabteil in Julies Zug begibt. In ihrem Verfolgungswahn zieht Julie die Notbremse, schildert dem Bahnbeamten wirr ihre vermeintliche Lage.Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 173. Auch nach diesem letztlich geklärten Zwischenfall bleibt Julie durch Nervenschock und Notbremsen-Missbrauch geistig zerrüttet, und „gewöhnlich sah man sie in dem Garten eines großen, vielfenstrigen Hauses gebeugt dahinschreiten, fortgesetzt schuldbewußt vor sich hin sagend: ‘Ich habe die Notbremse gezogen!‘“Schmitz, Das Buch der Katastrophen, S. 176. Drei Fabeln ohne Moral Der Fuchs und die Trauben Ein Fuchs hat Trauben probiert, findet sie zu sauer und ruht sich am Weinstock aus. Ein Rabe kommt herbei und fragt, wie die Trauben seien. Der Fuchs antwortet wahrheitsgemäß, der Rabe „kicherte hämisch“ und glaubt dem Fuchs nicht, probiert selbst, erkennt die Wahrheit und „flog beschämt davon.“ Der Hahn und der Wurm Ein Regenwurm verlässt seinen Gang, weil er frische Luft schnappen will. Ein Hahn verlässt seinen Stall, weil er statt Körnern einen Regenwurm essen will. Als die beiden aufeinandertreffen, redet sich der Regenwurm heraus, er sei eine Stricknadel, und wird von dem Hahn verschont. Die Rangierlokomotive und der Prellbock Eine Lokomotive wird aus Altersgründen nur noch zum Rangieren eingesetzt und lässt ihren Frust an dem Prellbock aus. Der tätlich werdende Disput zwischen Lok und Bock eskaliert immer weiter, bis es dem Bock zu bunt wird: Direkt vor einem weiteren Aufprall der übermäßig schnell fahrenden Lok springt der Bock „blitzschnell zur Seite […]; die Lokomotive sauste durch, vergrub sich mit den Rädern im Dreck, überschlug sich und explodierte mit furchtbarem Knall.“ Die feine Gesellschaft – die feine Gesellschaft