mini|Kultbäumchen von Manching im Kelten-Römer-Museum in Manching. Rechts: originale Reste auf einen modernen Träger montiert; links: Rekonstruktion

Das Kultbäumchen von Manching ist ein im keltischen Oppidum Manching gefundenes archäologisches Objekt aus Gold. Etwas Vergleichbares ist nicht bekannt.

Beschreibung

Das Goldbäumchen besteht aus einem Stamm und einem abzweigenden Ast. Das Stämmchen trägt Früchte, vielleicht EichelnWeil diesbezüglich Unklarheit besteht, wird auch neutraler von „Früchten“ gesprochen (so: Maier: Eiche und Efeu, S. 298)., Knospen und Efeublätter. Die Deutung der Blätter als Efeublätter ergibt sich aus ihrer Herzform und der Tatsache, dass sie sehr nah am Stamm angebracht sind.Maier: Das Kultbäumchen, S. 152. Allerdings wachsen Efeublätter nicht direkt aus dem Stamm der Pflanze, an der sie hochklettern. Ursprünglich hatte das Objekt einen Holzkern, der sich weitgehend zersetzt hatte, weshalb die Art des Holzes nicht mehr bestimmbar war.Maier: Das Kultbäumchen, S. 139. Der Erhaltungszustand beim Auffinden war insgesamt „desolat“.Maier: Eiche und Efeu, S. 298.

Das Bäumchen ist etwa 70 cm hochNach der zweiten, modernen Restaurierung ist das Objekt 72 cm hoch (Maier: Eiche und Efeu, S. 298). und hat einen 16,5 cm langen Ast. Spuren am Objekt deuten darauf hin, dass es auch schon in keltischer Zeit repariert wurde. Der Holzkern war mit Blattgold ummantelt, in das ein Muster aus Kreisaugen geprägt war. Verziert ist der Stamm mit neun herzförmigen Efeublättern, ursprünglich jeweils mit Frucht und Knospe kombiniert, die aber heute nicht mehr alle erhalten sind. Knospen und Stängel bestehen aus Bronze, die Früchte aus Holz. All dies ist ebenfalls vergoldet. Acht der Blätter sind mit angenieteten Stängeln aus Bronze versehen, die in den Stamm eingesteckt waren.Maier: Das Kultbäumchen, S. 139f. Die Fertigungstechnik der Blätter des Bäumchens hat Vorbilder, die bis zu diesem Fund nur aus Werkstätten im süditalienischen, griechisch-hellenistischen Tarent bekannt waren.Maier: Das Kultbäumchen, S. 159–161. Insgesamt weist die Arbeit sowohl hellenistische als auch keltische Stilelemente auf.Maier: Das Kultbäumchen, S. 153.

Beiliegend war noch eine Bronzescheibe (Durchmesser: 7,5 cm), die mittig ein Eisendorn durchbohrt. Vermutlich ist das Teil eines Gestells, das dem Aufstellen des Bäumchens diente.Maier: Das Kultbäumchen, S. 149, 152.

Das Bäumchen wird der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. und der Latènezeit zugeordnet.Maier: Das Kultbäumchen, S. 164.

Fundumstände Das Objekt kam bei der Grabung unter Ferdinand Maier vor dem Bau der Nordumgehung von Manching am 30. Oktober 1984 in einer sonst fundleeren Grube zu Tage.Maier: Das Kultbäumchen, S. 131. Als erste Blattgoldteilchen auftauchten, entschlossen sich die Archäologen zu einer BlockbergungLorentzen: Kultbäumchen., was es ermöglichte, die Freilegung unter kontrollierten Bedingungen in der Restaurierungswerkstatt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) in Mainz durchzuführen.Maier: Das Kultbäumchen, S. 135.

Dabei wurde festgestellt, dass das Goldbäumchen wahrscheinlich in einem kostbar verzierten, ebenfalls – zumindest teilweise – mit Blattgold dekorierten Kasten aus Holz vergraben wurde, der mindestens 87 × 40 cm maß.Maier: Das Kultbäumchen, S. 140. Das Holz des Kastens hatte sich weitgehend zersetzt. Aber größere Blattgoldflächen mit der typisch keltischen Dreiwirbel-Zier blieben erhalten. Sie sind Hauptzeugnis dafür, dass es sich um eine keltische Arbeit handelt.Maier: Das Kultbäumchen, S. 161–164. Details der Herstellung, wie z. B. dass Wollfett verwendet wurde, um die Goldfolie auf dem Holz zu fixieren, lassen eine heimische Fertigung vermuten.Lorentzen: Kultbäumchen.

Interpretation Das Bäumchen wird als ein mit Efeu umrankter Eichenspross interpretiert. Eichen spielten nach Plinius dem Älteren in keltischen Naturheiligtümern eine bedeutende RollePlinius, Naturalis historia 16, 95., ebenso wie der immergrüne Efeu in der griechischen und römischen Ikonografie.Maier: Eiche und Efeu, S. 301. Bleibt das Problem, dass all diese Assoziationen geografisch vom Fundort des Bäumchens weit entfernt liegen, aus mediterranen Kulturen stammen, meist auch zeitlich hunderte von Jahren von dem Objekt entfernt und zudem sehr selten sind.Maier: Eiche und Efeu, S. 302. Auch allgemeine Überlegungen zum „Baumkult“Maier: Das Kultbäumchen, S. 156–159. helfen nicht weiter. Authentische Zeugnisse der Kelten zu ihrer Religion aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. gibt es nicht. Die keltische Kultur war schriftlos.

Alle Überlegungen zum ursprünglichen Zweck des Objekts und seiner ursprünglichen Verwendung haben zudem keinen Anhaltspunkt in den GrabungsergebnissenMaier: Eiche und Efeu, S. 305., sind Spekulation, so auch Vermutungen, dass das „Bäumchen in feierlichen Prozessionen als sakrales Gerät mitgeführt wurde“Archäologische Staatssammlung München: Kultbäumchen (Weblinks); Lorentzen: Kultbäumchen., dass es mit kultischen Handlungen zu tun hatte, die an heilige Haine gebunden warenArchäologische Staatssammlung München: Kultbäumchen (Weblinks)., oder es „den Charakter eines wichtigen kultischen Requisits“ gehabt habe.Maier: Das Kultbäumchen, S. 165. Als alternative Deutung wird – ebenso ohne konkreten Anhaltspunkt – ein Liebessymbol genannt.Maier: Eiche und Efeu, S. 304. Auch die von Anfang an übliche Bezeichnung als KultbäumchenMaier: Das Kultbäumchen, S. 129, 139. ist bereits eine spekulative Interpretation.

Verbleib mini|300px|Kelten-Römer-Museum in Manching mini|Kopie des Kultbäumchens und originale Bestandteile des Kastens in der Archäologischen Staatssammlung in München Das Bäumchen gehört zum Bestand der Archäologischen Staatssammlung in MünchenInventar-Nummer 1984/5249. und wurde seit seiner Auffindung zwei Mal restauriert.Maier: Eiche und Efeu, S. 297. Es ist im Kelten-Römer-Museum in Manching ausgestellt.

Literatur Ferdinand Maier: Das Kultbäumchen von Manching. Ein Zeugnis hellenistischer und keltischer Goldschmiedekunst aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. In: Germania 68 (1990), S. 129–165. Ferdinand Maier: Eiche und Efeu. Zu einer Rekonstruktion des Kultbäumchens von Manching. In: Germania 79 (2001), S. 297–307. Andrea Lorentzen: Kultbäumchen. Keltischer Baumkult. In: Rupert Gebhard (Hrsg.): Archäologische Staatssammlung München. Glanzstücke des Museums. Deutscher Kunstverlag, Berlin, München 2010, ISBN 978-3-42207031-8, S. 244f.

Weblinks

Archäologische Staatssammlung München: Kultbäumchen – Keltischer Bauernkult. In: Bavarikon; abgerufen am 9. November 2023.

Anmerkungen

Einzelnachweise

Kategorie:Manching Manching Kategorie:Archäologische Staatssammlung Manching Kategorie:Depotfund (Bayern) Kategorie:Archäologischer Fund (Kelten)