mini|hochkant=1.3|Zeichnung in der Encyclopædia Britannica, 1911, von zwei im British Museum aufbewahrten plagiauloi aus Holz und Bronze, die als „Maenad pipes“ bekannt geworden sind Plagiaulos (, aus πλάγος, plágos, „quer“, und αὐλός, aulós, „Röhre“), auch plagios aulos, tibia obliqua, war im antiken Griechenland, bei den Etruskern in Italien und im Römischen Reich eine bis nach Ägypten bekannte Querflöte mit einem seitlich angesetzten Mundstück, die wie die Panflöte syrinx zur Kultur der Hirten gehörte. Querflöten sind im antiken Mittelmeerraum vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen, sie wurden aber im öffentlichen Musikleben nur bei wenigen Kulten verwendet – wahrscheinlich wegen der Zugehörigkeit zur Hirtenkultur, im Unterschied zum damals weit verbreiteten gedoppelten Rohrblattinstrument aulos.

Die ältere Interpretation des plagiaulos ebenfalls als Rohrblattinstrument, weil angeblich an der seitlich abstehenden Anblasvorrichtung ein Rohrblatt eingesteckt werden konnte, gilt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts als widerlegt. Die Mehrzahl der antiken Literatur zur Querflöte ist auf Griechisch, weshalb häufiger von plagiaulos als vom lateinischen Namen die Rede ist. Die meisten Darstellungen stammen aus der römischen Zeit, als die Querflöte wohl am weitesten verbreitet war.

Herkunft In Mesopotamien und im Alten Ägypten waren Längsflöten seit frühesten Zeiten bekannt, sie wurden wie die heute in Asien weit verbreiteten Hirtenflöten beim Spiel schräg nach unten gehalten. Manche Abbildungen wurden wegen dieser schrägen Positionierung als Querflöten fehlgedeutet, die in Ägypten erst seit der griechisch-römischen Zeit (seit dem 3. Jahrhundert v. Chr.) vorkommen.Jeremy Montagu: Flute I. General. 2. Classification and distribution. In: Grove Music Online, 2001 Weltweit sind Querflötentypen wesentlich seltener als Längsflöten und Kernspaltflöten.

Da in den frühen Hochkulturen am Mittelmeer Querflöten fehlen, wird deren Ursprung weiter östlich in Asien vermutet. Bevor der griechische aulos (als gedoppeltes Rohrblattinstrument) und die Panflöte unter griechischem Kultureinfluss ab etwa dem 2. Jahrhundert v. Chr. für kurze Zeit in der Region Gandhara nördlich von Indien auf Abbildungen auftauchten, war die Querflöte in Indien verbreitet, wie aus der altindischen Sanskrit-Literatur des 1. Jahrtausends v. Chr. hervorgeht. Das wichtigste Blasinstrument war demnach die mit Gott Krishna verbundene Bambusquerflöte, die in Nordindien vamsha („Bambus“) hieß. Von diesem Namen sind die heutigen Bambusquerflöten wie bansuri und bansi abgeleitet.Alastair Dick: Vaṃśa. In: Grove Music Online, 2001 In Südindien war Anfang des 1. Jahrtausends n. Chr. die Querflöte als kuzhal bekannt. Bis in die erste Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. waren die indischen Querflöten kurz, eher dick und die Anblasöffnung befand sich ungefähr auf einem Drittel der Länge vom oberen Rohrende entfernt. Später wurden die Flöten länger und schlanker, die Anblasöffnung kam nahe an das obere Ende.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 34

In China wurden die ältesten Querflöten im Grab des Markgrafen Yi von Zeng gefunden. Diese kurz nach 433 v. Chr. datierten Bambusquerflöten haben fünf Grifflöcher und sind mit rund 30 Zentimetern LängeWu Ben: Archaeology and History of Musical Instruments in China. In: Robert C. Provine, Yosihiko Tokumaru, J. Lawrence Witzleben (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Band 7: East Asia: China, Japan, and Korea. Routledge, New York 2001, S. 109 ebenfalls kürzer und gehören zu einem anderen Typ als die heutige chinesische Querflöte dizi und die ähnliche mongolische limbe.

mini|Zwei mittelalterliche iberische Querflötenspieler. Cantigas de Santa Maria, 13. Jahrhundert Bei Ausgrabungen in der zentralasiatischen Stadt Afrasiab nahe Samarqand kamen bruchstückhaft erhaltene Terrakottafiguren von musizierenden Frauen aus der Mitte des 1. Jahrtausends zum Vorschein. Einige der dargestellten sogdischen Musikerinnen spielen wohl eine randgeblasene Längsflöte, andere Querflöten. Bei den Querflöte spielenden Terrakottafiguren ist eine seitlich rechtwinklig angesetzte Anblasröhre zu erkennen, wie sie für den plagiaulos typisch war. Von diesem offenbar in Samarqand im 1. Jahrtausend weit verbreiteten Flötentyp wurden auch originale Exemplare ausgegraben.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 9: Mittelasien. Hrsg. von Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1987, S. 96

Jeremy Montagu (2007) hält es für möglich, dass die soweit bekannt ältesten indischen Querflöten von Indien nordwärts über Zentralasien nach China gelangten, wo sie während der Han-Dynastie um das 2. Jahrhundert v. Chr. den einheimischen Querflötentyp ablösten,Vgl. Alan Thrasher: The Transverse Flute in Traditional Chinese Music. In: Asian Music, Band 10, Nr. 1, 1978, S. 92–114, hier S. 93 und spätestens im 8. Jahrhundert Japan erreichten (ryūteki und andere). In westlicher Richtung gelangte die Querflöte in den Mittelmeerraum, wo sie auf dem Weg nach Westeuropa im 10./11. Jahrhundert in Psaltern des Byzantinischen Reichs erscheint.Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments. The Scarecrow Press, Lanham, Maryland 2007, S. 48, 59; indische Querflöte als Vorfahr der europäischen Konzertflöte: Kathleen Schlesinger, 1939, S. 264

Zwar gilt Indien als die älteste Region, in der Querflöten eingesetzt werden, ob ein erster Transfer der indischen Querflöte bereits in antiker Zeit ans Mittelmeer stattfand, ist unklar.Andrea Scheithauer, 1996, S. 10, Fn. 8 Spekuliert wird auch über die Zeitspanne von über 1000 Jahren, die zwischen den Abbildungen des plagiaulos in der Antike und den ersten Hinweisen auf die wahrscheinlich aus Indien stammenden byzantinische Querflöten im 10. Jahrhundert liegen.Die ältesten Darstellungen von Querflöten in der christlichen Kultur sind die Reliefs auf zwei Elfenbeinkästchen aus dem 10. Jahrhundert im Museum von Florenz. Vgl. Edward Buhle: Die musikalischen Instrumente in den Miniaturen des frühen Mittelalters. Ein Beitrag zur Geschichte der Musikinstrumente. I. Die Blasinstrumente. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1903, S. 42 Während dieser langen Zeit ohne Querflöten im Mittelmeerraum sind die geographisch nächstliegenden Querflöten in Indien immer wieder auf Steinreliefs abgebildet. Eine der frühesten byzantinischen Miniaturen, die eine gut erkennbare Querflöte zeigt, ist im Jerusalemer Kodex Taphou 14 aus dem 11. Jahrhundert enthalten. Der auf einem Felsen bei seiner Herde sitzende Schäfer bläst in eine etwa 60 Zentimetern lange Querflöte mit vermutlich sechs Grifflöchern.Joachim Braun: Musical Instruments in Byzantine Illuminated Manuscripts. In: Early Music, Band 8, Nr. 3, Juli 1980, S. 312–327, hier S. 315, 327 In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts war die aus dem Osten über Byzanz gekommene Querflöte in Westeuropa angelangt, wo sie zuerst im Hortus Deliciarum der Äbtissin Herrad von Landsberg abgebildet ist und mit dem alten lateinischen Namen tibia – für das griechische Rohrblattinstrument aulos – benannt wird.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 565 Eine archaische Querflöte als Volksmusikinstrument vor dieser Zeit ist in Europa nicht bekannt.Roger Blench: The transverse flute: its worldwide distribution and organology. (Draft) University of Cambridge, 2019, S. 3f Archäologische Grabungen in Mainz erbrachten aber in der Werkstatt eines römischen Bildhauers eine Tonfigur, die den griechisch-römischen Hirtengott Pan mit einem plagiaulos darstellt. Somit könnte der aus einem Zweig oder Röhrenknochen leicht herstellbare plagiaulos auch in der Hirtenkultur nördlich der Alpen verwendet worden sein.Heike Zechner: Musikarchäologische Funde aus der Römerzeit. Ein Survey in Rheinhessen. In: Berichte zur Archäologie in Rheinhessen und Umgebung, Jahrgang 3, 2010. 2011, S. 93–109, hier S. 110

Verbreitung mini|Junger Faun. Römische Marmorskulptur nach einem hellenistischen Original. Die Querflöte hat acht Grifflöcher für die Finger, ist am oberen Ende verschlossen und wird über ein seitliches Loch angeblasen. Galerie der Kandelaber in den Vatikanischen Museen Bei der Suche nach dem Ursprung des plagiaulos im Mittelmeerraum geben die Epiker der Frühzeit noch keinen Aufschluss. Neben dem plagiaulos ist die einzige altgriechische Flöte die Panflöte syrinx, der namentlich als der in Schilfrohr verwandelten Nymphe Syrinx ein mythischer Ursprung zugesprochen wird. Die älteste Abbildung einer syrinx ist auf der um 575 v. Chr. datierten Françoisvase erhalten, wo die Panflöte von einer der Musen auf der Hochzeit des Gottes Peleus mit der Nymphe Thetis gespielt wird. Ansonsten war die Panflöte das im Verlauf der folgenden Jahrhunderte bekannter werdende typische Hirteninstrument.John G. Landels, 1999, S. 69 Im 5. Jahrhundert v. Chr. behandelt der Dramatiker Euripides in Iphigenie in Aulis diesen Stoff, aber erst in den bukolischen Werken des Dichters Theokritos im 3. Jahrhundert v. Chr. steigt die syrinx zu einem geachteten Musikinstrument auf. Neben der syrinx erwähnt Theokritos auch den Namen plagiaulos, woraus hervorgeht, dass es zu seiner Zeit Panflöte und Querflöte als zwei unterschiedliche Blasinstrumente gab. Ansonsten wird der plagiaulos relativ selten in den klassischen Texten erwähnt.Alban Voigt: A Contribution to the History of the Flute. In: The Musical Times, Band 69, Nr. 1019, Januar 1928, S. 28f, hier S. 29 Er ist seltener als andere Musikinstrumente abgebildet.

Zu den antiken Texten, in denen der plagiaulos vorkommt, gehört Iulius Pollux (2. Jahrhundert n. Chr.) Onomastikon (iv., 74–77). Darin werden mehrere auloi nach ethnischer Zugehörigkeit unterschieden und den Libyern, Phrygern, Ägyptern, Thebanern und Skythen zugeordnet. Pollux ergänzt diese Aufzählung noch um weitere vier Arten von auloi: den plagiaulos, den monaulos (μόναυλος), den gingras (γίγγρας) und den elumos (ἔλυμος).Thomas J. Mathiesen: Apollo’s Lyre. Greek Music and Music Theory in Antiquity and the Middle Ages. (Publications of the Center for the History of Music Theory and Literature, Band 2) University of Nebrasca Press, Lincoln / London 1999, S. 194 Laut Pollux wurde der plagiaulos von den Libyern (gemeint: in Ägypten) erfunden. Dem römischen Gelehrten Plinius (23–79 n. Chr.) zufolge wurde der plagiaulos vom mythischen oder historischen König Midas in Phrygien eingeführt, weil dieser auch als Erfinder der Flöte allgemein galt.Albert A. Howard, 1893, S. 14; Mary Angela Wardle, 1981, Band 1, S. 126 Bei den Griechen und Römern kommt als mutmaßlicher Erfinder aus demselben Grund noch der Hirtengott Pan hinzu. Der in Ägypten lebende griechische Autor Athenaios (Anfang 3. Jahrhundert) gab den ägyptischen Gott Osiris als Erfinder der Flöte an.

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