Dieser Artikel behandelt die Kriegsführung im seit Februar 2022 andauernden Teil des Russisch-Ukrainischen Kriegs.

Russische Kriegsführung

Laut Militäranalytikern wie Michael Kofman oder Pawel Luzin erwartete Russland zunächst nur sehr geringen Widerstand der Ukraine, so dass militärische Kräfte teilweise „irrational“, teilweise gar nicht eingesetzt wurden. Wegen durchaus bekannter Probleme sei der Generalstab der russischen Streitkräfte gegen den Krieg gewesen; dies habe das Militär auch „mit allen verfügbaren Mitteln“ durch die Medien „geschrien“, so Pawel Luzin. Laut Luzin handelte es sich bei der Invasion um einen Plan der russischen Geheimdienste, während die Armee nur für den Aufbau der benötigten Drohkulisse zuständig sein sollte, um die Ukrainer, welche angeblich ohnehin „in ihrem Herzen zur Mutter Russland zurückkehren“ wollten, rasch einknicken zu lassen. Man brauche nur einige ukrainische Nationalisten zu beseitigen, dann breche der Widerstand zusammen, sei die Meinung der Geheimdienstleute gewesen, denen Putin vertraut habe.«Кремль закончить войну не может, он может ее только проиграть» („Der Kreml kann den Krieg nicht beenden, er kann ihn nur verlieren“). Nowajagaseta.eu, 7. September 2022 Die erste Phase des Angriffs scheiterte aufgrund dieser falschen Annahmen, so dass nach etwa fünf Tagen die Strategie grundlegend geändert wurde. In der Neuen Zürcher Zeitung analysierte Georg Häsler (Oberst der Schweizer Armee), dass Russland zu Beginn der Invasion entgegen seiner üblichen Vorgehensweise und Militärdoktrin auf Artillerievorbereitung weitgehend verzichtete und statt der üblichen „Feuerwalze“ auf einzelne, gezielte Schläge gegen militärische Ziele gesetzt hatte. Damit seien laut The Guardian Fehler früherer Militäreinsätze wiederholt worden, und es sei auf ähnliche Art auf das anfängliche Scheitern reagiert worden: Nackte Gewalt durch wahllosen Artilleriebeschuss sollte die Verteidiger nun in die Knie zwingen.How alleged atrocities in Bucha compare to previous Putin campaigns. In: The Guardian, 3. April 2022

Anfang März 2022 erkannte Daniel Gerlach im Vorgehen Russlands dasselbe „sowjetische Modell der Aufstandsbekämpfung“ wieder, das Russland bereits in Syrien dem Diktator Baschar al-Assad empfohlen hatte und dort ab 2015 auch selbst durchführte: „Dazu gehört die gezielte Bombardierung ziviler Infrastruktur, etwa von Spitälern, Wasserwerken oder Bäckereien.“ Damit solle die Unterstützung der kämpfenden Truppen entzogen werden, respektive diese zur Übernahme solcher Aufgaben gezwungen werden.Was eine Belagerung bedeutet. In: Tages-Anzeiger, 8. März 2022, S. 5.Emma Graham-Harrison, Joe Dyke: How Russia is using tactics from the Syrian playbook in Ukraine. In: The Guardian, 24. März 2022. Der Gegner solle erniedrigt werden, indem der Eindruck erweckt werde, er könne als Verteidiger seine Schutzbefohlenen nicht schützen. In Syrien habe Russland sogar versucht, über das Rote Kreuz die genauen Standorte der Spitäler zu erfahren.Die Kriegsführung basiert auf Putins Wunschdenken. Interview mit Gustav Gressel (European Council on Foreign Relations, ECFR). n-tv, 23. März 2022.

In den von ihr eingenommenen Großstädten (Mariupol, Cherson) begann die russische Besatzungsmacht systematisch, ehemalige ukrainische Militärangehörige, Polizisten, Politiker, Journalisten und weitere Bürger mit Hilfe von Listen zu suchen.Names on a list: Fleeing Mariupol, one checkpoint at a time. aljazeera, 23. März 2022.«Кто-то перед смертью ехал на велосипеде. Кто-то гулял парой» Буча. Депутат местного совета Катерина Украинцева — о том, как этот город жил под российской оккупацией. Meduza, 3. April 2022. Nach der Abholung durch russische Soldaten blieben viele der Gesuchten verschwunden oder wurden später tot aufgefunden. In den Schulen in Cherson sollten nach einer einmonatigen Pause im Mai nur noch Lehrer unterrichten dürfen, die sich der Besatzung unterstellten. Zudem sollten sie auf der Krim umgeschult werden, alle anderen müssten das Gebiet verlassen.Вражеский тлен. Nowajagaseta.eu, 29. April 2022. Laut Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) will Russland die Ukraine auch als kulturelle Identität auslöschen; wo eine Besatzung gelinge, erfolge dies über die Auslöschung der kulturellen, journalistischen und intellektuellen Eliten des Landes, so wie es auch in den seit 2014 besetzten Gebieten geschehen sei.Interview: Wie ist die russische Kriegsführung einzuschätzen? In: NDR.de, 16. März 2022, abgerufen am 25. März 2022: „durch Säuberungstruppen der Russen zu verschleppende, einzusperrende oder zu tötende Leute“.

Russland verzichtete auf Angriffe auf die Pipelines, die russisches Gas durch die Ukraine nach Mitteleuropa transportieren. Es wurde im März vermutet, dass Russland es sich nicht leisten könne, auf die Einnahmen aus dem Gasexport zu verzichten.Tobias Kaiser: Hartes Rubel-Kalkül. In: Die Welt, 29. März 2022. Auch im September, als die Pipeline Nord Stream mit viel Inszenierung für das westliche Publikum abgestellt wurde, strömte weiter russisches Gas durch die Ukraine.Russian gas flows to EU via Ukraine remain stable, Nord Stream stays shut. Reuters, 6. September 2022. Am 26. September 2022 wurde mit mehreren Sprengungen ein Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines verübt. Dabei wurden beide Stränge von Nord Stream 1 und einer der beiden Stränge von Nord Stream 2 unterbrochen.Wolf Wiedmann-Schmidt: Bundeskriminalamt geht von staatlicher Sabotage aus. In: Der Spiegel, 5. Oktober 2022.

Russland besetzte das Kernkraftwerk Tschernobyl, beschoss die Nuklearanlage des Instituts für Physik und Technologie in Charkiw, das Kernkraftwerk Saporischschja und anschließend die Kernkraftwerke in Riwne, Chmelnyzkyj und das Kernkraftwerk Südukraine. Saporischschja war weltweit das erste Kernkraftwerk, das von Panzern beschossen wurde – seit dem Einmarsch im Februar 2022 setzte Russland nukleare Erpressung als Taktik ein.

In den ersten Kriegstagen war gemeldet worden, dass russische Saboteure in ukrainischen Uniformen unterwegs seien.Bernhard Odehnal, Catherine Boss: Russische Saboteure erkennen sie an der Aussprache. Tages-Anzeiger, 27. Februar 2022.

Teilweise ließen russische Militäreinheiten in von ihnen aufgesuchten bzw. besetzten ukrainischen Gebieten Sprengkörper (bspw. Landminen, in Gebäuden von geflüchteten Zivilisten auch Sprengfallen) zurück. In der Folge entstandene Personenschäden sind dokumentiert. Russland hat das im Jahr 1999 in Kraft getretene Ottawa-Abkommen, das Einsatz, Lagerung, Herstellung und Weitergabe von Antipersonenminen verbietet, nicht unterzeichnet

Russische Streitkräfte bombardier(t)en wiederholt vorsätzlich Ersthelfer und Rettungskräfte (siehe Double Tap (Taktik)).

Um den ukrainischen Munitionsnachschub zu unterbrechen, zerstörten die russischen Streitkräfte mehrmals Munitionslager und griffen Schienen-Nachschubwege an.

Der ukrainischen Regierung zufolge beschlagnahmen die russischen Streitkräfte in den von ihnen besetzten Regionen Saporischschja, Cherson, Donezk und Luhansk das geerntete Getreide. Insgesamt seien mehrere Hunderttausend Tonnen Getreide abtransportiert worden. Bis Juni 2022 verlor die Ukraine nach Auskunft des Landwirtschaftsministeriums neben 25 % der Agrarfläche etwa 25 Millionen der 85 Millionen Tonnen Lagerkapazitäten für Getreide, weil Silos zerstört wurden oder in von Russland besetzten Gebieten lagen. Ein ukrainischer Landmaschinenhändler aus Melitopol gab an, dass sein gesamtes Warensortiment abtransportiert worden sei. Durch GPS-Tracking konnten einige der gestohlenen Maschinen später in Tschetschenien verortet werden. Durch die Zerstörung von Getreidespeichern, Bauernhöfen und Dörfern sowie die Blockade der Seewege gefährdete Russland vorsätzlich die weltweite Ernährungssicherung (die Ukraine ist – Stand 2021 – eines der weltgrößten Weizenexportländer).

In der Ukraine gefangen genommene russische Soldaten berichteten, ihre Vorgesetzten hätten versichert, es handele sich beim Aufmarsch am 24. Februar lediglich um eine Militärübung.Russische Wehrpflichtige in Angst vor Einsatz. ZDF, 3. April 2022, abgerufen am 20. April 2022. Andere hätten nach ihrer Gefangennahme angegeben, geglaubt zu haben, dass sie als Friedenstruppen eingesetzt würden.A morale problem among Russian forces could pose a risk to Vladimir Putin’s future military campaigns. abc.net.au, 17. März 2022. Ein russischer Soldat veröffentlichte ein Kriegstagebuch und gab gegenüber Medien an, dass seine Einheit über keine Mobiltelefone verfügte, sondern ausschließlich über eine militärische Verbindung von Dienststellen Informationen bekam, die ihn und seine Einheit in den ersten Kriegswochen glauben ließen, Russland befände sich „fast mit der ganzen Welt im Krieg“ und auf russischem Territorium würde ebenfalls gekämpft.

Am 9. und 17. März wurden insgesamt neun Generäle entlassen.Katerina Tischchenko: 8 Generäle wurden in Russland gefeuert, weil sie versagt haben. Pravda, 9. März 2022.James Kilner: Vladimir Putin turns on his own as he vows to ‘purify’ Russia of traitors. The Telegraph, 17. März 2022. Außerdem verkündete das ukrainische Militär am 19. März den Tod des sechsten von schätzungsweise zwanzig in der Ukraine eingesetzten russischen Generälen.Siehe auch Russische Verluste bei der Invasion der Ukraine Laut Pentagon ist der Tod von Führungskräften ein Schlag für die Kampfmoral der russischen Truppen. Es wurde darauf hingewiesen, dass es russische Militärtradition sei, die Angriffe von der Front aus zu führen; dies könne aber auch ein Anzeichen für politischen Druck sein, Ergebnisse zu erbringen.Thomas Novelly: What the Reported Deaths of 4 Russian Generals Mean About the Fighting in Ukraine. Military.com, 17. März 2022.Russlands Armee im Dilemma? Wer sind die 6 in der Ukraine getöteten Generäle. euronews, 21. März 2022.

Die meisten russischen Einheiten kämpfen in taktischen Bataillonsgruppen (BTGs), mit jeweils 400 bis 900 Mann, die Infanterie, Artillerie, Flugabwehr und Panzer vereinen. Wurden nach einer Schätzung des britischen Verteidigungsministeriums 120 russische (teilweise unvollständige) BTGs eingesetzt, von denen (Stand Mai 2022) mehr als ein Viertel nicht mehr einsetzbar waren, sind nach einer Schätzung des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums 93 BTGs eingesetzt worden. Aus diesen Zahlenangaben geht allerdings nicht hervor, ob damit die Gesamtheit aller eingesetzten BTGs oder die Anzahl der gleichzeitig eingesetzten BTGs gemeint ist. Denn es ist gesichert, dass BTGs auch ausgewechselt wurden bzw. dass BTGs lediglich zeitweise eingesetzt wurden.

Im Herbst 2023 unterstrich ein ukrainischer Oberst die Lern- und Anpassungsfähigkeit der russischen Streitkräfte im Frontkampf; sie hätten aus allen Unzulänglichkeiten und Fehlern im ersten Kriegsjahr gelernt.

Im November 2023 äußerte sich der militärische Befehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, General Walerij Saluschnyj in einem Gastbeitrag für The Economist, relativ ausführlich zur Kriegsführung und schrieb unter anderem in welchen Teilen der Kriegsführung die russischen Streitkräfte im Vorteil oder ebenbürtig seien (Luft- und Drohnenkrieg, elektronische Kriegsführung, Konterbatteriefeuer).

Sowohl die russischen Streitkräfte als auch die ukrainischen setzen mitunter mit Sprengstoff beladene Ballons (Wetter- und Solarballons) ein, von denen mindestens einer mit einer Spezialbeschichtung weitgehend unsichtbar für Radar gemacht wurde.

Im Juli 2025 berichtete der Bundesnachrichtendienstes und zwei niederländische Geheimdienste, dass die russischen Streitkräfte den chemischen Lungenkampfstoff Chlorpikrin sowie Tränengase häufig einsetzten.