mini|Henry Essex Edgeworth Henry Essex Edgeworth, bekannt als Abbé Edgeworth de Firmont (* 1745 in Edgeworthstown, County Longford, Irland; † 22. Mai 1807 in Mitau (heute Jelgava)) war ein französischer katholischer Priester irischer Abstammung und der letzte Beichtvater König Ludwigs XVI., dem er in dessen letzten Stunden vor der Hinrichtung geistlichen Beistand leistete. 1796 ging er ins Exil nach England, trat als Kaplan in die Dienste des späteren Ludwig XVIII. und begleitete diesen 1798 nach Mitau in Kurland, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte.
Leben Abstammung und frühes Leben Henry Essex Edgeworth stammte aus einer angesehenen, früher in Middlesex in England ansässigen Familie.Heinrich Döring: Firmont (Heinrich Essex Edgeworth von), in: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 1. Sektion, Bd. 44 (1846), S. 309. Sein Vorfahre Francis Edgeworth und dessen Bruder Edward waren um 1582 während der Regierung von Königin Elisabeth I. von England nach Irland ausgewandert. Er selbst war der zweite Sohn von acht Kindern von Robert Edgeworth, der als Angehöriger der Church of Ireland das Amt des Pfarrers von Edgeworthstown bekleidete. Robert Edgeworth war ein Cousin ersten Grades von Richard Lowell Edgeworth, dem Vater der Schriftstellerin Maria Edgeworth. Die Mutter von Henry Essex Edgeworth, Martha Ussher, wird häufig fälschlicherweise als Enkelin des irischen Erzbischofs James Ussher bezeichnet. Robert Edgeworth besaß ein Anwesen in dem nahe Edgeworthstown gelegenen Firmount, nach dessen Namen Henry Essex Edgeworth in Frankreich allgemein als Abbé de Firmont bekannt war.Joseph Guinan, Edgeworth, Henry Essex, in: Catholic Encyclopedia, 1913, Bd. 5.
Als Henry Essex Edgeworth vier Jahre alt war, trat sein Vater 1749 zur katholischen Kirche über. Grund für diesen Konfessionswechsel von Robert Edgeworth war ein Gespräch mit einem protestantischen Prälaten, der Toulouse besucht hatte und von den katholischen Riten sehr beeindruckt war. Robert Edgeworth ließ einen Sohn, Ussher, bei seinen Verwandten zurück, gab sein geistliches Amt auf, wanderte mit seiner Gattin und drei anderen Kindern nach Frankreich aus und ließ sich in Toulouse nieder. In dieser Stadt verlebte Henry Essex Edgeworth seine Jugendzeit und erhielt in dem dortigen Jesuitenkolleg den ersten Unterricht. Anschließend besuchte er auf Anregung von Francis Moylan, der damals als Pfarrer in Paris wirkte und später (1787) Bischof von Cork wurde, das Priesterseminar von Trente-Trois in Paris. Inzwischen war sein Vater verstorben und sein älterer Bruder Robert 1769 nach Irland ausgewandert. Nach einem Theologiestudium an der Sorbonne wurde Henry Essex Edgeworth zum Priester geweiht und nahm nun den zusätzlichen Zunamen de Firmont an.John Goldworth Alger: Edgeworth de Firmont, Henry Essex, in Dictionary of National Biography, Bd. 16 (1888), S. 378.
Firmont wollte zuerst Missionar werden und trat daher in das Pariser Seminar für ausländische Missionen ein. Er gab aber diesen Plan auf den Hinweis seiner Freunde, dass die Religionsausübung in Frankreich gefährdet sei und er daher besser hier als Geistlicher wirken solle, wieder auf. Als Beichtvater in Paris gewann er der katholischen Kirche viele Proselyten, besonders unter seinen Landsleuten, von denen sich zahlreiche in der französischen Hauptstadt aufhielten. Bischof Moylan drängte ihn wiederholt, die Leitung eines irischen Bistums zu übernehmen. Firmont lehnte dieses Ansinnen mit der Begründung ab, dass seine Englischkenntnisse unzureichend seien und die in Paris lebenden katholischen Engländer und Iren seinen geistlichen Beistand benötigten. Im Juli 1789 wies er auch das Angebot zurück, der Kaplan seiner Tante Miss Ussher of Eastwell. Galway, zu werden, die wie ihr Bruder James zum Katholizismus konvertiert war.John Goldworth Alger: Edgeworth de Firmont, Henry Essex, in Dictionary of National Biography, Bd. 16 (1888), S. 379.
Beichtvater der Prinzessin Elisabeth Der 1789 ausgebrochenen Französischen Revolution stand Firmont feindlich gegenüber. Als die Tanten des französischen Königs Ludwig XVI. im Februar 1791 nach Rom abreisten, nahmen sie Madier, den Beichtvater der Prinzessin Elisabeth, der jüngeren Schwester Ludwigs XVI., mit sich. Elisabeth wandte sich mit der Bitte an den Superior des Seminars für ausländische Missionen, ihr einen neuen Beichtvater zu empfehlen. Die Wahl des Superiors fiel auf den Abbé Firmont. Der Erzbischof von Paris unterstützte diese Entscheidung und stellte Firmont bei Hof vor. Elisabeth freundete sich rasch mit ihm an, und er besuchte sie zwei- bis dreimal in der Woche. Dabei wagte er es als einziger Priester, sich in kirchlicher Kleidung in den Tuilerien-Palast zu begeben, wo die Königsfamilie interniert war. Sechs Wochen vor dem (am 10. August 1792 erfolgten) Tuileriensturm übermittelte ihm Elisabeth zunächst schriftlich (welchen Brief Firmont später vernichten musste) und später mündlich eine rührende Botschaft, die nach ihrem Tod ihrem Lieblingsbruder Karl übermittelt werden sollte. König Ludwig XVI. machte damals noch nicht die Bekanntschaft Firmonts, vielleicht weil dieser dadurch in Gefahr gebracht worden wäre. Den Großteil des Tages vor dem Angriff auf den Tuilerien-Palast verbrachte Firmont in Elisabeths Arbeitszimmer.
In der Zeit, als Ludwig XVI. nach dem Tuileriensturm zur Haft in den Temple gebracht wurde, drangen etwa 50 bewaffnete Bürger nachts in Firmonts Wohnung im Séminaire des Missions étrangères in der Rue du Bac ein und verwüsteten sie. Firmont fürchtete Todesgefahr und fragte den Anführer von zwölf Bewaffneten, die ihm mit Fackeln entgegentraten, was dieser Auftritt zu bedeuten habe. Der Offizier antwortete, dass es auf ihn nicht abgesehen sei und entfernte sich wieder. Bald kehrte er aber zurück und verlangte von Firmont die Auslieferung von dessen Papieren. Firmont brachte die verlangten Papiere, hielt jedoch mehrere belastende Dokumente zurück. Der Offizier hatte es eilig, die ihm ausgehändigten Papiere durchzusehen, und entfernte sich rasch. Firmont verbrannte danach sämtliche belastenden Manuskripte, auch wenn er einige von ihnen gern gerettet hätte. Bald danach fand eine strenge Untersuchung in seiner Wohnung statt. In späteren Jahren gestand er seine große Angst, als er einige Tage nach der Durchsuchung seiner Räume doch noch einen Brief fand, der seine Verbindung mit der Königsfamilie belegte und ihm bei seiner Entdeckung das Leben hätte kosten können. Durch einen treuen Diener erfuhr er, dass eine Menschenmenge das Gefängnis Saint-Sulpice erstürmt und die Gefangenen niedergemetzelt hatte. Mehrere seiner Freunde waren unter den Toten. Er selbst entging einem Überfall in seiner Wohnung in der Rue du Bac durch Verkleidung und ein unkenntlich gemachtes Gesicht. In der Folge floh er aus Paris und lebte einige Wochen ungestört in Choisy-le-Roi. Er führte dort den Namen Edgeworth, der den Franzosen nicht geläufig war, und gab sich für einen verarmten Engländer aus.Heinrich Döring: Firmont (Heinrich Essex Edgeworth von), in: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 1. Sektion, Bd. 44 (1846), S. 309–310.
Beichtvater Ludwigs XVI. Als der geflohene Pariser Erzbischof Juigné den Abbé Firmont zu seinem Generalvikar machte und die Leitung des Erzbistums Paris übertrug, kehrte Firmont nach Paris zurück und schloss sich seiner dort lebenden Mutter und Schwester an. Dem Drängen seiner Freunde, sich in Irland oder England in Sicherheit zu bringen, erteilte er eine Absage. Als der Prozess gegen den König bevorstand, empfahl die Prinzessin Elisabeth ihrem Bruder Firmont als frommen Priester, den seine relative Unbekanntheit vor späteren Verfolgungen schützen könne. Auf die Bitte von Malesherbes, dem Verteidiger Ludwigs XVI., willigte Firmont ein, der letzte Beichtvater des Königs zu werden. In einem Brief an Mr. Maffey, einen befreundeten Priester in London, schrieb er am 22. Dezember 1791: „Mein unglücklicher Herr [der König] hat seine Augen auf mich geworfen, um ihn auf den Tod vorzubereiten, wenn die Ungerechtigkeit seines Volkes diesen letzten Akt der Grausamkeit begehen sollte. Ich bereite mich also auch auf den Tod vor, überzeugt, dass das wütende Volk mich nicht eine Stunde die schreckliche Szene überleben lassen wird. Aber ich bin resigniert; mein Leben ist nichts. Könnte mein Leben ihn retten, wie gern gäbe ich es hin! Ich wäre nicht umsonst gestorben.“Heinrich Döring: Firmont (Heinrich Essex Edgeworth von), in: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 1. Sektion, Bd. 44 (1846), S. 310.
Als der Monarch nach der Verhängung des Todesurteils gegen ihn am 20. Januar 1793 darum bat, die Vollstreckung der Todesstrafe um drei Tage aufzuschieben, verweigerte der Nationalkonvent die Bewilligung dieser Frist, gestattete ihm aber die Zulassung und Wahl eines Geistlichen. Der Justizminister Dominique Joseph Garat ließ Firmont holen und in seiner Kutsche zum Temple fahren. Da Firmont mit seinem Tod rechnete, hatte er sein Testament gemacht und seiner Mutter gesagt, dass die Begleitung eines Sterbenden ihn die ganze Nacht beschäftigen könne. Nachdem er gründlich durchsucht worden war, um zu verhindern, dass er dem König Gift mitbringen würde, durfte er sich zu Ludwig XVI. begeben. Auf dessen Wink entfernten sich der in Firmonts Begleitung befindliche Justizminister und die Kommissare des Stadtrats. Nach seiner eigenen Schilderung weinte Firmont beim Anblick des unglücklichen Königs, der seinerseits in Tränen ausbrach. Ludwig XVI. las ihm sein Testament vor, erkundigte sich nach dem Schicksal einiger verbannter Geistlicher und zeigte sich überzeugt, dass ihm die Franzosen dereinst Gerechtigkeit widerfahren lassen würden. Dann begab er sich in ein Nachbarzimmer, um sich mit seiner Familie zu besprechen, deren Schluchzen Firmont durch die Glastür vernehmen konnte.Heinrich Döring: Firmont (Heinrich Essex Edgeworth von), in: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 1. Sektion, Bd. 44 (1846), S. 310–311.
Den Wunsch des Königs, vor seiner Hinrichtung noch eine Messe zu hören und das heilige Abendmahl einzunehmen, mussten erst die Ratskommissarien bewilligen. Firmont übermittelte das Gesuch des Monarchen, das aber mit der Begründung, dass Priester Hostien vergiftet hätten, vorerst abgelehnt wurde. Firmont wies empört auf seine strenge Durchsuchung beim Eintritt in den Temple hin und schließlich wurde sein Gesuch nach längerer Beratung der Munizipalbeamten gewährt. Um 22 Uhr kehrte Firmont zum König zurück und informierte ihn darüber. Er nahm ihm die Beichte ab, blieb bis spät in die Nacht bei ihm und ruhte sich dann einige Stunden in einem Vorzimmer aus. Um fünf Uhr in der Früh des folgenden Tags (21. Januar 1793) wurde er wieder zum König gerufen, fand dort einen vorbereiteten Altar vor, feierte die Messe und spendete das Abendmahl sowie die Sterbesakramente.Heinrich Döring: Firmont (Heinrich Essex Edgeworth von), in: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 1. Sektion, Bd. 44 (1846), S. 311.