mini|Portraitfoto von Heinrich Franzmeyer. Veröffentlicht in gedruckter Form in: Der Lebensretter; Zeitschrift für Rettungsschwimmen, amtliches Organ der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Heft 2/1960, S. 46 Heinrich Franzmeyer (* 1. Mai 1881 in Neuenrade, Sauerland; † 20. Dezember 1959 in Berlin) war ein deutscher Pädagoge, Arzt, Amtsarzt und Verbandsfunktionär der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Franzmeyer war an Medizinverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt.

Leben und Wirken Heinrich Franzmeyer wurde in einem westfälischen Lehrerhaushalt in Neuenrade geboren, besuchte vor Ort das Gymnasium bis zur Mittleren Reife und begann dann eine Kaufmannslehre. Danach absolvierte er mit Erfolg das Lehrerseminar in Stade. Es folgte eine Tätigkeit als Volksschullehrer in Wesermünde. 1906 berief ihn die Stadt Berlin in ihren Gemeindeschuldienst.Deutsches Rettungswesen; Zeitschrift des Deutschen Zentralverbandes für Rettungswesen e. V., Mitteilungsblatt des Reichsbundes der Inhaber der Rettungsmedaille e. V., 12. Jahrgang, Nr. 69 (Juni 1941), S. 690. Franzmeyer war von 1927 bis März 1933 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942 - 1944, Dissertation (2010), PDF, S. 76, auf d-nb.info „Von jeher für Naturwissenschaften interessiert und angeregt durch seine Schwester, die Ärztin geworden war, reifte in dem jungen Gemeindeschullehrer der Plan, das Abitur […] nachzuholen und auch Medizin zu studieren. Im Realgymnasium in Berlin bestand er 1919 die Reifeprüfung und widmete sich bis 1922 an der Universität Berlin dem medizinischen und an der [Preußischen] Hochschule für Leibesübungen in Spandau fünf Semester dem sportlichen Studium. Nach bestandenem medizinischem Staatsexamen promovierte er 1923 an der Universität Berlin […]. Da Franzmeyer auf Grund seiner pädagogischen, sportlichen und medizinischen Vorbildung für die Schularztlaufbahn der gegebene Mann war, berief ihn die Stadt Berlin als Stadtschularzt in den Bezirk Kreuzberg. Hier wurde er 1927 Stadtoberschularzt. Heute wirkt er als Obermedizinalrat im Bezirk Spandau.“Deutsches Rettungswesen; Zeitschrift des Deutschen Zentralverbandes für Rettungswesen e. V., Mitteilungsblatt des Reichsbundes der Inhaber der Rettungsmedaille e. V., 12. Jahrgang, Nr. 69 (Juni 1941), S. 690. Die Tätigkeit als Stadtarzt (Amtsarzt) in Spandau soll 1929 begonnen haben.Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942 - 1944, Dissertation (2010), S. 73.Franzmeyer leitete die medizinische Bäderabteilung des Stadtbades Kreuzberg und richtete die erste sportärztliche Beratungsstelle der Stadt Berlin ein. „Er propagierte die gesundheitsfördernde Wirkung des Sports und verfasste medizinische Artikel für die Berliner Morgenpost. Bei mehreren olympischen Spielen betreute er die deutschen Schwimmer.“

Tätigkeit in der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Die Beziehungen Franzmeyers zur DLRG reichen bis in das Jahr 1924 zurück.Deutsches Rettungswesen; Zeitschrift des Deutschen Zentralverbandes für Rettungswesen e. V., Mitteilungsblatt des Reichsbundes der Inhaber der Rettungsmedaille e. V., 12. Jahrgang, Nr. 69 (Juni 1941), S. 690. „Schon vorher war er dem ‚Verein für Leibesübungen der Berliner Lehrerschaft‘ näher getreten. Von hier aus kam er zur DLRG, die ihn zunächst zum ärztlichen Beirat der Ortsgruppe Berlin und des Landesverbandes Berlin-Brandenburg wählte. Als Wolfgang Kohlrausch, der das Amt als ärztlicher Beirat in der DLRG-Führung bekleidete, nach Freiburg übersiedelte, berief der DLRG-Führer Georg Hax ihn in das von Kohlrausch bis dahin verwaltete Amt.“Angaben zur DLRG in der Zeit des Nationalsozialismus gibt es kaum. Im hiesigen Eintrag Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft finden sich dazu fünf Sätze. Daraus ist aber nicht ersichtlich, wie der Vorstand bzw. „Führerbeirat“ der DLRG damals zusammengesetzt war. Allerdings werden dort (Graphik) offenbar die DLRG-Präsidenten benannt, darunter Georg Hax (1925 – 1942) und Franz Breithaupt (1942 – 1945). Breithaupt war einer der ersten höheren Führer der SS (Schutzstaffel). Der weitere DLRG-Präsident Hans Geisow, ein überzeugter Nationalsozialist, ist dort nicht verlinkt. In den wenigen gedruckten Darstellungen zur DLRG aus den Jahren 1963, 1996 und 2013 finden sich ebenfalls nur spärliche, unkritische Angaben zu den Jahren 1933 – 1945.Im Zeichen des spähenden Adlers: 50 Jahre Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft 1913 - 1963. Eine Chronik in Wort und Bild / Klaus Bartnitzke ; Ilse Stoffregen (Essen, DLRG, Präsidium, 1963)Humanität und Sport im Dienst am Mitmenschen; die Chronik der DLRG / Klaus Bartnitzke; 4. Erweiterte und stark überarbeitete Auflage (Schorndorf, Hofmann, 1996)100 Jahre ehrenamtliches Engagement für die Gesellschaft / Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V. (Bad Nenndorf, DLRG-Verlag und Vertriebsgesellschaft mbH (DVV), 2013)

Die DLRG verfügt über ein eigenes Archiv, dessen Datenbank allgemein zugänglich ist. Daraus lässt sich ersehen, dass Heinrich Franzmeyer seit spätestens Mai 1935 dem „Führerbeirat“ der DLRG angehörte.DS-1139, auf dlrg.archiv.melusine.info, abgerufen am 9. Juli 2025 Im Mai 1943 nahm er an der „kriegswichtigen Führerschulung“ der DLRG in Stuttgart teil. Im April 1944 wurde Franzmeyer zum 1. Lehrgang der „DLRG-Führerschule“ in die SS-Reichsschule nach Prag einberufen und nahm daran teil.

Beteiligung an NS-Medizinverbrechen SS-Oberführer Franz Breithaupt, stellvertretender Führer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), gab am 16. Juni 1937 gegenüber dem Polizeipräsidenten in Berlin die folgenden Mitgliedschaften und Ämter für Magistrats-Obermedizinalrat Heinrich Franzmeyer an:Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep. 030-04 Nr. 1454, Bl. 17.

Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) Bund Deutscher Ärzte Reichsbund der deutschen Beamten Nationalsozialistische Opfergemeinschaft (NSOG) Reichsluftschutzbund Reichskulturkammer (Mitglied seit deren Gründung am 22. September 1933) Leitender Luftschutzarzt im Abschnitt Spandau seit 1934 Zulassung zur Tätigkeit im Amt für Volksgesundheit der NSDAP (1935) 2. Kammer des Erbgesundheitsgerichts Berlin seit Anfang 1936

Erbgesundheitsgerichte (ugs. „Sterilisierungsgerichte“) wurden am 1. Januar 1934 im Deutschen Reich eingeführt. Grundlage war das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 (RGBl. I S. 529). In einem äußerlich rechtsförmigen Verfahren entschieden diese Sondergerichte über Anträge zur Zwangssterilisation von Menschen mit geistiger, psychischer oder körperlicher Behinderung, darunter viele Patientinnen und Patienten psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten und Alkoholkranke.

Im Zeitraum 1942 – 1944 wirkte Franzmeyer in zwei Fällen an entsprechenden Verfahren mit. Beide Eingriffe wurden in der Universitäts-Frauenklinik der Charité vorgenommen.Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942 - 1944, Dissertation (2010), S. 80. „Ein […] kleiner Teil der an den Sterilisationsverfahren beteiligen Ärzte vollzog den Schritt von der Verhütung zur Vernichtung „unwerten Lebens“ und beteiligte sich an der „Euthanasie“. Zu nennen sind hier Max de Crinis, Carl-Heinz Rodenberg, Wilhelm Bender und Ernst Hefter. Das politische Spektrum der ärztlichen Beisitzer am Berliner Erbgesundheitsgericht beschränkte sich jedoch keineswegs auf aktive Nationalsozialisten. Davon zeugte die Teilnahme der früheren Sozialdemokraten Heinrich Franzmeyer und des Widerstandskämpfers John Rittmeister.“Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942 - 1944, Dissertation (2010), S. 226.Die Angabe, Franzmeyer sei kein aktiver Nationalsozialist gewesen, trifft nicht zu. Er war Mitglied etlicher NS-Organisationen (s. oben). Überdies weist Susanne Doetz selbst darauf hin, dass zum Berliner Bezirk Spandau einer der reichsweiten Spitzenwerte bei der „erbbiologischen Erfassung“ der Bevölkerung vorliege:„Hier bestand die Erbkartei im September 1940 aus 40.000 Karten. Bei einer Einwohnerzahl von 170.384 bedeutete dies, dass zu jenem Zeitpunkt 23,5 Prozent – fast ein Viertel der Wohnbevölkerung – erbbiologisch erfasst worden war. Herwig Czech errechnete als grobe Annäherung eine durchschnittliche Erfassungsdichte von rund 12 Prozent für das Deutsche Reich. Spandau hätte damit deutlich über dem Reichsdurchschnitt gelegen.“Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942 - 1944, Dissertation (2010), S. 89.Diese „erbbiologische Erfassung“ zielte – wie auch andere Maßnahmen des NS-Regimes – auf die Realisierung der Vision von einem „gesunden Volkskörper“ ab, für den vor allem die körperliche Verfassung der Bevölkerung relevant sein sollte.

Das herausragende Ergebnis für den Berliner Bezirk Spandau wäre ohne intensive und kontinuierliche Mitarbeit des dortigen Gesundheitsamts, das von Amtsarzt Heinrich Franzmeyer geleitet wurde, nicht zu erzielen gewesen. Zwar war den Gesundheitsämtern „eine enge Zusammenarbeit mit den gesundheitlichen Einrichtungen der NSDAP, insbesondere den Ämtern für Volksgesundheit, aufgetragen“Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942 - 1944, Dissertation (2010), S. 70., doch kam es – wie der Fall Spandau deutlich zeigt – sehr darauf an, wie konsequent bzw. intensiv diese Weisung jeweils umgesetzt wurde. Auch unter diesem Aspekt ist Franzmeyer zweifelsfrei als aktiver Nationalsozialist anzusehen. Unterstrichen wird dies noch dadurch, dass er seit 1935 zur Tätigkeit im Amt für Volksgesundheit der NSDAP zugelassen war (s. oben). Der „Makel“ der früheren Zugehörigkeit zur SPD, den Susanne Doetz so ausdrücklich herausstellt, war Franzmeyer also spätestens jetzt (1935) vergeben.

Kommunale Gesundheitsämter hatten in der Zeit des Nationalsozialismus nicht allein an Verfahren zur Feststellung geistiger, psychischer oder körperlicher Behinderungen mitzuwirken bzw. diese zu initiieren. Darüber hinaus wurden sie auch in den folgenden Fällen (Auswahl) tätig, wobei auch hier wiederum die Motivation in der NS-Gesundheitspolitik – konkret in der Vision von einem „gesunden Volkskörper“ – lag:

Bearbeitung von Anträgen auf Unfruchtbarmachung Bearbeitung von Anträgen auf Ehestandsdarlehen Bearbeitung von Anträgen auf Genehmigung der Eheschließung (Kurzverfahren zur Erteilung eines Ehetauglichkeitszeugnisses) Bearbeitung von Anträgen auf Unterstützung für kinderreiche Familien Bearbeitung von Anträgen auf Ausbildungsbeihilfen Amtsärztliche Untersuchungen nach Meldung von Geschlechtskrankheiten Amtsärztliche Überwachung ehemaliger Geschlechtskranker „Meldung des Krüppels“ (Formblatt) Bearbeitung von Anträgen auf Anordnung der vorläufigen Fürsorgeerziehung bzw. Einweisung in ein Arbeitslager

In etlichen dieser Verfahren musste ein sog. Sippenfragebogen vorgelegt werden. Oft wurden neben der betroffenen Person auch nächste Angehörige (Eltern bzw. Verwandte 1. Grades) mit untersucht. Solche und ähnliche Verfahren zur Verhinderung „erbkranken Nachwuchses“ dürften also auch den Arbeitsalltag des Spandauer Amtsarztes Franzmeyer wesentlich bestimmt haben. Ohne die Mitwirkung der Gesundheitsämter wäre es auch nicht möglich gewesen, die späteren Opfer der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus zu erfassen.