mini|Der Slogan bei einer Demonstration in Columbus am 12. Oktober 2023, mit einem arabischen Hinweis auf die Intifada From the River to the Sea (englisch für „Vom Flusse bis zum Meer“; ; ) ist eine politische Parole, die im Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt verwendet wird. Menschen, die die Parole verwenden, beziehen sich damit auf das Gebiet zwischen Jordan („River“) und Mittelmeer („Sea“), zu dem neben Israel auch das Westjordanland und der Gazastreifen gehören.
Herkunft, Bedeutung und Verwendung Geschichte mini|250px|Karte von Israel und den palästinensischen Gebieten gemäß dem Oslo-Abkommen. Der Jordan mit dem See Gennezaret (im Norden) und dem Toten Meer (im Süden) befindet sich auf östlicher Seite, das Mittelmeer auf der westlichen Seite. Laut den Historikern Omer Bartov und Joseph Croitoru begann die Geschichte des Slogans bereits vor der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 im revisionistischen Spektrum des Zionismus unter Führung von Wladimir Jabotinsky. Jabotinsky und seine Anhänger sprachen von der Gründung eines jüdischen Staates in ganz Palästina. 1930 veröffentlichte Jabotinsky in einer von ihm herausgegebenen Zeitung Verse mit dem Refrain: „Zwei Ufer hat der Jordan, das eine ist unser – das andere auch.“ Dies deutete auf einen jüdischen Staat hin, der sogar über den Jordan hinausging, wie das ursprüngliche Mandatsgebiet Palästina, bevor die Briten davon Transjordanien als Staat für Araber abtrennten.
Laut dem amerikanischen Historiker Robin D. G. Kelley lässt sich der Slogan auf zionistische Parolen zurückführen, die die Grenzen von Eretz Israel bezeichneten. Er fügt hinzu, dass in den 1960er Jahren die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) mit demselben Slogan die Gründung eines arabischen Staates forderte, der das gesamte Gebiet des ehemaligen britischen Mandats Palästina umfassen sollte. Die PLO-Charta von 1964 forderte „die vollständige Rückeroberung des unrechtmäßig besetzten Heimatlandes“, erklärte jedoch, dass „Juden palästinensischer Herkunft als Palästinenser angesehen werden sollen, wenn sie bereit sind, friedlich und loyal in Palästina zu leben“. Dies schließt alle Juden ein, die vor 1947 dort geboren wurden, sowie deren Nachkommen. Nach der Änderung der Charta im Jahr 1969, die auch neuere jüdische Einwanderer einschloss, interpretiert Kelley die Verwendung des Slogans ‘Free Palestine from the river to the sea’ seitdem als Forderung nach einem einheitlichen, demokratischen und säkularen Staat.
Nach Meinung von Elliott Colla ist es ungewiss, wann der Slogan innerhalb der palästinensischen Protestkultur entstanden sei. Er weist darauf hin, dass dieser Ausdruck in den Palästinensischen Nationalchartas von 1964 und 1968 sowie in der Hamas-Charta von 1988 nicht vorkomme. Er erwähnt auch, dass er keine Beweise für dessen Verwendung in dokumentierten Quellen aus den 1960er oder 1970er Jahren gefunden habe. Nach Auskunft von palästinensischen Aktivisten seien früheste Beispiele der Parole während der Ersten Intifada aufgekommen.
Laut Amos Goldberg und Alon Confino zeigte die amerikanische Geschichtsprofessorin Maha Nassar, dass der Slogan „From the River to the Sea“ in den 1960er Jahren während der Dekolonialisierung Afrikas und Asiens in Fatah-Kreisen populär wurde. Die Vorstellung habe damals „auf die Errichtung eines säkularen, demokratischen und egalitären Staates in ganz Palästina“ abgezielt, „in dem die Juden volle Gleichberechtigung genießen sollten, aber ohne die Privilegien des Zionismus“. Die Idee eines freien Palästinas schloss laut Nassar damals auch die Befreiung von der autoritären jordanischen und ägyptischen Herrschaft im Westjordanland und im Gazastreifen ein.
Der antiisraelische Slogan wurde Wolfgang Kraushaar zufolge bereits 1964 in Kairo bei der Gründung der PLO benutzt, „um damit die Schaffung eines eigenen, und zwar aus dieser Sicht einzig legitimierten Staates zu rechtfertigen“.Wolfgang Kraushaar: Israel: Hamas – Gaza – Palästina. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2024, ISBN 978-3-86393-177-3, S. 151.
Laut Joseph Croitoru tauchten die ersten Bezugnahmen auf ein Palästina „vom Fluss bis zum Meer“ Anfang der 1970er Jahre in palästinensischen Zeitschriften auf – jedoch eher im Kontext einer Kritik an denjenigen palästinensischen Kampforganisationen, die den als unrealistisch empfundenen Anspruch erhoben, das gesamte Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer befreien zu wollen. Wie verbreitet die Parole in jenen Jahren war, ist laut Croitoru eine offene Frage; ebenso ungewiss sei, in welchem Ausmaß sie damals auf der israelischen Seite die Rhetorik des Likud beeinflusste, der in den 1970er Jahren von der Unteilbarkeit von Eretz Israel sprach und erklärte, dass es „zwischen dem Meer und dem Jordan“ nur israelische Souveränität geben werde.
mini|Der englische Slogan 2006 auf einem Wahlplakat der Hamas in Ramallah 2017 übernahm die Terrororganisation Hamas die Parole in ihr Grundsatzpapier. Der in der Hamas-Charta von 1988 formulierte Anspruch auf das gesamte Gebiet des historischen Palästinas blieb unverändert und wurde nun mit geografischen Angaben versehen.Joseph Croitoru: Die Hamas. Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. C.H. Beck Verlag, München 2024, ISBN 978-3-406-81697-0, S. 133. Darin heißt es im Artikel 20: „Hamas lehnt jede Alternative zu einer kompletten und vollständigen Befreiung von Palästina ab, vom Fluss zum Meer.“ Die Aussage richtet sich, laut Armin Pfahl-Traughber, gegen das Existenzrecht Israels, das zugunsten eines souveränen Palästinas aufgehoben werden soll. „From the River to the Sea, Palestine will be free“ (oder die Kurzform: „From the River to the Sea“) sei bei Demonstrationen in Europa „eine häufig gerufene und gezeigte Parole“.Armin Pfahl-Traughber: Antisemitismus und Antizionismus in der ersten und zweiten Charta der Hamas. Eine Fallstudie zur Judenfeindschaft im islamistischen Diskurs. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 8. November 2023
Bedeutung Die vollständige Parole lautet „From the river to the sea, Palestine will be free“ und dient als Anspielung auf das Gebiet zwischen dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer im Westen, auf dem der Staat Israel, aber auch Palästina liegt. Die Verwendung dieses Slogans ist umstritten und Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen und sowohl politischer als auch rechtlicher Auseinandersetzungen. Interpretationen reichen von einer Forderung nach der Freiheit für Palästinenser von israelischer Besatzung über einen Aufruf zur Schaffung eines vereinten Staates für Israelis und Palästinenser bis hin zu einem Aufruf zur Vernichtung des israelischen Staates. Der Slogan wird häufig bei pro-palästinensischen Demonstrationen und auch von Organisationen wie Samidoun und der Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) Kampagne verwendet.
Der Linguist Markus Weiß analysiert die Parole „From the river to the sea, Palestine will be free“ sogar als einen indirekten antisemitischen Sprechakt. Die erste Phrase beziehe sich auf den geografischen Raum, in dem sich der Staat Israel befinde, der durch das Lexem Palestine spezifiziert werde. Durch diese Umbenennung werde die Existenz des jüdischen Staates negiert. „Die Aberkennung Israels und letztlich dessen Beseitigung wird in der zweiten Phrase noch deutlicher. Der Wunsch, Israels Existenz auszulöschen, wird mittels der im Futur formulierten Prädikativphrase will be free artikuliert und obendrein euphemistisch durch das Lexem free als Befreiung re-klassifiziert.“Markus Weiß: Impliziter Antisemitismus. Kognitionslinguistische Ansätze zur (strafrechtlichen) Einordnung indirekt und chiffriert kommunizierter Judenfeindschaft. In: Christoph Schuch (Hrsg.): Antisemitismus und Recht, Transcript Verlag, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8376-6687-8, S. 174. doi:10.14361/9783839466872
Auch im Zusammenhang mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wird der Satz teilweise als antisemitisch eingestuft. Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) propagiert die Parole die Auslöschung Israels und soll im Kontext des 7. Oktobers den Terrorangriff und die Massaker der Hamas legitimieren.Finny Anton: Antisemitismus in Deutschland. Hassparolen, verbrannte Israelflaggen, Anschläge. Tagesschau, 19. Oktober 2023 Wolfgang Kraushaar schreibt, es dürfe vermutet werden, „dass manche pro-palästinensische Demonstranten gar nicht so genau wissen, was sie eigentlich fordern […] Ob jedem und jeder, der oder die den Spruch im Munde führt, bewusst ist, dass damit auf der Landkarte die Ausradierung Israels und damit möglicherweise oder zwingend die Auslöschung des israelischen Volkes gefordert wird, ist nicht unbedingt klar. In jedem Fall könnte man sich Klarheit darüber verschaffen, und insofern auch wissen, dass die Hamas genau das fordert.“Wolfgang Kraushaar: Israel: Hamas – Gaza – Palästina. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2024, ISBN 978-3-86393-177-3, S. 150. Auch Meron Mendel beurteilt die Parole als antisemitisch, weil damit gemeint werde: „Alles ist Palästina, es gibt kein Israel.“ Ebenso sei es rassistisch, wenn nationalistische Israelis sagen: „From the river to the sea, alles ist Israel.“Meron Mendel im Interview. "Ich bestehe darauf, dass palästinensische Freunde das Wort Israel in den Mund nehmen." Hessenschau, 7. Dezember 2023
Laut dem Historiker Jeffrey Herf macht das Grundsatzpapier der Hamas von 2017 klar, dass sie ganz Israel, nicht nur Ramallah, sondern auch Tel Aviv als „besetztes“ Gebiet betrachtet. Terrorakte auf Israel stelle sie als Formen des „Widerstands“ dar, die „so lange andauern sollen, bis die Befreiung erreicht ist, bis die Rückkehr vollzogen ist und bis ein vollständig souveräner Staat mit Jerusalem als Hauptstadt errichtet ist“. Eine solche Rückkehr von Menschen, die 1948 Flüchtlinge waren, sowie deren Nachkommen könnte, so Herf, nur durch die Vertreibung der bestehenden jüdischen Bevölkerung erfolgen und würde somit das Ende Israels als jüdischer Staat bedeuten. Die Hamas stelle sich einen Staat vor, der „sich vom Jordan im Osten bis zum Mittelmeer im Westen und von Ras al-Naqura im Norden bis Umm al-Rashrāsh im Süden erstreckt“. Dieses Gebiet umfasst den gesamten heutigen Staat Israel. So sei der Ruf „From the River to the Sea“ eine Abkürzung des Absatzes 2 mit dem Titel „Das Land Palästina“ des Hamas-Grundsatzpapiers von 2017.Jeffrey Herf: Drei Gesichter des Antisemitismus: rechts, links und islamistisch. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2025, S. 333 f.
Die israelischen Historiker Amos Goldberg und Alon Confino wenden sich gegen eine generelle Verurteilung des Slogans als „antisemitisch“ oder gar als Aufruf zur Vertreibung oder Vernichtung jüdischer Israelis. Wer dies tue, müsse im Umkehrschluss israelische Forderungen nach einem Groß-Israel (vom Mittelmeer bis zum Jordan) dann allgemein als Aufruf zur Vernichtung der Palästinenser ansehen. Die Bezeichnung des Slogans als „antisemitisch“ sei „ein mächtiges Instrument in den israelischen, deutschen und anderen politischen ‚toolboxes‘, um die Existenz des palästinensischen Volkes und seine Verbindung zu Palästina zu leugnen, die Besatzung und Unterdrückung zu verfestigen und den Schrei nach Freiheit und nach Recht zum Schweigen zu bringen“.