mini|Franziskanerkirche St. Georg in Esslingen

Die evangelische Franziskanerkirche, im 19. Jahrhundert interimsweise katholische Kirche St. Georg,Die Katholiken zogen 1864 in die Dominikanerkirche St. Paul um. auch Hintere Kirche genannt, ist die ehemalige Kirche der Franziskaner in der östlichen Altstadt der Kreisstadt Esslingen am Neckar in Baden-Württemberg, von der nur noch der Chor erhalten ist. Ihre Stadtkirchengemeinde Esslingen gehört zum Kirchenbezirk Esslingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen.

Baugeschichte Spätestens 1237 ließen sich Mitglieder des Franziskanerordens in Esslingen nieder. Dies bezeugt eine Bauinschrift an einem Strebepfeiler des Chors, die dadurch wahrscheinlich den Baubeginn der Klosterkirche markiert: „Anno Domini 1237 sind wir Minderbrüder in diese Stadt eingezogen, um dauernd hier zu bleiben“. Der Dachstuhl des hoch aufragenden, vom einstigen Langhaus abgesetzten Chores ist dendrochronologisch auf die Zeit um 1276 datiert. Die ehemalige dreischiffige Basilika des Klosters wurde somit um 1275/76 vollendet und ist ein wichtiger Vertreter der Straßburger Münsterbauhütte. Die Kirche erhielt zunächst das Patrozinium St. Mariae Krönung. Der Chor bildet zusammen mit dem stark veränderten Westflügel den baulichen Überrest des einstigen Klosters, das die Franziskaner mit Unterstützung des Esslinger Adels hier ab der Mitte des 13. Jh. erbauten und das schließlich weitgehend das Geviert zwischen Franziskanergasse, Blarerplatz, Küferstraße und Kupfergasse einnahm. Schriftliche Quellen zur Errichtung der Klausurgebäude und des Kreuzganges existieren nicht. Der bis heute erhaltene Chor gilt als herausragendes Zeugnis frühgotischer Baukunst. Seine Architektur mit steilen Proportionen und hohen, schlanken, zweibahnigen Fenstern greift Bettelordenschören des 14. Jahrhunderts voraus. Sein Gliederungssystem entspricht dem Formengut der Straßburger Münsterbauhütte des letzten Viertels des 13. Jahrhunderts.

Um 1280/90 wurde zunächst die ornamentale Verglasung eingebracht, um 1320 erhielt der Chor die farbigen Glasmalereien. Im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts wurden Wandmalereien in der Kirche aufgebracht und 1909 bei Renovierungsarbeiten aufgedeckt.Katalog der Wandmalereien in den Kirchen und Kapellen Baden-Württemberg’s von der ottonischen Zeit bis zur Renaissance, von Dipl.-Ing. Klaus Klünder und Christa Regina Klünder .

1531 hielt die Reformation in Esslingen Einzug, der Konvent wurde aufgelöst und die Gebäude fielen in die Obhut der Stadt. Ab 1668 ließ sie weite Teile der Klostergebäude wegen Baufälligkeit nach und nach abreißen, das Kirchenschiff wurde 1840 abgerissen. Die belassenen Gebäude wurden im 19. Jahrhundert stark umgestaltet. Seitdem steht neben dem Langchor der ehemaligen Klosterkirche lediglich der angrenzende Westflügel der Konventsgebäude. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete man an derr Südwand des Chors eine Sakristei und setzte oberhalb der ebenfalls neu errichteten Orgelempore ein neues Glasfenster von Aloys Staudinger in die Westfassade der Kirche, das den heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen zeigt.

In den Jahren 2002 bis 2004 wurde die Kirche auf Betreiben der Esslinger Bürger einer umfangreichen Sanierung unterzogen.

Ausstattung Steinmetz- und Bildhauerarbeit Der Chor und der erhaltene Lettner als sein Abschluss zum ehemaligen und abgebrochenen Langhaus sind von qualitätvoller Steinbearbeitung geprägt. Neben dem Gewölbe und den Fenstergewänden und -maßwerken sind z. B. die Basen der Dienste oder die prachtvollen Nischen mit fein gearbeitetem Maßwerk zu nennen. Zusätzlich zeigt die spätgotische Sakramentsnische Türen mit spätgotischen Beschlägen auf der Außenseite, und auf der Innenseite – stark beschädigt – die beiden letzten an Ort und Stelle erhaltenen gotischen Tafelbilder Esslingens mit Darstellungen des hl. Franz von Assisi und Marias (nach 1404).

Glasmalerei Von der mittelalterlichen Ausstattung ist ein bedeutender Teil der Verglasung erhalten.Link zu Bilddateien siehe unter Weblinks Der typologische Bibelzyklus im dreibahnigen Chorhauptfenster zählt zu den wichtigsten, stilistisch und in der Maltechnik fortschrittlichsten Zeugnissen der Glasmalerei im deutschen Südwesten zu dieser Zeit. Die Fenster wurden mit Silbergelb bemalt, einer Farbe, die erst um 1300 in Paris aufgekommen war, um endlich auch Gelb- und vor allem Goldtöne im Brennofen erzeugen zu können. Das östliche Glasfenster, schon kurz danach zwischen 1310 und 1320 entstanden, zeigt Szenen aus dem Alten und Neuen Testament nach dem Schema der „Biblia pauperum“ und belegt mit der neuen Maltechnik, wie rasch die Esslinger Glasmaler „up to date“ waren. Die übrigen Fenster zierten ursprünglich Ornamentgläser der Zeit um 1280/90, die heute teilweise im Chor der Stadtkirche zu finden sind.Rüdiger Becksmann, Peter Berkenkopf: Von der Ordnung der Welt. Mittelalterliche Glasmalereien aus Esslinger Kirchen. Katalogbuch zur Ausstellung Von der Ordnung der Welt, in der Franziskanerkirche am Blarerplatz in Esslingen, vom 11. Mai bis 3. August 1997. Ostfildern-Ruit 1997.

Wandgemälde In großfiguriger Malerei sind auf der Nord- und Südwand je ein Wandgemälde und eine Tabernakelummalung in schlechtem Zustand erhalten. Das südliche zeigt – gemäß dem Patrozinium – die Aufnahme Mariens in den Himmel. Als Stifterfigur zeigt sich hier ein zu Füßen der Gottesmutter kniender Franziskanermönch, der durch eine Inschrift namentlich identifiziert werden kann. Er verstarb 1386 in Esslingen. Auf der Nordwand ist die Sakramentsnische mit einer Umrahmung sowie links und rechts zwei fast lebensgroßen, bärtigen Männern geschmückt, wohl biblische Gestalten, dazu zwei knieende kleinere Männer, die Stifter. Ebenfalls auf der Nordwand ist ein großes Wandgemälde in feiner Malerei mit dem Schmerzensmann dargestellt. Christus zeigt auf seine Wunde in der Seite und beugt sich zum heiligen Franziskus herab, der wiederum seine Hand auf die Schulter eines Knieenden gelegt hat. Der Heilige bittet wohl für ihn bei seinem Herrn.

Kanzel Der spätgotische hölzerne Kanzelfuß von 1510 einschließlich seines seit alters noch zugehörigen Kanzelkorbes stammt ursprünglich aus der Esslinger Frauenkirche, wo 1860 eine neue Kanzel eingebaut wurde. Die katholische Kirchengemeinde konnte in St. Georg die ganze Kanzel bis 1864 nutzen, wo sie dann auch verblieb. Im Zuge der Wiederherstellung des Chors der St.-Georg- bzw. Franziskanerkirche 1912 bekam der historische hölzerne Kanzelsockel einen neuen Kanzelkorpus aus Holz, wohl von einem ortsansäßigen Schreiner und von nicht sehr hoher handwerklicher Qualität. Der Kanzelfuß in der Grundform eines Siebenecks ist aus einem Stück mit glatten Seitenflächen und vertieften Maßwerkfeldern mit Fischblasenformen geschnitzt und im Uhrzeigersinn leicht verdreht. Unten ist in vier Felder je eine Ziffer der Jahreszahl 1510 eingeschnitten.Karl Halbauer: Predigstül - Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation. In der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 127–130.

Orgel Ab 1908 wurde unter Albert Benz die hölzerne Orgelempore im Westen der Kirche errichtet und 1912 dann die Jugendstil-Orgel durch die Firma E. F. Walcker aus Ludwigsburg eingebaut. Nach Umbauten in den 1960er Jahren war die Orgel lange Zeit nicht spielbar, bis sie 2009 durch den Hochdorfer Orgelbaumeister Christian Reichel restauriert wurde.

Gemeindehaus am Blarerplatz Auf den Grundmauern des 1840–56 abgetragenen Langhauses wurde 1930 das zentrale evangelische Gemeindehaus für Esslingen errichtet. Der prominente Stuttgarter Architekt Prof. Rudolf Lempp, ein Vertreter der konservativen „Stuttgarter Schule“, schuf mit diesem Gebäude ein gelungenes Beispiel für das „Bauen in historischer Umgebung“. Der breit gelagerte, zweigeschossige Bau mit hohem Satteldach zeigt Elemente des traditionsgebundenen Heimatschutzstils wie Putzbauweise, symmetrische Fassadengliederung durch axiale Fensteranordnung. Im Inneren griff Lempp bei der Gestaltung des Festsaals die Proportionen und die Dreischiffigkeit der ehemaligen Basilika auf. Die Bauplastik wie z. B. der Sämann an der Nordseite, eine Arbeit des Stuttgarter Bildhauers Prof. Emil Hipp, oder der hl. Georg von Eugen Schwab über dem Haupteingang, ist spätexpressionistisch. Auch die kunsthandwerklichen Arbeiten wie Fenster, Lettnerhalle, Fenstergitter oder Beleuchtungskörper zeigen Merkmale des für die 1920er Jahre charakteristischen Expressionismus. Der Nürtinger Architekt Prof. Eberhard Weinbrenner besorgte 1989 den Umbau des denkmalgeschützten Gemeindehauses.

Um das gut belegte und auch weiterhin wichtige Gemeindehaus nach 1989 erneut den künftigen Anforderungen anzupassen, wurde ab Ende der 2010er-Jahre von der Kirchengemeinde und engagierten Bürgern der Stadtgesellschaft ein Konzept für ein Haus der Evangelischen Kirche für die Stadt (Das Neue Blarer) mit eigenem Personal und Programm entwickelt. Eine großangelegte Marketing- und Spendenkampagne hatte jedoch nicht die erhoffte Resonanz gefunden. Sie reichte zwar für erste bauliche und technische Ertüchtigungen und Teilrenovierungen, nicht jedoch für die Teilfinanzierung des millionenschweren Gesamtkonzepts. Mit den dafür nötigen anteiligen Mitteln des Kirchenbezirks und der Landeskirche kann angesichts deren Finanzlage, des Zwangs zu starken Einschnitten im kirchlichen Gebäudebestand und im Sinne der Klimaneutralität langfristig nicht mehr gerechnet werden. Daher musste das Vorhaben im Sommer 2024 beendet werden.siehe unter Weblinks die Mitteilung vom 16. Juli 2024 zum Ende der Kampagne

Weblinks

Die Kirche auf der Website der Stadtkirchengemeinde Esslingen Franziskanerkirche - Kirche mit Programm: Kloster für die Stadt Datenbankeintrag der Bauforschung der Landesdenkmalpflege zum erhaltenen Westflügel der Klausurbauten Das Franziskanerkloster in der Datenbank Klöster in Baden-Württemberg des Landesarchivs Baden-Württemberg Mittelalterliche Glasgemälde im Corpus Vitrearum-Bildarchiv: Esslingen, Ehemals Franziskanerkirche Das Neue Blarer kann vorerst nicht zum Haus der Kirche entwickelt werden

Literatur Arthur Renner: Die Barfüßerkirche („Hintere Kirche“) in Esslingen. Mayer. Esslingen 1925. Hans Wentzel: Mittelalterliche Glasmalerei in Schwaben von 1200 bis 1350 (= Corpus vitrearum medii aevi Deutschland, Bd. 1.1). Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft. Berlin 1958, S. 135–148. Rüdiger Becksmann: Von der Ordnung der Welt. Mittelalterliche Glasmalerei aus Esslinger Kirchen. Hatje. Ostfildern 1997. Thomas Schild: Die Franziskaner in Esslingen. Bechtle. Esslingen 2000. Joachim J. Halbekann: Esslingen. Franziskaner. In: Wolfgang Zimmermann, Nicole Priesching (Hrsg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Thorbecke. Ostfildern 2003, S. 235 f. Kirsten Fast (Hrsg.): Zwischen Himmel und Erde. Klöster und Pfleghöfe in Esslingen. Imhof. Petersberg 2009.

Einzelnachweise

Georg Kategorie:Kulturdenkmal in Esslingen am Neckar Kategorie:Gotisches Bauwerk im Landkreis Esslingen Esslingen, Georg Esslingen, Georg Esslingen Esslingen, Georg Kategorie:Bettelordenskirche Kategorie:Erbaut im 13. Jahrhundert