Xu Tiantian (chinesisch 徐甜甜, Pinyin Xú Tiántián; * 1975 in Fujian, China) ist eine chinesische Architektin, Professorin an der Tsinghua-Universität und Gründerin des Pekinger Architekturbüros DnA_Design and Architecture. International bekannt wurde sie mit Projekten zur Revitalisierung ländlicher Räume, deren Ansatz sie als „architektonische Akupunktur“ bezeichnet. Mit kleinmaßstäblichen Projekten in der chinesischen Provinz erlangte sie auch die Aufmerksamkeit der Union Internationale des Architectes (UIA). 2025 erhielt sie den Wolf-Preis in der Kategorie Kunst für Architektur.
Leben
Herkunft und Ausbildung Xu wuchs im historischen Viertel Luomutian in Putian auf und führte ihr räumliches Denken später auf dessen Höfe, Gassen und Wasserläufe zurück. 1992 begann sie ihr Architekturstudium an der Tsinghua-Universität in Peking, das sie 1997 mit dem Bachelor abschloss. Im Jahr 2000 erwarb sie an der Harvard Graduate School of Design in Boston einen Masterabschluss in Architektur und Städtebau.
Nach dem Studium arbeitete Xu zunächst im Architekturbüro ihrer Bostoner Professoren und anschließend beim Office for Metropolitan Architecture (OMA) in Rotterdam, bevor sie nach China zurückkehrte. Nach ihrer Rückkehr arbeitete sie zunächst mit Ai Weiwei am Jinhua Architecture Park zusammen.
Gründung von DnA und akademische Tätigkeit 2004 gründete Xu das Architekturbüro DnA_Design and Architecture. Das Kunstmuseum im Pekinger Künstlerdorf Songzhuang war der erste realisierte Bau des Büros. Mit ihrem Team realisierte sie in der Folge Museen, Kulturzentren, Sportanlagen, Fabrikanlagen, Theater und Wohngebäude.
Xu lehrt als Professorin an der Tsinghua-Universität und war Gastprofessorin an der Yale University sowie an der Accademia di architettura in Mendrisio. 2020 wurde sie International Honorary Fellow des American Institute of Architects und 2024 Mitglied der Berliner Akademie der Künste.
Wirken
Frühe Projekte in Peking Neben dem als erstem Bau des Büros realisierten Kunstmuseum gehörte die Songzhuang Artist Residence, ein Neubaugebiet im Künstlerdorf Songzhuang mit Kulturzentrum, Galerie und Künstlerateliers, zu Xus ersten größeren Projekten. Auf einem ehemaligen Lagerplatz schuf sie 20 Künstlerwohnungen mit Atelier-, Wohn- und Sanitärräumen, die sich über ein oder zwei Stockwerke erstrecken. Durch den Einsatz von Containerformen griff sie formal die Geschichte des Ortes auf. Die einzelnen Gebäude wurden versetzt angeordnet und zu einem farblich kontrastreichen Ensemble zusammengefügt.
Architektonische Akupunktur und ländliche Revitalisierung Seit 2014 verlagerte Xu den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf öffentliche Bauten in ländlichen Regionen, insbesondere im Kreis Songyang in der Provinz Zhejiang, wo ihr Büro mehr als 20 Projekte realisierte. Für diese Arbeit entwickelte sie eine Methode, die sie „architektonische Akupunktur“ nennt. Sie besteht aus kleinen, gezielten Eingriffen, deren Standort, Funktion, Material und Bauweise aus den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen des jeweiligen Dorfes hervorgehen, anstatt einem wiederkehrenden persönlichen Stil zu folgen. Xu möchte mit den Eingriffen Dorfgemeinschaften dauerhaft beleben und neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven eröffnen. Am Anfang eines Projekts untersucht sie, was an einem Dorf einzigartig und erhaltenswert ist, und entwickelt daraus neue bauliche Elemente, die auf den vorhandenen Ort reagieren.
In Songyang entstanden unter anderem Werkstätten für Tofu, Rohzucker, Kamelienöl und Reiswein, ein Bambustheater, Gemeinschaftszentren, Museen und Brücken. Ihr Ansatz wurde 2019 von UN-Habitat als beispielhafte Praxis für die Beziehungen zwischen städtischen und ländlichen Räumen aufgenommen.
Ausgewählte ländliche Projekte Eines der Projekte ist das Songyang Damushan Teahouse. Das ebenerdige Betongebäude liegt inmitten von Teeplantagen und grenzt auf einer Seite an ein Wasserreservoir. Sämtliche Räume besitzen eine breite Fensterfront zum Wasser. Große Fenster zur gegenüberliegenden Seite geben zugleich den Blick auf die Teeplantagen und die umgebende Landschaft frei. Das Gebäude beherbergt ein Büro, Räume für den Teeverkauf und Teezeremonien, Sanitärräume, ein Kinderzimmer und einen Meditationsraum.
Auch die Brown Sugar Factory wurde im Kreis Songyang errichtet. Die Dörfer Xing und Zhangxi waren bereits zuvor für ihre Zuckerproduktion bekannt. Der Gebäudekomplex besteht aus vier Teilen: einem Lager für das Zuckerrohr, der eigentlichen Produktionsanlage, einem Raum für öffentliche Veranstaltungen und einem Treffpunkt für die Dorfbevölkerung. Die Anlage wurde als leichte Stahlkonstruktion mit Glasfronten ausgeführt. Dadurch kann der Produktionsprozess von außen beobachtet werden.
Die 2018 eröffnete Tofumanufaktur in Caizhai ermöglichte einer Dorfkooperative höhere Verkaufspreise. Rund 30 jüngere Einwohner kehrten zur Arbeit in der Produktion zurück, während die Zahl der Besucher auf das Zwanzigfache stieg.
Bei der Umnutzung ehemaliger Steinbrüche in Huangyan ergänzte DnA die vorhandenen Felsräume durch zurückhaltend gestaltete Stege, Plattformen und kulturelle Nutzungen. Historische Spuren, die Landschaft und die bestehenden Ökosysteme sollten dabei erhalten bleiben.
Ausstellungen und öffentliche Auftritte Im März 2018 stellte Xu ihre Projekte in der Ausstellung Rural Moves – The Songyang Story im Aedes Architekturforum in Berlin vor. Die Ausstellung wurde anschließend auch in Venedig und Wien gezeigt. Zur Ausstellung erschien ein Katalog; kurze Zeit später folgte ein Buch, das die zukunftsweisenden Positionen und Ergebnisse der jüngeren chinesischen Architektur den singulären Monumentalbauten etablierter internationaler Architekturbüros gegenüberstellt. Im selben Jahr war DnA auf der Architekturbiennale Venedig vertreten.
Im Juli 2023 war Xu als Sprecherin zum World Congress of Architects der Union Internationale des Architectes in Kopenhagen eingeladen. Gemeinsam mit Anna Heringer, Reinier de Graaf, Jeanne Gang und Martha Thorne widmete sie sich dort unter dem Titel „Mending“ dem kreativen Reparieren durch klimafreundliches Bauen und Gestalten. Ebenfalls 2023 wurde sie zum Asia Pacific Architecture Festival eingeladen.
Auszeichnungen und Ehrungen 2006 und 2008: WA Award for Chinese Architecture der Zeitschrift World Architecture 2008: Young Architects Award der Architectural League of New York 2009: Design Vanguard Award von Architectural Record 2016: Goldmedaille beim 14. International Prize for Sustainable Architecture 2019: Moira Gemmill Prize for Emerging Architecture im Rahmen der Women in Architecture Awards 2020: Ernennung zum International Honorary Fellow des American Institute of Architects 2022: Swiss Architectural Award für die Renovierung der Shimen-Brücke über den Songyin, die Tofufabrik in Caizhai und die Umnutzung der Steinbrüche von Jinyun zu einem Kulturzentrum 2023: Kunstpreis Berlin der Sektion Baukunst der Akademie der Künste 2023: Marcus Prize 2023: Holcim Awards Gold for Asia Pacific für die adaptive Weiternutzung der Fujian-Tulou 2023: Global Award for Sustainable Architecture 2024: Aufnahme als Mitglied in die Berliner Akademie der Künste 2025: Wolf-Preis in der Kategorie Kunst für Architektur; ausgezeichnet wurde insbesondere die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Wirkung ihrer Architektur auf chinesische Dörfer 2026: Le Prix Charlotte Perriand
Projekte (Auswahl) Die Projekte sind in der Reihenfolge ihrer Fertigstellung aufgeführt:
2009: Songzhuang Artist Residence, neue Siedlung im Künstlerdorf Songzhuang, Peking 2015: Bamboo Theatre, Songyang 2015: Songyang Damushan Teahouse, Songyang 2016: Brown Sugar Factory, Zuckerfabrik im Dorf Zhangxi, Songyang 2017: Baitasi Hutong Gallery, Peking 2017: Shimen-Brücke über den Fluss Songyin, Renovierung, Verbreiterung und Überdachung 2018: Pine Park Pavilion, Songyang 2018: Water Conservancy Center, Museum für Wasserwirtschaft, Songyang 2018: Tofufabrik in Caizhai 2019: Huiming Tea Workshop, Kreis Jingning 2019: Reisweinfabrik, Songyang 2022: Jinyun Quarries, Umnutzung ehemaliger Steinbrüche mit Kulturzentrum, Bibliothek und Theater in Jinyun, Zhejiang
Veröffentlichungen
Literatur
Weblinks Internetauftritt von DnA Vladimir Belogolovsky: „Architecture Should be Able to Connect the Past and the Future“: In Conversation with Xu Tiantian The Guardian: China’s rural revolution: the architects rescuing its villages from oblivion
Can Architecture Save China’s Rural Villages? DnA’s Xu Tiantian Thinks So Aedes Architekturforum: Rural Moves – The Songyang Story
Einzelnachweise
Kategorie:Architekt (Volksrepublik China) Kategorie:Hochschullehrer (Tsinghua-Universität) Kategorie:Mitglied der Akademie der Künste (Berlin) Kategorie:Chinese Kategorie:Geboren 1975 Kategorie:Frau