Die Geschichte der Matriarchatstheorien beginnt mit rechtshistorischen und ethnologischen Beiträgen des 18. und des 19. Jahrhunderts. Gegenstand von Matriarchatstheorien sind die Entstehung und Ausbreitung von matrilinearen, matrilokalen und matriarchalen, aber auch von patriarchalen Gesellschaften sowie deren geschichtliche und gegenwärtige Ausprägungen. Beteiligt sind Forschungsbereiche vor allem aus der Geschichtswissenschaft, Archäologie, Ethnologie und der Soziologie. Im Verlauf der Ideen- und Forschungsgeschichte wurden Vorstellungen von Matriarchaten vor dem Hintergrund unterschiedlichster Ideologien formuliert und aufgegriffen, etwa des Marxismus, des Nationalsozialismus, der Kosmiker sowie unterschiedlicher gesellschaftlicher Strömungen wie Feminismus, Lebensreformbewegung und New Age.

Bestandteil vieler Matriarchatstheorien ist die Idee, in unterschiedlichsten Kulturen habe eine Phase des Matriarchats existiert, worunter die meisten frühen Forscher auch eine Herrschaftsbeteiligung oder vorrangige gesellschaftliche Herrschaft von Frauen verstanden. Diese Phase sei dann durch ein Patriarchat, wie es aktuell nahezu global Bestand habe, abgelöst worden. Wie dieser Umbruch erfolgt sei, wird in vielen Theorien ebenfalls allgemein zu erklären versucht. Dabei wurde oft auch die Idee einer „Großen Göttin“ vertreten. Die Entwicklung und die Aufnahme von Matriarchatsideen sind Gegenstand von rezeptionsgeschichtlichen, ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen sowie wissenschaftssoziologischen Studien. Die Althistorikerin Elke Hartmann fasste diesbezüglich 2004 zusammen: Elke Hartmann: Zur Geschichte der Matriarchatsidee (= Öffentliche Vorlesungen. Heft 133). Antrittsvorlesung. Humboldt-Universität, Berlin 2004, ISBN 3-86004-178-9, S. 19 (PDF-Datei; 304 kB; 37 Seiten).

Neuere Thesen zur Möglichkeit jungsteinzeitlicher Matriarchate brachten 2022 der Kulturanthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow in die Diskussion.David Graeber und David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Henning Dedekind und Andreas Thomsen. Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, beispielhaft der Abschnitt: Wir betreten eine verbotene wissenschaftliche Zone und diskutieren die Möglichkeit jungsteinzeitlicher Matriarchate, S. 238–244; und Über die Frau, die Wissenschaftlerin, S. 261–266.

Überblick Anschließend an rechtshistorische und ethnologische Studien des 19. Jahrhunderts wird im Kontext des historischen Materialismus das „Matriarchat“ als eine allgemeine und notwendige Stufe der Gesellschaften der Ur- und Frühgeschichte angenommen.E. W. Müller: Mutterrecht. In: Dieter Quast (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Schwabe, Basel 1984, S. 261. Im zwanzigsten Jahrhundert gehörten Matriarchatstheorien zum Bestand marxistisch orientierter Kulturwissenschaften.Vergleiche etwa Franz Borkenau: Von der minoischen zur griechischen Kultur. In: Derselbe: Ende und Anfang. Stuttgart 1984 (original: Zwei Abhandlungen über griechische Mythologie. In: Psyche. April 1953). Dabei wurden auch schwärmerische Elemente mit historischen Tatsachen verbunden, um einen Gegenentwurf zur patriarchalischen Struktur westlicher Industriegesellschaften zu gewinnen. Das Patriarchat wurde weitgehend für soziale Zustände und moralische und psychologische Haltungen und Zwänge verantwortlich gemacht und das Matriarchat dabei positiv als utopischer Urzustand der Gesellschaft oder abwertend als rückschrittliche Kulturstufe gedeutet.Vergleiche Birgit Heller: Matriarchat. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Band 6. 1997, Spalte 1475: .

Die These der Existenz einer allgemeinen vorgeschichtlichen matriarchalen Kulturstufe oder zumindest eines Kults einer Großen Göttin wurde vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in der englischen Urgeschichte und Archäologie relativ häufig vertreten. Deutschsprachige Prähistoriker hatten in den 1930er Jahren die Nähe zum Nationalsozialismus gesucht. Ein herausragender Vertreter war beispielsweise Oswald Menghin, der mit seinem Buch Die Weltgeschichte der Steinzeit 1931 die Meinung vertrat, dass vor allem die neolithischen Kulturen durch ein Matriarchat geprägt gewesen wären. Als Folge übte die Ur- und Frühgeschichtsforschung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 eine dezidierte Zurückhaltung im Bereich Theoriebildung.Vergleiche etwa Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Zürich 2011, S. 142.

Während in einschlägigen Fachwissenschaften der Rückgriff auf den Matriarchatsbegriff als ungeeignet für die Erforschung historischer und gegenwärtiger sozialer Systeme und der ihnen innewohnenden Macht- und Geschlechterverhältnisse abgelehnt wird,Vergleiche etwa Elke Hartmann: Zur Geschichte der Matriarchatsidee. Antrittsvorlesung (= Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität zu Berlin. Band 133). Berlin 2004 (2. Auflage. 2006). erfolgt seit Ende der 1970er Jahre eine Aneignung durch Vertreterinnen der essentialistischen Zweige der zweiten Welle des Feminismus.

Es ist weitgehender Forschungskonsens, dass .Birgit Heller: Matriarchat. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Band 6: Kirchengeschichte bis Maximianus. Freiburg/Br. 1997, Spalte 1475. Heller umreißt den Matriarchatsbegriff dabei wie folgt: Unter anderen Begriffsbestimmungen (wie etwa einige Vertreter von Matriarchatsideen sie vorschlagen, z. B. Göttner-Abendroth) können sich natürlich andere Generalisierungen des geschichtswissenschaftlichen Forschungsstands ergeben. Vgl. auch Gerda Lerner: The Creation of Patriarchy. Oxford University Press, 1986, ISBN 978-0-19-505185-8, S. 31. Im universitären Wissenschaftsbetrieb werden zahlreiche Hypothesen und Methoden insbesondere von Klassikern der Matriarchatsforschung abgelehnt,Margaret Ehrenberg: Women in Prehistory. London British Museum Publications 1989, ISBN 0-7141-1388-3, S. ??; Bruce Trigger: A History of Archaeological Thoughts. 2. Auflage. Cambridge University Press, 2006, zitiert bei: Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Zürich 2011, S. 135 ff. wie beispielsweise eine historische Spekulation auf der alleinigen Basis der Interpretationen von Mythen. Ebenso umstritten ist die Anwendung von ethnologischen und anthropologischen Daten auf die Auswertung archäologischer Funde und vergleichende Annahmen von heute existierenden Ethnien mit prähistorischen Kulturen, ein Vorgehen des kulturellen Evolutionismus des 19. Jahrhunderts. Das Wörterbuch Geschichte vermerkt zum Stichwort Matriarchat lakonisch: Artikel Matriarchat. In: Konrad Fuchs, Heribert Raab (Hrsg.): Wörterbuch Geschichte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, S. 515.

Johann Jakob Bachofen Mit dem Basler Juristen und Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen (1815–1887) beginnt die Geschichte der Matriarchatstheorien. Bachofen gebrauchte das Wort Gynaikokratie (altgriechisch „Frauenherrschaft“), das in der Antike verbreitet war, abwechselnd mit Mutterrecht. Die Bezeichnung Matriarchat hat Bachofen in seinen Schriften nicht verwendet. (Als Erster benutzte der niederländische Rechtsethnologe George Alexander Wilken den Begriff „Matriarchat“ 1884 in seinem Buch Das Matriarchat (Das Mutterrecht) bei den alten Arabern.) Bachofens 1861 erschienenes Hauptwerk Das Mutterrecht: Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur gehörte zu den einflussreichsten Büchern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.Weitere Werke sind: Urreligion und antike Symbole (3 Bände 1926) sowie Mutterrecht und Urreligion (1927). Ähnliche Ansichten und Befunde über eine Vormachtstellung der Frau, wie sie Bachofen inspirierten, fanden sich schon in den Werken früherer Autoren,Vergleiche Jesuiten-Missionar Lafitau (1724), der Philosoph und Historiker John Millar (1771), der Historiker Emil Rückert (1846), Mme. E. A. Casaubon (1852), der Journalist und Verleger Émile de Girardin (1852) zitiert nach Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. 2011, S. 53. Elke Hartmann erwähnt auch den Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–1679), für den . doch erst Bachofen schuf mit Das Mutterrecht eine Theorie der Menschheits- und Kulturentwicklung. Zu Lebzeiten kaum beachtet und von der Wissenschaft überwiegend abgelehnt, erfolgte nach seinem Tod insbesondere in Deutschland eine breite und vielgestaltige Rezeption von Autoren unterschiedlicher Weltanschauungen, darunter Sozialismus, Nationalsozialismus, Antifaschismus, Feminismus und Antifeminismus, wie auch von Autoren verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, etwa Soziologie und Psychologie, sowie in Literatur und Kunst.Vergleiche Peter Davies: Myth, Matriarchy and Modernity: Johann Jakob Bachofen in German Culture 1860–1945. De Gruyter, Berlin u. a. 2010, ISBN 978-3-11-022708-6. Über die Frauenbewegung in den 1970er Jahren fanden seine Vorstellungen über das Mutterrecht Eingang ins Allgemeinwissen.Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. 2011, S. 53. 1967 erschien eine Auswahl von Bachofens Das Mutterrecht erstmals in englischer Übersetzung und wurde von feministischen Autorinnen in den USA rezipiert.Beispielsweise Elisabeth Gould Davis: The First Sexe. 1971; Elaine Morgan: The Descent of Woman. 1972

Bachofen war überzeugt, dass das Verständnis für die gesellschaftliche Stellung der Frau essentiell sei für das Verständnis von Kultur in jeder Epoche.Brief von Bachofen an seinen Verleger Cotta 1857, zitiert bei Peter Davies: Myth, Matriarchy und Modernity. 2011, S. 11. Und er setzte voraus: Johann Jakob Bachofen: Das Mutterrecht. 4. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt 1982, S. 28. Anhand antiker Mythen, die er intuitiv deutete, Berichten hauptsächlich klassischer römischer und griechischer Ethnografen wie Herodot sowie archäologischer Gräbersymbolik glaubte Bachofen den Ursprung aller Religion und Kultur rekonstruieren zu können. Sein Bild von der vorklassischen Antike war durch eine zentrale Stellung der Frau geprägt. Bachofen verstand den Mythos . Mythologische Überlieferungen fungieren demnach als realistische, wenn auch verzerrte Abbildungen vergangener Welten, die es nur richtig zu lesen gelte.Felix Wiedemann: Rassenmutter und Rebellin: Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S. 70. So sah er beispielsweise in der Orestie des Aischylos den Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht dargestellt.

Bachofens Ansatz ist evolutionistisch. Den Evolutionsgedanken kombinierte er mit einer traditionellen binären Geschlechtersymbolik:

Nach Elke Hartmann habe Bachofen sein Modell der Menschheitsentwicklung in vier Stufen beschrieben,Elke Hartmann: Zur Geschichte der Matriarchatsidee. Antrittsvorlesung, Humboldt-Universität Berlin 2004. während andere, wie der Literatur- und Kulturwissenschaftler Peter Davies, von einem Dreistufenmodell ausgehen.Peter Davies: Myth, Matriarchy and Modernity. New York 2011, S. 23. Fachwissenschaftliche Einigkeit besteht darin, dass für Bachofen Gynäkokratie nicht das Charakteristikum eines Kulturvolks war, sondern einer Kulturstufe und der entscheidende Schritt der Kulturentwicklung der Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht. Stufen des Entwicklungsmodells nach Bachofen sind: Hetärismus oder ungeregeltes Mutterrecht Amazonentum (Zwischenstufe) Gynaikokratie oder geordnetes Mutterrecht Vaterrecht oder Paternität.