Kumiko Inui (, Inui Kumiko, geboren 1969 in Osaka) ist eine japanische Architektin und Hochschullehrerin.
Leben mini|Christian Dior Store in Ginza mini|Louis Vuitton, Hilton Plaza, Osaka mini|Shin-Yatsushiro Monument mini|Blumenladen am Hibiya-Park mini|Präsentation im japanischen Pavillon, Biennale Venedig 2012 mini|Oben links: Architekturmodell des „Home for all“, Rikuzentakata mini|Nobeoka Station & Encross mini|Kamaishi City Schools Schon während der Grundschulzeit beschäftigte sie sich mit Technischem Zeichnen. Inspiriert durch eine von den Eltern abonnierte Wochenzeitschrift und mit dem Ziel, ein eigenes Zimmer zu bekommen, machte sie Umgestaltungsvorschläge für ihr Elternhaus. In der High-School-Zeit entdeckte sie außerdem ihre Vorliebe für Kunst, Mathematik und Physik und studierte später Architektur. Sie schloss ihr Studium an der Tōkyō Geijutsu Daigaku im Jahr 1992 ab. Als die japanische Wirtschaft in einer massiven Krise steckte und Immobilien an Wert verloren, setzte sie das Studium im Ausland fort. Im Jahr 1996 schloss sie ihr Masterstudium an der Yale School of Architecture ab. Inui setzte sich während des Aufenthalts in den USA mit dem Office for Metropolitan Architecture (OMA) und dem Konzept des zeitgenössischen Urbanismus auseinander.Nahiara Jorge Auad: Kumiko Inui 1969, un dia | una arquitecta 3, 18. Oktober 2017, abgerufen am 1. November 2023.
Nach ihrer Rückkehr nach Japan arbeitete sie ab 1996 bei Jun Aoki and Associates. Nach dem Ausscheiden im Jahr 2000 gründete sie ihr eigenes Büro in Tokio.
Kumiko Inui lehrte seit 2000 an verschiedenen Universitäten. Fünf Jahre lang war sie Assistenzprofessorin an der Tōkyō Geijutsu Daigaku. In dieser Zeit forschte sie über die zeitgenössische Architektur in Japan, ihre Beziehung zur Kultur, zum Nutzer und zur Gesellschaft. Sie hielt Vorlesungen an der Shōwa Joshi Daigaku, der University of British Columbia School of Architecture, der Waseda-Universität und der Architektur- und Designhochschule Oslo. Inzwischen ist sie Professorin an der Yokohama Graduate School of Architecture.Kumiko Inui. Japan, Sixth Edition 2017–2018, Swiss Architectural Award, abgerufen am 1. November 2023.
Werk Ihre frühen Arbeiten, hauptsächlich Fassaden von Geschäftsgebäuden, sind geprägt durch visuelle Effekte oder optische Täuschungen. Die Projekte Dior Ginza (2004), Louis Vuitton Hilton Plaza (Osaka, 2004), Louis Vuitton Taipei Building (2006) und weitere wurden mehrfach ausgezeichnet und veröffentlicht.
Diagonale Punktmuster überziehen die Gebäudehülle des Dior Ginza und verbergen die tatsächliche Größe, die innere Aufteilung und die unterschiedlichen Nutzungen des Gebäudes. Die Fassade wurde zweischalig aus 10 mm starkem Aluminium ausgeführt. Die äußeren Aluminiumplatten wurden mit einem auf regelmäßigen Quadraten beruhenden Muster aus unterschiedlich großen Löchern perforiert. Die innere Fassade erhielt ein Muster im Siebdruckverfahren. Der Zwischenraum wird beleuchtet. Das Flechtmuster der Handtasche „Lady Dior“ war Vorbild für die Art der Fassadenmusterung.
Für den Louis Vuitton Store in Osaka entwarf sie eine Ladenfassade als Nachrüstung zu einer bestehenden Vorhangfassade. Die neue Konstruktion besteht aus mehreren Schichten in einer Gesamtstärke von 60 cm. Ein Gitternetz aus Edelstahl liegt hinter der äußeren Glashaut. Dahinter wurde eine bedruckte, fast durchsichtige Folie mit aufgedruckten Streifen eingebracht. Die zwei- und dreidimensionalen Reflexionen auf dem Edelstahlgitter verstärken das Rautenmuster auf der Folie, das an das Firmenlogo von Louis Vuitton erinnert.Schichten, in: Ben Pell: Modulierte Oberflächen: Ornament und Technologie in der Gegenwartsarchitektur, Birkhäuser, Berlin, Boston, 2010, S. 100–109. ISBN 978-3-0346-0220-4
Vor dem neuen Schnellzugbahnhof Shin-Yatsushiro wünschte sich die Stadtverwaltung ein Denkmal. Der damalige Vorsitzende der Findungskommission in der Präfektur Kumamoto, Toyo Ito, missinterpretierte den Wunsch und beauftragte Kumiko Inui mit einem Pavillon als skulpturalem Monument. Der Pavillon (2004) erinnert an ein Haus mit vielen verschieden großen Öffnungen in den Wänden und den Dach. Je nach Entfernung des Objekts vom Betrachtenden wirkt es verschieden. Aus der Entfernung wirken die großen Löcher wie Fenster und die Skulptur wie ein Haus. Tritt man heran, ergibt sich eine gewisse Immaterialität.Projekte in: Peter Petschek, Siegfried Gass (Hrsg.): Schatten konstruieren: Zelte, Pergolen, Seile, Pflanzen, Birkhäuser, Berlin, Boston, 2011, S. 232–235.
Ihr erstes komplettes Gebäude interagiert mit der Stadt-Landschaft um den Standort des Hauses. Inui verwendete besondere Sorgfalt auf die Gestaltung der kleinen Räume: Wohnung I (2007) ist ein Wohngebäude nahe der Bahnstation Hirō im Stadtteil Shibuya, Tokio. Auf einer Grundfläche von 43 m² forderte der Bauherr fünf Wohneinheiten. Die Architektin entwarf einen voll verglasten Turm, bei dem der Erschließungskern von einem Stockwerk zum nächsten etwas verspringt. So entstanden individuelle, O- und U-förmige Grundrisse. Die Wohnflächen wirken wie Balkone, da der Abstand zwischen dem Kern und der Fassade nur 1,7 m beträgt. Die geschosshoch verglaste Fassade begrenzt zwar den Innenraum, die Stadt wird durch die offene Fassade aber Teil des privaten Raumes.Apartment I. Office of Kumiko Inui – Tokio 2007 in: Claudia Hildner: Future Living: Gemeinschaftliches Wohnen in Japan, Birkhäuser, Berlin, Boston, 2013, S. 70–73.
Das Haus H (2009) liegt in Takasaki. Es dient als 42 m² großes Ferienhaus und ist ein Anbau an ein traditionelles Bauernhaus. Die quadratische Grundfläche des Hauses wird durch diagonale Wände in Dreiecke geteilt. Darin liegen Bad, Wohnküche und zwei Wohnräume. Die Wände und das geneigte Dach bilden den Raumabschluss jedes Bereiches. Nach vier Seiten ausgerichtete Fenster rahmen die Blicke auf den Garten und den dahinter liegenden Wald. Sie beziehen den Außenbereich in die Raumwirkung ein.Von Holz geprägte Kultur, in: Claudia Hildner: Kleine Häuser: Zeitgenössische Japanische Wohnbauten, Birkhäuser, Berlin, Boston, 2011, S. 62–65.
Beim Blumenladen am Hibiya-Park wurde das Dach visuell eliminiert und die Grenzen des Gebäudes verunklart, um die Mehrdeutigkeit zwischen dem Äußeren und dem Inneren zu zeigen. Über Wettbewerbserfolge realisierte sie Projekten größeren Ausmaßes wie die Neugestaltung des Nobeoka-Bahnhofsbereichs (2011), die N°4 Maebashi School (2012), die Shichigahama High School (2015) oder das Miyajimaguchi Passenger Terminal (2016).
Die eigene Architektur ordnet Inui im Bereich zwischen „fortschrittlich“ und „anonym“ ein.
Little Spaces Das Ergebnis einer mit Studierenden durchgeführten Untersuchung veröffentlichte sie in Buchform ( – Little Spaces, 2014). Die Studie befasst sich mit Bottom-up-Erfahrungen der Menschen in kleinen, ohne Planung gestalteten und genutzten öffentlichen Räumen. In der japanischen Stadt verschwimmen die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich. „In Japan gibt es so etwas wie eine Piazza nicht. Wir haben dafür einen Schrein“ analysierte Inui.zitiert nach Laura Weissmüller: Absurd heiße Spiele, in: SZ, 12. Januar 2020, abgerufen am 6. November 2023. Die religiösen Stätten, die oftmals nur aus einem offenen Bereich mit einer Toranlage aus Holz bestehen, sind mehr als ein Andachtsort. Es ist ein ruhiger Treffpunkt in der hektischen Stadt. Die Erkenntnisse ihrer Recherchen verarbeitet Inui in ihren Projekten, auch in ihren städtebaulichen Entwürfen. Inui ist der Ansicht, dass die Stadt eine Ansammlung kleiner Szenarien ist: Die Erfahrungen einer Stadt setzen sich aus den Erfahrungen der Einzelnen in einer Gesellschaft zusammen. Auf der großen Bühne der Stadt gestaltet jede Figur ihre eigene Rolle.
„Home for all“, Rikuzentakata Japan präsentierte auf der Biennale Venedig 2012 den Beitrag Architecture. Possible here? Home-for-all, kuratiert von Toyo Ito, unter Beteiligung des Architekturfotografen Naoya Hatakeyama, den Architekten Sou Fujimoto sowie Akihisa Hirata und der Architektin Kumiko Inui. Er setzte sich mit den Folgen des Tsunamis von 2011 auseinander.
Mit dem Land verwurzelte Menschen gingen bei den Wiederaufbauaktionen nach der Katastrophe anders vor, als die nationale Regierung oder die lokalen Behörden. Top-down-Pläne für den Wiederaufbau betonten vor allem die „Sicherheit“. Sie ignorierten die Historie des Ortes, die Verbindung der Menschen untereinander sowie die Verbindung mit der Natur und arbeiteten stattdessen vor allem mit moderner Technik. Der Beitrag im Japanischen Pavillon untersuchte, ob Planende die Bewohner unterstützen können. Es wurde versucht, Orte für die Menschen zu schaffen, an denen sie sich treffen, reden, gemeinsam essen und trinken können. Die provisorischen, staatlichen Unterkünfte im Katastrophengebiet boten zwar ein Minimum an Privatsphäre, die Menschen waren dort aber isoliert. Deshalb sollten in den provisorischen Wohnsiedlungen Orte entstehen, an denen Menschen zusammenkommen können. Es sollten Gelder und Materialspenden von Unternehmen und Organisationen auf der ganzen Welt eingeworben werden. Zum Konzept von Home-for-All gehört, dass die Planungs- und Bauteams der Gebäude sowie jene Menschen, die darin leben, gemeinsam den Entwurfs- und Bauprozess begleiten.David Basulto: Venice Biennale 2012: Architecture. Possible here? Home-for-all / Japan Pavilion, ArchDaily, 30. August 2012, abgerufen am 1. November 2023.
Aus Trümmern entstand ein Gemeinschaftszentrum für Menschen, die nach der verheerenden Naturkatastrophe obdachlos geworden waren. Das Gebäude in der Stadt Rikuzentakata wurde von Freiwilligen errichtet. Das Traggerüst des Holzgebäudes bilden Säulen aus 19 Zedernstämmen, die dem hohen Salzgehalt des Meerwassers ausgesetzt und abgestorben waren. In das so entstandene Grundgerüst wurden die verschränkten Volumen der Räume eingehängt. Eine Wendeltreppe umrundet das Gebilde. Es entstand ein komplexes Haus auf Stelzen mit Bezügen auf horizontale als auch auf vertikale Achsen der verschiedenen Raumschichten. Überwiegend wird das auf Fundamentpunkte bezogene Raster beibehalten, teilweise wird es durchbrochen.Sergio Cidoncha: „Home for all“ for Rikuzentakata, metalocus, 11. November 2023, abgerufen am 1. November 2023.
Entwicklungsprojekt für den Bahnhof Nobeoka Kumiko Inui begreift ein Gebäude als Chance, etwas Nachhaltiges für die Gemeinschaft zu schaffen. In Nobeoka wurde gemeinsam mit den Bürgern, der Stadtverwaltung, den Verkehrsbetrieben, Fachleuten aus der Stadtplanung und anderen Stakeholdern untersucht, wie das im Niedergang befindliche Stadtzentrum wiederbelebt werden kann. Ryo Yamazaki übernahm die Aufgabe, das partizipatorische Design zu erarbeiten. Er führte Workshops mit den Bewohnern durch und entwickelte Nutzungsmodelle, jedoch ohne eine konkrete architektonische Gestaltung zu entwickeln. Inui übersetzte die Ergebnisse in einen Entwurf. Als Ergebnis wurde ein Gebäude mit verschiedenen Begegnungsmöglichkeiten vor den Bahnhof angeordnet und so ein belebtes Zentrum geschaffen. Es gibt eine Buchhandlung und eine Bibliothek, eine Kantine mit lokalen Spezialitäten, Warteräume und für die Schulkinder viel Platz zum Erledigen der Hausaufgaben sowie zum „Chillen“. Der Ort ist zu einem öffentlichen Raum für Bürgeraktivitäten geworden. Betreiber der Anlage ist eine private Firma. Jan Knüsel: Der schönste Bahnhof in Japan, asienspiegel.ch, 12. Juni 2023, abgerufen am 6. November 2023.
Inuis Architektur schafft in einer offenen Struktur aus sich verschränkenden Ebenen und Räumen, die über flache Treppen erschlossen werden und zahlreiche Einblicke von innen nach außen und von außen nach innen bieten, Bereiche mit verschiedenen Qualitäten im Übergang des Außenraumes zu den Innenräumen.Ingrid Elisabeth Mackensen: Architektur nach 2011. Räumliche Entwicklungen im Katastrophengebiet Tohoku. Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität, München, 2020, S. 205, 206.