Der Akademische Verein Gothia (vollständig: Akademischer Verein Gothia im KV zu Hannover, kurz: AV Gothia) ist eine Studentenverbindung an der Universität Hannover.Leibniz Universität Hannover: Studentische Gruppierungen Sie ist die älteste christliche Verbindung in Hannover. Der AV Gothia ist Mitglied im Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine und wurde am 10. Mai 1876 als siebzehnter Kartellverein gegründet.
Couleur Der AV Gothia ist farbenführend. Der Wahlspruch lautet Suscipere et finire!. Die Gothia ist als christliche Verbindung nichtschlagend. Sie folgt wie alle Vereine im KV den Prinzipien Religion, Wissenschaft, Freundschaft. Das Wappen zeigt diese Prinzipien verdeutlicht durch ein Kreuz in der Helmzier (Religion), im viergeteilten Wappenschild im Uhrzeigersinn von oben links nach unten links einen Handschlag (Freundschaft), Winkel, Reißschiene und Zirkel (als Zeichen für das Polytechnikum Hannover) umgeben von 17 Sternen als Zeichen für den siebzehnten Kartellverein, den Zirkel vor den Farben Grün-Weiß-Gold sowie ein Buch und eine Schriftrolle (Wissenschaft).
Geschichte Gründungsjahre Im Jahre 1831 wurde in Hannover die Höhere Gewerbeschule eröffnet. Diese wurde 1847 zum Polytechnikum umgewandelt und im Jahre 1879 zur Technischen Hochschule erhoben. Im Laufe des Wintersemesters 1875/76 schlossen sich Studenten im Katholischen Kasino Constantia bei der Basilika St. Clemens zu einem Gesangsverein zusammen, der auch studentische Kneipen feierte. Beeinflusst vom Kulturkampf und der sich hieraus ergebenden Notwendigkeit, die Kontakte in der hannoverschen katholischen Bürgerschaft zu festigen, trat am 30. April 1876 eine Versammlung zum Zwecke der Gründung eines katholischen Studentenvereins nach dem Vorbild schon bestehender Bünde in anderen Städten zusammen, den die acht Gründer „Gothia“ nannten. Die für Vereine im KV unübliche Bezeichnung „Akademischer Verein“ wurde gewählt, um in der Zeit des Kulturkampfes Schwierigkeiten bei der Zulassung zu vermeiden. Auf dem Gründungsconvent wurde mit Georg Kegel zugleich der erste Fuchs rezipiert. Die Festlegung auf die Farben „Grün-Weiß-Gold“ folgte nach vorheriger Nachfrage beim KV, ob diese Farben schon belegt seien, was verneint wurde. Die Satzungen wurden am 10. Mai 1876 genehmigt, was als Gründungstag der Gothia gilt. Im November 1876 wurde der Verein bei der Generalversammlung als siebzehnte Korporation in den KV aufgenommen.Nachrichten über katholische Kreise, in: Die sociale Frage im Lichte des Christenthums. Wochenblatt für das deutsche Volk. Amberg 1876, Nr. 16 S. 125. Beim Publikationsfest im Sommersemester 1876 sprach mit Clemens Freiherr von Schorlemer-Lieser der spätere preußische Landwirtschaftsminister. Um den Verein scharte sich in der Folge eine beachtliche Zahl von Vereinsfreunden aus der katholischen Bürgerschaft. Zum ersten Stiftungsfest im Sommersemester 1877 hielt der in Hannover wohnhafte Staatsminister a. D. und Landtagsabgeordnete Ludwig Windthorst die Festrede. Windthorst besuchte in der Folge regelmäßig die Stiftungsfeste der Korporation und blieb der Gothia zeitlebens eng verbunden.
Vom Sommersemester 1883 bis zum Beginn des Sommersemesters 1884 musste sich der Verein aus Mitgliedermangel zeitweilig in suspenso erklären.
Im Sommersemester 1888 trat der Verein erstmals bei der Fronleichnamsprozession als katholische Verbindung auf. Bei der Bestattung Ludwig Windthorsts am 14. März 1891 wurde Gothia mit der Vertretung des KV betraut und folgte dem Sarg an der Spitze der Abordnungen vieler Korporationen und führte den Vorsitz bei der anschließenden Trauerkneipe. Im Sommersemester 1895 richtete die Gothia die Generalversammlung des KV in Hannover aus, im Wintersemester 1901/02 wurden dem Verein der Vorort im KV übertragen. Der Sport nahm im Vereinsleben im Zuge der wachsenden Turnbewegung eine größere Rolle ein.Christopher Dowe: Auch Bildungsbürger: katholische Studierende und Akademiker im Kaiserreich. Göttingen 2006, S. 127.
Aufgrund stark gestiegener Mitgliederzahlen und der Gründung eines CV-Bundes an der Technischen Hochschule (AV Frisia) wurde im Wintersemester 1902/03 die erste Teilung der Gothia beschlossen, aus der als Tochterbund der AV Rheno-Guestphalia hervorging.
Akademischer Kulturkampf Dem Akademischen Kulturkampf voraus ging in Hannover im Wintersemester 1898/99 ein Antrag innerhalb der Studentenschaft, dem Alldeutschen Verband beizutreten, der angenommen wurde. Gothia beantragte daraufhin den Austritt aus diesem Verband mit der Begründung, dass dieser politische Bestrebungen verfolgte. Nach Ablehnung dieses Antrags beschwerte sich Gothia formell beim Rektor und dem Senat, die aber hiergegen nichts unternahmen.Frank Grobe: Zirkel und Zahnrad. Ingenieure im bürgerlichen Emanzipationskampf um 1900. Die Geschichte der technischen Burschenschaft. (= Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Band 17). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009, S. 366.Hermann Cardauns: Fünfzig Jahre Kartell-Verband (1863-1913): Festschrift zum goldenen Jubiläum des Verbandes der kath. Studentenvereine Deutschlands, 1913, S. 208 Die Angelegenheit geriet in Vergessenheit. Trotz der politischen Zurückhaltung war Gothia in der Folge u. a. am Aufbau der Bismarcksäule beteiligt.
Zu Beginn des Sommersemesters 1904 entbrannte der Akademische Kulturkampf in Hannover, der sich erstmals, anders als noch im Falle der KDStV Sugambria Jena, auch auf die nichtfarbentragenden KV-Verbindungen erstreckteStefan G. Seibald: Der akademische Kulturkampf in Graz: Pädagogische, soziologische und historische Hintergründe, S. 36 Link. und sich in der Folge auf das gesamte Reichsgebiet ausdehnte.L. Klein, Akademisches Leben und akademische Gemeinschaftsarbeit, in: Technische Hochschule Hannover (Hrsg.), 100 Jahre Technische Hochschule Hannover - Festschrift zur Hundertjahrfeier am 15. Juni 1931, Hannover 1931, S. 378Cardauns, Fünfzig Jahre Kartell-Verband, S. 213ff. Die nichtkonfessionellen Verbindungen beobachteten mit Argwohn die Gründung des AV Rheno-Guestphalia und der AV Frisia, es gingen Gerüchte über die Gründung weiterer konfessioneller Verbindungen um.Der Hochschulstreit 1904/05 und der Fall "Arnold" 1910/13, in: 100 Jahre Turnerschaft Tuisko! 1892–1992, Hannover 1992, S. 113
Der Ausgangspunkt zur Eskalation war ein Vorfall auf einer wissenschaftlichen Exkursion, auf der ein Professor beim Bier eine Rede hielt und sagte, dass „kulturfeindliche Elemente unter den Studenten wären, die sich von jenseits der Berge ihre Ansichten vorschreiben ließen“. Dabei war dem Professor unbekannt, dass Angehörige katholischer Korporationen an der Exkursion teilnahmen. Daraufhin legte die Gothia Beschwerde ein.Herr Heile in Aachen, in: Akademische Monatsblätter, Nr. 6, März 1906, S. 116.
Als Reaktion stellten am 24. Juni 1904 der Deputierten-Convent der Burschenschaften und der VDSt Hannover auf der Studierenden-Versammlung der Technischen Hochschule Hannover die Anträge, konfessionelle Verbindungen von der Vertretung im Ausschuss auszuschließen und diese Verbindungen vom Rektor und Senat aufzulösen und zu verbieten seien. Darüber hinaus planten sie, eine Denkschrift an sämtliche Hochschulen mit der Bitte zu übersenden, sie in der Studentenschaft zur Sprache zu bringen.Der Hochschulstreit 1904/05 und der Fall "Arnold" 1910/13, in: 100 Jahre Turnerschaft Tuisko! 1892–1992, Hannover 1992, S. 114Cardauns, Fünfzig Jahre Kartell-Verband, S. 213ff.
Aufgrund formeller Verstöße wurden die Anträge auf der Versammlung am 30. Juni 1904 erneut beraten. Der Vertreter des VDSt und spätere Reichstagsabgeordnete und Mitglied im Parlamentarischen Rat Wilhelm Heile begründete den Antrag u. a. mit Inhalten der Akademischen Monatsblätter des KV und dass die hannoverschen katholischen Korporationen sich mit dem Gedanken der akademischen Freiheit nicht vertrügen, vielmehr Vertreter des Ultramontanismus seien.Vorstöße gegen die katholischen Korporationen. Ein akademischer Kulturkampf in Sicht?, in: Akademische Monatsblätter Nr. 10, Juli 1904, S. 195ff. Die bei der ersten Versammlung nicht anwesenden Vertreter der Gothia und Rheno-Guestphalia legten vor rund 1.000 Studenten ihre Sicht dar, unterlagen jedoch bei der anschließenden Abstimmung.J. Gießler: Angriffe auf die katholischen Studentenkorporationen, in: Allgemeine Rundschau - Wochenschrift für Politik und Kultur, München 1904, S. 285.Bericht in der Kölnischen Volkszeitung Nr. 546, abgedruckt in: Akademische Monatsblätter Nr. 10, Juli 1904, S. 196. Daraufhin verließen die katholischen Korporationen den Saal. Sie erhoben Einspruch beim Rektor und Senat, wobei durch den Vertreter der Gothia angedrohnt wurde, die politischen Führer der Zentrumspartei zu benachrichtigen, sollte die Denkschrift verbreitet werden.Herr Heile in Aachen, in: Akademische Monatsblätter, Nr. 6, März 1906, S. 116.
Am 30. November 1904 wurde der Antrag der Studierenden-Versammlung nach Intervention des preußischen KultusministeriumsHerr Heile in Aachen, in: Akademische Monatsblätter, Nr. 6, März 1906, S. 116. in Person von Ministerialdirektor Friedrich AlthoffDer Hochschulstreit 1904/05 und der Fall "Arnold" 1910/13, in: 100 Jahre Turnerschaft Tuisko! 1892–1992, Hannover 1992, S. 114 zurückwiesen, da kein Grund vorliege, gegen bestehende und genehmigte Verbindungen, die sich keines Verstoßes gegen Disziplinarvorschriften schuldig gemacht hätten, mit Disziplinarstrafen vorzugehen.Sabine Lausen: Wenn Farben die Welt bedeuten - Der akademische Kulturkampf von 1903 bis 1908, in: Jan Carstensen und Gefion Apel (Hrsg.): Schlagfertig! Studentenverbindungen im Kaiserreich, Detmold 2006, S. 41ff. Dem Studierendenausschuss wurde durch den Oberpräsidenten Richard von Wentzel darüber hinaus ein Verweis erteilt.Der Hochschulstreit 1904/05 und der Fall "Arnold" 1910/13, in: 100 Jahre Turnerschaft Tuisko! 1892–1992, Hannover 1992, S. 114f. Darüber hinaus verbot Althoff dem Ausschuss, die Denkschrift an andere Studentenschaften zu versenden.
Die Zurückweisung des Antrages und der Verweis führten jedoch nicht zur Beruhigung der Lage, sondern zu einem erneuten Antrag auf Ausschluss der konfessionellen Verbindungen, wobei die hierzu nunmehr verfasste Denkschrift sämtlichen Hochschulen mit der Bitte übersandt wurde, sie in der Studentenschaft zur Sprache zu bringen. Der Akademische Kulturkampf griff hierdurch von Hannover aus auf weitere Kreise der Studentenschaft innerhalb des Reichsgebiets über.Der Angriff im Studentenausschuss der Technischen Hochschule zu Berlin-Charlottenburg, in: Akademische Monatsblätter Nr. 10, Juli 1904, S. 197.Der Kampf gegen die katholischen Studentenverbindungen, in: Akademische Monatsblätter Nr. 5, Februar 1905, S. 106–112.Cardauns, Fünfzig Jahre Kartell-Verband, S. 216ff. Der Rektor der Technischen Hochschule Hannover sah sich genötigt, den Studierenden-Ausschuss am 21. Januar 1905 aufzulösen und die Studierenden-Versammlung am 23. Januar 1905 zu verbieten. In der Folge organisierten die Studenten einen StreikMeldung in der Sächsischen Volkszeitung, Dresden, Ausgabe vom 28. Februar 1905, Nr. 49, S. 2. und am 22. Februar 1905 einen Demonstrationszug, woraufhin der Streik im Preußischen Abgeordnetenhaus thematisiert wurde.Der Hochschulstreit 1904/05 und der Fall "Arnold" 1910/13, in: 100 Jahre Turnerschaft Tuisko! 1892–1992, Hannover 1992, S. 118.
Die Kampfstimmung in der Studentschaft ebbte im Laufe des Wintersemesters 1905/06 ab.
Nach dem Akademischen Kulturkampf