Dara-i-Pioz oder auch Darai Pioz ist ein Alkaligesteinsmassiv unterhalb des gleichnamigen Gletschers in einer schwer zugänglichen Hochgebirgsregion im direkt von der Zentralregierung verwalteten Distrikt Nohijahoi tobei dschumhurij („der Republik unterstellte Gebiete“; mehr oder weniger identisch mit der historischen Region Karotegin) im nördlichen Tadschikistan. Die Moränen des gleichnamigen Gletschers sind Typlokalität für eine Vielzahl seltener, zu einem großen Teil nur hier gefundener Minerale, wodurch Dara-i-Pioz zu einem wichtigen Fundpunkt für die Spezielle Mineralogie wurde. Das Alkaligesteinsmassiv wurde nach dem hohen Gebirgspass Dara-i-Pioz benannt – ebenso wie das dort erstmals gefundene Mineral Darapiosit.

Name und geographische Lage Der Name Dara-i-Pioz () bzw. Darapioz, Dara Pioz oder Darai Pioz () bedeutet „mit Zwiebeln bewachsenes Flusstal“ oder „Zwiebelfluss“ und wurde deshalb gewählt, weil eine zwiebelartige Pflanze hier im Überfluss anzutreffen ist. Es soll sich dabei um den auch als „Stinkasant“ oder „Teufelsdreck“ bekannten Asant (Ferula assa-foetida) oder eine ähnliche Pflanze handeln. Die Pflanze entwickelt einen ziemlich starken Geruch „zwischen Zwiebel und sehr starkem Knoblauch“. Sie bildet lokal bis zu 2,5 m hohe Sträucher. Auf der Ebene von Dara-i-Pioz herrscht ferner ein eigenes Mikroklima, dem es zu verdanken ist, dass in Seehöhe noch Birken wachsen.

Gebirgspass, Alkaligesteinsmassiv, Gletscher und der daraus entspringende Fluss, die alle vier den Namen „Dara-i-Pioz“ tragen, befinden sich im so genannten „Matschinsker Gebirgsknoten“ () im Grenzgebiet von Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan, wo die Gebirgszüge des Alaigebirges, der Turkestankette, der Serafschankette und des Hissargebirges zusammentreffen. Der Gebirgsknoten selbst bekam seinen Namen vom „Mattscha“ genannten Oberlauf des Flusses Serafschan. Der einfachste Weg in die entlegene Hochgebirgsregion (vergleiche dazu die nebenstehenden Karten) führt von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe über Gharm () durch die Ebene des Surchob bis zum Kischlak Chait (). Hier verursachte das Erdbeben vom 10. Juli 1949 (Magnitude 7,4) einen Bergsturz, welcher den oberhalb des Dorfes gelegenen See Chaus-Chait traf. Durch die dadurch entstehende Mure wurde der Ort unter einer zwanzig bis dreißig Meter hohen Schicht aus Schlamm und Geröll begraben; 12.000 Bewohner fanden dabei den Tod. links|mini|hochkant=1.5|Geographischer Überblick zur Lage des Mattscha-Gebirgsknotens in Tadschikistan

mini|Blick auf den durch das Erdbeben von 1949 ausgelösten Erdrutsch von Chait und den zerstörten Berg Tschhochran mini|Geographischer Überblick zur zentralen Alaikette in Tadschikistan mit dem Gletscher Dara-i-Pioz Von Chait kann man mit geländegängigen Fahrzeugen entlang des Flusses Jarchitsch bis zur Mündung des Flusses Dara-i-Pioz gelangen. Von dort führt ein Pfad durch eine 18 km lange Schlucht bis zum Rand des Gletschers, der zu Fuß oder mit leicht beladenen Pferden oder Eseln überquert werden kann. Der Gletscher besitzt eine sehr flache, zu Beginn der 1990er Jahre etwa 8 km lange, von Geröllmassen übersäte Zunge, die erst dort steil ansteigt, wo der Hauptgletscher von zahlreichen Nebengletschern gespeist wird. Wegen seiner Abgelegenheit und schlechten Zugänglichkeit wird das Gebiet auch heute nur selten aufgesucht. Im Allgemeinen handelt es sich dann um Bergsteiger oder Geologen. In jüngerer Zeit erfolgte der Zugang per Hubschrauber. Derzeit wird vor feindlichen Akteuren in der Umgebung gewarnt. Fotos vom Gletscher Dara-i-Pioz und seinen Moränen finden sich auf der Internetseite webmineral.ru.

Geschichte In den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts war das Gebiet die letzte Zufluchtsstätte der Basmatschi, die während des Bürgerkriegs in der Ebene des Flusses Serafschan eingekesselt und hierher zurückgedrängt worden waren. Etwa in dieser Zeit wurde das Gebiet erstmals von Geologen, Teilnehmern der berühmten Deutsch-Sowjetischen Alai-Pamir-Expedition von 1928, erkundet. Als Hauptaufgabe der Nachkriegsexpedition wurde festgelegt, die Gebirge des heutigen Tadschikistan und Kirgistan so genau und umfassend als möglich topographisch und geologisch zu erforschen. Sie überquerten den Dara-i-Pioz-Pass von der Seite des Flusses Serafschan. Die ca. 10 km lange Gletscherzunge mit ihren Moränen konnte ebenso wenig wie steile Bergschluchten mit nahezu senkrechten Wänden, Steinschlag und Lawinen verhindern, dass die Geologen gleich zu Beginn, wie im Expeditionstagebuch nachzulesen ist, „Vorkommen von ungewöhnlichen und nicht näher bestimmbaren Mineralen“ fanden. Die ersten Daten zur geologischen Struktur der Region sowie zur Petrographie und Mineralogie des Massivs wurden im Verlauf der „Tadschikisch-Pamirischen Expedition“ von 1935 gewonnen. Der sowjetische Geologe Alexander Weniaminowitsch Moskwin () (1897–1974), Teilnehmer der Expedition und später Namenspatron für das Mineral Moskvinit-(Y), war damit auch der erste, der das Alkaligesteinsmassiv Dara-i-Pioz als solches erkannte.

Die seit 1928 bekannten „ungewöhnlichen Minerale“ wurden seit dem Beginn der 1960er Jahre von den tadschikischen Geologen Wjatscheslaw Djurajewitsch Dusmatow () und V. Ju. Alchasow () untersucht, wodurch es hier zum Erstfund von Stillwellit (heute Stillwellit-(Ce)) für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kam. In der Folge entstanden die wissenschaftlichen Erstbeschreibungen der Minerale Tienshanit (), Sogdianit (), Tadzhikit (, heute Tadzhikit-(Ce)), Caesium-Kupletskit (, heute Kupletskit-(Cs)), Darapiosit () und Baratovit (). Später trugen vor allem Leonid A. Pautow () und Atali A. Agachanow () vom nach A. J. Fersman benannten Mineralogischen Museum in Moskau dazu bei, die Zahl der Erstbeschreibungen aus dem Alkaligesteinsmassiv Dara-i-Pioz zu erhöhen. Von Dimitri I. Belakowski () stammt die einzige deutschsprachige Zusammenfassung zur Geologie und Mineralogie des Alkaligesteinsmassivs. Nach wie vor ist das Gebiet vor allem aufgrund seiner schwierigen Erreichbarkeit nur ungenügend erforscht.

Geologie links|mini|Geologische Prinzipskizze des Alkaligesteinsmassivs von Dara-i-Pioz

Das Alkaligesteinsmassiv Dara-i-Pioz besteht aus zwei verschiedenen, aus mehreren Phasen aufgebauten Intrusionen (vergleiche dazu die nebenstehende Prinzipskizze). Diese als „Oberes Massiv“ und „Mittleres Massiv“ bezeichneten, ringförmigen Intrusionen besitzen eine Gesamtfläche von etwa 25 km². Das Obere Massiv bildet eine kreisförmige Struktur mit einer Fläche von 16 km², das mittlere Massiv stellt hingegen einen ovalen Körper mit einer Fläche von 9,5 km² dar.

Der äußere Teil des „Oberen Massivs“ besteht aus turmalinhaltigen Graniten. Zum Zentrum des Massives hin existiert ein diskontinuierlicher Ring aus Biotit-Graniten, die stellenweise in Granosyenite und Alkaligranite übergehen, während der innere Kern aus Quarzsyeniten und Aegirin-Syeniten aufgebaut ist. Zu den Ganggesteinen gehören mineralogisch komplexe Granitpegmatite, die Turmalin enthalten, und Alkalipegmatite; erstere treten mit den Graniten und den Nebengesteinen auf, letztere mit den Graniten und Syeniten. Die Pegmatite sind wahrscheinlich metasomatischen Ursprungs und vermutlich das Ergebnis von zwei großen Metasomatose-Ereignissen, der Albitisierung und der Carbonatisierung. Die bis zu 100 m mächtigen metasomatischen Einheiten bildeten sich vorwiegend innerhalb der alkalischen Intrusionen und sind wahrscheinlich auf Störungszonen beschränkt. Die metasomatischen Gesteine weisen diffuse Kontakte mit den Granitoiden auf und werden von alkalischen Pegmatiten der Gruppe 2 im Sinne von Edward S. Grew und Kollegen durchzogen. Diese Art von Pegmatiten enthält die größte Vielfalt an seltenen, mit Seltenerdelementen (SEE), Zirkonium, Lithium, Beryllium, Bor und Barium angereicherten Mineralen.

Die Intrusion des „Mittleren Massivs“ weist am Rand einen schmalen Ring aus normalen Graniten auf, die gelegentlich in Granosyenite und peralkalische Granite (Alkaligranite) übergehen; dann folgen Alkalisyenite, unter denen Aegirin-Granat-Varietäten vorherrschen, während das Zentrum aus Granat-führendem Nephelinsyenit besteht. Alle Syenite in der Intrusion sind stellenweise albitisiert, epidotisiert und zeolithisiert. Bei den Nebengesteinen handelt es sich um terrigene Karbonatgesteine. Die Granite in den äußeren Zonen dieser Intrusionen sind etwas älter (180–190 Ma) als die Syenite (150–160 Ma).

Die oben erwähnten Metasomatite finden sich in den borreichsten Zonen der Granitoide, was auch die in ihnen auftretenden Minerale Datolith und Danburit zeigen. Wie in den Granitoiden finden sich auch in den Metasomatiten ganze Serien unterschiedlich gearteter, vorwiegend alkalischer Pegmatite mit einer Mächtigkeit von wenigen Zentimetern bis hin zu einigen Metern. Es überwiegen alkalische Quarz-Mikroklin-Aegirin-Pegmatite. Ein Teil der Pegmatite ist anscheinend mit den Granitoiden verbunden, ein anderer Teil wahrscheinlich mit alkalischen Intrusionen. In der Nähe des Gletschers traf man auf Bruchstücke typischer miaskitischer Nephelin-Aegirin-Feldspat-Pegmatite, die wahrscheinlich aus Alkaligesteinsintrusionen stammen, die im Gebiet an der Oberfläche nicht angeschnittenen sind. Eine solche Intrusion ist aus der benachbarten Tutek-Ebene, ca. 15 km vom Dara-i-Pioz-Gletscher entfernt, bekannt.

In den Schuttmassen auf dem Gletscher lassen sich fast alle Gesteine des Massivs identifizieren. Die Geröllschicht erreicht an manchen Stellen Mächtigkeiten bis zu 4 m. Die monotone Zusammensetzung der Moräne im linken Teil des Gletschers aus verwitterten Schiefern mit dunkler Farbe kontrastiert stark mit der ausgesprochen bunten Moräne am rechten Rand der Schlucht, wo alle anderen Gesteine in wild durcheinander gemischten Gesteinsbruchstücken auftreten. An den weniger steilen Hängen der Schlucht sind an einzelnen Stellen Reste der alten Moräne in Form kleiner Terrassen erhalten geblieben, die vom jetzigen Gletscher erodiert werden. Die obere Schicht dieser Moräne liegt im Mittel 50 m bis 60 m oberhalb der jetzigen Moräne. Der größte dieser Reste findet sich im Bereich des Zusammenflusses des Hauptgletschers und des Gletschers der Schlucht Lednikowy. Genau von hier stammen die Quarzbrocken mit einer der interessantesten Paragenesen von Dara-i-Pioz. Sie zeugen von früheren Perioden, in denen ein Teil der Pegmatite völlig abgetragen wurde.

Im Alkaligesteinsmassiv von Dara-i-Pioz wurden ferner Karbonatite mit hauptsächlich calcitischer Zusammensetzung nachgewiesen. Im Vergleich zu anderen Karbonatiten weisen sie geringere Gehalte an Fe, Mg, Ti, Sr, Ba, Mn, P, SEE, Zr, Nb, Ta und anderen Elementen auf, aber höhere Gehalte an Rb, Cs, Al, Si, Na und K. Die Dara-i-Pioz-Karbonatite zeichnen sich jedoch durch typische Karbonatit-Merkmale aus, wie das deutliche Überwiegen von leichten SEE gegenüber schweren SEE und hohe La/Yb- sowie Sr/Ba-Verhältnisse. Es existieren zwei Karbonatitgenerationen. Die frühen Karbonatite sind weit verbreitet und wurden sowohl in magmatischen Gesteinen (Syeniten und Granosyeniten) als auch in sedimentär-metamorphen Gesteinen des oberen Paläozoikum (Schiefer, Sandsteine, Konglomerate, Quarzite mit Linsen und Einschaltungen von Kalksteinen) nachgewiesen. Frühe Karbonatite, die sich unter magmatischen Gesteinen entwickelt haben, sitzen in einem System von kleinen und kurzen Klüften und bilden dort typischerweise linear verlängerte Körper (Gängchen, Stringer und Linsen) mit Mächtigkeiten von maximal 2,2 m. Ihre Ausdehnung variiert von wenigen bis zu mehreren zehner Metern. Die Karbonatite besitzen scharfe und lineare Kontakte mit dem Nebengestein, ohne tektonische Brekziierung. Die Kontaktzone der Gänge sowie das Nebengestein zeigen keine Spuren von thermischen Einwirkungen und Nebengesteinsalterationen.