mini|Jean-Jacques Rousseau, Porträt von Jean-Antoine Houdon 1778
Die Bekenntnisse () ist der Titel der Autobiografie von Jean-Jacques Rousseau, die zwischen 1764 und 1770 verfasst und postum zwischen 1782 und 1789 veröffentlicht wurde. Das Buch beschreibt am persönlichen Beispiel des Autors in großer Offenheit die Bandbreite der menschlichen Möglichkeiten: „Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst, sodass es sinnlos wäre, mich anders als durch meine Mannigfaltigkeit definieren zu wollen.“ So zeigte er das Spannungsfeld zwischen dem Individuum und der Gesellschaft in einem neuen Licht und leistete damit einen bedeutenden Beitrag zur Aufklärung.
Entstehungsgeschichte mini|Pierre-Alexandre DuPeyrou (1729–1794), ein reicher Bürger von Neuchâtel und Herausgeber des Gesamtwerkes von Jean-Jacques Rousseau
Rousseau war sich – wie vor allem aus seiner Korrespondenz hervorgeht – bewusst, dass er kein bürgerliches Leben geführt hatte. Sein Amsterdamer Verleger Marc-Michel Rey regte das Werk 1761 an, Rousseau lehnte aber zunächst ab; erste Umrisse zeigen sich in Briefen der nachfolgenden Jahre. Den Entschluss zu dem Buch fasste er 1764 (mit 52 Jahren), beendete die ersten sechs Bücher während seines Aufenthalts in England zwischen 1766 und 1767 und schloss den Text 1770 in drei von ihm selbst revidierten Fassungen ab (Manuskript von Paris/von Genf/von Neuchâtel). Rousseau erstellte mehrere Fassungen, um sicherzugehen, dass der Versuch, das Werk zu vernichten, vereitelt werden könne. Nur das Manuskript von Genf ist von ihm zur Veröffentlichung bestimmt worden.
Im Mai 1778 übergab er das Manuskript seinem Freund Paul Moultou und verpflichtete ihn, es erst lange nach seinem Tod und dem der anderen, in seinen Bericht verwickelten Personen zu veröffentlichen. Er und Rousseaus Freund und Nachlassverwalter Pierre-Alexandre DuPeyrou (1729–1794), den er 1762 kennen und schätzen gelernt hatte, veröffentlichten den ersten Teil des Werkes jedoch schon – um Stellen gekürzt und in Bezug auf die Personen teilweise anonymisiert – vier Jahre nach dem Tod Rousseaus im Jahre 1782 in Genf und in London, weil das Werk durch illegale Vorveröffentlichungen schon ins öffentliche Gerede gekommen war. Die erste vollständige Ausgabe in französischer Sprache erschien 1798 bei Poinçot in Paris. Der zweite Band (Bücher VII–XII) erschien sieben Jahre später (1789) ebenfalls in mehreren Ausgaben. Die erste ungekürzte Ausgabe wurde 1907 von Ernst Hardt übersetzt, die erste Übersetzung 1920 unmittelbar aus der Genfer Handschrift von Alfred Semerau. Rousseau hat zwei weitere Werke veröffentlicht, die ebenfalls autobiografische Äußerungen enthalten: 1776 Rousseau Richter von Jean-Jacques (Rousseau juge de Jean-Jacques) und 1782 Die Träumereien des einsamen Spaziergängers. (fz.:Les rêveries du promeneur solitaire).
Titel Rousseau gab dem Buch den Titel Les Confessions in Anlehnung an das gleichnamige Buch des Kirchenvaters Augustinus Confessiones/Bekenntnisse, das bis dahin als unerreichter Maßstab der Offenheit und Selbstkritik galt. Rousseau hat diesen Anspruch nicht nur eingelöst, sondern weit übertroffen. Er folgte dabei einem Leitmotiv, das er Juvenals Satiren IV. 91 entnommen hatte: Vitam impendere vero (Das Leben der Wahrheit zuliebe aufs Spiel setzen). Wir finden es 1764 im Frontispiz der Briefe aus den Bergen.
Inhalt Die Autobiografie ist chronologisch aufgebaut. Den einzelnen Lebensstationen folgend schildert Rousseau sich und seine – oft sehr sensiblen – Reaktionen auf Ereignisse, Menschen und Gegenstände und verknüpft vielfältige theoretische Überlegungen mit seinen Darstellungen. Bis heute gilt sein Buch als Vorbild für alle Autoren, die fähig sind, sich selbst kritisch zu betrachten und nichts zu unterschlagen, was ihnen in den Augen anderer schädlich sein könnte.
Rousseaus Idee war es, seine Versuche zur Selbstverwirklichung anhand der Schilderung seines Lebens beispielhaft für die Öffentlichkeit darzustellen:
Einen vergleichbaren Plan hatte Michel de Montaigne 1572 gefasst und sich in seiner Vorrede „An den Leser“ selbst in das Zentrum seines Buches gestellt: „Ich will jedoch, dass man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buches“. Er tat das aus der selbstkritischen Position eines Stoikers, Rousseau hingegen verband die Selbstkritik mit der Kritik an der Gesellschaft, wie sich in seiner Berufung auf Juvenal zeigt.
Erstes Buch (1712 – 1719) Das erste Buch schildert die Kindheits- und Jugendjahre als Sohn des nach verschiedenen Auslandsaufenthalten (darunter auch: Konstantinopel) nach Genf eingewanderten Uhrmachers Isaac Rousseau (1672 bis 1748), der dort Suzanne Bernard (1673–1712), die Tochter eines Genfer Pastors, geheiratet hatte. Die Mutter starb neun Tage nach Rousseaus Geburt. mini|Geburtshaus von Jean-Jacques Rousseau in der Altstadt von Genf Er wurde ein halbes Jahr lang von der Schwester seines Vaters aufgezogen, danach lebte er über längere Zeit hinweg in Pflegefamilien. Lesen und schreiben lernte er zufällig, gefördert vom Vater, der mit ihm Plutarch las. Eine Schule hat er nie besucht. Bemerkenswert ist die Schilderung der Prügelstrafe, die er mit acht Jahren von der 30-jährigen Schwester des Pfarrers Lambercier erhielt. Sie schreckt ihn weniger, als sie ihn sexuell erregt. Rousseau erkennt, dass seine Sexualität mit der Lust an der Unterwerfung zusammenhängt:
An diese Schilderung knüpft er differenzierte Überlegungen über die Verbindung der Sinnlichkeit mit der Unterwerfung an: „Zu Füßen einer herrschsüchtigen Geliebten zu liegen, ihren Befehlen zu gehorchen, und ihre Verzeihung zu erbitten, das waren gar süße Freuden für mich, und je mehr mir meine lebhafte Einbildungskraft das Blut erhitzte, desto mehr sah ich aus wie ein blöder Liebhaber. Man begreift, daß diese Art der Liebesübung nicht allzu schnelle Fortschritte bewirkt, und die Tugend derer, die ihr Ziel sind, nicht allzusehr gefährden kann. Ich habe also sehr selten wirklich besessen, aber dennoch nicht unterlassen, sehr häufig auf meine Art, das heißt in der Phantasie, zu genießen.“ In der Folgezeit veranlasst er (elf Jahre alt) eine etwas ältere Mitschülerin (Fräulein Goton) ihn sich „als Schullehrerin“ zu unterwerfen und zu schlagen. Nach abgebrochenen Lehrverhältnissen als Gerichtsschreiber und Graveur verlässt er mit 16 Jahren Genf ohne bestimmtes Ziel, nachdem er mehrfach nicht zur rechten Zeit durch das abendlich geschlossene Stadttor gelangt war und ihm dafür Strafe angedroht worden war.
Zweites Buch (März 1728 – Oktober 1728) mini|hochkant|Madame de Warens
Schon kurz nach Beginn seiner Wanderschaft traf er in Annecy eine mütterliche Freundin (Madame de Warens), die sich um Konvertiten zum katholischen Glauben kümmerte und mit der er Jahre später auch ein Liebesverhältnis begann. Danach wanderte er – ausgestattet mit Empfehlungsbriefen an wohlhabende Gönner – nach Turin, traf Frau Basile, und verliebte sich platonisch in sie („aber obwohl Italienerin und zu hübsch, um nicht ein wenig kokett zu sein, war sie doch zu sittsam und ich zu schüchtern, als dass sich sobald etwas weiteres entwickelt hätte“). In Turin wechselt er zum katholischen Glauben (den er 1754 wieder aufgibt, um nach Genf zurückkehren zu können) und bricht von dort zu anderen ihm empfohlenen Adressen – jetzt aus der katholischen Szene – auf. In diese Zeit fällt der Bericht über einen kleinen Diebstahl, den er einer jungen Frau in die Schuhe schieben kann und den er nachträglich analysiert und tief bedauert. Hier zeigt sich in den ersten Ansätzen der Rhythmus seines Lebens: Jean-Jacques Rousseau lebt auf Empfehlung früherer Gastgeber bei ihm zunächst fremden Menschen, übernimmt dort als Gegenleistung die unterschiedlichsten Aufgaben als Hauslehrer, Unterhalter, Musikant usw., bildet sich autodidaktisch durch diese Tätigkeiten, die vorhandenen Bibliotheken und seine angeborene Neugier weiter und erwirbt neue Fähigkeiten, die ihm bei künftigen Begegnungen mit einflussreichen Menschen nützlich sind. Wenn er notgedrungen hin und wieder kleine Schulden macht, findet sich immer jemand, der ihn auslöst. Die weiteren Berichte über diese Phase seines Lebens zeigen: Rousseau versteht – schon lange bevor er durch seine Schriften berühmt wird – mit seiner Intelligenz, seinem Charme und seinem lebhaft auftretenden Geist adelige, wohlhabende und einflussreiche Menschen zu faszinieren. Auch seine musikalische Begabung ist ihm auf diesen gesellschaftlichen Ebenen sehr nützlich. So gelangt der begabte junge Mann schon früh in die führenden Salons seiner Zeit.
Drittes Buch (Dezember 1728 – April 1730) Das Dritte Buch beginnt mit einer ausführlichen Schilderung seiner irritierten Sexualität, die darin bestand, sich im Dunkeln zu entblößen und vorbeigehenden Frauen sein Hinterteil zu zeigen:
Nach mehreren weiteren Stationen kehrt er wieder zu Madame de Warens zurück, jedoch: „Dieses Leben war allzu süß, als daß es hätte dauern können. Ich fühlte das, und die Unruhe, sein Ende herannahen zu sehen, war das einzige, was mir den Genuß beeinträchtigte.“ Diese innere Unruhe durchzieht als Leitmotiv sein ganzes weiteres Leben. Es sucht und braucht den ständigen Wechsel zwischen intellektueller Beschäftigung und planlosem Umherschweifen. So wird er zum Schriftsteller: „Daraus entspringt die ungeheure Schwierigkeit, der ich beim Schreiben begegne. Meine durchgestrichenen, hingesudelten, mit Einschaltungen versehenen und unleserlichen Manuskripte verraten die Mühe, die mich ihre Abfassung gekostet hat. Es gibt nicht eines, das ich nicht vier- oder fünfmal hätte abschreiben müssen, ehe ich es in den Druck geben konnte. Mit einer Feder in der Hand, meinem Tisch und einem Papierstoße gegenüber, habe ich niemals etwas vollbringen können, sondern nur auf Spaziergängen, inmitten der Felsen und der Wälder, oder nur nachts in meinem Bett während meiner Schlaflosigkeit: dann schreibe ich in meinem Gehirn;“ Von einer Reise nach Lyon mit dem Komponisten Herrn Le Maitre und dem Pastor Reydelet kehrt er wieder zu Madame de Warens zurück, findet sie aber nicht vor, denn sie ist nach Paris abgereist.
Viertes Buch (April 1730 – Oktober 1731) Rousseau bleibt zurück, lebt in den Tag hinein und stellt den jungen Damen nach. Ihn interessierten „Näherinnen, Kammermädchen und kleine Verkäuferinnen kaum; mein Sinn stand nach vornehmen Fräuleins. [...] Es ist eine besser gepflegte Haut, schönere Hände, anmutigerer Putz, der Hauch von Zartheit und Sauberkeit, der über der Gestalt liegt“. Es folgen kleine Reisen mit einzelnen jungen Damen in die Umgebung, aber auch nach Nyon. Schließlich bleibt er in Lausanne hängen, arbeitet als Gesangslehrer, schreibt ein kleines Menuett, gibt Musikunterricht und bewegt sich schnell wieder zwischen den jungen Damen aus den höheren Kreisen. Er reist nach Vevey und begleitet einen Hochstapler, der sich als orthodoxer Priester (Archimandrit von Jerusalem) ausgibt. Beide lassen sich auf einer längeren Reise durch die Schweiz von Pfarrern und Adeligen durchfüttern, bis das Ganze auffliegt. Gleichwohl erhält er einige Empfehlungsbriefe nach Paris, eine Stadt, von der er sich enttäuscht zeigt. Zurückgekehrt überzeugt ihn „Mama“ (Madame de Warens), eine ordentliche Arbeit als Landvermesser anzunehmen: „Nach vier oder fünf Jahren des Umherschweifens, Jahren, reich an Torheiten und Kümmernissen, begann ich nun seit meinem Scheiden aus Genf zum ersten Male, wieder, mein Brot auf ehrenhafte Weise zu verdienen.“
Fünftes Buch (Oktober 1731 – 1735)