In der Folge des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und des Beginns des Krieges in Israel und in Gaza kam es weltweit zu antisemitischen Vorfällen während des Krieges in Israel und Gaza. Im Verlauf des Krieges und als Reaktion auf die Ereignisse kam es zu zahlreichen Demonstrationen, Parolen, Boykottaufrufen, Ausschreitungen und Angriffen, die von antisemitischen oder antiisraelischen Motiven bzw. israelbezogenem Antisemitismus geprägt waren. In Deutschland wurden im Jahr 2023 etwa 5000 antisemitische Straftaten registriert, die Hälfte davon nach dem 7. Oktober; im Jahr 2024 über 6000.

Gefährdungslage Bis zum Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 gab es in dem Jahr laut Europol sechs dschihadistische Anschläge oder Anschlagsversuche in ganz Europa. Seitdem sei die Gefahr terroristischer Anschläge in Deutschland so hoch wie lange nicht mehr.Morton Freidel: Ein neuer islamistischer Terror, FAZ, 16. Dezember 2023 Das Bundeskriminalamt (BKA) rechnete laut einem internen Lagebericht vom Oktober 2023 mit einer Protestwelle gegen „jüdische Einrichtungen und Gebetshäuser“ in Deutschland und schloss auch „Gewalttaten gegen israelische Ziele“ auf deutschem Boden nicht aus. Auch in mehreren europäischen Staaten sahen Sicherheitsbehörden eine wachsende Gefahr antisemitischer Kundgebungen und gewaltsamer Vorfälle.

Nach Aussage des Präsidenten des Verfassungsschutzes Thomas Haldenwang im Juli 2024 ist das Gefahrenpotenzial für Jüdinnen und Juden in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr; man habe „in einem nicht dagewesenen Ausmaß seit Ende des Zweiten Weltkriegs Antisemitismus in Deutschland wahrzunehmen.“ Ein im Frühjahr 2025 von der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und dem American Jewish Committee präsentierter Lagebericht wies darauf hin, dass sich jüdische Studierende an deutschen Hochschulen nicht mehr sicher fühlten und zum Teil dem Campus fernblieben oder ihre Identität verbargen. Lagebericht. Laut vom deutschen Bundesinnenministerium kommunizierten Zahlen registrierte die Polizei im Jahr 2024 insgesamt 5177 vermutlich antisemitisch motivierte Straftaten (gegenüber 2641 für 2022 und 5154 im Jahr 2023), die Zahl für das vierte Quartal (671) könne aufgrund von Nachmeldungen noch steigen.

Nach Angaben der deutschen Bundesanwaltschaft wurden am 14. Dezember 2023 vier mutmaßliche Mitglieder der ausländischen terroristischen Vereinigung Hamas in Berlin und Rotterdam festgenommen. Die Festgenommenen hätten ein Waffendepot aufspüren wollen für mögliche Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Europa. Gemäß der Mitteilung der Bundesanwaltschaft handelte es sich bei den Festgenommenen um langjährige Mitglieder der Hamas, die an Auslandsoperationen der Terrormiliz teilgenommen hatten. Die Verdächtigen hätten zudem enge Verbindungen zu Führungskräften der Qassam-Brigaden. Im Februar 2025 begann am Berliner Kammergericht der Prozess gegen die vier Männer. Die Anklage warf den Männern vor, innerhalb der Hamas „wichtige Positionen mit unmittelbarer Anbindung an Führungskräfte des militärischen Flügels“ bekleidet zu haben. Ermittler sagten, die Hamas habe schon vor längerer Zeit Waffendepots für mögliche Anschläge gegen israelische, jüdische oder andere Einrichtungen in Europa angelegt.

Statistiken und Studien Der Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 war laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) der Beginn einer antisemitischen Dynamik in Deutschland. Die Anzahl der antisemitischen, antijüdischen und antiisraelischen Vorfälle in Deutschland hat sich seitdem deutlich erhöht. Sie setzten unmittelbar mit den Massakern der Hamas und nicht erst mit den Maßnahmen zur Selbstverteidigung Israels ein. Die Folgerung liege nahe, „dass die eliminatorische Gewalt gegen Jüdinnen und Juden in Israel Menschen hierzulande in besonderem Maße motivierte, sich ihrerseits antisemitisch zu äußern oder anderweitig antisemitisch zu handeln“.

RIAS registrierte in ihrem Report bis zum 9. November 2023 bundesweit 994 antisemitische Vorfälle „mit Bezug zu den Massakern der Hamas“;Bundesweit 994 Vorfälle seit Hamas-Terror :Zentralrat der Juden nennt Studie über Antisemitismus „erschreckend“, Tagesspiegel, 28. November 2023 471 antisemitische Vorfälle erfasste die RIAS 2023 an Bildungseinrichtungen, davon 301 nach dem 7. Oktober, und speziell an Hochschulen wurden 113 Fälle registriert. Im Jahr 2024 dokumentierte RIAS insgesamt 8.627 antisemitische Vorfälle in Deutschland, dies entsprach einem Anstieg um rund 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und durchschnittlich etwa 24 Vorfällen pro Tag. Erfasst wurden darunter acht Fälle extremer Gewalt, 186 Angriffe sowie 300 Bedrohungen. Mit 5.857 Fällen stellte israelbezogener Antisemitismus die häufigste Erscheinungsform dar, was einer Verdopplung gegenüber 2023 entsprach. Zudem verzeichnete RIAS 544 antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund – die höchste Zahl seit Beginn der bundesweiten Erfassung im Jahr 2020. Ein deutlicher Anstieg antisemitischer Vorfälle zeigte sich im Kontext von politischen Versammlungen: Auf 1.802 Veranstaltungen wurden explizit antisemitische Inhalte festgestellt. An Hochschulen registrierte RIAS 450 Vorfälle, was einer Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr entspricht. An Schulen wurden 284 Vorfälle dokumentiert, darunter 19 Angriffe. Eine Ende Mai 2025 im Namen der internationalen jüdischen Organisation „Diaspora Alliance“ veröffentlichte Studie über die Arbeitsweise von RIAS, basierend auf im September 2023 abgeschlossenen Recherchen, warf RIAS allerdings eine Überbetonung des „israelbezogenen Antisemitismus“ vor; unter dieser Kategorie würde oft auch legitime Kritik an Israels politischem Vorgehen erfasst. RIAS wies die Vorwürfe zurück; es gehe der Diaspora Alliance nicht um fundierte Kritik, sondern darum, die Arbeitsweise von RIAS als umstritten darzustellen und ihre Arbeitsergebnisse insgesamt abzuwerten.

Deutschlandweit registrierte das BKA Stand 31. Oktober 2023 mehr als 2.000 Straftaten mit Bezug zum Nahostkonflikt seit dem Angriff der Hamas auf Israel. Insbesondere waren dies Fälle von Volksverhetzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch sowie Körperverletzungen und sogenannte Widerstandsdelikte. Viele davon standen im Zusammenhang mit propalästinensischen Veranstaltungen in Berlin.

Für das Jahr 2023 erfasste das Bundeskriminalamt mit knapp 5.200 judenfeindlichen Straftaten einen Höchststand und fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Mehr als die Hälfte der Taten wurden nach dem 7. Oktober verübt.Lagebild Antisemitismus. Gefahrenpotenzial für Juden „drastisch gestiegen“. Zeit Online, 27. Mai 2024 Gemäß einer vorläufigen Auswertung des deutschen Bundesinnenministeriums für das Jahr 2024 im Februar ohne Nachmeldungen für die einzelnen Quartale fiel die größte Anzahl antisemitischer Straftaten in Deutschland in die Sparte „politisch motivierte Kriminalität rechts“ (1188, einschließlich 29 Gewalttaten). Weitere 941 Straftaten fielen in die Sparte „ausländische Ideologie“, darunter wieder 29 Gewalttaten. Dem linken Spektrum waren 44 Straftaten zuzuordnen, darunter vier Gewalttaten. 341 Fälle waren der Sparte „religiöse Ideologie“ zuzuordnen, 211 ließen sich nicht genau einordnen. 2024 stieg in Deutschland mit 6.236 die Zahl registrierter antisemitischer Straftaten erneut auf einen Höchststand seit Beginn der Erfassung. 48 Prozent davon wurden der „PMK -rechts-“ zugeordnet, 31 Prozent der „PMK -ausländische Ideologie-“.

Befragungen der Anti-Defamation League (ADL) in 103 von 195 Ländern ergaben 2025, dass die Zahl der Menschen mit antisemitischen Überzeugungen sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt habe. Marina Rosenberg, internationale Präsidentin der ADL in den USA, sagte, dass Antisemitismus seit dem 7. Oktober in der Bevölkerung, im Internet und in den Medien massiv zugenommen habe. Bei Al Jazeera oder dem von der Islamischen Republik Iran gesponserten Press TV sei das nicht verwunderlich, ihr Ziel sei Desinformation. „Aber auch auf ‚normalen‘ Kanälen verzeichnen wir offenen Antizionismus und die Tendenz, nur noch Israel für den Krieg verantwortlich zu machen. Juden sind angeblich schuld an allem Leid der Welt. So wird auch in der politischen Arena geredet.“Hass auf Juden: „Antisemitismus ist eine Zeitbombe“. Interview von Evelyn Finger, aus: Die Zeit, Nr. 05/2025, 29. Januar 2025.

Laut der Gruppe J7 Large Communities’ Task Force Against Antisemitism, der in Deutschland etwa der Zentralrat der Juden und in den USA die ADL angehören, hatte Deutschland im Jahr 2025 die höchste Rate an antisemitischen Straftaten innerhalb der sieben Länder mit der größten jüdischen Bevölkerung außerhalb Israels (USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und Argentinien). Dass in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern so viele Fälle dokumentiert werden konnten, hängt laut Nicholas Potter auch mit staatlich geförderten Meldestellen und einem bundesweiten Netzwerk an zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen.

Gesellschaftliche Einordnung Verschiedene antisemitische Mythen werden als Nährboden für die Übergriffe gesehen. So beobachtete der britische Historiker, Journalist und Autor Simon Sebag Montefiore, dass seit dem 7. Oktober westliche Wissenschaftler, Studenten, Künstler und Aktivisten die Morde einer terroristischen Sekte, die ein antijüdisches Völkermordprogramm verkündet, geleugnet, entschuldigt oder sogar gefeiert haben. Manches davon sei in aller Öffentlichkeit geschehen, manches hinter der Maske von Humanität und Gerechtigkeit und manches in verschlüsselter Form, am bekanntesten sei der Satz „vom Fluss bis zum Meer“, der die Tötung oder Deportation der 9 Millionen Israelis implizit gutheiße. Er stellte die Frage, wie gebildete Menschen eine solche Gefühllosigkeit rechtfertigen und eine solche Unmenschlichkeit gutheißen könnten. So sei das Narrativ der Dekolonisation hierbei gefährlich und falsch.

Auch die deutsche Klimaschutz-Aktivistin Luisa Neubauer zeigte sich in einem Interview entsetzt, wie teilweise bei Fridays for Future (FFF) jüdisches Leid negiert werde, und äußerte dabei auch ihre Enttäuschung über Greta Thunberg. Sie distanzierte sich hierbei von antisemitischen Posts auf internationalen FFF-Kanälen. Die österreichische Kulturwissenschaftlerin und Podcasterin Beatrice Frasl schlussfolgerte, dass Antisemitismus, der als „eine Verschwörungserzählung über einen als übermächtig und böse imaginierten Gegner“ daherkomme, „auch 75 Jahre nach dem Holocaust immer noch nicht verstanden“ sei, und sprach von einem kollektiven Versagen: „Wer über #metoo tweetet, dem aber nichts so recht einfallen mag, wenn Jüdinnen massenvergewaltigt werden, weil sie Jüdinnen sind, wer über Femizide schreibt, aber die Ermordung von Jüdinnen nicht so recht zu verurteilen vermag, der offenbart seinen Aktivismus als reine Performance. Als opportunistische Performance für Applaus aus der eigenen Bubble auf Social Media.“

Die Wiener Zeitung beschrieb in einer Analyse im Februar 2024 die neuen Formen von Antisemitismus an Universitäten. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bekunden vor allem auch Studierende Solidarisierungen oder Sympathien für die islamistische Terrororganisation. Freilich seien nicht alle propalästinensischen Demonstrationen an den Hochschulen antisemitisch, doch die Zahl der antisemitischen Übergriffe steige. Der Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Universität Graz betonte, dass es sowohl um antisemitische Akteure als auch um antisemitische Diskurse gehe, die weniger sichtbar als früher seien. mini|Ricarda Lang bei einer Kundgebung von Fridays for Israel in Berlin (2023)