Als Gironetz (oder Zahlungsverkehrsnetz) wird im Bankwesen ein Netzwerk verstanden, über das die Kreditinstitute den gesamten bargeldlosen Zahlungsverkehr einer Volkswirtschaft abwickeln.

Allgemeines Es heißt „Gironetz“ (aus , „Kreis, Umlauf“), weil in ihm Zahlungsvorgänge mittels Buchgeld zirkulieren. Grundlage sind Girokonten in Form von Verrechnungskonten, die jede Bankfiliale oder Zweigstelle für den netzgebundenen Zahlungsverkehr führt.Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Wirtschaft, 2014, S. 240 Durch diese Verrechnungskonten wird eine Umbuchung von Buchgeld zwischen dem Girokonto des Zahlungspflichtigen und dem Konto des Zahlungsempfängers oder umgekehrt ermöglicht.

Es handelt sich um ein Netzwerk, und zwar konkret um ein Rechnernetzwerk, da die Zahlungen über miteinander vernetzte Computer abgewickelt werden. Bargeld wird dem Gironetz durch Bareinzahlung zugeführt, durch Barauszahlung wird dem Gironetz Buchgeld entzogen. Der heutige gesamte elektronische Massenzahlungsverkehr findet über elektronische Gironetze beleglos statt und wird von Kunden über das Electronic Banking ebenfalls beleglos abgewickelt.

Geschichte Im Sparkassenwesen ergab sich früh das Erfordernis, den Zahlungsverkehr durch ein die Sparkassen verbindendes Netzwerk zu bündeln. Zu diesem Zweck wurden Girozentralen als Nachfolger der Provinzial-Hilfskassen gegründet, von denen die am 1. Januar 1832 gegründete Provinzial-Hülfskasse Westfalen in Münster die erste war. Auf einer außerordentlichen Sparkassenversammlung des deutschen Sparkassenverbandes wurde am 22. Oktober 1892 erstmals über die Errichtung einer Sparkassenzentralbank unter dem Gesichtspunkt der Liquiditätssicherung für Krisenfälle diskutiert.Hans Pohl, Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme, Band 1, 2005, S. 979 Die Wirtschaftskrise des Jahres 1907 gab einen Anstoß zur Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, um die Geldversorgung der Wirtschaft unabhängiger vom Bargeld zu gestalten.Hans Pohl, Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme, Band 1, 2005, S. 979 Seit 1910 stieg die Bedeutung der Zahlungsverkehrsfunktion für Girozentralen, da sie zur zentralen Verrechnungsstelle bei der Beschleunigung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs wurden.Hans Pohl, Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme, Band 1, 2005, S. 972 Seit Februar 1911 übernahm die Stadtsparkasse Köln die Funktion der Girozentrale in der Rheinprovinz. Am 20. Juni 1914 beschloss der Rheinisch-Westfälische Sparkassentag in Köln, die Landesbank der Rheinprovinz anstelle der Stadtsparkasse Köln als Girozentrale einzusetzen.Hans Pohl, Die rheinischen Sparkassen, 2001, S. 112 Johann Christian Eberle hatte die Vorteile eines sparkasseneigenen, geschlossenen Zahlungsverkehrsnetzes erkannt und die Gründung von Girozentralen als zentrale Verrechnungsstelle in jedem Land vorgeschlagen.Adalbert Dick, Die Verflechtung zwischen Sparkassen und Girozentralen, 1959, S. 19 Auf Eberles Initiative hin kam es am 5. Oktober 1908 zur Gründung des Giroverbandes Sächsischer Gemeinden mit 151 Mitgliedern, der eigentliche Giroverkehr begann am 2. Januar 1909 mit der ersten deutschen Girozentrale, die in Dresden das Gironetz für 143 Girokassen bildete.Hans Pohl, Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme, Band 1, 2005, S. 980 In der Folge gründeten sich weitere Giroverbände, und am 26. Oktober 1916 schlossen sich 12 Giroverbände zum „Deutschen Zentral-Giroverband“ zusammen. Ab 1923 begann der Zusammenschluss von in der gleichen Region tätigen Landesbanken mit reinen Girozentralen, was zur Schaffung der „Gemeinschaftsbanken“ führte.Melchior Palyi/Paul Quittner, Handwörterbuch des Bankwesens, 1933, S. 723 ff. Seitdem war die Landesbankfunktion mit der der Girozentrale in einem Bankinstitut vereint.

Durch die Deutsche Bankenkrise ab 1931 wurde das deutsche Währungs- und Bankensystem stark getroffen.Michael North, Kleine Geschichte des Geldes, 2009, S. 199 Auch die größte der Landesbanken, die Landesbank der Rheinprovinz, stand vor dem Zusammenbruch. Diese hatte langfristige Kommunalkredite durch kurzfristige Geldanlagen der Sparkassen refinanziert und war im Juli 1931 in eine Liquiditätskrise geraten.Hans Pohl, Die rheinischen Sparkassen, 2001, S. 137 Sie musste am 7. August 1931 ihre Zahlungen einstellen. Davon betroffen waren sowohl die Landesbank- als auch die Girozentralenfunktion. Die Koordination des Giroverkehrs der Sparkassen hatte im August 1931 eine Zweigstelle der Deutschen Girozentrale in Köln übernommen.Hans Pohl, Die rheinischen Sparkassen, 2001, S. 154

Nach dem Gironetz der Sparkassen („Spargiroverkehr“) etablierten sich nacheinander vier weitere Gironetze:Ludwig Gramlich/Roland Eller/Wolfgang Grill, Gabler Bank Lexikon: Bank, Börse, Finanzierung, 1996, S. 766

Betreiber Mitglieder Zweck Deutsche Bundesbank Landeszentralbanken, Geschäftsbanken Verrechnungsverkehr, Fernüberweisungen der Geschäftsbanken Postbank Postgiroämter Zahlungsverkehr der Deutsche Post AG Deutscher Sparkassen- und Giroverband Sparkassen, Bausparkassen und Girozentralen Zahlungsverkehr der Sparkassen, über Girozentralen abgewickelt Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband Kreditgenossenschaften und Volksbanken Zahlungsverkehr der Raiffeisenbanken und Volksbanken, heute zentralisiert über die DZ Bank Filialbanken Deutsche Bank und Commerzbank Zahlungsverkehr der Filialen dieser Großbanken

Die Gironetze der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken unterscheiden sich von den anderen Zahlungsverkehrsnetzen vor allem dadurch, dass sich in ihnen rechtlich selbständige Kreditinstitute zur gemeinsamen Abwicklung des Zahlungsverkehrs zusammengeschlossen haben.Henner Schierenbeck, Bank- und Versicherungslexikon, 1994, S. 324

Diese Netze funktionierten noch bis 1985 überwiegend auf der Grundlage von Vordrucken für einzelne Transaktionen (Überweisungsträger, Reiseschecks, Schecks, Wechsel, Zahlscheine), die stufenweise digitalisiert und schließlich als Papierform ganz abgeschafft wurden. Einzahlungsscheine in Papierform müssen heute gescannt oder durch Belegleser in die Systeme übertragen werden. Lag der Anteil der Online-Sparkassen 1973 noch bei lediglich 5 % aller Sparkassen, waren es 1978 bereits 54 %, im Jahre 1986 waren alle Institute Online erreichbar.

Die Automatisierung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs erfolgte in drei Phasen:Gerhard Weiß/Peter Georgieff, Automation im Geldverkehr, 1991 , S. 46

Phase Merkmale Jahr I Automatisierung der Belegverarbeitung 1960 II belegloser Datenträgeraustausch 1970 II elektronischer Zahlungsverkehr 1980

Diese Automatisierung hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Zahlungsverkehrsnetze. Zum wichtigsten Bindeglied für netzübergreifende Transaktionen hat sich das Zahlungsverkehrsnetz der Bundesbank entwickelt.Gerald R. Riedl, Der bankbetriebliche Zahlungsverkehr, 2002, S. 40 Es ist ein komplementäres Zahlungsverkehrsnetz neben insbesondere:Detlef Hellenkamp, Bankwirtschaft, 2018, S. 160

Der Elektronische Massenzahlungsverkehr (EMZ) ist eine von Deutschen Bundesbank 1972 ins Leben gerufene Zahlungsverkehrsplattform zur kostengünstigen Abwicklung nicht eiliger Zahlungen. Hierbei berücksichtigte die Bundesbank ihr ordnungspolitisches Ziel eines komplementären und wettbewerbsneutralen Betreibers.Eggert Winter/Katrin Alisch/Ute Arentzen, Gabler Wirtschafts-Lexikon, Band 4, 2004, S. 857 f. Der EMZ ergänzt die Zahlungsverkehrsplattformen der privatwirtschaftlichen Finanzverbünde und umfasst heute das SEPA-Clearing für die Verarbeitung auf Euro lautender nationaler und grenzüberschreitender Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen und den Scheckabwicklungsdienst für die Verarbeitung von auf Euro lautenden Scheckzahlungen zwischen im Inland ansässigen Kreditinstituten. Seit April 2003 besteht eine Anbindung an das EBA Clearing.

Das auf den weltweiten Auslandszahlungsverkehr in Fremdwährung spezialisierte Zahlungsverkehrsnetz ist das im Juli 1977 gestartete länderübergreifende SWIFT,New SWIFT network gives banks an instantaneous link worldwide, in: Banking, Juli 1977, S. 48 f. das bereits auf Online-Basis installiert wurde und auf das die Mitglieder Netzzugang haben.

Mit dem im Januar 1999 in das Eurosystem eingeführten TARGET-System (und TARGET2 im November 2007) entstand eine durch die Zentralbanken betriebene automatisierte Echtzeit-Abwicklung mit sofortiger Finalität der Transaktionen in hochliquidem und insolvenzfestem Zentralbankgeld, wodurch die gemeinsame Währung Euro zahlungsverkehrstechnisch erst ermöglicht wurde.Deutsche Bundesbank (Hrsg.), Monatsbericht März 2009, 2009, S. 58 Über TARGET können alle Kreditinstitute in den EU-Mitgliedstaaten mit allen anderen Banken direkt oder indirekt Zahlungen austauschen. Die in der Tabelle aufgelisteten Gironetze wurden sukzessive weitgehend in das von der Bundesbank betriebene Zahlungsverfahren TARGET integriert.

Neben TARGET wird von der Kreditwirtschaft in den EU-Mitgliedstaaten durch die European Banking Authority (EBA) mit „EURO1“ ein im Juni 1998 installiertes Echtzeit-Verfahren für Großbeträge mit hoher Dringlichkeit betrieben (Echtzeitüberweisung), das als Nettosystem ausgestaltet ist und durch verschiedene Vorkehrungen ebenfalls ein hohes Sicherheitsniveau wie TARGET aufweist. Es wurde im März 2023 in ISO 20022 migriert.

Netzwerkarchitektur des Zahlungsverkehrs Die Gironetze erfordern einen Netzzugang, der nur für Kreditinstitute gewährt wird. Zudem bestehen die Netze aus Netzknoten, über die lokale Zahlungen überregional weitergeleitet werden. Als Supernodes fungieren meist die Zentralbanken.Diethard B. Simmert/Hans-Helmut Kotz/Markus B. Hofer, Geld- und Wirtschaftspolitik in gesellschaftlicher Verantwortung, 2004, S. 168 Beispielsweise wird die Überweisung eines zahlungspflichtigen Kunden der Sparkasse Osnabrück von dieser an die zuständige Girozentrale NordLB Hannover als Netzknoten übertragen, welche die Überweisung entweder netzintern an den Netzknoten BayernLB München weiterleitet, die wiederum den Betrag an die Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling überträgt (weil der Zahlungsempfänger bei dieser Sparkasse ein Girokonto unterhält) oder netzübergreifend an das Postgiroamt München, das seinerseits als Netzknoten für eine bestimmte Postagentur seines Bezirks fungiert (wenn der Zahlungsempfänger dort ein Girokonto unterhält). Zwischen den Knoten werden Datenpakete übertragen, welche die Zahlungstransaktionen enthalten.

Die hoch standardisierten Transaktionen müssen neben dem Betrag und der Zahlungsart auch die Bankverbindung (IBAN) enthalten. Der heutige Zahlungsverkehr über Gironetze lässt nur zwei Zahlungsarten zu, nämlich die Überweisung (mit der Unterform Echtzeitüberweisung) und die SEPA-Lastschrift. Alle übrigen Zahlungsinstrumente (wie Electronic Cash oder Zahlungskarten) nutzen diese Arten.