mini|General André wird aus der Abgeordnetenkammer geleitet, nachdem ihn Syveton geschlagen hat. Die Fichenaffäre (Karteikartenaffäre), manchmal auch l’affaire des casseroles (Affäre der Kochtöpfe)Der Begriff wurde von dem Historiker Paul Naudon belegt. Im Slang des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bezeichnete casserole denjenigen, der kochte, um jemanden zum Reden zu bringen. Man verwendete remuer la casserole (die Pfanne rühren) auch als Synonym für denunzieren. Der Ausdruck wurde zum geflügelten Wort für Skandale um einen Politiker oder auch für die Wahlkampfküche. In der Zeit der Fichenaffäre wurde der Kochtopf für seine Feinde zum Symbol der Freimaurerei.Naudon 1987Virmaître 1894Cévènes 2008 genannt, war ein politischer Skandal, der 1904 in Frankreich während der Dritten Republik ausbrach. Sie betraf eine auf Initiative des Kriegsministers General Louis André in der französischen Armee durchgeführte politische und religiöse Karteikartenaktion, die vor dem Hintergrund der Aufarbeitung der Dreyfus-Affäre und der von der Linken gegen das Offizierskorps erhobenen Vorwürfe des Antirepublikanismus stattfand.

Kurzfassung Zwischen 1900 und 1904 erstellten die Präfekturverwaltung, die Freimaurerlogen des Grand Orient de France und andere Geheimdienstnetzwerke Karteikarten über Offiziere, die an das Kabinett von General André weitergeleitet wurden, um über Beförderungen und Auszeichnungen zu entscheiden. Diese geheimen Dokumente wurden von André den offiziellen Beurteilungen der militärischen Führung vorgezogen. Sie ermöglichten es ihm, ein System einzurichten, das die Beförderung republikanischer, freimaurerischer oder freidenkerischer Offiziere begünstigte, während die Karriere nationalistischer und katholischer Militärs behindert wurde.

Am 28. Oktober 1904 stellte der Abgeordnete Jean Guyot de Villeneuve in der Abgeordnetenkammer die Regierung zur Rede und enthüllte das von General André und dem Grand Orient eingeführte Karteikartensystem. Zur Untermauerung seiner Anschuldigungen legte er Karteikarten vor, die ihm von Jean-Baptiste Bidegain, dem stellvertretenden Generalsekretär des Grand Orient, übergeben worden waren. Der Minister bestritt, von diesen Machenschaften gewusst zu haben, aber während der Sitzung am 4. November legte Guyot de Villeneuve ein Dokument vor, das André direkt belastete. Der nationalistische Abgeordnete Gabriel Syveton ohrfeigte den Kriegsminister und löste damit ein Handgemenge im Plenarsaal aus.

Der Skandal war groß; mehrere Monate lang gab es immer neue Wendungen und Enthüllungen, während die Presse regelmäßig die fraglichen Karteikarten veröffentlichte. Trotz der Unterstützung von Jean Jaurès und dem Linksblock stürzte die Regierung Émile Combes im Januar 1905, da sie von der Affäre mitgerissen wurde. Das an seine Stelle getretene Kabinett Rouvier verurteilte die Fichierung formell, verhängte symbolische Strafen und verfolgte eine Beschwichtigungspolitik. Dennoch wurde die Karteikartenaktion nach 1905 weitergeführt, allerdings nicht mehr auf der Grundlage des Grand Orient, sondern auf der Grundlage von Informationen der Präfekturen und unterstützt durch politischen Druck. 1913 setzte Kriegsminister Alexandre Millerand dem System endgültig ein Ende.

Das System der politischen Fiches führte nicht nur zu einer gewissen moralischen Krise in den Kreisen der Dreyfusards, die sich über die Priorität zwischen der Verteidigung der Republik und dem Schutz der Gewissensfreiheit uneins waren, sondern scheint auch die militärische Führung durch die mehr als ein Jahrzehnt währende Diskriminierung bei der Beförderung von Offizieren geschwächt zu haben. Dies hatte schwer abzuschätzende Folgen für die ersten Monate des Ersten Weltkriegs.

Hintergrund mini|Die Trennung von Kirche und Staat, satirische Postkarte, die die Enthauptung der katholischen Kirche durch Émile Combes darstellt. Seit Beginn der 3. Republik befand sich die Armee in einem Spannungsfeld – viele Offiziere waren noch monarchistisch eingestellt, andere schlossen sich der Republik an – und wurde von allen Seiten der Politik misstrauisch beobachtet. Insbesondere während der Krise des 16. Mai 1877, nach dem Beginn der Dreyfus-Affäre und während der Boulanger-Krise war dies der Fall.Boniface 2018 Die nationalistische Agitation des Jahres 1899, die mit der Dreyfus-Affäre zusammenfiel, überzeugte die Linke, dass die Republik in Gefahr war: Der Versuch des Dichters Paul Déroulède, der auf die antirepublikanische Stimmung in der Armee setzte und erfolglos versuchte, die Truppen von General Roget während der Beerdigung von Félix Faure am 23. Februar 1899 in den Élysée-Palast zu bringen, ließ das Schlimmste befürchten. Die Regierung der republikanischen Verteidigung unter Pierre Waldeck-Rousseau und später das Kabinett Combes versuchten daher, das Regime durch Säuberungen der als antidreyfusardisch geltenden Institutionen, insbesondere der Armee, zu sichern.

Parallel zu den Auswirkungen der Dreyfus-Affäre setzte das Kabinett Combes, das sich auf die Freimaurerei und die Radikale Partei stützte, die Ausweisung der Kongregationen aus dem französischen Staatsgebiet durch und bereitete das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat vor, das den Höhepunkt der antiklerikalen Maßnahmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellte. Dieses Trennungsgesetz stand in engem Zusammenhang mit der Fichenaffäre: Die religiösen Überzeugungen katholischer Offiziere wurden als Beweis für eine feindliche Haltung gegenüber der Republik gewertet. Präsident Émile Loubet widersprach Combes in Bezug auf die Zweckmäßigkeit dieses Gesetzes. Schließlich deckt Guyot de Villeneuve den Fichenskandal auf, um die Trennung zu verhindern.Berstein 2006Thuillier 1988Thuillier 2004

Dossiers über das Militär waren in der 3. Republik bereits vorher angelegt worden. Die nach Léon Gambetta benannten „Gambetta-Papiere“ enthielten Daten über Offiziere, die aus freimaurerischen Quellen stammten. Aufgrund dieser Papiere wurden schon früh katholische Offiziere aus dem Militärdienst entfernt; was Präsident Mac Mahon zum Rücktritt veranlasste. Neun Jahre später, während der Boulanger-Krise, schlug Edmond Lepelletier, Altmeister der Loge Les Droits de l’HommeSiehe hierzu weiterführend den Artikel :fr:Les Droits de l'Homme (loge maçonnique) in der französischsprachigen Wikipédia., die Einrichtung von Komitees vor, die direkt von den Logen und der Société des droits de l’homme et du citoyenSiehe hierzu auch :fr:Société des droits de l'homme et du citoyen in der französischsprachigen Wikipédia. unterstützt werden sollten und deren Aufgabe darin bestünde, „verräterische Beamte und die Anwerbungs-, Bestechungs- und Einschüchterungsmanöver der Monarchisten, der Kleriker und ihrer neuen Verbündeten, der Boulangisten, anzuprangern“.Bédarida 1964

Praxis des Karteikartensystems

Berufung General Andrés zum Kriegsminister und seine Verbindungen zum Grand Orient mini|Pierre Waldeck-Rousseau – Foto Nadar Kriegsminister de Galliffet hatte bereits im Januar 1900 Kommissionen eingerichtet, die die Beförderungen beim Kriegsministerium zu Lasten der bei der Armeeführung angesiedelten „Waffenkommissionen“ koordinierten.Thuillier 2002 Nach dem Rücktritt General Galliffets im Mai 1900 berief Waldeck-Rousseau mit General André einen überzeugten Republikaner an die Spitze des Kriegsministeriums, der die Säuberung der Armee fortsetzen sollte (allerdings war André im Gegensatz zum Großteil der Regierung kein FreimaurerMorlat 2019). 1901 schaffte André die Waffenkommissionen endgültig ab, um dem Ministerium freie Hand zu lassen – eine Entscheidung, die in der Armeeführung große Widerstände hervorrief.

General André und sein Kabinett waren entschlossen, republikanische Offiziere auf Kosten von Nationalisten und Monarchisten zu befördern. Sie waren davon überzeugt, dass die militärische Führung von Reaktionären unterwandert war und misstrauten daher grundsätzlich der hierarchischen Ordnung. Nachdem er sich an die Präfekten gewandt hatte, hielt André deren Informationen für unzureichend und ihre Einschätzungen für zu stark von den örtlichen Umständen beeinflusst. Auf Drängen seines Kabinettschefs, des Generals Alexandre Percin,Percin ist auf einer Liste von sieben Generälen aufgeführt – zusammengestellt von einem als Informant fungierenden Offizier –, auf die sich die Freimaurerei verlassen kann der von 1895 bis zu seiner Berufung durch André Heeresinspekteur gewesen war,Siehe hierzu weiterführend :fr:Alexandre Percin in der französischsprachigen Wikipédia. wandte sich General André an den Grand Orient de France, um Informationen über die politischen Ansichten der Offiziere zu erhalten.

Nach dem Triumph des Linksblocks bei den Parlamentswahlen 1902 wurde General André erneut in das Kabinett von Émile Combes berufen. Am 20. Juni 1902 fasste Combes in einem Rundschreiben an die Präfekten die Maßnahmen zusammen, die er im öffentlichen Dienst ergreifen wollte:

André traf sich um die Jahreswende 1900/1901 mit Senator Frédéric Desmons, dem Vorsitzenden des Ordensrats des Grand Orient de France, der einflussreichsten Freimaurerorganisation des Landes. Dieses Treffen löste bei Desmons Begeisterung aus: Er wollte die „klerikale Reaktion“ bekämpfen und sprach sich dafür aus, dass die Logen in den Provinzen Informationen über Offiziere sammelten und diese an das Kabinett des Kriegsministers weiterleiteten. Die Logen, die in vielen Garnisonsstädten vertreten waren, konnten in der Tat als minutiöser Nachrichtendienst fungieren. Die Kontaktstellen wurden vom Generalsekretär des Grand Orient, Narcisse-Amédée Vadecard und von Hauptmann Henri MollinSiehe hierzu weiterführend :fr:Henri Mollin in der französischsprachigen Wikipédia., dem Ordonnanzoffizier Andrés, geleitet. Mollin war innerhalb des Ministeriums für das Fichensystem verantwortlich. Bemühungen von Offizieren wie Hauptmann Charles Humbert, das System einzuschränken (Humbert nahm deswegen sogar Verbindung zum neuen Vorsitzenden des Ordensrats des Grand Orient de France, Auguste Delpech auf), wurden von den Leuten um Mollin scharf abgewehrt. Die Auseinandersetzung endete mit der Entlassung Humberts aus dem Kriegskabinett.

Funktionsweise des Karteikartensystems Grand Orient mini|Camille Pelletan Auf Beschluss des Büros des Ordensrats des Grand Orient de France mussten die ehrwürdigen MeisterDer ehrwürdige Meister leitet die Arbeiten der Loge. Da die Andersonschen Konstitutionen nur zwei Grade (Lehrling und Geselle) kennen, sprechen sie vom Meister oder Logenmeister als Vorsitzendem der Partikularloge. Die Schaffung und Entwicklung des Meistergrades brachte Verwirrung und zwang den Sprachgebrauch dazu, zwischen dem Meister – Inhaber aller drei freimaurerischen Grade – und dem Logenmeister - eigentlich ehrwürdig - zu unterscheiden. Laut dem Autor Henri-Félix Marcy hat der Begriff des Ehrwürdigen einen rein französischen Ursprung, der während der Großmeisterschaft von Louis de Bourbon-Condé, Graf von Clermont, in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Siehe hierzu weiterführend :fr:Officiers de loge maçonnique in der französischsprachigen Wikipédia. jeder Loge die Anfragen beantworten, die der Generalsekretär der Obedienz an sie richtete. Diese Anfragen stammten aus Listen, die von Mollins Büro erstellt und an Vadecards Gruppe weitergeleitet wurden. Neben den Ehrwürdigen wurden auch andere Freimaurer, die politische Verantwortung trugen und als sicher galten, direkt kontaktiert.

Nur wenige Logen widersetzten sich, indem sie sich auf Artikel 19 der Konstitution des Grand Orient berufen, in dem es heißt: „(Die Brüder) verbieten sich jede Debatte über die Handlungen der zivilen Autorität und jede freimaurerische Einmischung in die Kämpfe der politischen Parteien“; es scheint, dass die Großmeister von Périgueux, Rochefort und Saint-Jean-de-Luz ihre Unterstützung verweigert haben.