Die 27ste Stadt () ist der Debüt-Roman„debut novel“ – Stephen J. Burn: In the concrete waste land. The Twenty-Seventh City. In: Stephen J. Burn: Jonathan Franzen at the end of postmodernism. Continuum, London 2008. ISBN 978-1-4411-9100-7. S. 56–67. Hier S. 56. des US-amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen. Er erschien 1988 bei Farrar, Straus and Giroux und 2003 in der deutschen Übersetzung von Heinz Müller beim Rowohlt Verlag. Kurzbeschreibung Die Inderin Susan Jammu wird überraschend neue Polizeichefin von St. Louis, was auch aufgrund von Sexismus und Rassismus Misstrauen bei den einen, aufgrund von Jammus Charisma und zupackender Art Personenkult bei den anderen hervorruft. Jammu avanciert rasch zum Dreh- und Angelpunkt nicht nur der Polizeiarbeit und eines Vorhabens, St. Louis mit St. Louis County zu vereinigen, sondern das von ihr herbei- und angeführte indisch-amerikanische Syndikat strebt auch danach, die finanzielle Kontrolle über die Stadt zu erlangen. Gegner dieser Vorhaben des Syndikats ist zeitweise ein lokaler Baumagnat, mit dem die manipulative Jammu gegen Ende der Handlung kurzzeitig ein Liebespaar bildet. Letztlich gelingen Jammus Vorhaben nur teilweise, und neben der Gattin des Baumagnaten und weiteren Personen kommt auch Jammu dabei gewaltsam ums Leben.
Inhalt Vorgeschichte „1870 war St. Louis die viertgrößte Stadt Amerikas,“ lässt Franzen das zweite Kapitel von Die 27ste Stadt beginnen und erklärt, dass die Stadtbewohner von St. Louis in den 1870er Jahren finanzielle Konflikte zwischen wohlhabender Stadt und damals agrarorientierter St. Louis County dadurch zu lösen trachteten, dass man die Stadt aus der County ausgliederte.Jonathan Franzen: Die 27ste Stadt. Roman. Deutsch von Heinz Müller. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003. ISBN 3-498-02087-0. S. 33–34. Anschließend allerdings begann die Stadt zu implodieren, weil sie nicht weiter expandieren konnte. Und die in der Stadt „alteingesessenen Fabriken nahmen Reißaus vor den Zerstörungen, die sie angerichtet hatten. Neue Fabriken ließen sich in der County nieder. In den dreißiger Jahren zogen verarmte schwarze Familien aus den ländlichen Südstaaten zu und beschleunigten die Abwanderung der Weißen in die Vororte“ und damit die Abwanderung der Finanzkraft.Franzen, Die 27ste Stadt, S. 34–35. „Das abgeschnittene und eingeschnürte St. Louis […] war 1980 auf Platz siebenundzwanzig der amerikanischen Großstädte abgerutscht“,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 35. womit der Titel des Buches Die 27ste Stadt erklärt ist. In einer Umkehrung der Verhältnisses der 1870er Jahre wacht zum Zeitpunkt der Handlung die County „eifersüchtig über ihre Pfründen. Nichts außer eine Wiedervereinigung mit der Stadt konnte sie dazu bewegen, der Stadt zu Hilfe zu kommen.“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 40.
1984 (Kapitel 1 bis 12) Die Salon-KommunistinFranzen, Die 27ste Stadt, S. 514–515. Shanti Jammu, „eine mit Indira Gandhi blutsverwandte kaschmirische Brahmanin“,„a Kashmiri Brahman with a blood link to Indira Gandhi“ – Burn, In the concrete waste land, S. 58. die von der indischen Presse der „lachende Immobilienschakal“ genannt wird,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 23. plant von langer Hand eine gewinnbringende Investition. „In jedem sozialen Organismus, selbst in einer beschaulichen Stadt des amerikanischen Mittelwestens, gebe es Ungleichheiten, die sich bis zum Umsturz steigern ließen. (Umsturz! In ihrer Naivität verwechselte sie Korruption mit Subversion.)“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 516. Zu diesem Zweck schickt Shanti Jammu nach und nach eine Gruppe Inder in die USA, darunter ihre Tochter Susan und deren Ex-Liebhaber Balwan Singh, „einen überzeugten Marxisten“,„a devoted Marxist“ – Timothy W. Galow: The Twenty-Seventh City. In: Timothy W. Galow: Understanding Jonathan Franzen. University of South Carolina Press, Columbia SC 2023. ISBN 978-1-64336-371-4. S. 19–37. Hier S. 31. den es reizt, „die Vereinigten Staaten anzugreifen.“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 517. Daneben eine weitere Schlüsselfigur: die attraktive indische Schauspielerin Asha. Asha verlobt sich mit allen heiratsfähigen bedeutenden Persönlichkeiten zwischen Boston und Seattle, und „allein der Zufall“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 430. verschlägt sie letztlich nach St. Louis: Nachdem sie Sidney Hammaker, Geschäftsführer der Hammaker-Brauerei, „des Vorzeigebetriebs der Stadt“,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 11. im Frühjahr 1984 bei Dreharbeiten kennen lernt,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 243. heiratet sie ihn am 4. August 1984. Bereits am 1. August hatte Susan Jammu, nachdem im Juni der alte Polizeichef seinen Rücktritt bekannt gab, zur allgemeinen Überraschung dessen Posten übernommen. Und am 11. August „begannen die Sichtungen“ durch indische Wohnungsinteressierten, und „alle trugen sie Zeichen verhaltenen Unmuts im Gesicht. […] Die Kinder schienen ausnahmslos gut erzogen zu sein.“ Unter Polizeichefin Jammu macht bald eine neue, vermeintlich indianische Terrorgruppe von sich reden namens „Osage-Krieger“:Franzen, Die 27ste Stadt, S. 105. Sie legen unter anderem eine Autobombe in den PKW eines örtlichen Medienchefs,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 94. geben an Halloween Schüsse auf dessen Haus ab,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 104. am Tag vor ThanksgivingFranzen, Die 27ste Stadt, S. 125. Schüsse auf den Gateway Arch,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 132. danach während eines Baseball-Spiels im Stadion eine Bombendrohung mit absichtlich nur teilweise explodierten Kordit-Bomben.Franzen, Die 27ste Stadt, S. 191–192. Einem „vereitelten Anschlag auf eine Einrichtung der Bell-Telefongesellschaft“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 261. folgt schließlich ein Raketenanschlag auf eine Fernmeldeeinrichtung.Franzen, Die 27ste Stadt, S. 286. „Jeder Vorfall unterstützt Jammus Forderungen nach einem größeren Budget, mehr Beamten und einer stärkeren Kontrolle über die Polizeibehörden in der Region“,„Each incident supports Jammu's requests for a larger budget, more officers, and greater control over police departments in the region“ – Galow, The Twenty-Seventh City, S. 26. eine gestärkte Polizei aber unterstützt außerdem Jammus Nulltoleranzstrategie in St. Louis: „Die Zahlen für das dritte Quartal weisen einen Anstieg der Verhaftungen von insgesamt 24 Prozent und, bei Gewaltverbrechen, von 38 Prozent aus“,Franzen, Die 27ste Stadt, S. 179. während dagegen beispielsweise die „Zahl von Einbrüchen in der St. Louis County […] einen historischen Höchststand erreicht.“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 339. Weil es weniger Verbrechen gibt, steigt die Attraktivität der Immobilien in St. Louis wieder: Mit dem Ehepaar Hammaker als Strohleuten („in dieser Stadt die beste Tarnung“)Franzen, Die 27ste Stadt, S. 106. pumpt der „lachende Immobilienschakal“ aus Indien „vierzehneinhalb Millionen Dollar in den Immobilienmarkt von St. Louis“ und legt „weitere fünfhundertausend für Schweigegelder“ drauf.Franzen, Die 27ste Stadt, S. 97. Die Inder verstärken den Eindruck eines wahren Immobilienrauschs noch, „indem sie nur Grundstücke kauften, die den lokalen Banken gehörten. Auf diese Weise blieb so viel Land wie möglich in den Händen schwarzer Geschäftsleute, was politisch notwendig war, während die Banken in den Glauben versetzt wurden, dass die Summe aller Investitionen die vierzehn Millionen Dollar weit überstieg. Denn wer kam schon auf die Idee, jemand könnte es darauf angelegt haben, Grundstücke ausschließlich bei Banken zu kaufen?“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 98. Polizeichef Jammu erklärt ihrem Vertrauten Singh: „Kommt sie [=die Immobilienspekulation] erst einmal in Schwung […], dann läuft sie ganz von selbst und zieht Politik und Wirtschaft mit.“Franzen, Die 27ste Stadt, S. 99. Auch die aus der County.