Die vertikale Lüderssche Mittag-Sonnenuhr (auch: Lüderssche Sonnenuhr, Lüders-Karstensche Sonnenuhr, Bützowsche Sonnenuhr, Bützower Sonnenuhr oder Sonnenuhr Bützow) ist ein Instrument zur Zeitbestimmung aus dem 18. Jahrhundert an der Stiftskirche in der Altstadt der Stadt Bützow im Landkreis Rostock in Mecklenburg. Die Sonnenuhr gilt als ein wissenschaftlich-technisches Denkmal von hohem Rang.

Lage Die etwa 140 mal 120 Zentimeter messende Vertikalsonnenuhr aus gotländischem Kalkstein ist am zweiten westlichen Chorpfeiler der Südseite in über drei Metern Höhe über dem Sockel an der ehemaligen Bülow’schen Kapelle des Bützower Doms angebracht.

Funktionsfähigkeit Nach derzeitigen Forschungsergebnissen hatte die Sonnenuhr wahrscheinlich nur eine Lebenszeit von knapp 30 Jahren. Jedenfalls fehlte Anfang des 19. Jahrhunderts bereits der Schattenstab. Er wurde möglicherweise herausgebrochen.

Geschichte mini|Originale Sonnenuhr 1926 Der Pastor Magister Thomas Christoph Luger (* 2. September 1718 in Güstrow;† 20. Juni 1771 in Bützow) begann seine akademischen Studien am 30. Oktober 1734 an der Universität Rostock, wo er den Grad eines Bakkalaureus Theologiae erlangte. Anschließend setzte er seine Studien in Jena fort. Im Jahr 1741 wurde Luger als zweiter Pfarrer nach Bützow berufen und stieg 1766 zum ersten Pfarrer und Präpositus der Bützower Stiftskirche auf. Stark geprägt von der Universität Bützow, einem damals bedeutenden Zentrum wissenschaftlicher Forschung, stiftete er im Jahr 1765 eine Vertikalsonnenuhr. Für dieses bedeutende Projekt beauftragte der Präpositus den „Candidaten“ J. C. Lüders, der sich bereits durch zahlreiche bemerkenswerte Arbeiten am herzoglichen Pädagogium einen Namen gemacht hatte. Lüders, der seine schulische Ausbildung an der ersten Realschule zu Berlin genossen hatte, erstellte aus gotländischem Kalkstein ein herausragendes Meisterwerk der Steinmetzkunst. Die Namen Lugers und Lüders sind in den Inschriftkartuschen, die sich links und rechts unten an der Steinplatte der Uhr befinden, verewigt.

Für die mathematisch-astronomischen Berechnungen wurde der damaligen Rektor der Bützower Universität, Professor für Logik, Mathematik und Physik Wenceslaus Johann Gustav Karsten berufen. Karsten, der auch die auf seinem Haus in der Pfaffenstraße 3 installierte Universitätssternwarte leitete, befasste sich schon früh mit der Gnomonik sowie der Optik. Für das Semester 1762–63 kündigte Karsten Vorlesungen zur Astronomie an, einschließlich praktischer Übungen in der Kunst. Das für die Zeit ungewöhnliche Instrument wurde am 17. September 1765 an der Stiftskirche angebracht, wobei Prof. Karsten bei der Montage auf die präzise Eichung des Instruments achtete.

Im selben Jahr erschien die erste Nachricht, in dem von Ernst Johann Friedrich Mantzel herausgegebenen zwanzigsten Teil der „Bützowschen Ruhestunden“. Im zweiten Semester 1765 druckte Mantzel im zweiundzwanzigsten Teil der Ruhestunden eine weitere Nachricht zum Sonnen-Zeiger ab.

Beschreibung der Sonnenuhr Schmuck und Inschriften Der äußere Rand der Platte weist Verzierungen in einer Breite von rund 7,5 cm auf, wobei dieser Rahmen geschwungen und nicht gleichmäßig breit ist. Es handelt sich um teils durchbrochene, auf der rechten Seite mit Draht durchflochtene Palmwedel und Blattranken. Der noch teilweise vorhandene Draht stellt eine Rosenranke dar und war mit heute verlorenen Blättern und Blüten besetzt. Die Mitte des oberen Randes, oberhalb des Fußpunktes des Schattenwerfers weist als theologisches Sinnbild der Andacht ein geflügeltes, brennendes Herz auf. Das Herz trägt hebräisch den Namen Jehovah, griechisch Jesus Christos und in der Spitze des Herzens „ein kleines vergoldetes Kreuz“. Das Feld zwischen dem oberen Rand und dem darunter anschließenden Skalenfeld weist auf beiden Seiten des Herzens die Verse auf:

Auf dem linken Schriftfeld steht ganz links recht unscheinbar die Jahreszahl:

Unter dieser Textanordnung ist ein rechteckiges Textfeld mit geschwungenen Seiten mit Aufschriften italienisch und deutsch, die, so Karsten:

Die Schriften lauten auf der Sonnenuhr:

Und darunter:

Links dieses Schriftfeldes steht in griechischer und lateinischer Sprache:

Rechts davon:

und

Sowie:

und die Inschrift:

Am unteren Rand der Sonnenuhrenplatte sind zwei Kartuschen angebracht. Die linke, westliche, verweist auf Thomas Christoph Luger als den Sponsor der Sonnenuhr:

Die rechte, östliche nennt den Erschaffer:

Funktion der Sonnenuhr Quellen: Anzeigen der wahre Ortszeit für Bützow Die aufgetragenen Ziffern und Zeitlinien für die wahre Ortszeit befinden sich auf einem U-förmig umlaufenden, etwa 7,5 cm breiten Band. Die Stunden Die Anzeige der Stunden verläuft von 6 Uhr morgens über 12 Uhr bis 6 (18) Uhr abends. Diese Ziffern, die „Stunden-Zahlen“, waren vergoldet, die zugehörigen Stundenlinien versilbert. Am inneren Ende ist zudem jede Stundenlinie mit einem im Stein herausgearbeiteten Knotenpunkt versehen. Die Viertelstunden und Minuten Die Stunden sind zunächst in Viertelstunden geteilt und mit 1 bis 4 bezeichnet. Die Ziffern waren gelb, die Viertelstundenlinien vergoldet. In der Anzeige wird daraufhin jede Viertelstunde durch kürzere Striche geviertelt und zu jedem Viertel ein bis drei vertiefte Punkte hinzugefügt. Dies bedeutet die Anzeige auf 3,75 Minuten. Diese Vierteilung wird noch einmal jeweils halbiert und durch noch kürzere Striche angezeigt, was einer Anzeige auf 1,84 Minuten entspricht. Nach Innen schließt sich ein schmales Band mit in Schritten zu 5 Minuten bezeichneten Minutenanzeigen an. Diese gehören zu dem noch weiter innen liegenden System der in der Länge abgestuften Minutenlinien.

Welt-Mittags-Uhr Je weiter ein Ort gegen Osten liegt, desto früher ist es daselbst Mittag, und je weiter er gegen Westen liegt, desto später. So ist es z. B. in Paris 40 Minuten später Mittag, als in Bützow. Auf einem im innere Skalenfeld, wiederum U-förmig umlaufenden Fläche stehen die Namen von Orten von Indien mit beispielsweise Pondichery bis zum amerikanischen Doppelkontinent mit beispielsweise Kap Horn über Mekka, Kairo, Alexandria, Rom, Paris, London, Madrid… Bei jedem dieser Orte steht eine kurze Linie. Fällt der Schatten des Schattenstabes auf diese, wird damit die Mittagszeit des betreffenden Ortes angezeigt. Dieser Gebrauchshinweis findet sich auf der rechten Seite des Feldes mit den Ortsangaben:

In der Beschreibung fährt Karsten fort:

Karsten verweist darauf, dass er für die scheinbare Sonnenbewegung die damals neuesten Tafeln des Astronomen Maximilian Hell verwendete, die dieser in mehreren Jahrgängen seiner „Ephemerides astronomicae ad meridianum Vindobonensem“ veröffentlicht hatte. Die Bestimmung der geographischen Koordinaten Bützows hatte Karsten erneut mit Hilfe seiner Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 1. April 1764 ausgeführt. Dieser Hinweis findet sich auf der Sonnenuhr im Bereich der Ortsbezeichnungen auf der linken Seite:

Lauf der Sonne durch den Tierkreis In diesem Abschnitt erklärt Karsten zunächst die Begriffe Tierkreis und Ekliptik: Sie wird in zwölf gleiche Teile zu je 30 Grad geteilt, die Tierkreiszeichen. Der Lauf der Sonne durch den Tierkreis kann auf folgende Weise angezeigt werden, die auch Karsten schildert:

mini|Die Rose Es wird gewiss nicht Karstens Intention gewesen sein, aber die Stellung der Sonne im Tierkreis war noch im 18. Jahrhundert für die herrschende Astrologie zur Bestimmung des Geburtstierkreiszeichens von großer Bedeutung. Auf der Bützower Sonnenuhr erfolgte die Anzeige der Sonnenhöhe, damit der Stellung der Sonne im Tierkreis, mit einer auf dem Schattenstab an genau berechneter Position aufgesetzten Rose. Die zugehörigen Skalenlinien stehen im mittleren, rechteckigen Skalenfeld. Dabei verlaufen die Linien der Wintersternzeichen (bei niedrigem Sonnenstand) im oberen Teil und nach oben hin gebogen, die Sommerlinien (bei hohem Sonnenstand) im unteren Teil nach unten gebogen. Zwischen ihnen verläuft als Gerade die Linie für den Frühlings- und Herbstanfang. Wie Karsten schrieb:

Beschriftet sind die Linien rechts und links, bei Karsten Ost- bzw. Westseite genannt, am Ende mit den Symbolen der Tierkreiszeichen. Zur genauen Ablesung sind Linien zur Unterteilung gezogen:

Bezeichnet ist die Gradangabe der Stellung der Sonne in einem Tierkreiszeichen am Rand in Schritten zu je 5 Grad. Kalendarium, der Sonnenauf- und -untergang, die Länge des lichten Tages und der Nacht Im vorangehenden Abschnitt hat Karsten die Anzeige des Laufes der Sonne durch den Tierkreis innerhalb eines Jahres dargestellt. Damit wurden bereits kalendarische Zusammenhänge berührt. Diese werden in diesem Abschnitt weitergeführt. Beidseitig der Skala mit den Tierkreiszeichen steht eine dreispaltige Tabelle. Diese gibt auf der linken, der westlichen Seite neben den Monaten die Zeit des Sonnenaufgangs und die Länge des lichten Tages für die Zeit vom Winteranfang bis zum Sommeranfang an, wenn also die Sonne am Himmel höhersteigt. Die genannten Zeiten verändern sich im Laufe des Jahres und so stehen die jeweiligen Zeiten für die Monate in der Tabelle neben der Linie des zugehörigen Tierkreiszeichens. Auf der rechten Seite finden sich die jahreszeitlich veränderlichen Angaben für die Länge der Nacht und die Zeiten des Untergangs der Sonne vom Sommeranfang bis zum Winteranfang, also für die am Himmel absteigende Sonne. In der Tabelle finden sich auch die wichtigsten festen Feiertage, deren Anzeige auf den zugehörigen Linien der Tierkreiszeichen erfolgt. Italienische Stunden Die sog. Italienischen Stunden werden von 1 bis 24 vom Sonnenuntergang des nach unserer Gewohnheit vorangehenden Tages gezählt, oder wie es Karsten ausdrückt:

Da sich jedoch der Untergang der Sonne (ebenso wie deren Aufgang) von Tag zu Tag um einen geringen, jedoch deutlichen Betrag verschiebt, fängt jeder Tag gegenüber der Zählung von Mitternacht, zu einem anderen Zeitpunkt an. Vom Winteranfang bis zum Sommeranfang endet der Tag täglich etwas später, vom Sommeranfang bis zum Winteranfang täglich etwas früher. Babylonische Stunden Diese Stundenrechnung ist analog zu der der italienischen Stunden, nur dass die Rechnung vom Aufgang der Sonne ab erfolgt. Karsten bringt folgende Beispiele für die italienischen Stunden, die um solche für die babylonischen ergänzt werden:

Die Anzeige der „Horae Italicae“ und „Horae Babyloniae“ auf der Sonnenuhr erfolgt durch die geraden Linien, die quer von oben links nach rechts unten bzw. von oben rechts nach links unten auf dem mittleren großen Skalenfeld laufen. Der Schattenwurf erfolgt mit der Spitze der Rose. Jüdische Stunden mini|Beschreibung der Sonnenuhr Die jüdischen Stunden werden vom Zeitpunkt des Untergangs der Sonne gerechnet. Dies erfolgt jedoch so, dass die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang – der helle Tag und die Zeit zwischen Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang – Nacht in jeweils zwölf gleiche Teile geteilt werden. Dies bedeutet kurze Nachtstunden und lange Tagstunden im Sommerhalbjahr sowie lange Nachtstunden und kurze Tagstunden im Winterhalbjahr. In Karstens Worten:

Da die Sonne zum Winteranfang, also zur Weihnachtszeit, etwa um 16 Uhr untergeht und etwa um 8 Uhr aufgeht, dauert die Nacht etwa 16 Stunden und der lichte Tag 8 Stunden. Also beträgt die Länge der 12 Nachtstunden 80 Minuten, die der Tagstunden 40 Minuten. Im Sommer sind umgekehrt die Nachtstunden 40 Minuten lang und die Tagstunden 80 Minuten. Karsten verweist noch darauf, dass als Folge der Rechnung des Tagesbeginns zum Sonnenuntergang am Vorabend (nach unserer Rechnung) in der jüdischen Festrechnung der Beginn des Sabbats am Abend des Freitags liegt. Die Stundenlinien für die „Horae Judaicae“ sind gebogen und mit der jeweiligen Ziffer bezeichnet. Die Anzeige dieser Stunden erfolgt wiederum durch die Spitze des Schattens der Rose. Azimut und der Horizontabstand der Sonne