Hans Schindowski (* 11. Juli 1904 in Königsberg; † nach 1964) war ein deutscher Volkswirt, beigeordneter Bürgermeister in Tilsit und Sturmbannführer beim Sicherheitsdienst der SS.

Leben Hans Otto Schindowski studierte Volks- und Betriebswirtschaft in Königsberg und Frankfurt/Main und promovierte zum Dr. rer. pol. Von 1924 bis 1930 war er neben dem Studium Statistiker in Frankfurt/Main. Zwischen 1931 und 1932 gehörte er zum Bürgermeisteramt in Königsberg. Von 1933 bis 1935 war er Bürgermeister in Lyck/Ostpreußen, von 1935 bis 31. Januar 1938 Stadtkämmerer in Gumbinnen und ab 1. Februar 1938 beigeordneter Bürgermeister in Tilsit/Ostpreußen.SS und NSDAP-Personalunterlagen des Berlin Document Center zu Schindowski, CIA FOIA Electronic Reading Room, Schindowski, Hans_0004.

Schindowski trat zum 1. Dezember 1931 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 854.794)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/37501015 und war seit 1932 Mitglied der SS (SS-Nummer 51.388).

Sicherheitsdienst der SS Der SD in Tilsit unter Gestapo- und SD-Chef Heinz Gräfe war ab 1938 intensiv in der geheimen Aufklärung gegen das Memelgebiet und Litauen mit Hilfe der Volksdeutschen und des deutschen Kulturverbands tätig.Ingrida Jakubavičienė, Die Observierung des deutschen Kulturverbandes durch die litauischen Sicherheitsorgane, Annaberger Annalen Nr. 18/2010. Schindowskis spätere enge Bindung an Gräfe deutet darauf hin, dass er bereits während seiner Zeit in Tilsit für den SD wahrscheinlich als ehrenamtliches SD-Mitglied tätig war.

Im Frühjahr 1941 arbeitete Schindowski im Auftrag des SD in der deutsch-russischen Umsiedlungskommission in Estland und brachte während der Nachumsiedlung mit Hilfe des baltendeutschen Germanisten Andreas von Weiss den estnischen Juristen und V-Mann des SD Hjalmar Mäe nach Deutschland, der in Estland wegen eines Putschversuchs von 1935–38 inhaftiert gewesen war. Mäe war bei der ersten Umsiedlung der Volksdeutschen 1939/40 als Este nicht berücksichtigt worden.Erinnerungen Hjalmar Mäe (Hjalmar Mae memuaarid, Stockholm, 1993) sowie Olev Liivik und Triin Tark, Aus der Sowjetunion in das Deutsche Reich: Über die Nachumsiedlung aus Estland im Jahre 1941 (Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 65, 2016), S. 418 und Dissertation Meelis Maripuu, Omavalitsuseta omavalitsused Halduskorraldus Eestis Saksa okupatsiooni ajal 1941–1944, Tartu 2012, S. 325, ISBN 978-9949-32-092-9.

Im Frühsommer 1941 hatte Reinhard Heydrich vor dem Russland-Feldzug die Einsatzgruppen von Sipo und SD in Pretzsch und Bad Düben zusammengefasst. Sie sollten die Gegner des Reiches in der Sowjetunion liquidieren. Heinz Gräfe hielt in Bad Schmiedeberg vor den dort versammelten Führern der Einsatzgruppen einen Vortrag über die Verhältnisse in der Sowjetunion aus Sicht des SD, während sein vormaliger Tilsiter Kollege Hans Schindowski hier speziell auf die baltischen Länder einging.Eberhard Ulm, Mordkommandos in Düben, Teil 6. Online-Aufsatz unter https://www.lvz.de/Region/Bad-Dueben/Mordkommandos-in-Dueben-Appell-1941-auf-dem-Hitler-Platz.Andrej Angrick, Peter Klein, The „Final Solution“ in Riga, S. 49. Ziel des Unterrichts war die Verbesserung des Kenntnisstandes der Einsatzgruppen-Angehörigen über die Sowjetunion aus Sicht des SS-Auslandsnachrichtendienstes, wobei natürlich auch die Interessen des SD in Sachen Nachrichtengewinnung eine Rolle spielten. Gräfe und Schindowski ging es unter anderem darum, mit Hilfe der SD-Angehörigen in der Einsatzgruppe A Vertrauensleute des SD in den lokalen Innenverwaltungen im Baltikum zu verankern. Sie sollten die Polizeiaufgaben von Sipo und SD im Besatzungsapparat unterstützen. Beteiligt an diesen Absichten war außerdem Obersturmbannführer im SD Peter Kleist, der sowohl für die Dienststelle Ribbentrop wie auch für das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (kurz Ostministerium) als Berater bei der Heeresgruppe Nord im Baltikum wirkte.

Schindowski gehörte dann von Juni 1941 bis Anfang 1942 als Sturmbannführer zur Abteilung III (SD) der Einsatzgruppe A im Baltikum unter Sturmbannführer Karl Tschierschky.Schindowski taucht in einem SD-Bericht vom 13.2.1942 auf, in dem es rückblickend um ein Gespräch des Oberstleutnants Arno Kriegsheim mit General v. Roques, Peter Kleist, Schindowski und Hjalmar Mäe am 25.8.1941 in Werro/Estland ging (Dokument 150, S. 439-440) und in einem finnischen Bericht vom 21.10.1941 (Dokument 98, S. 318), beide Dokumente in Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 7, Oldenbourg, München, 2011. Die Einsatzgruppe A unter Walter Stahlecker meldete im Stahlecker-Bericht bis zum 31. Januar 1942 insgesamt 249.420 getötete Juden und das Baltikum „judenfrei“. Zusammen mit SD-Obersturmbannführer Peter Kleist gelang es Schindowski, den mit der Einsatzgruppe A nach Estland gekommenen Hjalmar Mäe als SD-Vertrauten zunächst in der Besatzungsverwaltung der Wehrmacht zu installieren. Mäe übernahm zunächst im August 1941 die Estnische Innenverwaltung im rückwärtigen Heeresgebiet Nord unter General Franz von Roques.Dissertation Meelis Maripuu, Omavalitsuseta omavalitsused Halduskorraldus Eestis Saksa okupatsiooni ajal 1941–1944, Tartu 2012, S. 86, 169, ISBN 978-9949-32-092-9. Ab Dezember 1941 war Mäe im Generalkommissariat Estland Direktor für Bildung und Justiz und Generaldirektor für Inneres. Eine estländische Regierungskommission hat 1998 Hjalmar Mäe als Hauptverantwortlichen in der estnischen Selbstverwaltung für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch estnische Polizei- und SS-Einheiten unter deutscher Herrschaft bezeichnet.https://mnemosyne.ee/wp-content/uploads/2021/12/conclusions_en_1941-1944.pdf

Spätestens am 1. Januar 1942 wurde Sturmbannführer Schindowski hauptamtliches Mitglied des SD, denn die Gestapo in Tilsit beantragte zu diesem Datum die Freistellung von Schindowski für das RSHA. Anfang 1942 war Schindowski für Gräfes Amtsgruppe VI C beim Aufbau des Unternehmen Zeppelin eingesetzt. Im Auftrag von Heinz Gräfe ließen Anfang 1942 Sturmbannführer Hans SchindowskiSchreiben Sturmbannführer Hans-Joachim Böhme, Leiter Stapo Tilsit vom 21. März 1942, BStU MfS HA IX/11, FV 6/74, Band 53, Blatt 186. und Hauptsturmführer Emil Haussmann im Lager Sudauen (Suwalki) gefangene Russen im Auftrag des SD befragen. Schindowski nutzte dabei die alten Kontakte aus seiner Tilsiter Zeit, denn das Lager Suwalki wurde von der Gestapo Tilsit betreut. Dabei stieß er auf den russischen Oberstleutnant Wladimir Gil, der im Auftrag der Gestapo Tilsit russische Funktionäre und Juden unter den Gefangenen zu identifizieren hatte. Gil hatte sich die Gunst der Gestapo damit erkauft, dass er den Deutschen russische Landsleute ans Messer lieferte, die anschließend von der Gestapo hingerichtet wurden. Ausgerechnet die Gestapo-V-Leute um Gil pickten sich Schindowski und Haussmann heraus, um Russen für das Unternehmen Zeppelin abzuwerben. Die Russen wurden von Schindowski mit dem Argument geködert, dass sie im Falle einer Bewährung im Krieg später in der Führung eines nichtbolschewistischen Russlands berücksichtigt werden sollten.Schreiben Schindowski an Gräfe vom 15. April 1943, Unterlagen KGB beim MfS, BStU MfS HA IX/11, FV 6/74, Band 58, Blatt 225.

Gil und seine Leute wurden als Kampfbund DRUSCHINA übernommen, kurz im KZ Sachsenhausen ausgebildet und dann nach Jablon im Distrikt Lublin verlegt. Dort befand sich ab März 1942 ein Zeppelin-Stab für die Ausbildung geeigneter Zeppelin-Agenten russischer Nationalität unter SD-Hauptsturmführer Kuno Callsen.BStU MfS HA IX/11, FV 6/74, Band 28, Blatt 277ff. Jablon wurde im Frühjahr 1942 das Hauptausbildungslager für russische Agenten bei Zeppelin. Die Leitung des Zeppelin-Stabes im „SS-Sonderlager Jablon“ übernahm schließlich Hans Schindowski, während Kuno Callsen sein Stellvertreter wurde. Hauptsturmführer Emil Haussmann, der bereits in Suwalki bei der Personalauswahl half, hatte das Aufgabengebiet Propaganda zu verantworten und Obersturmführer Fred Grube vom „Wannsee-Institut“ leitete die Informationsbeschaffung aus der Sowjetunion. Am 16. Juni 1942 bat Schindowski per Telegramm Heinz Gräfe im RSHA um Zustimmung, den volksdeutschen Wachmann Bär wegen einer Vergewaltigung vor versammelter Mannschaft erschießen zu lassen, um die übrigen Wachleute zu disziplinieren, die trotz bester Verpflegung in Jablon Lebensmittel geraubt hatten.Telegramm 3239 vom 16.6.1942 aus Jablon an RSHA VI C Z, gez. von Sturmbannführer Schindowski, BStU MfS HA IX/11, FV 6/74, Band 21, Blatt 29-30. Das bemerkenswerte an diesem Vorgang ist, dass Exekutivmaßnahmen auch bei Zeppelin nicht nur erwogen, sondern auch durchgeführt wurden, wie andere belegbare Fälle zeigen. Exekutionen durch Angehörige von Zeppelin wurden in den Nachkriegsverfahren immer mit der Begründung verneint, man habe beim Amt VI keine Exekutivbefugnisse gehabt. Nachdem das Sonderlager im Juni 1942 seine volle Einsatzbereitschaft erlangte, übergab Schindowski das Kommando an Hauptsturmführer Wilhelm Lehmann.

Von Jablon aus wurde DRUSCHINA bereits zu den ersten Partisanen-Säuberungsaktionen im Raum Jablon-Parczew eingesetzt. Im Mai 1942 war die Einheit im Partisanenkampf im Raum Newel bei der Einsatzgruppe B eingesetzt.Rolf Michaelis, Russen in der Waffen-SS, S. 100. Danach war DRUSCHINA war bei der Liquidierung jüdischer Ghettos im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ in den Kreisen Parczew, Tomaszów, Zamosc und Rawa beteiligt und soll dabei etwa 1500 Juden und Polen ermordet haben.Dmitrij Aleksandrowicz Żukow, Iwan Iwanowicz Kowtun, 1-ja Russkaja brigada SS „Drużina“, Moskau 2010, S. 69–74 (russisch).