Actros ist die Bezeichnung für eine Lkw-Baureihe der Marke Mercedes-Benz der Daimler Truck AG. Sie wurde als Nachfolger der Schweren Klasse (SK) auf der IAA Nutzfahrzeuge 1996 eingeführt und daher anfänglich auch als Schwere Klasse Neu, kurz SKN, bezeichnet. In den Jahren 2003 und 2008 gab es umfangreiche Modellpflegemaßnahmen, die auch als MP 2 bzw. MP 3 (Modellprojekt 2 bzw. 3) bekannt sind. Der Actros wird auch als gepanzerte Militärversion angeboten, die beispielsweise von den kanadischen Streitkräften genutzt wird. Zum Modelljahr 2011 wurde der Nachfolger unter der Bezeichnung Neuer Actros eingeführt.

Erste Generation Actros MP1 (BM 950–954)

Mercedes-Benz beschleunigte die Markteinführung des Actros, als die Absatzzahlen und der Marktanteil des Mercedes SK gesunken waren. Das Vorgängermodell SK war nach über 20 Jahren Bauzeit technisch veraltet. Um den Actros schnell auf den Markt bringen zu können, übernahm Mercedes zunächst noch einige Komponenten wie etwa die Hinterachse vom Vorgängermodell, obwohl diese Baugruppen mit dem Modellwechsel ebenfalls hätten erneuert werden sollen. Etwa ein Jahr nach Markteinführung des Actros wurden die alten Komponenten durch neu entwickelte ersetzt.

Mit dem in vielen Bereichen komplett neu entwickelten Actros führte Mercedes-Benz im großen Stil die elektronische Steuerung und Vernetzung (CAN-Bus) im Nutzfahrzeugbau ein. Der Actros erhielt eine neue Motorsteuerung, eine neue Getriebesteuerung, ein elektronisch geregeltes Bremssystem sowie ein flexibles Wartungssystem (im Pkw als Assyst bezeichnet). All diese Komponenten sind Teil der Telligent-Strategie (Kunstwort aus „Telematik“ und „Intelligent“). Bis 1998 war neben dem neuen Actros auch das Vorgängermodell SK noch erhältlich.

Die Fachpresse schrieb überwiegend positiv. Kritisiert wurden u. a. die anfangs als billig erscheinende Innenraumanmutung und als unausgereift empfundene Details. Der erste Actros (MP 1) hatte nach Markteinführung zahlreiche technische Probleme und galt einige Zeit als unausgereift. Mercedes machte Qualitätsoffensiven und verbesserte viele Details. Der Actros erreichte zunächst sehr gute Verkaufszahlen; später sank sein Marktanteil.

Technische Neuerungen Zu den Neuerungen bei Modelleinführung gehörten: Einführung einer komplett elektronisch geregelten Druckluftbremsanlage, die besondere Vorzüge im Hinblick auf Effizienz, Sicherheit und Bedienkomfort bietet, Telligent-Bremsanlage mit Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterachse (für Baustellen- und Geländeeinsatz waren oder sind auch weiterhin Trommelbremsen verfügbar), Vernetzung der Steuergeräte im Fahrzeug (CAN-Bus-Technik für Fahrwerk und Antriebsstrang, später bei Lkw Typ MP 2 hinzukommend auch im Fahrerhaus), Weiterentwicklung der elektropneumatischen Schaltung (EPS) zur Telligent-Schaltung mit neuen Getriebevarianten, Neue Motoren der Baureihe OM 500 (V6- und V8-Zylinder) mit Telligent-Motorsteuerung, Flexibles Telligent-Wartungssystem, Die neue Hinterachse HL 8; sie hat keine Außenplanetenachse mehr.

Ausstattung Der Actros hat 17 % weniger Strömungswiderstand als das Vorgängermodell SK. Er war der erste Mercedes-Benz-LKW, der in enger Zusammenarbeit von Designern und Aerodynamik-Ingenieuren entstand.

Zunächst waren drei Fahrerhaus-Varianten des Actros erhältlich. Das kurze Fahrerhaus ("S") war 1,70 m lang und das mittlere Fahrerhaus ("M") 1,95 m. Beide Varianten haben eine Innenhöhe von 1,56 m. Das lange Fahrferhaus ("L"; auch Megaspace genannt) war 2,20 m lang, hatte eine Innenhöhe von 1,92 m und einen durchgehend ebenen Fahrerhausboden.

Je nach Einsatzzweck stehen Fahrgestelle mit zwei, drei oder vier Achsen mit auf Wunsch lieferbarer Luftfederung an allen Achsen zur Wahl. Insgesamt kann zwischen 3300 mm und 6300 mm Radstand gewählt werden. Die Bau-Versionen des Actros (vorgestellt im Herbst 1997) sind mit Radständen zwischen 3300 mm und 5100 mm erhältlich. Bei diesen Varianten kann die Vorderachse mit Blatt- oder Luftfederung ausgestattet werden, die Hinterachse ist stets mit parabolischen Blattfedern versehen.

Im Gegensatz zu den Straßenfahrzeugen mit innenbelüfteten Scheibenbremsen an allen Achsen waren Baufahrzeuge mit Radformel 4×2 an der Hinterachse mit Trommelbremsen ausgestattet; Fahrzeuge mit mehr als zwei Achsen und Allradantrieb haben Trommelbremsen an allen Achsen.

Als Getriebe standen ein 16-Gang-Handschaltgetriebe sowie ein halbautomatisches Schaltgetriebe (GS) und ein automatisiertes Schaltgetriebe mit automatischer Kupplungsbetätigung (AGS) mit ebenfalls 16 Gängen zur Wahl. Ein vollautomatisches Getriebe des Herstellers Allison wurde nur auf speziellen Kundenwunsch nachträglich in Molsheim eingebaut.

Motorisierungen Alle Actros-Motoren waren zu Beginn nach Abgasnorm Euro 2 homologiert, später auch nach Euro 3. Die hier erstmals eingesetzte neue Baureihe 500 erhielt die Bezeichnungen OM 501 LA für den V6-Motor bzw. OM 502 LA für den V8.Liste der Mercedes-Benz-Motoren Die neue Motorenfamilie greift auf einen gemeinsamen Baukasten für zentrale Komponenten (etwa Kolben, Pleuel usw.) zurück. Die unterschiedlichen Motorleistungen werden fast ausschließlich durch Unterschiede der jeweiligen Software im Motorsteuergerät (MR) erzeugt. Mechanisch ist die Baureihe 500 auf eine Laufleistung von einer Million Kilometern ausgelegt.Zur Bemessung der Standfestigkeit wird die sogenannte B10-Lebensdauer angegeben. Erfüllt ein Motor diese, so müssen weniger als 10 Prozent der kontinuierlich betriebenen Aggregate nach der angegebenen Laufleistung grundlegend überholt werden. Siehe dazu auch Bertsche/Lechner, Zuverlässigkeit, Kap. 7.

Es wurden folgende Motorisierungen angeboten:

Modell MotorkenncodeMercedes-Benz Hubraumcm3 Bohrung × Hubmm LeistungskW (PS)bei min−1 DrehmomentNmbei min−1 Lieferbare Abgas-Standards KraftstoffaufbereitungBesonderheit V-Sechszylinder-Dieselmotor xx31 OM 501 LA 11.946 ø 130 × 150 230 (313)1800 15301080 Euro 2Euro 3 Steckpumpe -Leitung -Düse(UPS/PLD) xx35 260 (354)1800 17301080 xx40 290 (394)1800 18501080 xx43 315 (428)1800 20001080 xx46 335 (456)1800 22001080 V-Achtzylinder-Dieselmotor xx48 OM 502 LA 15.928 ø 130 × 150 350 (476)1800 23001080 Euro 2Euro 3 Steckpumpe-Leitung-Düse(UPS/PLD) xx53 390 (530)1800 24001080 xx57 420 (571)1800 27001080

Kraftstoffaufbereitung Neu bei dieser Baureihe ist auch die Direkteinspritzung nach dem Pumpe-Leitung-Düse-Prinzip (PLD), einer Verbesserung des Prinzips der seit Jahrzehnten verwendeten Steckpumpen. Hierbei verfügt jeder Zylinder über eine eigene Einspritzpumpe, die durch einen eigenen Nocken auf der Nockenwelle angetrieben wird.

Die Kraftstoffversorgung der Steckpumpen erfolgt über eine mechanische Flügelpumpe, die mit der Lenkhelfpumpe zu einer Baueinheit (Tandempumpe) zusammengefasst und über die Welle des Luftpressers vom Motor angetrieben wird. An jeder Einzeleinspritzpumpe befindet sich ein elektromagnetisches Ventil, das von der Motorregelung (MR) angesteuert wird. Dadurch kann die MR abhängig vom Betriebszustand den jeweiligen Einspritzzeitpunkt und die Einspritzdauer bestimmen. Bezogen auf Kurbel- und Nockenwellenwinkel des Motors bestimmt hierbei der Schließzeitpunkt des Magnetventils den Einspritzbeginn und die Schließdauer die Einspritzmenge. Der Einspritzdruck wird mechanisch durch Betätigung der Steckpumpen über die Motornockenwelle aufgebaut. Die Einspritzdüse öffnet bei etwa 300 bar, der maximale Einspritzdruck liegt bei bis zu 1800 bar.

Die erst im Jahr 2002 eingeführte 335-kW-Variante des V6-Motors OM 501 LA nahm bereits die im MP 2 durchgeführten Maßnahmen zur Leistungssteigerung vorweg. Diese Leistungseinstellung wurde daher unverändert in das Facelift-Modell übernommen.Vgl. hierzu Kern 2006, S. 212.

Facelift 2003 Actros MP2 (BM 930-934)

Während zuvor lediglich Details verändert worden waren, erfolgte nach gut sechs Jahren Bauzeit zum Modelljahr 2003 eine tiefgreifende optische Überarbeitung. Zu diesem Zeitpunkt waren die Probleme der Anfangsjahre überwunden, die Baureihe war bereits gut eingeführt und konnte die Position des Marktführers für sich behaupten.

Im Rahmen des Facelifts überarbeitete Mercedes-Benz die Inneneinrichtung des Fahrerhauses und wertete diese fortan durch hochwertigere Materialien auf. Äußerlich umfasste die Modellpflege eine neue Formgebung der Scheinwerfer (nun erstmals mit Bi-Xenon-Scheinwerfern erhältlich) sowie eine weiter geglättete Fahrzeugfront. Dem allgemeinen Trend im Schwer-Lkw-Bau folgend erhielt die Kühlerblende weniger, dafür jedoch großflächigere Lamellen. Um den Wiedererkennungswert des Modells zu erhalten, blieb indes die Grundform des Fahrerhauses bestehen.

Euro-3-Motoren Gleichzeitig wurden im Actros MP 2 neue Motoren eingeführt, die allesamt nun nach Euro 3 homologiert waren. Zudem steigerte Mercedes-Benz die Leistung sowie das maximale Drehmoment der Motoren leicht. Im Einzelnen standen nun folgende Antriebe zur Wahl:

Modell MotorkenncodeMercedes-Benz Hubraumcm3 Bohrung × Hubmm LeistungskW (PS)bei min−1 DrehmomentNmbei min−1 Lieferbare Abgas-Standards KraftstoffaufbereitungBesonderheit V-Sechszylinder-Dieselmotor xx32 OM 501 LA 11.946 ø 130 × 150 235 (320)1800 16501080 Euro 3 Steckpumpe-Leitung-Düse(UPS/PLD) xx36 265 (360)1800 18501080 xx41 300 (408)1800 20001080 xx44 320 (435)1800 21001080 xx46 335 (456)1800 22001080 V-Achtzylinder-Dieselmotor xx50 OM 502 LA 15.928 ø 130 × 150 370 (503)1800 24001080 Euro 3 Steckpumpe-Leitung-Düse(UPS/PLD) xx54 395 (537)1800 25001080 xx58 425 (578)1800 27001080 xx61 450 (612)1800 28001080

Neben den überarbeiteten Motoren umfasste das Facelift bei Modellen bis 335 kW (456 PS) eine neue, leichtere Hinterachse (HL 6), sowie einige neue Sonderausstattungen. So etwa das neue Integralheck, bei dem einige Fahrzeugkomponenten (Batterie, Vorratstank für Druckluft etc.) hinter dem Hinterachsdifferenzial (am Fahrzeugheck) zusammengefasst sind. Dies schafft an den Fahrzeugseiten Raum für den Einsatz größerer bzw. zusätzlicher Kraftstofftanks sowie Komponenten der Abgasreinigung (SCR-Katalysator und dgl.) Diese zusätzlichen Systemkomponenten waren im Zuge der Erfüllung neuer (und zukünftiger) Abgasnormen notwendig geworden.

Daneben konnte der Actros nun optional mit Super-Single-Bereifung (ein Breitreifen mit Notlaufsystem ersetzt die herkömmliche Zwillingsbereifung) geordert werden. Ebenfalls neu waren beim MP 2 die konsequent auf den Einsatz mit nur einem Fahrer ausgelegte Single-Cab-Innenausstattung sowie die vollständige Integration von Anhängern und Sonderaufbauten in das CAN-Bus-System des Fahrzeugs.

Im Jahr 2005 präsentierte Mercedes-Benz die auf 250 Einheiten limitierte Sonderserie Black Edition. Diese war mit einer 450 kW (612 PS) starken Variante des bekannten V8-Turbodiesels OM 502 ausgestattet und verfügte (im Vergleich zum Serien-Actros) über eine aufgewertete Innenausstattung (Vogelaugen-Ahorn, Lederlenkrad, Sitzbezüge mit eingestanztem Mercedesstern). Äußerlich ist das Sondermodell an einem speziell gestalteten Kühlergrill mit Chromspange, einer neuen Bugschürze mit Edelstahlgitter, chromumrandeten Scheinwerfern sowie verchromten Außenspiegeln erkennbar.

Euro-4- und Euro-5-Motoren Im Jahr 2004 wurden abermals neue Motorisierungen für den Actros vorgestellt, der V6-Motor OM 501 LA und der V8-Motor OM 502 LA. Als erster Hersteller präsentierte Mercedes-Benz Motoren, die der Abgasnorm Euro 4 bzw. Euro 5 entsprachen. Wie später auch die meisten anderen LKW-Hersteller setzte Mercedes-Benz hierfür eine Abgasnachbehandlung mittels selektiver katalytischer Reduktion („SCR“) ein. Hierbei werden die Abgase nicht, wie bisher bei LKW-Motoren üblich, nur innermotorisch mittels Abgasrückführung reduziert, sondern wie bei PKWs üblich durch einen Katalysator im Abgasstrang gereinigt.